Goethea war eine Gattung in der Familie der Malvengewächse (Malvaceae). Sie wurde von Christian Gottfried Daniel Nees von Esenbeck beschrieben und von ihm nach Johann Wolfgang von Goethe benannt. Die Arten der Gattung, einschließlich von deren Typusart, wurden Ende der 1990er Jahre in die große Gattung Pavonia transferiert. Der Gattungsname Goethea wurde damit zum taxonomischen Synonym von Pavonia. Die Gattung wird daher heute nicht mehr wissenschaftlich anerkannt. Weniger die Pflanzengattung selbst, sondern eher ihr Name, hat aber vorher aufgrund der Dedikation zu Ehren von Goethe große Aufmerksamkeit erfahren.
Merkmale Die Gattung wurde wie folgt charakterisiert:
Es handelt sich um Straucharten. Die Blüten sitzen direkt am verholzten Stamm, Kauliflorie genannt. Die vier bis sechs Hüllblätter des Außenkelchs sind auffallend gefärbt und blütenartig. Die Fruchtblätter sind unbestachelt (wird als Unterschied zur Gattung Urena angegeben). Die prominenten Nebenblätter sind dem Spross anliegend.Thomas H. Kearney (1951): The American Genera of Malvaceae. American Midland Naturalist 46 (1): 93-131. Als Unterschied zur Gattung Pavonia galt, neben der Kauliflorie, die bunt gefärbte Außenkelchhülle.Max Gürke: Malvaceae. In Carl Friedrich Philipp von Martius, August Wilhelm Eichler, Ignatius Urban Flora Brasiliensis Band 12, Teil 3. R. Oldenbourg, München und Leipzig 1840-1906. Gattung Goethea S. 532–535. Volltext bei archive.org mini|hochkant| Flora oder allgemeine botanische Zeitung, Nr. 4, 1821, S. 304, Beschreibung Goethea Taxonomie und Systematik Erstbeschreibung 1823 beschrieben Nees von Esenbeck und Carl Friedrich Philipp von Martius 158 der von Maximilian zu Wied-Neuwied auf seiner Forschungsreise in Brasilien gesammelten Pflanzen. Darunter befanden sich auch mehrere Malvengewächse. Die Gattung Goethea mit den zwei Arten G. semperflorens ("immerblühend") und G. cauliflora ("stammblühend") war schon Ende Mai 1821 von ihnen wissenschaftlich beschrieben worden:Übersetzung der lateinischen Textanteile: „Familie: Malvengewächse (Malvaceae), nahe verwandt mit Pavonia und Achania. Kennzeichen: Kelch doppelt, der äußere in 4–6 Teile gespalten, den fünfspaltigen inneren bedeckend. Frucht: fünf Kapseln, einsamig, die sich an der inneren Naht öffnen. Goethea semperflorens: mit eiförmig-elliptischen, nach der Spitze hin gesägten Blättern; Blüten in den Blattachseln; äußerer Kelch in 6 Teile gespalten. Goethea cauliflora: mit länglich-ganzen (ungeteilten) Blättern; Blüten, die direkt aus dem Stamm seitlich hervortreten; äußerer Kelch in vier Teile gespalten.“ Die wichtigsten Abkürzungen: Fam. nat. = Familia naturalis „natürliche Familie“ (Pflanzenfamilie); Ch. ess. = Character essentialis „wesentliches Merkmal“ (Kennzeichen der Gattung); Abgeb. = Abgebildet (Hinweis auf eine Illustration) .
Wenige Wochen vorher, am 5. Mai 1821, hatte Heinrich Adolf Schrader das neue Malvengewächs ebenfalls beschrieben, der Gattung jedoch den Namen Schouwia gegeben, nach dem dänischen Pflanzengeografen Joakim Frederik Schouw. Die von ihm benannte Art Schouwia semiserrata ("halbsägeblattartig") war dabei identisch mit Goethea semperflorens:
Da aber Augustin Pyrame de Candolle in seinem Werk Regni Vegetabilis Systema Naturale II schon 1821 eine Gattung Schouwia beschrieben hatte (mit der Art Schouwia arabica (Vahl) DC., heute ein Synonym von Schouwia purpurea (Forssk.) Schweinf., aus der Familie der Kreuzblütler), war Schouwia Schrad. ein jüngeres Homonym von Schouwia DC. und damit ein illegitimer Name. Allerdings hat Schraders Artname semiserrata Priorität gegenüber dem von Nees mit Martius vergebenen Artnamen semperflorens, die Art heißt heute Pavonia semiserrata (Schrad.) Steud., Goethea semperflorens Nees ist synonym dazu.
Flora Brasiliensis Nachfolgende Botaniker haben die Gattung zunächst lange Zeit anerkannt, aber unterschiedlich umschrieben. So wurden neue Arten zugeordnet, bestehende in andere Gattungen transferiert. Max Gürke kannte in seiner Bearbeitung in der Flora Brasiliensis drei Arten: Goethea makoyana (É.Morren) Hook.f., Goethea cauliflora Nees und Goethea strictiflora Hook. Er hatte also eine der beiden ursprünglichen Arten in eine andere Gattung versetzt (als Pavonia semiserrata). Durch diese Auswahl einer der beiden ursprünglich in der Gattung beschriebenen Arten hatte er damit die andere, Goetha cauliflora, unausgesprochen zur Typusart der Gattung Goethea gemacht (ein Lectotyp).Paul A. Fryxell (1997): The American genera of Malvaceae II. Brittonia, 49(2): 204-269. mini|hochkant|Goethea cauliflora N. u. M. In: Nova acta Leopoldina, Bd. 11, 1. Abt., Taf. VIII, 1823 Synonymisierung Bei einer Neubearbeitung der Gattung Pavonia durch den amerikanischen Botaniker Paul Arnold Fryxell (1927–2011) synonymisierte dieser im Jahr 1999 die frühere Gattung Goethea mit PavoniaPaul A. Fryxell (1999): Pavonia Cavanilles (Malvaceae). Flora Neotropica 76: 1-284. Fryxell argumentierte, dass von den drei in der Gattung akzeptierten Arten nur eine, nämlich Goethea cauliflora das Merkmal Kauliflorie zeige, die beiden anderen nicht. Auch das Merkmal eines bunt gefärbten, blütenblattartigen Außenkelchs sei nicht überzeugend, da einige Arten von Pavonia dasselbe Merkmal zeigen. Dementsprechend gebe es kein überzeugendes Gattungsmerkmal. Die Einordnung der Arten nach Pavonia ist von späteren Botanikern allgemein akzeptiert worden, später wurden noch weitere Argumente dafür genannt.
Innerhalb der Gattung wurden die Arten der ehemaligen Gattung, zusammen mit weiteren Arten, einer Untergattung Pavonia subgen. Goetheoides zugewiesen. Diese beruht auf Blanchetiastrum goetheoides Hassl. (nun Pavonia goetheoides), einer Art, die von Emil Hassler wegen ihrer Ähnlichkeit zu Goethea so benannt worden war. Damit ist der Name Goethes zumindest nicht vollständig aus der botanischen Nomenklatur verbannt.
Die Forschungsreise nach Brasilien In den Jahren von 1815 bis 1817 erforschte Maximilian zu Wied-Neuwied Brasilien. Neben der Fauna und den indigenen Völkern dokumentierte er außerdem die in großer Fülle vorkommenden Pflanzenarten. Nur eine kleine Auswahl dieser konnte letztendlich gesammelt und herbarisiert werden. Zu groß waren die Artenvielfalt und die praktischen Hindernisse auf der Forschungsreise. Dazu schrieb er 1823: mini|hochkant|Goethea strictiflora Hook. In: Curtis's Botanical Magazine, Vol. VIII., London 1852, Tab. 4677
Für unseren Zusammenhang ist der zweite Teil der Reise wichtig. Im Februar 1817 erreichte Maximilian zu Wied-Neuwied Barra da VaredaDer historischen Ortsbezeichnung Barra da Vareda kann heute keine konkrete Stadt oder Siedlung zugeordnet werden. Es handelt sich um einen Sammelplatz am Zufluss eines kleineren Gewässers in den Rio Pardo im südwestlichen Bahia. am Rio Pardo im heutigen Bundesstaat Bahia. In seinem Bericht Reise nach Brasilien schrieb er über den dortigen Wald und die hier neu entdeckten Malvenarten:
Nach der Rückkehr aus Brasilien ließ Maximilian zu Wied–Neuwied Samen der neu entdeckten Malvenarten Christian Nees von Esenbeck, dem Gründungsdirektor des Botanischen Gartens in Bonn, zukommen. Auch Heinrich Adolf Schrader in Göttingen wurde vom Prinzen mit botanischem Sammlungsmaterial bedacht. Die aus diesen Samen gezogenen Pflanzen dienten dann später Nees von Esenbeck 1821 zur Erstbeschreibung.
Goethe als Namensgeber Zwischen dem damals in Bonn lehrenden Botaniker Nees von Esenbeck und Goethe bestanden über viele Jahre hinweg freundschaftliche Beziehungen, von denen auch der umfangreiche Briefwechsel Zeugnis ablegt. Nees von Esenbeck begeisterte sich für die Metamorphosenlehre des Dichters, hatte diesen in den Jahren 1816 und 1819 mehrere Male in Jena und Weimar besucht und ihm, „seiner Ezellenz, dem Geheimrath von Göthe,“ 1820 den ersten Band seines umfangreichen Handbuchs der Botanik gewidmet. Und unter der Präsidentschaft Nees von Esenbecks wurde Goethe 1818 zum Ehrenmitglied der ältesten deutschen naturwissenschaftlichen Akademie, der Kaiserlich-Leopoldinisch-Carolinischen Akademie der Naturforscher in Halle ernannt. Im April 1823 schrieb Nees von Esenbeck dann nach zwei Jahren der Bearbeitung:
Mit den „Tagen der Wiedergenesung“ bezog sich Nees von Esenbeck auf die schwere und lebensbedrohliche Erkrankung Goethes im Februar 1823. Er litt in dieser Zeit unter starken Herzschmerzen, Beklemmung im Brustbereich, Angstgefühlen, Beinödemen und hochgradiger Atemnot, so dass er nur im Bett und hier aufrecht sitzend atmen konnte. Seine Ärzte Wilhelm Ernst Christian Huschke und Wilhelm Rehbein verordneten Meerrettich-Kompressen für die Herzgegend, Aderlass und das Anlegen von Blutegeln. Noch am 23. Februar wähnte sich Goethe am Rande des Todes und erholte sich nur sehr langsam wieder. Heute wird davon ausgegangen, dass Goethe einen Herzinfarkt erlitten hatte. Am 24. April schrieb er an Nees von Esenbeck zurück:
Joseph Wilhelm Eduard d’Alton hatte die kolorierten Kupferstiche der beiden Arten hergestellt, von denen sich Goethe Exemplare für sich erbat. Diese erreichten ihn während eines Kuraufenthalts in Marienbad und wurden später nicht nur voller Stolz seinen Gästen präsentiert, sondern im September 1823 auch dem Großherzog Carl August. In seinen Tagebüchern für den 28. September heißt es: „Bey`m Großherzog zur ersten Aufwartung. Vieles Mitgebrachte besehen, auch eine große von Nees von Esenbeck in Zeichnung gebrachte Blume.“
Später kam Goethe in der von ihm herausgegebenen Zeitschrift Über Kunst und Altertum noch einmal auf die ehrenvolle Zuschreibung zu sprechen:
Quellen Brief von Nees von Esenbeck an Goethe, Bonn am 5. April 1823, Archivdatenbank des Goethe- und Schiller-Archivs, Signatur GSA 28/1033. Brief von Goethe an Nees von Esenbeck, Weimar am 24. April 1823, Archivdatenbank des Goethe- und Schiller-Archivs, Signatur GSA 29/354,I,1. Brief von Nees von Esenbeck an Goethe, Bonn am 13. Februar 1824, Archivdatenbank des Goethe- und Schiller-Archivs, Signatur GSA 28/1035.
Literatur Christian Gottfried Nees von Esenbeck: Handbuch der Botanik. Bd. 1, Nürnberg 1820. (digitalisat) Flora oder Botanische Zeitung, hrsg. von der Königl. botanischen Gesellschaft in Regensburg, Bd. 4, Regensburg 1821. (digitalisat) Maximilian Prinz zu Wied-Neuwied: Reise nach Brasilien in den Jahren 1815 bis 1817. Bd. 2, gedruckt und verlegt bei Heinrich Ludwig Brönner, Frankfurt a. M. 1821. (digitalisat) Göttingische Gelehrte Anzeigen, unter der Aufsicht der königl. Gesellschaft der Wissenschaften. Bd. 2, Göttingen, Mai 1821, S. 705–719. (digitalisat) Maximilian Prinz zu Wied-Neuwied: Beitrag zur Flora Brasiliens. In: Nova acta Leopoldina, 11. Bd., 1. Abt., Bonn 1823, S. 1–88. (digitalisat) Christian Gottfried Nees von Esenbeck und Carl Friedrich Philipp von Martius: Goethea, novum plantarum genus. In: Nova acta Leopoldina, 11. Bd., 1. Abt., Bonn 1823, S. 91–102. (digitalisat) Johann Wolfgang von Goethe: Dankbare Gegenwart. In: Über Kunst und Alterthum, 4. Bd., 2. H., Stuttgart 1823, S. 186–192. (digitalisat) Maximilian Prinz zu Wied-Neuwied: Die Physiognomie des Pflanzenreiches in Brasilien, eine Rede, gelesen in der zur Feier der fünfundzwanzigjãhrigen glorreichen Regierung Seiner Majestãt des Kõnigs am 14. Februar 1824 gehaltenen ausserordentlichen festichen Sitzung der Kõnigl baierieschen Akademie der Wissenschaften. München 1824. (digitalisat) August Garcke: Die Gattung Goethea. In: Bonplandia. Zeitschrift für die gesamte Botanik. 9. Jg., 2. Bd., Hannover 15. Februar 1861, S. 3f. (digitalisat) Tomáš František Bratranek (Hrsg.): Goethe's naturwissenschaftliche Correspondenz, Bd. 2, Leipzig 1874. (digitalisat) August Garcke: Ueber die Gattung Pavonia. In: Jahrbuch des Königlichen Botanischen Gartens und des Botanischen Museums zu Berlin, Bd. 1, Berlin 1881, S. 198–223. (digitalisat)