Die Emotional-Choice-Theorie (auch als „Theorie der emotionalen Entscheidung“ oder „Logik des Affekts“ bezeichnet) ist ein sozialwissenschaftliches Handlungsmodell zur Erklärung menschlicher Entscheidungsfindung. Ihre Grundlagen wurden in Robin Markwicas Monografie „Emotional Choices“ gelegt, die 2018 bei Oxford University Press erschien. Die Theorie ist mit einer eigenen Methode zur Identifizierung von Emotionen und ihres Einflusses auf die Entscheidungsfindung verbunden. Sie gilt als alternatives Modell zur Theorie der rationalen Entscheidung (Rational-Choice-Theorie) und zu konstruktivistischen Perspektiven.
Überblick Markwica weist darauf hin, dass die Politik- und Sozialwissenschaften im Allgemeinen zwei Aktionsmodelle zur Erklärung menschlicher Entscheidungsfindung verwendet haben: Auf der einen Seite betrachtet die Rational-Choice-Theorie (auch als „Logik der Konsequenzen“ bezeichnet) Menschen als Homo oeconomicus und geht davon aus, dass sie Entscheidungen treffen, um ihren Nutzen zu maximieren und ihre Kosten zu minimieren. Auf der anderen Seite versteht eine konstruktivistische Perspektive (auch als „Logik der Angemessenheit“ bekannt) Menschen als Homo sociologicus, die sich gemäß ihren sozialen Normen und Identitäten verhalten.Markwica: Emotional choices. S. 3, 36. Laut Markwica zeigt jedoch neuere Forschung in den Neurowissenschaften und der Psychologie, dass Entscheidungen stark von Emotionen und Gefühlen beeinflusst werden können. Auf der Grundlage dieser Erkenntnisse entwickelt er die Emotional-Choice-Theorie, die Entscheidungsträgerinnen und -träger als „homo emotionalis“ konzeptualisiert – „emotionale, soziale und physiologische Wesen, deren Emotionen sie mit anderen verbinden und von ihnen trennen“.Markwica: Emotional choices. S. 16–17.
Die Emotional-Choice-Theorie geht davon aus, dass die Entscheidungsfindung auf individueller Ebene in erheblichem Maße durch das Zusammenspiel von Normen, Identitäten und Emotionen der Menschen geprägt ist. Während Normen und Identitäten wichtige langfristige Faktoren im Entscheidungsprozess darstellen, fungieren Emotionen als wichtige kurzfristige Motivatoren für Veränderungen. Diese Motivatoren setzen ein, wenn Menschen Ereignisse in ihrer Umgebung wahrnehmen, die sie als relevant für ihre Bedürfnisse, Ziele oder Werte erachten.Markwica: Emotional choices. S. 50–51.
Die Rolle von Emotionen bei der Entscheidungsfindung Markwica behauptet, dass die Rational-Choice-Theorie und konstruktivistische Ansätze im Allgemeinen die Rolle von Gefühlen und Emotionen ignorieren. Sie behandelten die Entscheidungsfindung in der Regel als einen bewussten und reflexiven Prozess, der auf Gedanken und Überzeugungen basiert. Zwei Jahrzehnte neurowissenschaftlicher Forschung legen jedoch nahe, dass nur ein kleiner Teil der Aktivitäten des Gehirns auf der Ebene der bewussten Reflexion stattfindet. Der überwiegende Teil seiner Aktivitäten besteht aus unbewussten Wahrnehmungen und Emotionen.
Markwica kommt zu dem Schluss, dass Emotionen eine wichtige Rolle bei der Gestaltung von Entscheidungsprozessen spielen: „Sie sagen uns, was wir mögen und was wir ablehnen, was gut und was schlecht für uns ist und ob wir richtig oder falsch handeln. Sie geben unseren Beziehungen zu anderen Menschen Bedeutung und erzeugen physiologische Impulse zum Handeln.“Markwica: Emotional choices. S. 4.
Die Theorie Die Emotional-Choice-Theorie ist ein einheitliches Handlungsmodell, mit dem sich die Art und Weise, wie Emotionen die Entscheidungsfindung beeinflussen, organisieren, erklären und vorhersagen lässt. Eine ihrer Hauptannahmen ist, dass die Rolle von Emotionen bei der Entscheidungsfindung systematisch durch den „homo emotionalis“ erfasst werden kann. Die Theorie versucht, die Grundlage für ein gefühlsbasiertes Paradigma in den Politik- und Sozialwissenschaften zu schaffen.Markwica: Emotional choices. S. 7–8. Markwica betont, dass sie nicht dazu gedacht ist, die Rational-Choice-Theorie und konstruktivistische Ansätze zu ersetzen oder deren Wert zu negieren. Vielmehr soll die Emotional-Choice-Theorie eine nützliche Ergänzung zu diesen Perspektiven bieten. Ihr Zweck besteht darin, Forschenden zu ermöglichen, ein breiteres Spektrum an menschlichen Entscheidungen zu erklären.Markwica: Emotional choices. S. 25.
Die Theorie wird in vier Hauptschritten entwickelt: Im ersten Teil werden „Emotion“ definiert und die Hauptannahmen des Modells spezifiziert. Der zweite Teil umreißt, wie Kultur Emotionen prägt, während der dritte Teil beschreibt, wie genau Emotionen die Entscheidungsfindung beeinflussen. Der vierte Teil formuliert die Hauptthesen der Theorie.Markwica: Emotional choices. S. 36–37.
Definition von „Emotion“ und die wichtigsten Annahmen der Theorie Die Emotional-Choice-Theorie definiert „Emotion“ als „vorübergehende, teils biologisch bedingte, teils kulturell geprägte Reaktion auf einen Reiz, die einen koordinierten Prozess aus Bewertungen, Gefühlen, körperlichen Reaktionen und Ausdrucksverhalten auslöst, der Menschen darauf vorbereitet, mit dem Reiz umzugehen“.Markwica: Emotional choices. S. 4.
Markwica merkt an, dass der Begriff „Emotional-Choice-Theorie“ und die Art und Weise, wie er sich von der Rational-Choice-Theorie abhebt, den Eindruck erwecken könnte, dass er Emotion und Rationalität als Gegensätze versteht. Er betont jedoch, dass das Modell Fühlen und Denken nicht als einander widerstrebende Prozesse sieht. Vielmehr versucht es, das Monopol der Rational-Choice-Theorie auf den Begriff der Rationalität in Frage zu stellen. Er argumentiert, dass das Verständnis von Rationalität in der Rational-Choice-Theorie wichtige Aspekte ausspart. Es lässt emotionale Fähigkeiten außer Acht, die Menschen überhaupt erst in die Lage versetzen, vernünftige Entscheidungen zu treffen. Er weist darauf hin, dass zwei Jahrzehnte an Forschung in den Neurowissenschaften und der Psychologie die orthodoxe Ansicht, dass Emotionen im Gegensatz zur Rationalität stehen, widerlegt haben. Diese Erkenntnisse legen nahe, dass die Fähigkeit zu fühlen eine Grundvoraussetzung für vernünftiges Urteilsvermögen und rationales Verhalten ist.Markwica: Emotional choices. S. 21.
Der Einfluss von Kultur auf Emotionen Die Emotional-Choice-Theorie basiert auf der Annahme, dass Emotionen zwar von Individuen empfunden werden, jedoch nicht von dem sozialen Kontext, in dem sie entstehen, isoliert betrachtet werden können. Sie sind untrennbar mit den kulturellen Vorstellungen und Praktiken der Menschen verbunden. Aus diesem Grund ist es notwendig zu verstehen, wie Emotionen durch das sozio-kulturelle Umfeld, in das sie eingebettet sind, geprägt werden.Markwica: Emotional choices. S. 58. Die Theorie stützt sich auf Erkenntnisse aus der Soziologie, um zu beschreiben, wie die Normen bezüglich des angemessenen Erlebens und Ausdrucks von Gefühlen die Emotionen prägen. Sie legt den genauen Inhalt der Normen nicht im Voraus fest. Da diese von Fall zu Fall variieren, schlägt Markwica vor, sie induktiv zu untersuchen.
Das Modell beschreibt die generischen Prozesse, durch die Normen Emotionen steuern: Normen beeinflussen Emotionen durch „Gefühlsregeln“ (Arlie Russell Hochschild), die den Menschen vermitteln, wie sie Emotionen in einer bestimmten Situation erleben sollen, und durch „Ausdrucksregeln“, die ihnen mitteilen, wie sie Emotionen ausdrücken sollen.Markwica: Emotional choices. S. 15.
Der Einfluss von Emotionen auf die Entscheidungsfindung Die Emotional-Choice-Theorie geht davon aus, dass Emotionen nicht nur soziale, sondern auch körperliche Erfahrungen sind, die mit dem autonomen Nervensystem eines Organismus verbunden sind. Menschen spüren Emotionen körperlich, oft bevor sie sich ihrer bewusst werden. Es wird vermutet, dass diese physiologischen Prozesse einen tiefgreifenden Einfluss auf die menschliche Wahrnehmung und das Verhalten haben können. Sie erzeugen oder unterdrücken Energie, was die Entscheidungsfindung zu einem kontinuierlich dynamischen Phänomen macht. Um diese physiologische Dimension von Emotionen zu erfassen, stützt sich die Theorie auf Forschung in der Psychologie im Allgemeinen und auf die „Appraisal“-Theorie im Besonderen.Markwica: Emotional choices. S. 16. Die Appraisal-Theorie geht davon aus, dass jede einzelne Emotion – wie Angst, Wut oder Traurigkeit – ihre eigene Logik hat. Sie steht im Zusammenhang mit dem, was die Sozialpsychologin Jennifer Lerner als „Appraisal-Tendenzen“ und der Emotionsforscher Nico Frijda als „Handlungstendenzen“ bezeichnet haben. Die „Appraisal“-Tendenzen einer Emotion beeinflussen, was und wie Menschen denken, während ihre Handlungstendenzen prägen, was sie wollen und tun.Markwica: Emotional choices. S. 60–70.
Hauptthesen der Emotional-Choice-Theorie Der Kern der Emotional-Choice-Theorie besteht aus einer Reihe von Thesen darüber, wie Emotionen das Denken und Verhalten der Menschen durch ihre „Appraisal“- und Handlungstendenzen beeinflussen: Angst z. B. geht oft mit einer verzerrten Aufmerksamkeit gegenüber potenziellen Bedrohungen einher und kann dazu führen, dass Personen kämpfen, fliehen oder erstarren. Wut ist verbunden mit einem Gefühl der Macht und einer Vorliebe für risikoreiche Optionen. Hoffnung kann Kreativität und Beharrlichkeit fördern, aber auch Bestätigungsfehler (Confirmation Bias) verstärken. Stolz kann zur Folge haben, dass Menschen beharrlicher sind und ihre eigenen Schwächen ignorieren. Und Demütigung kann dazu führen, dass Personen sich entweder zurückziehen oder sich aktiv wehren.Markwica: Emotional choices. S. 86–89.
Markwica betont, dass selbst intensive Emotionen mit starken Impulsen nicht unbedingt dazu führen, dass Personen sich entscheiden etwas zu tun. Die Emotional-Choice-Theorie beschränkt sich darauf, den Einfluss von Emotionen auf die Entscheidungsfindung auf probabilistische Weise zu erklären und vorherzusagen. Sie erkennt auch an, dass unterschiedliche Emotionen sich vermischen, verschmelzen oder gleichzeitig auftreten können.Markwica: Emotional choices. S. 89–90.
Methode zur Identifizierung von Emotionen und zur Verfolgung ihres Einflusses auf die Entscheidungsfindung Die Emotional-Choice-Theorie ist mit einer Methode zur Identifizierung der Emotionen und zur Messung ihres Einflusses auf die Entscheidungsfindung verbunden. Die Idee besteht darin, die Spuren, die Emotionen in ihren äußeren Darstellungen hinterlassen, wie z. B. physiologische Manifestationen oder verbale Äußerungen, zu interpretieren. Zunächst entwickelt die Methode eine Taxonomie von Emotionszeichen, die vier Kategorien umfasst: explizite, implizite, kognitive und verhaltensbezogene Emotionszeichen.Markwica: Emotional choices. S. 100. Anschließend werden diese Emotionszeichen mithilfe einer Kombination aus qualitativer Sentimentanalyse und einem interpretativen Ansatz in Selbstauskünften (z. B. Autobiografien oder Aussagen in Interviews) und Beobachterberichten (z. B. Augenzeugenberichten) identifiziert. Die Sentimentanalyse ist eine Technik zur Identifizierung von Emotionsbegriffen in Texten, d. h. geschriebenen Worten, die ursprünglich von einer Autorin oder einem Autor notiert wurden. Während das Auffinden expliziter Emotionszeichen hilfreich ist, eignet sich ein interpretativer Ansatz am besten, um implizite, kognitive und verhaltensbezogene Emotionszeichen zu identifizieren.Markwica: Emotional choices. S. 100–101.