Der Shi'ur Qoma, auch SchiʿurSchi'ur bzw. Schiur ( Plural Schiurim), bezeichnet im rabbinischen Judentum einen Vortrag oder eine gemeinsame Erörterung und Auslegung von Passagen aus der Thora, dem Talmud oder anderer heiliger Schriften Qomah () oder „Maße des Körpers“ ist ein Midrasch aus der Hekhalot-Literatur. Er gibt vor, in anthropomorpher Form die „geheimen Namen“Karl Erich Grözinger: The names of God and the celestial powers: their function and meaning in the Hekhalot literature first published in: Jerusalem studies in Jewish thought, 6 (1987), 1-2, S 53–69, ISSN 0333-7081, auf publishup.uni-potsdam.de und genauen „Maße der körperlichen Glieder und Teile“ JHWHs aufzuzeichnen. Der Text Schiʿur Qoma schreibt der Göttlichkeit menschliche Körpermerkmale zu und legt in seiner wörtlichen Auslegung nahe, dass Gott über eine physische Form verfügt.

Innerhalb der Hekhalot-Literatur ist der Schiʿur Qoma eine eigenständige Offenbarungsschrift und setzt keine mystische Himmelfahrt voraus, sondern vermittelt anthropomorphe Maße der Gottheit durch den Engel Metatron. Obwohl der Text häufig in Handschriften überliefert wird, die auch Himmelsreise-Texte enthalten (z. B. Hekhalot Rabbati), ist er inhaltlich eigenständig und setzt eine solche Reise nicht voraus. Vielmehr stellt er eine autonome mystische Tradition innerhalb der Hekhalot-Literatur dar.

Der Großteil des Textes ist in Form von Sprüchen oder Lehren überliefert, die der Engel Metatron bzw. Maṭṭaṭrōn dem Tannait Rabbi Jischmael offenbarte, der sie an seine Schüler und seinen Zeitgenossen Rabbi Akiva weitergab. Es handelte sich auch um eine exegetische Analyse des Hoheliedes () und verkündete, dass jedem, der es studierte, ein Anteil an der kommenden Welt sicher sei. Es handelt sich um einen kurzen Text von etwa fünf bis sechs Seiten, dessen Autor bzw. Autoren anonym geblieben sind.

Quellen Die Texte Hekhalot Rabbati („Die größeren Paläste“)Hekhalot Rabbati יתבר תולכיה The Greater Treatise Concerning The Palaces Of Heaven, translated from the Hebrew and Aramaic by Morton Smith corrected by Gershom Scholem transcribed and edited with notes by Don Karr, auf digital-brilliance.com und Hekhalot Zutarti („Kleinere Paläste“) zählen zur frühjüdischen Hekhalot-LiteraturRachel Elior: Review of Synopse zur Hekhalot-Literatur. Mohr, Tübingen 1981, The Jewish Quarterly Review, Vol. 77, No. 2/3 (1986), S. 213–217, auf Kapitel: „Schäfer's Synopse zur Hekhalot-Literatur האוניברסיטה“, die „visionäre Aufstiege durch himmlische Sphären“Michael Lütge: Der Himmel als Heimat der Seele. Visionäre Himmelfahrtspraktiken und Konstrukte göttlicher Welten bei Schamanen, Magiern, Täufern und Sethianern. Iranische Spuren im Zostrianos von Nag Hammadi. Habilitationsschrift im Fachbereich Evangelische Theologie, Georg August Universität, Göttingen 2008, auf archiv.ub.uni-marburg.de S. 257; 39–40, Fußnote 102 und „Begegnungen mit Engeln und göttlichen Wesen“ beschreiben.vergleiche hierzu auch Mircea Eliade, und Schamanismus als archaische Ekstasetechnik, Himmelfahrt Innerhalb dieses Kontexts steht der Text Schiʿur Qoma („Maß des Körpers“), der durch die detaillierte Beschreibung göttlicher Körpermaße eine besonders anthropomorphe Darstellung Gottes bietet.Ra'anan S. Boustan: Shi‘ur Qomah (Jewish mystical texts). In: Roger S. Bagnall, Kai Brodersen, Craige B. Champion, Andrew Erskine, Sabine R. Huebner (Hrsg.): The Encyclopedia of Ancient History. First Edition, Blackwell Publishing Ltd., 2013, S. 6227–6228, auf rboustan.scholar.princeton.edu Eine zentrale Quelle für die Überlieferung dieser Texte ist das „MsN = New York, Jewish Theological Seminary 8128“. Diese Handschrift ist von besonderer Bedeutung, weil sie: eine umfassende Sammlung von Hekhalot-Texten enthält, darunter Hekhalot Rabbati, Hekhalot Zutarti und Schiʿur Qoma, Textpassagen überliefert, in denen Schiʿur Qoma direkt in die Struktur von Hekhalot Rabbati eingebettet ist, und damit zeigt, wie eng diese Texte in der redaktionellen Überlieferung miteinander verknüpft wurden.Peter Schäfer: Die Ursprünge der jüdischen Mystik. Verlag der Weltreligionen/Insel, Berlin 2011, ISBN 978-3-458-71037-0, S. 416 f.Christoph Markschies (2016) versteht seinerseits das Shiʿur Qoma als „Mikroform“, das in „fünf Makroformen der Hekhalot-Literatur“ eingegangen sei: Beate Ego: Henoch / Henochliteratur. Deutsche Bibelgesellschaft, auf die-bibel.de

Entstehungsgeschichte und Bewertungen Die Entstehungszeit liegt wahrscheinlich im 3. Jahrhundert n. Chr. Es ist vermutlich in Fragmenten erhalten geblieben, von denen das bedeutendste oft für ein vollständiges Werk gehalten und in das Zauberbuch („Sefer Raziel“) aufgenommen wurde.

Derzeit existiert also der Text nur in fragmentarischer Form und die wissenschaftliche Diskussion besteht darüber, wie man ihn angemessen qualifizieren kann.

Im 12. Jahrhundert erklärte der rationalistische jüdische Philosoph Maimonides den Text für eine byzantinische Fälschung. Er hielt den Text für so häretisch und im Widerspruch zum eigentlichen jüdischen Glauben, dass er verbrannt werden sollte.Shlomo Pines, Yirmiyahu Yovel (Hrsg.): Maimonides and Philosophy: Papers Presented at the Sixth Jerusalem Philosophical Encounter, May, 1985. Springer Netherlands, Dordrecht 1985, ISBN 978-90-247-3439-9, S. 85, dort die Fußnote 11, Joshua Blau (Hrsg.): R. Moses B. Maimon-Responsa. Jerusalem 1958, 1:201.

Auch Saadia Gaon äußerte Zweifel am Ursprung des Textes und erklärte: „Da er weder in der Mischna noch im Talmud zu finden ist und wir nicht feststellen können, ob er die Worte von Rabbi Ismael wiedergibt, hat vielleicht jemand anders vorgegeben, in seinem Namen zu sprechen.“ Sollte sich die Echtheit des Textes dennoch irgendwie beweisen lassen, so schrieb Saadia, müsse er im Einklang mit seiner „Theorie der ‚geschaffenen Herrlichkeit‘ verstanden werden, die die prophetischen Theophanien nicht als Visionen Gottes selbst, sondern einer leuchtenden [geschaffenen] Substanz erklärt“.

In seinem Werk Die jüdische Mystik in ihren Hauptströmungen vertritt der Religionshistoriker Gershom Scholem die Ansicht, dass das Buch „von einer Gruppe von mystischen Ketzern verfasst wurde, die fast jeden Kontakt zum rabbinischen Judentum abgebrochen hatten“.Gerschom Scholem: Die jüdische Mystik in ihren Hauptströmungen Suhrkamp Verlag Dennoch sah Scholem in dem Buch den Versuch, eine Harmonie zwischen dem physischen Schöpfergott und dem spirituellen Gott herzustellen – im Gegensatz zu den Gnostikern, die den Schöpfer der Welt als böse betrachteten. Aufgrund dieser Nähe zwischen dem Buch und der Gnosis könnte das eine vom anderen beeinflusst worden sein, oder beide könnten ihre Lehre aus derselben alten Quelle bezogen haben.Rabbi Isaac Jerusalmi: Basic Pirqe Avoth: A philological commentary

Moses Narboni schrieb auch ein philosophisches Werk über den Text mit dem Titel Iggeret ʿal-Shiʿur Qomah (), in dem er die eklatanten Anthropomorphismen von Shi'ur Qomah als rein metaphorisch in Abrede stellte. Rabbi Narbonis Werk im Iggeret ist eine „Meditation über Gott, das Maß allen Existierenden. Es basiert auf Abraham ibn Esras Kommentar zum 2. Buch Mose und untersucht mithilfe biblischer und rabbinischer Passagen zwei Arten von Wissen: Gottes Wissen über seine Geschöpfe, das sogenannte Wissen vom Gesicht, und das Wissen seiner Geschöpfe über Gott, das sogenannte Wissen vom Rücken; eine Anspielung auf Exodus, .“

Rezeption Die Vorstellung von den „Namen und Maßen der göttlichen Körperteile“Francesca Stavrakopoulou: Gott. Eine Anatomie. Der göttliche Körper im Wandel der Zeit. Piper, München 2022, ISBN 978-3-492-05916-9, S. 111 gehört zu den zentralen Konzepten der Hekhalot-Literatur, wobei ihre Bedeutung und Herkunft umstritten bleiben. Besonders kontrovers diskutiert werden ihre Genese und ursprüngliche Funktion innerhalb der jüdischen Religion. Im Mittelalter wurde dieses Konzept von den Chasside Aschkenas rezipiert und fand zur selben Zeit Eingang in die Konzepte der Kabbala.

Literatur Alexander Altmann: Von der mittelalterlichen zur modernen Aufklärung: Studien zur jüdischen Geistesgeschichte. Mohr Siebeck, Tübingen 1987, ISBN 3-16-745114-9, S. 132. Christoph Markschies: Gottes Körper. Jüdische, christliche und pagane Gottesvorstellungen in der Antike. C. H. Beck, München 2016, ISBN 978-3-406-66866-1, S. 202 ff. Peter Schäfer: Die Ursprünge der jüdischen Mystik. Verlag der Weltreligionen/Insel, Berlin 2011, ISBN 978-3-458-71037-0, S. 57 f.; 401 f.; 416 f. Gershom Gerhard Scholem: Shi'ur Komah: - The Mystical Shape Of The Godhead. Schocken Books, New York 1991, ISBN 0-8052-4082-9, auf ma.huji.ac.il ma.huji.ac.il, Textauszug: „1. Kapitel“, S. 16–279. Martin S. Cohen: The Shi’ur Qomah: Liturgy and Theurgy in Pre‑Kabbalistic Jewish Mysticism. University Press of America, Lanham / New York / London 1983, ISBN 0-8191-3272-1. Elliot R. Wolfson: Metatron and the Shiʿur Qomah in the Writings of the Haside Ashkenaz. In: Karl Erich Grözinger, Joseph Dan (Hrsg.): Mysticism, Magic and Kabbalah in Ashkenazi Judaism. De Gruyter, Berlin / New York 1995, ISBN 3-11-013744-5, S. 60–92.

Weblinks Ma'aseh Merkabah Literature. SH'IR QOMA. „The Measure of the Divine Body“ From the Sefer Raziel HaGadol. Book of (the Angelic Secrets of) Raziel the Great One, auf workofthechariot.com ; in englischer Sprache

Einzelnachweise

Kategorie:Mystik (Judentum) Kategorie:Midrasch