Die Krawalle in Lausanne 2025 am 24. und 25. August wurden durch den Tod eines Jugendlichen auf der Flucht vor der Polizei in Lausanne ausgelöst. Am 25. August kam es zudem zu Enthüllungen über die Polizei.
Auslöser Ein 17-jähriger Schweizer mit kongolesischen Wurzeln floh am frühen Sonntagmorgen des 24. August 2025 vor einer Polizeikontrolle auf einem als gestohlen gemeldeten Roller vor der Polizei im Quartier Prélaz. Er verlor die Kontrolle über den Roller und prallte gegen eine Mauer. Er starb an den Unfallfolgen. Zum Unfallzeitpunkt kam es, laut Zeugen, zu keinem Kontakt zwischen Polizeifahrzeug und Roller, sondern es gab einen erheblichen Abstand. Der Jugendliche soll zudem einen Helm getragen habe, daher dürfte der Polizeieinsatz nicht durch Rassismus ausgelöst worden sein.
Bereits im Juni 2025 war es in Lausanne zu einem ähnlichen Fall gekommen. Damals war eine 14-Jährige auf der Flucht vor der Polizei mit einem Motorrad gestürzt und später an den Folgen ihrer Verletzungen gestorben. Es war der dritte Todesfall während eines Polizeieinsatzes in Lausanne in weniger als drei Monaten. Seit 2016 kamen sieben Menschen bei Polizeieinsätzen in dem Kanton Waadt, dessen Hauptstadt Lausanne ist, ums Leben. Fünf davon waren Männer afrikanischer Herkunft. Der Verein Border Forensics aus Genf, der sich für die Bekämpfung von Rassendiskriminierung einsetzt, hat am 24. August die Ergebnisse einer Studie vorgestellt, wonach seit 1992 in der Schweiz 83 Menschen bei einem Einsatz der Polizei ums Leben gekommen seien. Allein im Kanton Waadt habe es 16 Todesopfer gegeben. Damit sei der Kanton Waadt der Kanton mit den meisten Todesopfern bei Polizeieinsätzen in der Schweiz. Da die Polizei in der Schweiz den Kantonen untersteht, gab es keine nationale Studie zu diesem Thema. Der Verein Border Forensics stellte die Version der Polizisten in Frage, wie es zum Tod von Roger Nzoy Wilhelm, eines Zürchers mit südafrikanischen Wurzeln, am 30. August 2021 am Bahnhof Morges gekommen sei, der durch drei Schüsse getötet wurde. Ein Waadtländer Gericht bezeichnete die Polizei-Untersuchung als «unzureichend»
Zufälligerweise gab die Stadt Lausanne am 25. August die Existenz zweier privater WhatsApp-Gruppen bekannt, in der Dutzende von Stadtpolizisten rassistische, homophobe, antisemitische, frauenfeindliche und behindertenfeindliche Äusserungen ausgetauscht hatten. Die Genfer Zeitung Le Temps schrieb dazu «L’image de la police lausannoise risque d’en être durablement entachée» (Das Image der Lausanner Polizei könnte dadurch nachhaltig geschädigt werden) und zudem «systemischen Rassismus» sah. Es kam am 25. August zur Suspendierung von vier Polizeibeamten in Lausanne. Der Bürgermeister von Lausanne Grégoire Junod sagte beim Sender RTS: «Es gibt ein systemisches Diskriminierungsproblem, das angegangen werden muss.» Die Stadt Lausanne erklärte in einer Stellungnahme: «Die Stadtverwaltung ist zutiefst schockiert.» Die Stadt sah die Glaubwürdigkeit der Polizei insgesamt und das notwendige Vertrauensverhältnis zwischen der Bevölkerung und der Polizei als beschädigt an. Die Bundesrätin Elisabeth Baume-Schneider vom Eidgenössischen Departement des Innern war «fassungslos» und sprach von «totaler Brutalität und Vulgarität». Baume-Schneider sagte, dass einige der beteiligten Polizisten künftig nicht mehr im Polizeidienst arbeiten dürften. Sie sah strukturelle Ursachen und wollte unter anderem Schulungen durchführen lassen.
Krawalle Bereits am Sonntagabend war eine Demonstration von rund hundert jungen Menschen nach örtlichen Polizeiangaben zu Krawallen eskaliert. Dabei wurden Müllcontainer angezündet und ein Bus beschädigt. In der Nacht von Montag zum Dienstag errichteten nach Polizeiangaben 150 bis 200 teilweise vermummte Menschen Blockaden aus brennenden Containern und Mülltonnen. Die Polizei gab vier Schüsse mit Gummigeschossen und 54 Tränengasgranaten ab. Ein Tanklöschfahrzeug setzte man zur Zerstreuung der Demonstranten ein. Die Einsatzkräfte seien dabei mit Steinen, Bauzäunen, Molotowcocktails und pyrotechnischen Gegenständen beworfen worden. Die Polizei nahm nach eigenen Angaben sieben Menschen fest. Bei den Ausschreitungen in Lausanne gab es keine Verletzten.
Die Krawalle wurden international wahrgenommen.
Diskussion über die Krawalle Die Leitung der Waadtländer Regierung und der Stadt Lausanne wurde für ihr Verhalten bei den Krawallen und Kommunikationsfehler kritisiert. Erst am 26. August äusserten sich die Stadt zum Todesfall und zu den Krawallen. Sie verurteilte die Ausschreitungen und kündigte eine verstärkte Polizeipräsenz an. Am 25. August hatte sie hingegen die Ergebnisse der Untersuchung über Rassismus in der Lausanner Polizei veröffentlicht und damit den denkbar schlechtesten Moment gewählt. Denn die Krawalle wurden durch Vorwurf von Polizeirassismus ausgelöst. Nach den zwei Krawallnächten gab es auch eine Debatte über die örtliche Polizei. Es wurde über die Frage der Personalauswahl und Repräsentativität der Polizei diskutiert. Die örtliche Polizei besteht aus weissen Männern, während die Grossstadt eine kosmopolitische Bevölkerung hat. Die Debatte in den Medien und der Politik in der Schweiz stehe erst am Anfang.
Die Probleme von Lausanne mit Kriminalität, Jugendarbeitslosigkeit und Sozialhilfe waren Thema nach den Krawallen. In Medienberichten wurden die Krawallnächte bereits mit Zuständen in französischen Banlieues verglichen. Solche Parallelen hielt der SRF-Korrespondent Roman Fillinger für überzogen. «Prélaz ist sicher kein einfaches Quartier. Es gibt grosse soziale Gegensätze, gewisse Spannungen und der Migrationsanteil ist hoch.» Mit Banlieues in Paris und Marseille könne man Prélaz aber nicht vergleichen. Dass Banlieue-Krawalle in Frankreich und Jugendliche Influencer in der Romandie Auswirkungen hätten, sei vorstellbar.
Am 30. August nahmen rund 800 Menschen an einem friedlichen Schweigemarsch für den 17-jährigen Schweizer am Unfallort im Stadtteil Prélaz teil. Am Nachmittag des 30. August versammelten sich mehrere Hundert Menschen zum vierten Jahrestag des Todes von Roger Nzoy Wilhelm auf der Place du Château. Es waren Schilder mit Black Lives Matter und «Keine Solidarität, keine Gnade mit kriminellen Polizisten» zu sehen. Im November 2024 stellte die Staatsanwaltschaft die Untersuchung zu Todesfall zunächst ein, da sie von Notwehr bei der Schussaufgabe ausging. Das Waadtländer Kantonsgericht beschloss im Mai 2025 die Wiederaufnahme der Ermittlungen, nachdem der Anwalt der Familie des Todesopfers das Gericht angerufen hatte.
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