Existenzielle Soziale Arbeit bezeichnet einen Ansatz innerhalb der Sozialen Arbeit, der auf existenzphilosophische und existenzpsychologische Grundlagen zurückgreift. Er beschäftigt sich mit Grundfragen menschlicher Existenz wie Sinn, Freiheit, Verantwortung, Leid und Tod und verknüpft diese mit theoretischen und praktischen Konzepten der Profession.
Erste Diskussionen dazu finden sich seit den späten 1960er Jahren im anglo-amerikanischen Sprachraum.Donals F. Krill (1978): Existential Social Work. New York: Free Press. Im deutschsprachigen Raum wird der Ansatz seit den 2020er Jahren in Fachpublikationen aufgegriffen und systematisiert. Dabei wird der Ansatz überwiegend als bereichsübergreifende Querschnittsaufgabe verstanden, die in verschiedenen Handlungsfeldern von Relevanz ist.Nathschläger, Johannes (2023): Existenzielle Soziale Arbeit. Bad Heilbrunn: Julius Klinkhardt. doi:10.35468/6039.
Geschichte Erste Überlegungen zu einer existenziell orientierten Sozialen Arbeit tauchten in den 1960er Jahren auf. Der Professor für Soziale Arbeit an der University of Denver Donald F. Krill beschrieb damals Freiheit, Verantwortung und das Erleben des Absurden als zentrale Themen, die gegen deterministische Strömungen in der Psychologie profiliert wurden.Donald F. Krill: Existential Social Work. In: Advances in Social Work, 15(1), 2014. Er benannte fünf Kernprinzipien einer existenziellen Sozialen Arbeit: Unterstützung im Prozess der Desillusionierung, Sinnfindung im Leiden, Freiheit der Wahl, Anerkennung des Dialogs und die Bedeutung persönlicher Verpflichtung.Donald F. Krill (1969): Existential psychotherapy and the problem of anomie. In: Social Work, 14(2), S. 33–49.
In den 1970er Jahren erschienen mehrere Fachartikel und Bücher, die den Ansatz systematisierten. Autoren wie James K. Whittaker (1974) und Francis Turner (1975) nahmen ihn in ihre Überblickswerke zu sozialarbeiterischen Praxistheorien auf.
Das Konzept geriet fast in Vergessenheit, da die mehr praktisch-politisch und teils sozialistisch orientierten Sozial- und Gemeinwesenarbeiter den besonderen spirituellen Ansatz der existenziellen Sozialen Arbeit oft ablehnten. In späteren Arbeiten seit etwa 1990 wurde jedoch seine Verbindung zu neueren Konzepten der humanistischen Psychologie und zu ressourcenorientierten Ansätzen hergestellt.
So legte Neil Thompson mit Existentialism and Social Work (1992) eine umfassende Monografie vor, die den Existenzialismus als theoretische Grundlage für die Soziale Arbeit erschließen sollte. Thompson betonte darin die Bedeutung existenzieller Grundkategorien wie Freiheit, Verantwortung und Sinnsuche für professionelles Handeln und entwickelte Prinzipien, wie diese in Theorie und Praxis der Sozialen Arbeit berücksichtigt werden können.Neil Thompson (1992): Existentialism and Social Work. Aldershot: Avebury/Ashgate Publishing.Neil Thompson (2017 ): Existentialism and Social Work. London/New York: Routledge. doi:10.4324/9781315255699.
Theoretische Grundlagen Die existenzielle Soziale Arbeit bezieht sich auf zentrale Denkrichtungen der Existenzphilosophie und der existenziellen Psychotherapie. Philosophisch bilden die Werke von Martin Heidegger, Jean-Paul Sartre und Karl Jaspers wichtige Bezugspunkte, die das Verständnis von Freiheit, Verantwortung, Schuld, Angst und Authentizität als Grunddimensionen menschlicher Existenz geprägt haben.
In psychologischer Perspektive knüpft der Ansatz an die Logotherapie von Viktor E. Frankl und an die existenzielle Psychotherapie von Irvin D. Yalom an, die Sinnsuche, Selbsttranszendenz und die Auseinandersetzung mit Endlichkeit als zentrale Themen menschlicher Entwicklung begreifen.
Diese theoretischen Strömungen dienen in der Sozialen Arbeit dazu, Phänomene wie Sinnkrisen, Isolation oder Schuld nicht nur als Symptome sozialer Problemlagen, sondern als Ausdruck existenzieller Erfahrungen zu verstehen.
Aktuelle Entwicklungen Auch in neueren internationalen Überblickswerken wird der Ansatz aufgeführt. Malcolm Payne beschreibt in der 5. Auflage von Modern Social Work Theory (2020) existenzielle und humanistische Ansätze im Kapitel „Humanistic Practice, Existentialism and Spirituality“ als Bestandteil moderner sozialarbeiterischer Theorienbildung.Malcolm Payne (2020): Modern Social Work Theory. 5th edition. London: Bloomsbury Academic. In jüngerer Zeit wird der Ansatz in internationalen und deutschsprachigen Publikationen weiterentwickelt. Mark Griffiths betonte 2017 die existenzialistischen Wurzeln der Sozialarbeit und zeigte, wie existenzphilosophische Konzepte Fachkräften in einer von Unsicherheit geprägten Gegenwart Orientierung geben können.Griffiths, Mark (2017): The Challenge of Existential Social Work Practice. London: Bloomsbury Academic. Im selben Jahr untersuchte Wallace Chi Ho Chan die Bedeutung von Sinn im Leben empirisch und validierte mit dem Meaning in Life Questionnaire ein Instrument, das auch in der Sozialarbeit eingesetzt werden kann.Chan, Wallace Chi Ho (2017): Assessing Meaning in Life in Social Work Practice: Validation of the Meaning in Life Questionnaire among Clinical Samples. In: British Journal of Social Work, 47(1), S. 9–27. doi:10.1093/bjsw/bcv144. Zvi Eisikovits und Eli Buchbinder stellten 2022 die Bedeutung von „Meaning Making“ in belastenden Situationen heraus und erforschten qualitativ, wie Fachkräfte gemeinsam mit Klientinnen und Klienten neue Sinnzusammenhänge erschließen.Eisikovits, Zvi; Buchbinder, Eli (2022): Existential Social Work: Meaning Making in the Face of Distress. London/New York: Routledge. doi:10.4324/9781003322085. Johannes Nathschläger legte 2023 eine systematische Darstellung vor, welche den Umgang mit existenzphilosophischer Themen – wie etwa Sinn, Freiheit, Verantwortung, Schuld, Isolation, Leid und Tod – als Querschnittsaufgabe der Sozialen Arbeit beschreibt und Maximen sowie Methoden für den professionellen Umgang damit formuliert. In der fachlichen Diskussion wird zunehmend argumentiert, die Soziale Arbeit solle neben struktureller Gerechtigkeit auch das individuelle ‚gute Leben‘ verstärkt in den Blick nehmen. Nathschläger schlägt beispielsweise eine Erweiterung klassischer Mandate z. B. durch das TripelmandatSiehe Tripelmandat auf socialnet.de, abgerufen am 9. Oktober 2025 vor. Auch rückt die dialogische Begleitung individueller Lebensgestaltung in den Vordergrund.
Einzelnachweise
Kategorie:Soziale Arbeit