mini|Bordesholmer Passionsaltar (nach der Renovierung des Doms 2025) Der Bordesholmer Passionsaltar, auch Brüggemannaltar, ist ein von 1514 bis 1521 von Hans Brüggemann gefertigter Flügelaltar. Ursprünglich Hauptaltar der Kirche des Bordesholmer Klosters, steht er seit 1666 im Chor des Schleswiger Domes. Das Altarretabel aus der Übergangszeit zwischen Spätgotik und Renaissance gilt sowohl von der künstlerischen Gestaltung als auch wegen seines umfassenden Bildprogramms als einer der bedeutendsten Altäre in Deutschland.

Im Zentrum steht eine figurenreiche, in zwei Etagen gegliederte Darstellung von Jesu Kreuzigung, umgeben von zehn Szenen der Passionsgeschichte, die zum Teil nach Holzschnitten aus Dürers Kleiner Passion gestaltet sind, und vier dem Thema Eucharistie zugeordnete Szenen in der Predella. Weitere Figuren rahmen die Szenen oder sind in Aufbau und Gesprenge aufgestellt. Insgesamt befinden sich in dem Retabel fast vierhundert geschnitzte Figuren. Zum Altar gehören auch zwei seitlich davon auf Säulen aufgestellte Freifiguren. Der Altaraufsatz ist nicht bemalt. Sämtliche Gemäldetafeln sind leer geblieben, was darauf schließen lässt, dass der Altar nicht fertiggestellt wurde. Die Gründe dafür sind nicht bekannt. Angesichts der sehr feinen, detailreichen Schnitzarbeit ist es aber unwahrscheinlich, dass auch eine Bemalung der Reliefs vorgesehen war.

Obwohl es sich um eins der bekanntesten und bestuntersuchten Kunstwerke in Schleswig-Holstein handelt, sind in der Forschungsgeschichte zahlreiche Fragen weiterhin offen. Selbst der Stifter ist nicht sicher belegt. Insbesondere das Bildprogramm ist immer wieder Gegenstand wissenschaftlicher Diskussionen.

Geschichte Der Bordesholmer Passionsaltar wurde für die Kirche des Augustiner-Chorherren-Stifts in Bordesholm geschaffen. Das zunächst in Neumünster begründete Stift siedelte sich um 1330 am Bordesholmer See an. Kurz danach begann der Bau der Klosterkirche. Es war das zweite Augustiner-Chorherren-Stift in Schleswig-Holstein nach dem Segeberger, das an der dortigen Marienkirche angesiedelt war.

Erst mehrere Jahrzehnte nach dem Segeberger Stift schloss sich das Bordesholmer Stift 1490 der Windesheimer Kongregation an, einer von der Spiritualität der Devotio moderna bestimmten Reformbewegung. Für das Stift begann damit eine Blütezeit. Die Zahl der Chorherren verdoppelte sich fast. Der Bücherbestand der in die Kieler Universitätsbibliothek übergegangenen Klosterbibliothek gibt Zeugnis für ein lebendiges geistiges und literarisches Leben. Auch die Kirche wurde in den Jahren bis 1509 ausgebaut und erweitert und erhielt mit dem Augustinusaltar von 1500 und dem Kirchenväteraltar von 1514 gleich zwei neue Nebenaltäre mit Bezug auf Augustinus von Hippo, auf den die Ordensregel zurückgeht. Insgesamt gab es in der Kirche mindestens vierzehn Altäre, darunter einen Kreuzaltar vor dem Lettner, an dem die Messe für Laien gefeiert wurde.Enno Bünz: Das Augustinerchorherrenstift in Bordesholm und die Windesheimer Reform. Zu den historischen Voraussetzungen und Rahmenbedingungen des Brüggemann-Altars. In: Oliver Auge u. a. (Hrsg.): Der Bordesholmer Altar des Hans Brüggemann. Petersberg 2023, S. 32–45.

Als Stifter des Altars wird in der Literatur meist Herzog Friedrich I. von Schleswig-Holstein-Gottorf, der spätere König Friedrich I. von Dänemark und Norwegen, genannt. Er und seine Frau Anna von Brandenburg wählten die Bordesholmer Klosterkirche als Grablege und gaben schon zu Lebzeiten das prunkvolle Kenotaph aus Bronze in Auftrag, dessen Liegefiguren Hans Brüggemann entwarf. 1509 stifteten beide das Chorgestühl.Ingeborg Kähler: Zur Bau- und Ausstattungssituation der Augustiner-Chorherrenkirche Bordesholm um 1521. Ordensgeschichtliche und politische Aspekte. In: Uwe Albrecht u. a. (Hrsg.): Der Bordesholmer Altar des Hans Brüggemann. Werk und Wirkung. Dietrich Reimer Verlag, Berlin 1996, S. 31–44. Anna, die seit den schnell aufeinander folgenden Geburten zweier Kinder 1503 und 1504 kränkelte, starb 1514 und wurde wie geplant in Bordesholm beigesetzt. Vier Jahre später heiratete Friedrich ein zweites Mal. 1522 traf er in Bordesholm einen Vergleich mit seinem Neffen, König Christian II., in dem dieser auf die Lehnsrechte über das Herzogtum Holstein verzichtete. Nach Christians Sturz 1523 wurde Friedrich schließlich selbst König von Dänemark. Als er 1533 neunzehn Jahre nach Anna starb, ließ sein Sohn und Nachfolger Christian III. ihn im Schleswiger Dom bestatten und stiftete dort ein von Cornelis Floris geschaffenes Renaissance-Kenotaph. mini|Projektion des Standortes des Retabels an seinem ursprünglichen Standort in der Klosterkirche Bordesholm, gerahmt vom Chorgestühl von 1509 Das einzige feste Datum für die Entstehung des Passionsaltars ist die inschriftliche Datierung 1521 unterhalb der Predella, die angibt, dass die Schnitz- und Tischlerarbeiten zu diesem Zeitpunkt abgeschlossen waren. Dendrochronologisch wurde festgestellt, dass das wegen seiner engen Jahresringe besonders harte Eichenholz, aus dem Schrein und Skulpturen hergestellt sind, 1515 geschlagen wurde, vermutlich im Baltikum. Reste von Ruß an den Figurenblöcken weisen nach, dass das Holz künstlich getrocknet und demzufolge vor der Bearbeitung nicht erst lange abgelagert wurde.Jan Friedrich Richter, Ursula Lins, Uta Lemaitre: Kreuzigungsretabel (sog. Bordesholmer Altar). In: Uwe Albrecht (Hrsg.): Die Kirchen im Landesteil Schleswig, Bd. 2, S. 741–755; hier S. 744.

Obwohl die Reformation in Schleswig-Holstein bereits 1542 offiziell eingeführt wurde, blieb das Chorherrenstift zunächst bestehen, da der damalige Landesherr Herzog Hans auf die Auflösung der Klöster verzichtete. Erst 1561 wurde ein lutherischer Prediger eingesetzt. Auch als der Herzog das Stift 1566 in eine evangelische Fürstenschule umwandelte, erlaubte er den älteren Chorherren zu bleiben; die jüngeren wurden verpflichtet, am Unterricht der neuen Schule teilzunehmen.Enno Bünz: Das Augustinerchorherrenstift in Bordesholm und die Windesheimer Reform. Zu den historischen Voraussetzungen und Rahmenbedingungen des Brüggemann-Altars. In: Oliver Auge u. a. (Hrsg.): Der Bordesholmer Altar des Hans Brüggemann. Petersberg 2023, S. 32–45; hier S. 42. Die Schule hatte im Dreißigjährigen Krieg sehr zu leiden und war von 1627 bis 1635 und von 1644 bis 1647 geschlossen. Auch das Retabel erlitt Schäden, wurde aber trotzdem als gut erhalten beschrieben, als der Kieler Bildschnitzer Marcus Keding nach der Wiedereröffnung der Schule 1636 mit der Renovierung beauftragt wurde. Der Umfang seiner Arbeiten ist unklar.Jan Friedrich Richter, Ursula Lins, Uta Lemaitre: Kreuzigungsretabel (sog. Bordesholmer Altar). In: Uwe Albrecht (Hrsg.): Die Kirchen im Landesteil Schleswig, Bd. 2, S. 741–755; hier S. 743.

Der Passionsaltar galt schon früh als Kunstwerk hohen Ranges. Der Sage nach soll Brüggemann nach seiner Fertigstellung von den Mönchen geblendet worden sein, damit er nirgends sonst ein solches Werk schaffen könne.August Sach: Hans Brüggemann. Ein Beitrag zur Geschichte der Herzogthümer. Kiel 1865, S. 7. Heinrich Rantzau rühmte den Altar 1597 in seiner Beschreibung des Landes Schleswig-Holstein, Cimbricae Chersonesi descriptio nova, als mit keinem anderen Werk vergleichbar. Herzog Wilhelm V. von Bayern versuchte, es dem Gottorfer Herzog Johann Adolf abzuhandeln, der sich dem bilderfeindlichen Calvinismus zugewandt hatte, um es in der von ihm in Auftrag gegebenen Jesuitenkirche St. Michael in München aufzustellen. Und schließlich hätte es Kaiser Ferdinand III. gerne seiner Kunstsammlung einverleibt und beauftragte dafür Christian Rantzau mit den Verhandlungen.Dazu: Ludwig Andresen: Christian Rantzau und der Brüggemannsche Altar. In: Zeitschrift der Gesellschaft für schleswig-holsteinische Geschichte, Nr. 55 (1926), S. 493f.

Die Fürstenschule wurde 1665 zugunsten der neugegründeten Kieler Universität aufgehoben. Daraufhin ließ der Gottorfer Herzog Christian Albrecht den Brüggemannaltar im folgenden Jahr nach Schleswig überführen und dort im Domchor aufstellen. Der Schleswiger Dom diente als Grablege nicht nur von König Friedrich I., sondern auch von Christian Albrechts Vorgängern als Gottorfer Herzöge. Klaus Eibe, ein Bildschnitzer der Eckernförder Bildschnitzerschule, wurde mit Abbau, Transport und Wiederaufbau des Altars betraut. Die Bordesholmer Kirche erhielt stattdessen 1672 das Mittelbild eines der Brüggemann-Werkstatt zugeschriebenen Kreuzigungsretabels aus der St. Johanniskirche in Brügge, eine Kopie der zentralen Doppelszene von Kreuzigung und Kreuztragung.Uwe Albrecht (Hrsg.): Schleswig. Stiftung Schleswig-Holsteinische Landesmuseen auf Schloss Gottorf (= Corpus der mittelalterlichen Holzskulptur und Tafelmalerei in Schleswig-Holstein. Band 3). Ludwig, Kiel 2016, S. 244–247, Nr. 92 (Jan Friedrich Richter). mini|hochkant|Die demontierten Außenflügel und die hölzernen Stützen sind im nördlichen Chor neben dem Kenotaph von Friedrich I. aufgestellt. Im 18. Jahrhundert brachte man dem Altar, wie der Gotik überhaupt, wenig Interesse entgegen. Das änderte sich, als 1819 eine Gruppe von Künstlern, darunter Bertel Thorvaldsen, den Altar besichtigte. Johann Christian Jürgensen verfasste 1823 die erste ausführliche Beschreibung.Cornelius Kellner: Jürgensen, Johann Christian. In: Biographisches Lexikon für Schleswig-Holstein und Lübeck. Band 13, Wachholtz Verlag, Neumünster 2011, S. 234. Die erste bildliche Darstellung stammt von dem dänischen Maler Conrad Christian August Bøhndel, der ab 1824 bei der Hamb. Steindruckerei Speckter & Herterich 36 Lithographien mit der vollständigen Wiedergabe des Bordesholmer Schnitzaltars herausbrachte. Goethe, dem die ersten Musterblätter zugesandt worden waren, verfasste eine positive Rezension für die Zeitschrift über Kunst und Altertum.

Das ab 1866 erschienene Tafelwerk mit Fotografien des Altars von Friedrich Brandt war „eines der frühesten bebilderten Bücher zu einem norddeutschen Kunstwerk“. Mit August Sach begann in der Zeit des Historismus die wissenschaftliche Beschäftigung mit dem Altar.

Größere Eingriffe an dem Altar nahm Heinrich Sauermann 1884 vor, der beschädigtes Maßwerk und fehlende Teile ersetzteAugust Sach: Hans Brüggemann und seine Werke. Ein Beitrag zur Kunstgeschichte Schleswig-Holsteins, Schleswig 1895, S. 95f. und das äußere, unbemalte Flügelpaar entfernen ließ. Während des Zweiten Weltkriegs war das vollständig demontierte Retabel zum Schutz vor Fliegerbomben unter der Orgelempore eingelagert und wurde erst 1946 wieder aufgebaut.Jan Friedrich Richter, Ursula Lins, Uta Lemaitre: Kreuzigungsretabel (sog. Bordesholmer Altar). In: Uwe Albrecht (Hrsg.): Die Kirchen im Landesteil Schleswig, Bd. 2, S. 741–755; hier S. 742f. Ansonsten beschränkten sich die Renovierungen im 19. und 20. Jahrhundert weitgehend auf Reinigung, Schädlingsbekämpfung und Ersetzung fehlender Teile. Anlässlich des 500. Jubiläums des Altars fand 2021 eine Tagung statt, deren Beiträge als Tagungsband herausgegeben wurden.Oliver Auge, Constanze Köster, Uta Kuhl (Hrsg.): Der Bordesholmer Altar des Hans Brüggemann: Tagungsband zur interdisziplinären Tagung zum 500-jährigen Bestehen des Bordesholmer Altarretabels von Hans Brüggemann, 23. bis 25. September 2021, Schloss Gottorf und St. Petri-Dom zu Schleswig. Michael Imhof Verlag, Petersberg 2023. Zuvor war das Retabel erneut gereinigt worden.

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