mini|Moltkeplatz 1, Ansicht von Südosten (2025) mini|Das von Baurat Muthesius erbaute Stavesche Haus. (1912)
Das Haus Moltkeplatz 1 (Landhaus Stave) ist ein von Hermann Muthesius entworfenes Wohnhaus in Lübeck-St. Gertrud. Die 1909 errichtete Villa steht unter Denkmalschutz.
Bauherr und Architekt Friedrich (Joachim Carl) Stave (1868–1954) war zunächst Prokurist, dann Direktor des Lübecker Eisenhandelsunternehmens Possehl, wo er die Finanz- und Vermögensverwaltung leitete. Daneben war er Aufsichtsratsmitglied in verschiedenen mit Possehl verbundenen Unternehmen wie der Bavaria-Brauerei in Altona, der Commerzbank in Lübeck und dem Nordischem Erzkontor. Stave und Johannes Schwabroch (1863–1945)Vater von Petra Vermehren wurden im Testament Emil Possehls besonders bedacht als diejenigen, „welche mir bei meinem Lebenswerk ihre Dienste in besonderem Maße geleistet haben“.Das Testament Emil Possehls, Seite der Possehl-Stiftung, abgerufen am 23. September 2025
Friedrich Stave und seine Ehefrau Johanna beauftragten Hermann Muthesius damit, ein Landhaus für ein kinderloses Ehepaar zu entwerfen. Muthesius war zu dieser Zeit bereits sehr bekannt. Er gehörte in Deutschland zu den Initiatoren der sogenannten Landhausbewegung. 1904 hatte er sein programmatisches Werk über Das englische Haus publiziert, und 1907 hatte sich auf seine Anregung der Deutsche Werkbund gegründet, der die Ansätze des von John Ruskin und William Morris inspirierten Arts and Crafts Movement in Deutschland weiterführen wollte. Merkmale der von Muthesius gebauten Landhäuser vor dem Ersten Weltkrieg sind die „freie Durchgestaltung“ der Häuser als Gesamtkunstwerk,J. Christoph Bürkle: Pars Pro Toto:Wege zum Einfamilienhaus der Moderne. In: Archithese Heft 3, 2007: Einfamilienhäuser, S. 34–39, hier S. 35 die Verwendung gediegener Materialien, eine zurückhaltende Fassadengestaltung und wohlgeordnete Gartenanlagen.Hermann Muthesius: Landhäuser, München 1912 Der Lübecker Auftrag umfasste diesem Ansatz entsprechend nicht nur die architektonische Hülle, sondern auch die Gartenplanung sowie die komplette Inneneinrichtung inklusive Mobiliar. So entstand ein Haus „bis in alle Einzelheiten nach den Entwürfen von Muthesius ausgestattet, und jeder Stuhl steht nach seinen Angaben“.Die Kunst, S. mini|Backbord 9 in Travemünde, entworfen von Muthesius 1904/5 Das Landhaus Stave war nicht der erste Auftrag des Architekten in der Freien und Hansestadt. Muthesius hatte bereits 1904/5 für die Villenkolonie am Godewindpark in Travemünde (Neu-Travemünde) zwei Villen entworfen, die Felsenburg (Godewind 3) und das Haus Backbord 9. Das Ehepaar Stave besaß in der Villenkolonie ebenfalls ein Sommerhaus (Steuerbord 9).
Städtebauliche Situation mini|Städtebauliche Situation 1911 Seit 1892 erschloss die nach dem Lübecker Ehrenbürger Generalfeldmarschall Helmuth Karl Bernhard von Moltke benannte Moltkestraße den Bereich östlich der Altstadt und des neu erbauten Elbe-Lübeck-Kanals. Auf Initiative des Baurats Ferdinand Wallbrecht entstand die Straße wie auch die erste Brücke an dieser Stelle über die Wakenitz, um das Gelände des früheren Hofs Marli (damals Marly geschrieben) östlich der Wakenitz zu erschließen. Dort fand 1895 die Deutsch-Nordische Handels- und Industrieausstellung statt. Die Ausstellung, die vom 21. Juni bis zum 20. September 1895 dauerte, hatte eine Fläche von 140.000 Quadratmetern; das Zentrum lag im Bereich des heutigen Moltkeplatzes. Ziel der Ausstellung war es, für Lübeck als Industriestandort zu werben.
Nach dem Ende der Ausstellung wurde das Gelände nach und nach aufgesiedelt. Es entstanden großzügige Villen für das gehobene Bürgertum. Das stadtnahe Ostufer der Wakenitz von der Roeckstraße bis zum heutigen St.-Jürgen-Ring nahe dem Hof Hohewarte entwickelte sich zur besten Wohnlage der Stadt.
Baubeschreibung mini|Ansicht von Südwest, Lageplan, Grundriss des Kellergeschosses mini|Ansicht von Südost, Grundrisse Erd-, Ober- und Dachgeschoss Das Grundstück liegt „in einer der schönsten Lagen Lübecks“ Heinz Mahn: Das Landhaus Stave von Hermann Muthesius. in: Lübeckische Blätter 51 (1909), S. 728–731 Digitalisat unmittelbar östlich der Moltkebrücke an der nordwestlichen Ecke des Moltkeplatzes. Es grenzt an den Moltkeplatz und einen Weg am Ufer der Wakenitz, der ursprünglich später zu einer an der Wakenitz entlang führenden Straße ausgebaut werden sollte. Das Haus war so in den Straßenwinkel des in seiner Längsachse von Nordwest nach Südost orientierten Grundstückes hineingelegt, dass die Sonne von allen Seiten, ungehindert durch Nachbarhäuser, herantreten konnte. Zur Straße hin war das Grundstück durch weiße, breite, niedrige Holzgitter aus diagonal geteilten Quadraten zwischen Granitpfeilern abgeschlossen. Der Zaun bildete einen Auftakt Ernst Schur: Drei Landhäuser von Hermann Muthesius. In: Die Kunst 22 (1910), S. 1–24, bes. S. 5–14 (mit zahlreichen Fotos), den die in geschwungenem Bogen geführten Balkongitter wiederholten. Leider wurden die weiß gestrichenen Holzgitter des Zauns in den 1990er Jahren wenig denkmalgerecht durch graue Betonelemente ersetzt, was den Gesamteindruck beeinträchtigt.
Der 1909 fertiggestellte Bau besitzt (wie das Travemünder Haus Backbord 9) kreuzförmig angeordnete Giebel mit unterschiedlichen Dachformen: ein Kielbogendach in Nord-Süd-Ausrichtung und ein Satteldach in Ost-West-Ausrichtung. Er ist auf einem blaugrünen Granitsockel in einem grüngrauen Rauhputz gehalten. Das Dach war mit matten dunkelgrauen Dachziegeln gedeckt. Alle Holzelemente waren weiß gestrichen; Türfüllung, Fensterrahmen und Dachleisten zierten kleine blaue und schwarze Ornamente in Form von Spiralen und Kreisen, die heute nicht mehr vorhanden sind. Die Fenster haben keine Läden und sind von unterschiedlicher Größe und Form. So ergibt sich ein „vom Auge sehr angenehm empfundener Wechsel in den Fensterformen und -gruppierungen“. Auch der Kritiker Ernst Schur empfand dies als „wohltuend“. Die Fenster bilden neben den geschwungenen Dachformen den eigentlichen Schmuck der frei komponierten Fassade. Das Gebäude hat so „etwas Spielerisches“.Joachim Heisel: Tradition und Modernität: Reformarchitektur in Lübeck. Darmstadt: wbg 2021, ISBN 978-3-534-40593-0, S. 71
Der am Eingang links nach Westen liegende, im Halbkreis herausgezogene eingeschossige Hausteil diente als Wirtschaftsflügel; hier sind Küche und Anrichte untergebracht, eine seitliche Tür gestattet direkten Zutritt. Neben dem Haupteingang in der südwestlichen Ecke liegen Windfang und Garderobenablage.Die Baubeschreibung ist im Wesentlichen eine Synthese der zeitgenössischen Beschreibungen von Muthesius, Schur und Mahn.
Im Erdgeschoss enthält das Haus eine große, ihr Licht von Westen empfangende Halle mit dem Haupttreppenaufgang, an die östlich das Wohnzimmer, nördlich das Esszimmer, südlich das Musikzimmer stoßen. Dadurch, dass im Obergeschoss keine Kinderzimmer einzuplanen waren, konnte die in naturfarbener Eiche getäfelte Halle durch zwei Stockwerke geführt werden.Haus Stave in Lübeck, in Landhäuser von Hermann Muthesius : Abbildungen und Pläne ausgeführter Bauten: mit Erläuterungen des Architekten. München 1912, S. 53–60 (Digitalisat) Hochgezogene Wände hindern den Einblick in den oberen Umgang, an dem die Schlafzimmer liegen; sie sind in weiße Felder geteilt, umrahmt von grünem und gelbem Blätterwerk; die Felder konnten später, so Muthesius, mit Wandmalerein versehen werden. Die Decke ist in Felder geteilt mit dunklen Leisten. Unter dem Treppenpodest befindet sich eine gemütliche Kaminnische im Stil des Arts and Crafts Movement; die Kaminumrahmung war aus grünem und blauem Glasfluß.
Die Felder des Treppengeländers sind durchbrochen mit Messingfüllungen in Dreieckformen, die ebenso oben in den Fenstern als Umrahmung wiederkehren. Die Beleuchtung der Halle lieferte ein Bündel Glühlampen an langen Schnüren, das als Schmuck metallene Reflexschirme aus hellem Messing und auf der Leitungsschnur aufgereihte Glasperlen hatte. Blau war neben dem naturfarbenen Holz die Hauptfarbe. Neben der Haupttreppe gab es noch eine Nebentreppe für das Personal.
Seitlich trat man in das Musikzimmer, das nach Süden liegt. Die Wand war in Palisander mit farbigen Einlagen gehalten, aus dem gleichen Holz waren die Möbel und der Flügel gearbeitet. Die Möbel waren mit einem hellen, blaugrünen Morris-Seidendamast bezogen. Dieses Blaugrün und Braun kehrte oben in den Kanten und Feldern des Wandfrieses wieder. Die Decke zeigte aus Stuck gearbeitete wellenartige Ornamente in einem leichten Rhythmus, der Parkettboden farbigen, teppichartigen Schmuck. Eine Blumenhalle (Wintergarten) in Weiß und Grün, die zugleich den Ausblick in den Garten öffnet, schließt sich dem Musikzimmer an.
Das große Wohnzimmer liegt nach Osten. Ein runder Erker gibt durch tief herunterreichende Fenster den Blick auf die vorgelagerte Blumenterrasse frei. Die Wand ist mit Mahagoni mit sparsamen Einlagen verkleidet. Die Möbel waren ebenfalls aus Mahagoni gearbeitet, mit Bezügen aus gemustertem roten Wollstoff. Den Fußboden bedeckte ein roter Smyrnateppich. Die Decke war ebenso wie der freibleibende Wandteil in quadratische Felder geteilt. Der Teil zur Diele hin war überwölbt und mit Schablonenmustern geschmückt. Alle Schränke waren in die Wand eingelassen.
Den Übergang zum Esszimmer, das nach Norden liegt, vermittelt eine Eckveranda. Das Eßzimmer ist in heller Eiche gehalten, mit schwarzen Einlagen. Die Decke hat ein Kassettenmuster aus Stuck. Alle Stoffe waren hier in grün gehalten, die Möbelbezüge waren hellgrünes Saffian-Leder. Der Teppich zeigte als Grundton Grün mit Blau. Die Form der Stühle war hier hochstrebender, feierlicher. Das Büfett war zum Teil in die Wand eingelassen und fügte sich, ebenso wie die Heizkörper, in die Holzverkleidung ein. Wie bei Muthesius allgemein, waren zwei Essgelegenheiten vorgesehen, ein kleiner runder Tisch im Erker für die Familie, ein großer viereckiger Tisch in der Mitte für Gesellschaften. An das Esszimmer stoßen Anrichte und Küche.
Über der Küche befindet sich im Obergeschoss ein breiter Balkon, der zugleich der Halle Licht gibt. Hier liegen ein Fremdenzimmer in Gelb und Weiß, mit gestrichenen Wänden, eingelassenen Schränken und Nischen, sowie eine Nähstube. Das Schlafzimmer war in Weiß gehalten mit einem Stoff von Richard Riemerschmid für Vorhänge und Bezüge, der „ein phantastisch verschlungenes Muster von grauen Blättern und grauroten Stengeln“ zeigte. Daneben befand sich ein Ankleideraum in Dunkelgrün. Ein kleiner Korridor führte zum Bad. Dem Schlafzimmerteil war ein breiter Balkon vorgelagert, der den Austritt gestattete. Vom nach Westen gelegenen Damenzimmer oder Rosenzimmer mit zierlicheren Möbeln und rosageblümtem Wandstoff hatte man einen besonders schönen Blick über die Wakenitz auf die Lübecker Altstadt.
Im Dachgeschoss lagen neben einem großen Trockenboden die Mädchenzimmer für das Hauspersonal – mit eigenem Bad, was damals nicht selbstverständlich war. Die Zimmer hatten eine einfache Gestaltung. Wandteilung und Anstrich in Gelb und Weiß oder Grün und Weiß gaben aber auch diesen kleinen Räumen Wirkung.
Garten