mini|Liezen mit Blick auf Grimming,S. Kölbl, lith. 1830

Liezen ist eine Stadt mit Einwohnern (Stand ) im Steirischen Ennstal und Sitz der Bezirkshauptmannschaft des Bezirks Liezen, des flächenmäßig größten Bezirks Österreichs. Liezen ist eine Industrie-, Einkaufs- und Verwaltungsstadt.

Geografie Geografische Lage Liezen ist eine alte Bergbau- und Industriestadt, von der jedoch nur mehr sehr wenige alte Gebäude vorhanden sind. Vor allem der Hauptplatz besteht nur mehr aus neuen Gebäuden. Früher war die etwa zehn Kilometer südlicher gelegene historische Stadt Rottenmann Verwaltungssitz. Liezen liegt am Nordrand des Ennstales, etwa einen Kilometer vom hochwassergefährdeten Ufer der Enns entfernt. In der Talweitung zu Füßen des Pyhrnpasses, der die Kalkalpen nach Oberösterreich überquert, mündet von Norden der Pyhrnbach in die Enns. Direkt stromaufwärts liegt der Stadtteil (am gleichnamigen Gewässer), der mit Liezen räumlich zusammengewachsen ist. Außerdem ist Liezen ein wichtiger Verkehrsknotenpunkt.

Der ebene Talboden des Ennstals ist hier zwei bis drei Kilometer breit und teilweise sumpfig: Westlich der Doppelstadt liegt das etwa zwei Quadratkilometer große Wörschacher Moos, im Osten das Selzthaler Moos sowie der Zwirtner See.

Gemeindegliederung Die Stadtgemeinde Liezen wurde im Rahmen der steiermärkischen Gemeindestrukturreform mit 2015 mit der Gemeinde Weißenbach bei Liezen zusammengeschlossen,Steiermärkische Gemeindestrukturreform die neue Gemeinde führt den Namen Stadtgemeinde Liezen weiter. Grundlage dafür ist das Steiermärkische Gemeindestrukturreformgesetz – StGsrG.§ 3 Abs. 6 Z 3 des Gesetzes vom 17. Dezember 2013 über die Neugliederung der Gemeinden des Landes Steiermark (Steiermärkisches Gemeindestrukturreformgesetz – StGsrG). Landesgesetzblatt für die Steiermark vom 2. April 2014. Nr. 31, Jahrgang 2014. . S. 3.

Liezen besteht aus vier Ortschaften und gleichnamigen Katastralgemeinden (Fläche Stand: ; Einwohnerzahl Stand ): Liezen ( Ew., ) samt Am Berg, Auf der Leiten, Hinteregg, Röth und Salberg Pyhrn ( Ew., ) samt Pyhrnerhofsiedlung Reithtal ( Ew., ) samt Zwirtnersee Weißenbach bei Liezen ( Ew., ) samt Sensenschmied

Nachbargemeinden

Geschichte Vorgeschichte In römischer Zeit wurde an der über den Pyhrnpass führenden Straßenverbindung die Poststation Stiriate angelegt, der als letzte Rast- und Umspannstation für die Pferdefahrzeuge der damaligen Zeit vor oder nach dem Pyhrnpass eine besondere Bedeutung zukam. Von dort führten Straßen westwärts über das Ennstal und das Ausseerland nach der römischen Stadt Iuvavum (Salzburg), nach Osten in Richtung Admont, nach Norden zur nächsten Station „Gabromagum“ (auch „Gabromagis“ genannt) bei Windischgarsten. Die Straße führte vom Triebener Tauernpass über „Surontio“, über Burgfried-Lassing (spätere Reichsstraße am Südhang der Burg Strechau) und über die Senke im östlichen Teil des Mitterberges ins Ennstal. Diese Poststation, von der sich Funde römischer Zeit, darunter Inschriftensteine, erhalten haben, bildete zugleich den Ausgangspunkt der späteren Siedlung.Wolfgang Flecker: Archäologische Funde im Gemeindegebiet von Liezen. In: Liezen im Zeitenwandel, Folge 41, März 2010

Mittelalter und frühe Neuzeit mini|hochkant|Kalvarienbergkapelle Die erste Erwähnung von Liezen erfolgte um 1130 in einem Güterverzeichnis des Stiftes Admont unter dem slawischen Namen Luecen, was „feuchte Wiese“ oder „Moor“ bedeutet. Die dem heiligen Veit geweihte Pfarrkirche des Dorfes ist erstmals um 1160 erwähnt, ihr Patrozinium verweist auf eine Missionsbeziehung zum Prager Veitsdom.

Ein wichtiger Wirtschaftsfaktor des Ortes war zum einen dessen Lage am Pyhrn-Pass, zum andern der seit dem 13. Jahrhundert nachweisbare Eisenerzabbau am Salberg. Die oberhalb Liezens an der Roten Wand sichtbaren Eisenerzvorkommen hatten zur Entstehung einer Drachensage geführt, die auch im späteren Stadtwappen thematisiert wurde.

Im ausgehenden 15. Jahrhundert erfolgte ein spätgotischer Neubau der Kirche, die erst um 1600 den Rang einer eigenständigen Pfarrkirche erhielt. Wegen der Türkenbedrohung im ausgehenden Mittelalter wurde die Kirche zugleich mit einem Tabor umgeben.Helmut J. Mezler-Andeberg: Von der Dorfkirche zur Stadtpfarre. In: Marlies Raffler (Hrsg.): Liezen – Festschrift anläßlich des Jubiläums 50 Jahre Stadt Liezen. Liezen, 1997, S. 75–97 Die Filialkirche Liezen wurde 1515 dem Stift Rottenmann inkorporiert, erst 1614 wurde die zwischenzeitlich evangelisch gewordene Kirche zur selbständigen katholischen Pfarre erhoben.Josef Schmidt: Die Pfarre Liezen im Zeitenwandel. In: Liezen im Zeitenwandel, Folge 45f., März/Juni 2012 Die nach der Pestepidemie von 1714/15 als barocker Vierkonchenbau errichtete Kalvarienbergkirche am Salberg besitzt im Innern eine Kreuzigungsgruppe des Bildhauers Balthasar Prandstätter aus Judenburg.

Westlich des Ortes entstand um 1600 das Renaissance-Schloss Grafenegg, das schließlich nach wechselhaftem Schicksal 1982 abgerissen wurde.Gerwald Mitteregger: Glück und Ende von Grafenegg im Ennstal. In: Liezen im Zeitenwandel, Folge 39, September 2010 Seit dem 17. Jahrhundert besaß Liezen faktisch Marktfunktionen, obgleich eine eigentliche Marktrechtsverleihung nicht stattgefunden hat.

19. und frühes 20. Jahrhundert mini|Eduard Peithner von Lichtenfels: Liezen im Jahre 1895 mini|Die Liezener Dumba-Villa im ausgebauter Zustand um 1880 Die entscheidende Wende in der Stadtentwicklung Liezens vollzog sich mit der Revolution von 1848, die die bestehenden grundherrlichen Verhältnisse beendete. Liezen erhielt 1850 eine GemeindevertretungRudolf Pelzer: 150 Jahre Gemeindevertretung. In: Liezen im Zeitenwandel, Folge 1, März 2001 und wurde 1866 Sitz der Bezirkshauptmannschaft.Wolfgang Flecker: Vom Dorf zur Bezirksstadt. In: Liezen im Zeitenwandel, Folge 50, Juni 2013 Vor allem aber war die Zeit ab 1850 für Liezen geprägt durch die wirtschaftliche Entwicklung zum Industrieort für die Eisenverhüttung.Ernst Kepplinger: Erzabbau und Eisengewinnung. In: Liezen im Zeitenwandel, Folge 4, Dezember 2001 Josef Pesendorfer (1791–1856) – an ihn erinnert das in Gusseisen hergestellte Pesendorfer-Kreuz von 1827 – gründete 1853 die (1893 stillgelegte) Amalienhütte unterhalb des Pyhrn-Passes.Ernst Kepplinger: Erz und Eisen. Das Wirken des Gewerken Josef Pesendorfer in Liezen. In: Liezen im Zeitenwandel, Folge 5, März 2002 Im Jahre 1873 erhielt Liezen mit dem Bahnhof Selzthal-Liezen an der Kronprinz-Rudolf-Bahn, und 1875 mit einem eigenen Bahnhof an der neuen Verbindungsbahn von Selzthal nach Bischofshofen, der Giselabahn, Anschluss an das bestehende Schienennetz.Klaus Reisinger: Liezen als Drehscheibe des internationalen Verkehrs. Von der „Via Norica“ zur „Pyhrnautobahn“ . In: Marlies Raffler (Hrsg.): Liezen – Festschrift anläßlich des Jubiläums 50 Jahre Stadt Liezen. Liezen, 1997, S. 119 Als Folge dieser Anbindung wurde das wegen seiner Lage gerühmte Liezen zunehmend ein beliebter Ferienort.Marlies Raffler: „Eines der größten und schönsten Dörfer des Landes …“. Liezen als Reiseziel. In: Marlies Raffler (Hrsg.): Liezen – Festschrift anläßlich des Jubiläums 50 Jahre Stadt Liezen. Liezen, 1997, S. 125–134 Der Abbruch des historischen Bahnhofsgebäudes von 1875 erfolgte 2016.

Zu den wichtigsten Persönlichkeiten Liezens im späteren 19. Jahrhundert gehörte der Wiener Industrielle und Mäzen Nikolaus Dumba, der für sein soziales und wirtschaftliches Engagement für den Ort 1870 die Ehrenbürgerwürde verliehen erhielt.Rudolf Polzer und Wolfgang Flecker: Nikolaus Dumba, Jagdherr und Mäzen. In: Liezen im Zeitenwandel, Folge 7, September 2002 Während die 1874/75 durch den Wiener Architekten August Krumholz im Stil des Historismus als Jagdschloss erbaute Dumba-Villa 1960 zugunsten eines größeren Siedlungsbauprojekts abgebrochen wurde, hat sich die benachbarte „Kleine Villa Dumba“ erhalten.Johann Josef Böker: Die Kleine Dumba-Villa in Liezen. In: Liezen im Zeitspiegel, Folge 6, März 2015 Zu den Künstlern, die als Gäste der Familie Dumba in Liezen weilten, gehörten u. a. Rudolf von Alt,Adolf Schachner: „Alt, aber gut“. In: Liezen im Zeitwandel, Folge 44, Dezember 2011 Gottfried Seelos und Karl Pischinger, der hier verstarb.Gerwald Mitteregger: Carl Pischinger, Tier- und Landschaftsmaler. In: Liezen im Zeitenwandel, Folge 43, September 2011 mini|hochkant|Kruzifix der Alpenländischen Kunstkeramik Liezen, ca. 1930 Um die Wende zum 20. Jahrhundert präsentierte sich Liezen als aufstrebender Ort, was in der intensiven Bautätigkeit Ausdruck fand. 1881 erfolgte der Neubau eines Schulgebäudes nach Plänen des Admonter Baumeisters Luigi Franz.Hannelore Sommer: Die Volksschule in Liezen. In: Liezen im Zeitspiegel. Folge 14, März 2017 1960 wurde es unter Verlust seines architektonischen Charakters „modernisiert“. Bereits um 1900 hatte sich Liezen – erfolglos – um die Anerkennung als Marktgemeinde bemüht und – unter Verwendung des Vorgängerbaus – bis 1907 ein repräsentatives Rathaus, zugleich Sitz der Bezirkshauptmannschaft, nach Plänen des Grazer Architekten Friedrich Hofman errichtet.Das neue Rathaus, Bericht im Grazer Tagblatt vom 22. November 1907. 1902–1904 entstand das Gerichtsgebäude an der Ausseer Straße, 1911–1912 wurde auch die spätgotische Pfarrkirche um einen neugotischen Chorbau nach Entwurf des Linzer Dombaumeisters Matthias Schlager erweitert, wofür der spätmittelalterliche Tabor niedergelegt wurde.

In der Zwischenkriegszeit nahm die wirtschaftliche Entwicklung Liezens eine eher zögerliche Entwicklung. 1925 wurde von den Brüdern Vasold die Alpenländische Kunstkeramik Liezen begründet, die bis 1960 bestand und neben Gebrauchskeramik auch anspruchsvolle kunstgewerbliche Arbeiten produzierte.Wolfgang Flecker: Die Liezener Keramik. In: Liezen im Zeitenwandel, Folge 19, September 2005 Während des Zweiten Weltkriegs entstand ab 1940 westlich des Ortsgebiets auf den Gründen der früheren Dumba-Villa eine Südtiroler-Siedlung als eine im Heimatschutzstil errichtete regelmäßige städtebauliche Anlage für ausgesiedelte Südtiroler. Die Siedlung bildete den Ausgangspunkt für die spätere Entwicklung eines größeren Siedlungskomplexes.

Stadterhebung Die Erhebung Liezens zur Stadt im Jahre 1947 erfolgte aufgrund des Wirtschafts- und Bevölkerungszuwachses vor und nach dem Zweiten Weltkrieg. Im Rahmen der Forcierung der Rüstungsindustrie nach dem Anschluss Österreichs war 1939 durch August Schmid-Schmidsfelden die Schmidhütte Liezen begründet worden.Rolf Schretthammer: Die Hütte Liezen. In: Marlies Raffler (Hrsg.): Liezen – Festschrift anläßlich des Jubiläums 50 Jahre Stadt Liezen. Liezen, 1997, S. 167–170; Adolf Schachner: Von der Schmidhütte zur Maschinenfabrik . In: Liezen im Zeitenwandel, Folge 35f., September/Dezember 2009 1954 übernahm die VOEST die inzwischen verstaatlichte Hütte, die aber infolge des Noricum-Skandals abgestoßen und seit 1994 als Maschinenfabrik Liezen und Gießerei weitergeführt wurde.

Im Anschluss an die Stadterhebung nahm Liezen eine städtebauliche Entwicklung, die mit einem großen Verlust an historischer Bausubstanz verbunden war. Um 1960 entstand ein von zwei Hochbauten markierter Hauptplatz mit einheitlicher Platzrandbebauung im Stil des Funktionalismus. Finanzamt und Arbeitsamt erhielten 1980 einen gemeinsamen Neubau im Stil des Brutalismus. Der letzte Rest des mittelalterlichen Tabors, das alte Schulhaus, wurde 1983 abgebrochen.