mini|Intermediäre Kanne von Nepenthes minima (laut Evans 2009) auf Sulawesi, Foto: Alfindra Primaldhi Nepenthes minima ist eine fleischfressende Pflanze aus der Gattung der Kannenpflanzen (Nepenthes). Sie wird in die Sektion Regiae (Borneo, Wallacea, Neuguinea) eingeordnet. Die Art ist in Zentralsulawesi (Indonesien) in der weiteren Umgebung des Poso-Sees heimisch. Nepenthes minima ist die erste bekannte, an Feuereinwirkung angepasste (pyrophytische) Grasland-Nepenthes-Art außerhalb Indochinas und der Philippinen. Ihre Verbreitung ist auf die Hochlandgrasländer von Zentralsulawesi beschränkt. Im Vergleich zur eng verwandten Nepenthes maxima ist Nepenthes minima in der Regel wesentlich kleiner und in allen Aspekten zierlicher. Sie wirkt daher wie eine Zwergform dieser Art und gilt als natürlich entstanden. Das Artepitheton minima stammt aus dem Lateinischen und bedeutet „die Kleinste“ (von lat. minimum „das Kleinste“). Dazu gibt es weitere Unterschiede, um sie von der eng verwandten N. maxima abzugrenzen wie zum Beispiel die ausgeprägten Knollenwurzeln, die auf die Angepasstheit der Art an das Überleben trotz Bränden und saisonal trockenem Boden hinweisen.
Beschreibung Nepenthes minima ist ein terrestrischer Halbstrauch. Laut Cheek & Jebb (2016) stellte der britische Feldbiologe und Autor Steward McPhersonCheek & Jebb beziehen sich hierbei auf: McPherson S. 2009: Pitcher plants of the Old World. Redfern Natural History Productions, Dorset, UK. in niedrigem Gras aufrechte, selbsttragende Stängel von Nepenthes minima mit einer Höhe von bis zu 35 cm fest. Sie nennen eine Wuchshöhe von dreißig bis zu sechzig Zentimeter.Im Gegensatz hierzu gibt Evans 2009 mit bis zu zwei Dritteln der Wuchshöhe von N. maxima größere Wuchshöhen an, wobei er sich hierbei allerdings im Gegensatz von Cheek & Jebb (2016) auf von Liebhabern kultivierte Pflanzen beziehen könnte (die er jedoch ebenfalls als kleiner als N. maxima beschreibt). Generell charakterisiert er die Miniaturform als ein Viertel bis halb so groß wie N. maxima. Zumindest bei kultivierten Pflanzen weist N. minima einen Durchmesser von 20 bis etwa 32 cm auf. Die Stängel sind nicht nur kürzer, sondern auch dünner als die der eng verwandten Nepenthes maxima. Die Internodien, womit man den blattlosen Teil einer Sprossachse zwischen zwei Knoten bezeichnet, sind (3.2–)4.5 bis 5.2(–6) Zentimeter lang. Die Behaarung (das Indument) ist mattweiß bis orange-grau gefärbt.
Die „Blattspreite“wie bei allen Nepenthes eigentlich ein umgebildeter Blattgrund, strenggenommen ist erst die Kanne die Spreite ist ledrig, 4,8 bis 12,5 cm lang und 1,3 bis 3,5 cm breit und umgekehrt-eiförmig bis lanzettlich, am äußeren Ende abgerundet bis spitz zulaufend. Die Blattstiele sind im Querschnitt U-förmig.
Kannen Wie bei Kannenpflanzen häufig, weisen die Kannendas sind wie bei allen Nepenthes die eigentlichen Blattspreiten von Nepenthes minima einen Dimorphismus auf. Daher unterscheiden sich die unteren, bodennah wachsenden Kannen und die höheren, sogenannten Luftkannen (Hochkannen) hinsichtlich Form und Größe, zudem gibt es „dazwischenliegende“, sogenannte intermediäre Kannen.
Intermediäre Kannen Diese intermediären KannenBodenkannen lagen den Erstbeschreibern nicht vor sind schmal trichterförmig-zylindrisch geformt. Sie sind ungefähr 9 cm lang, haben eine relativ schmale Öffnung und sind unterhalb des Saumes (Peristom) um die Öffnung der Kannenfalle 2 cm breit. Auf halber Strecke zwischen Kannenbasis und Kannenspitze weisen die Kannen einen Durchmesser von ungefähr 1,5 cm auf. Vom Peristom gehen zwei gefranste Flügelleisten aus, die 2 Millimeter breit sind und neun Zehntel der Länge bis zur Basis der Kannen ausmachen. Die Außenfläche der Kannen weisen ein ähnliches Indument auf wie die Hochkannen.
Hochkannen Die Hochkannen sitzen an gewundenen Ranken, sind schmal trichterförmig geformt, selten zylindrisch, sind grünIm Gegensatz zu dieser Angabe der Erstbeschreiber weisen Hochkannen in Kultivation eine beige-grüner Grundfarbe auf und sind je nach Klon mal mehr, mal weniger in Form von kleinen, rotbraunen Streifen gemustert, ebenso das Peristom und entlang der Hauptachse leicht gebogen. Sie sind (5–)6 bis 10,5(–12) × 1,2 bis 1,5(–2,05) Zentimeter groß. Auf halber Strecke zwischen Basis und Peristom verjüngen sie sich auf 1 bis 1,2 cm Breite. Flügelleisten fehlen; das Indument der Außenfläche ist zu 10–30 % mit drei Arten von Indument bedeckt. Das Peristom der Hochkannen ist schmal eiförmig, flach, in der vorderen Hälfte schräg und im hinteren Bereich leicht konkav. Das Peristom ist im Querschnitt abgeflacht-zylindrisch und 3 bis 4,5 mm breit. Dessen Innenfläche ist in der oberen Hälfte wachsartig, die untere Hälfte ist drüsig und glänzend. Am Kannendenkel befinden sich Nektardrüsen (Nektarien), sie befinden sich zumeist um die Mittelrippe. An der Unterseite der Deckel der Hochkannen findet sich sowohl ein basales als auch ein apikales Anhängsel, das ungefähr 4 Millimeter lang ist. Das apikale Anhängsel ist wesentlich länger, fadenförmig-zylindrisch ausgebildet, das basale Anhängsel wirkt unauffällig, ist seitlich abgeflacht und ungleichseitig dreieckig ausgeformt.
Blütenstand, Blüte und Samen Wie alle Arten der Gattung ist auch Nepenthes maxima zweihäusig getrenntgeschlechtig (diözisch), das heißt, dass ein Pflanzenexemplar entweder nur männliche oder nur weibliche Blüten besitzt.
Der weibliche Blütenstand (Infloreszenz) ist 21,2 bis 33 Zentimeter hoch und 3 Zentimeter breit. Dessen 20 bis 27 Blütenstiele sind jeweils einblütig, weisen keine Hochblätter auf, sind 0,3 bis 0,6 Zentimeter lang und zu etwa 50 % mit Indument bedeckt. Die (4–)5 bis 6 Blütenkronblätter (Petalen) der weiblichen Blüten sind schmal länglich-elliptisch ausgeformt, 2,3 bis 2,6 Millimeter lang und 0,8 bis 0,9 Millimeter breit, deren Spitze ist abgerundet. Die Oberseite der Blütenkronblätter ist mit 15 bis 20 länglich-elliptischen Nektardrüsen versehen, die Unterseite zu etwa 20 % mit Haaren bedeckt. Der Fruchtknoten ist flaschenförmig, 3,5 × 1,1 Millimeter und zu 100 % mit weißen, anliegenden Haaren von 0,2–0,3 mm Länge bedeckt. Die Blüten haben vier Narben.
Die Samen sind faden- bis spindelförmig, 4,4 Millimeter lang, 0,11 Millimeter breit und blassgelb gefärbt.
Wurzeln Nepenthes minima bildet mehrjährige unterirdische fleischig-ledrige Knollenwurzeln, die als Speicherorgane fungieren. Der Wurzelstock hat einen Umfang von ungefähr 8 × 2 Zentimeter.
Verbreitung mini|Zentralsulawesi (weiß). Der Poso-See ist der größte See in der weiß gefärbten Fläche. mini|Der Poso-See (unten) und das Gebiet des zugehörigen Regierungsbezirks Poso und dessen Umgebung in Zentralsulawesi von einem Erdbeobachtungssatelliten aus gesehen, oben links der Lindu-See, Foto: Landsat, NASA, 1994 mini|Der Distrikt Lore Utara im Regierungsbezirk Poso, zwischen Poso- und Lindusee gelegen (die Seen sind blau hervorgehoben) Nepenthes minima kommt endemisch in Zentralsulawesi an den Hängen des Poso-Sees und in dessen weiterer Umgebung vor. Cheek & Jebb (2016) geben hierzu folgende Ortsangaben: Tengah Tamadue, Napu, Lore Utara und Poso. Laut Evans (2009) wächst N. mimima in Höhenlagen zwischen 400 (Angabe in Bildunterschriften) und geschätzt 1200 Metern, wobei Alfindra Primaldhi und Muhammad Apriza Suska eine dritte Miniaturpopulation auf 1600 Metern gefunden hätten. Laut Cheek & Jebb (2016; sie beziehen sich hierbei wiederum auf eine persönliche Beobachtung des britischen Feldbiologen und Autors Stewart McPherson) kommt N. minima jedoch in Höhenlagen zwischen 1400 und 1700 Metern vor. An anderer Stelle in derselben Publikation geben Cheek & Jebb (2016) Vorkommen zwischen 1000 und 1700 Meter an. Die Pflanzen siedeln in saisonal trockenen Graslandschaften. Die nächstgelegenen N. maxima befinden sich 10 bis 15 Kilometer nördlich und südlich des Poso-Sees in Hochlandgebieten über 1600 Metern.
Habitat und Ökologie mini|Grasland (Savanne) mit wenigen hohen Bäumen im Bezirk Lore Tengah, Kreis Poso, Zentralsulawesi N. minima wächst in submontanen offenen Graslandschaften. Dort kommen auch Grasarten der Gattung Imperata sowie Orchideen der Gattungen Arundina und Spathoglottis vor. Der Lebensraumtyp, in dem N. minima gefunden wird, kann Temperaturen von über 38 °C ausgesetzt sein. Während der Hochsaison der Trockenzeit (Mai bis September) kann die Pflanze viele Wochen lang wenig oder gar keinen Regen erhalten. Die vergleichsweise winzigen N. minima wachsen in einem lateritischen Substrat aus grau-gelbem Lehm, das während der Trockenzeit regelrecht hart gebacken wird. Man könnte erwarten, dass die Brände, die in der Trockenzeit die Graslandschaften verwüsten, die Nepenthes minima vernichten. Stattdessen überlebt Nepenthes minima wie andere pyrophytische Nepenthes-Arten durch ihre unterirdische Knollenwurzel.
Systematik Nepenthes minima wurde 2016 von den britischen Botanikern Matthew Jebb & Martin Cheek erstbeschrieben. Das Art-Epitheton bedeutet so viel wie „die Kleinste“ und verweist als Antonym auf das im Vergleich mit Nepenthes maxima zierliche und kleinere Erscheinungsbild der Art. Der indonesische Vernakulärname ist laut Cheek & Jebb (2016) Kantong semar, wobei diese Bezeichnung für alle Kannenpflanzen verwendet wird. Nepenthes minima wurde zunächst im Jahr 2008 von David P. Evans als Sorte Nepenthes maxima ‘Lake Poso’ abgegrenzt,Helmut Genaust: Etymologisches Wörterbuch der botanischen Pflanzennamen. 3., vollständig überarbeitete und erweiterte Auflage. Birkhäuser, Basel u. a. 1996, ISBN 3-7643-2390-6. daher lautet ein Synonym Nepenthes maxima 'Lake Poso' D.P.Evans (2009). Als nächstverwandt innerhalb der Gattung gilt Nepenthes maxima, danach Nepenthes klossii, Nepenthes fusca und Nepenthes eymae. Dem dänischen Botaniker und Taxonomen Benedictus Hubertus Danser (1928) folgend ordnen Cheek & Jebb (2016) N. minima analog zu N. maxima in die Klade bzw. Sektion Regiae ein. Ausschlaggebend hierfür waren die basalen und apikalen Anhängsel der Hochkannendeckel und die im Querschnitt U-förmigen Blattstiele.
Hypothese zur Entstehung Cheek & Jebb (2016) zitieren die Vermutung von Steward McPherson, dass die von ihnen beschriebenen Populationen auf die trockenen Bedingungen ihres Lebensraums reagiert hätten. So hätten sie sich verkleinert, um die Verdunstung von Wasser (Evapotranspiration) zu minimieren. Die Tatsache, dass N. minima an hochgelegene Graslandschaften auf Sulawesi angepasst und offenbar auf diese beschränkt ist, deute laut Cheek & Jebb (2016) darauf hin, dass diese Lebensräume bereits vor dem Einfluss der Menschen existierten. Dass N. minima aus einem im Wald vorkommenden Vorfahren hervorgegangen sei, erscheine plausibel.
Abgrenzung zu Nepenthes maxima Das der vielgestaltigen Nepenthes maxima sehr ähnliche, doch kleiner bleibende Taxon Nepenthes minima wurde zunächst im Jahr 2008 als Sorte Nepenthes maxima ‘Lake Poso’ abgegrenzt und seit 2016 als eigene Art erstbeschrieben.