mini|Franz von Lenbach: Theodor von Cramer-Klett, 1883 mini|Cramer-Klett-Denkmal (bis 6. Dez. 2011) in der Nürnberger Frankenstraße mini|Denkmal (2012) mini|Das Cramer-Klett-Denkmal auf dem MAN-Werksgelände in Nürnberg (2022)
Theodor Cramer, ab 1847 Cramer-Klett, ab 1855 von Cramer-Klett, ab 1876 Freiherr von Cramer-Klett, (* 27. September 1817 in Nürnberg; † 5. April 1884 in Aschau im Chiemgau) war ein deutscher Kaufmann und Industrieller. Neben Joseph von Baader (1763–1835) und Joseph Anton von Maffei (1790–1870) gilt Cramer-Klett, in seiner Eigenschaft als Eigentümer der Maschinenbau Aktiengesellschaft Nürnberg, als einer der drei wichtigen Wegbereiter der Eisenbahn in Bayern. Als bedeutender Finanzier war er Gründer der Süddeutschen Bodencreditbank AG sowie Mitbegründer der Privatbank Merck, Christian & Co. (der späteren Merck Finck & Co) und der Münchener Rückversicherungs-Gesellschaft.
Leben Herkunft, Ausbildung und berufliche Anfänge Theodor Cramers Urgroßvater Johann Friedrich Cramer (1719–1763) war Pastor der luth. Gemeinde Werden an der Ruhr, heute ein Stadtteil von Essen. Pastor Cramer heiratete im Jahr 1750 Catharina Elisabeth Godefridi. Ein Sohn dieses Paares war Albert Johann Cramer (1751–1820), der nach Amsterdam auswanderte. Gemeinsam mit seinen in Nürnberg ansässig gewordenen Brüdern Arnold Friedrich Cramer (1753–1815) und Wilhelm Cramer (1762–1848) betrieb er einen Handel mit Kolonial- und Textilwaren. Ab Februar 1794 war Valentin Pfeifer, der aus Sommerau im Spessart stammte, Teilhaber der Firma Albert Johann Cramer in Amsterdam. Ab 1. Juli 1798 übernahm Valentin Pfeifer das Geschäft und führte es nun unter seinem Namen weiter. Das Verhältnis von Albert Johann Cramer zu Valentin Pfeifer war sehr persönlich. So wurde Cramer der Pate des Sohnes von Valentin und Maria Agnes Pfeifer, Albert Johann Pfeifer (* 18. Oktober 1802 in Amsterdam).Chronik der Familie Pfeifer, Köln (um 1975, nur im Familienkreis veröffentlicht)
Theodor Cramers Großvater Arnold Friedrich Cramer (1753–1815) heiratete die Nürnberger Pfarrerstochter Juliana Degen (1759–1799). Kinder dieser Ehe waren Albert Johann Cramer (1784–1844), der Vater von Theodor, und Elise Cramer (1790–1862), die mit dem Nürnberger Marktvorsteher und Initiator der Ludwigseisenbahn, Georg Zacharias Platner (1781–1862), verheiratet war.
Theodor Cramer war der Sohn von Albert Johann Cramer (1784–1844) und Christina Falke (1787–1842). Vater Albert Johann Cramer war im familiären Handelsgeschäft tätig und kaufte 1831 ein Gelände am Schmausenbuck (Erhöhung am östlichen Rand von Nürnberg), um es in einen romantischen Vergnügungspark umzugestalten. Die Unternehmung scheiterte und verschuldet ging Albert Johann Cramer mit seiner Familie nach Wien. Dort beteiligte er sich an einer Seifenfabrik.
Theodor Cramer erwarb zunächst kaufmännische Kenntnisse im Geschäft des Vaters. 1837/38 absolvierte er ein Ausbildungsjahr im großen Prager Handels- und Bankhaus Lämel und besuchte dann ein Jahr lang in München Vorlesungen in Philosophie (Friedrich Wilhelm Joseph Schelling) und Naturwissenschaften (Justus Liebig).Vgl. zum Folgenden vor allem Biensfeldt, J.: Freiherr Dr. Th. von Cramer-Klett erblicher Reichsrat der Krone Bayern. Sein Leben und Werk (...). Leipzig u. Erlangen o. J. (1922).
Ende 1839 musste er nach Wien zurückkehren, um den kränkelnden Vater in der Seifenfabrik zu unterstützen. Doch schon 1840 übersiedelte er nach Genf, wo er in einem Bankhaus seine Kenntnisse des Finanzwesens vertiefte. In der Schweiz sowie auf Reisen nach Frankreich und Italien kam er in intensiven Kontakt mit liberal-demokratischen und auch frühsozialistischen Ideen.
1843 beschloss er, sich mit dem in Genf erworbenen kleinen Vermögen selbstständig zu machen, indem er die Verlagsbuchhandlung Bäumler erwarb. Dieser gliederte er 1844 den Friedens- und Kriegskurier an, den späteren Fränkischen Kurier, in dem er auch selbst politische Artikel publizierte. Erst 1849 gab er das Verlagsunternehmen auf Druck aus dem Stadtmagistrat ab.
Übernahme der Nürnberger Maschinenfabrik und Eisengießerei J. F. Klett Die entscheidende Wendung in seinem Leben trat 1847 durch seine Verheiratung mit Emilie Klett, der Tochter Johann Friedrich Kletts, ein. Johann Friedrich Klett war der Begründer einer Maschinenfabrik, die seit 1838 (zunächst mit Hilfe englischer Techniker) Eisenbahnmaterial, besonders Dampfmaschinen und Kessel, herstellte.
Theodor Cramer übernahm nach Kletts Tod 1847 die Maschinenfabrik und Eisengießerei J. F. Klett, die er 1865 in die Offene Handelsgesellschaft Maschinenbau-Gesellschaft Nürnberg Klett & Co. und 1873 schließlich in die Maschinenbau-Actiengesellschaft Nürnberg umwandelte. Mit dem hervorragenden Eisenbahnfachmann und genialen Erfinder Johann Ludwig Werder, den Cramer-Klett 1848 von der Konkurrenz abwarb und zum technischen Leiter machte, baute er das Unternehmen rasch zu einer der führenden Maschinenfabriken Deutschlands aus.Zum Folgenden bes. Spree, R.: Eine bürgerliche Karriere im deutschen Kaiserreich. Der Aufstieg des Advokaten Dr. jur. Hermann Ritter von Pemsel in Wirtschaftselite und Adel Bayerns. Aachen 2007, S. 173–189, 251–263. Neben der Eisengießerei und der Produktion von Eisenbahnmaterial, Eisenbahnwaggons sowie Gewehren – alles möglichst in Massenfertigung – waren die Hauptarbeitsgebiete der Bau von Dampfmaschinen und Brücken (u. a. Isar-Hochbrücke bei Großhesselohe 1857; Rheinbrücke von Mainz nach Gustavsburg 1860–1862, die sogenannte Mainzer Südbrücke).
Darüber hinaus erwarb sich Cramer-Klett früh große Anerkennung durch Hochbauten in Glas und Eisen wie die Schrannenhalle in München 1851/52, den Wintergarten an der königlichen Residenz in München 1853 und die Würzburger Bahnhofshalle 1856. In Anerkennung der besonderen Leistung bei der nur 100 Tage beanspruchenden Errichtung des Glaspalastes für die Allgemeine Münchener Gewerbeausstellung 1854 (nach dem Vorbild des Londoner Kristallpalastes) wurde er im selben Jahr in den persönlichen Adelsstand erhoben.Sonntagsblatt Ausgabe 19/2008 vom 11. Mai 2008
Finanzierungen und Bankengründungen Cramer-Kletts große Fähigkeiten in den Bereichen Organisation und Menschenführung wurden ergänzt durch eine Leidenschaft für Finanzgeschäfte. So beteiligte er sich seit Mitte der 1850er Jahre an zahlreichen Eisenbahngesellschaften, indem er in deren Verwaltungsrat eintrat, beglich aber die Kapitaleinlagen nicht in bar, sondern durch Materiallieferungen seiner Unternehmen und sicherte sich auf diese Weise Aufträge und zugleich Liquidität. Die Handelsgesellschaft Klett & Co., über die er seine Finanzgeschäfte abwickelte, machte er nach und nach zu einer Holding, die „vollkommen die Merkmale einer Handels- und Industriebank aufwies“.Biensfeldt, S. 97.
Bei seinen Finanztransaktionen kooperierte er, vor allem in den 1860er und 1870er Jahren, fast immer mit der ersten privaten Bank für Industriefinanzierungen auf Aktienbasis in Deutschland, der 1853 von rheinischen Industriellen und Bankiers, an der Spitze Gustav von Mevissen, gegründeten Bank für Handel und Industrie, wegen ihres Standorts auch Darmstädter Bank genannt. Gemeinsam mit der Darmstädter Bank gründete Cramer-Klett unter anderem Privatbanken in der Form von Kommanditen in Wien (1867), Stuttgart (1869), München (1870), Kassel (1873) und Mailand (1873) sowie 1871 die Süddeutsche Bodencreditbank AG in München.Vgl. eine Übersicht über die Beteiligungen der Holding Klett & Co. bei Eibert, G.: Unternehmenspolitik Nürnberger Maschinenbauer (1835–1914). Stuttgart 1979, S. 78. Für die Gründung der Kommandite in München entsandte er seinen Rechtsbeistand Heinrich Merck, dessen Position in Nürnberg er dem jungen Advokaten Hermann Pemsel übertrug, seit 1872 mit Generalvollmacht ausgestattet. Die Münchener Kommandite Merck, Christian & Co. entwickelte sich unter dem überaus fähigen Prokuristen Wilhelm Finck bald zu einer der führenden deutschen Privatbanken.Das Kommanditverhältns zu Cramer-Klett wurde 1897 im gegenseitigen Einvernehmen beendet. Seitdem waren Wilhelm Finck und sein Bruder August die offenen Teilhaber und Mehrheitseigner der sich ab 1879 Merck Finck & Co nennenden Bank; Merck und Christian blieben mit Minderheiten stille Teilhaber. Die Kommanditen in Kassel und Mailand überstanden dagegen die Wirtschaftskrise der 1870er Jahre nicht.
Gründung der Münchener Rückversicherungs-Gesellschaft Seine bedeutendste finanzielle Initiative war zweifellos die Gründung der Münchener Rückversicherungs-Gesellschaft im Jahre 1880. Der umtriebige Generalagent der Versicherungsgesellschaft Thuringia, Carl Thieme, hatte 1879 die Idee zur Gründung einer Hagelversicherung an Cramer-Klett herangetragen, die dieser allerdings verwarf. Das im Winter 1879/80 nachgereichte Projekt einer Rückversicherung überzeugte ihn und seine Berater dann jedoch, weil der Versicherungsbedarf deutscher Erstversicherer damals, wie Thieme belegen konnte, fast ausschließlich durch englische, französische und Schweizer Unternehmen abgedeckt wurde.
Schon kurze Zeit später hatte Hermann Pemsel die Statuten des zu gründenden Unternehmens ausgearbeitet und beantragte am 6. März 1880 zusammen mit Wilhelm Finck die Konzessionierung durch die bayerische Regierung.Zu Details der Gründung vgl. Spree, R.: Two Chapters on early history of the Munich Reinsurance Company: The Foundation/ The San Francisco Earthquake. Department of Economics, University of Munich, Munich Discussion Paper No. 2010-11, München 2010 (online). Das Gründungskapital von 3 Mio. Mark, zu 40 % sofort eingezahlt, brachten die mit Cramer-Klett seit langem liierten Banken (Bank für Handel und Industrie sowie Merck, Finck & Co), die Finanzholding Klett & Co., die persönlichen Vertrauten (Wilhelm Finck, Philipp Schmidt-Polex, Friedrich von Schauss, Hermann Pemsel) und der künftige Vorstand Carl Thieme auf. Wilhelm Finck und Hermann Pemsel als sein Vertreter übernahmen den Vorsitz des Aufsichtsrats, der sich von Beginn an intensiv auch im Tagesgeschäft engagierte.Zur Geschäftsführung und zur weiteren Entwicklung der Münchener Rückversicherung vgl. Kluge, H.: Gründer und Erben. Die Münchener Rückversicherungs-Gesellschaft (1880–2007). München 2009 (unveröffentlichtes Manuskript), S. 32–60.
Das Unternehmen wuchs rasch, war schon 10 Jahre später Weltmarktführer und schuf sich 1890 mit der Gründung der Allianz Versicherungs-Aktiengesellschaft in Berlin ein starkes Standbein im Erstversicherungsgeschäft.Vgl. dazu besonders Kluge, H.: Der Einfluß des Geschäfts der "Allianz" auf die Entwicklung der "Münchener Rückversicherungs-Gesellschaft" in deren ersten fünfzig Jahren (1880–1930). In: Jahrbuch für Wirtschaftsgeschichte – Economic History Yearbook 2006/2, S. 217–246.
Erwerb der Herrschaft Hohenaschau Bis zum Tode Emilie Kletts 1866 war die erste Ehe Cramer-Kletts kinderlos geblieben. Es war für ihn eine freudige Überraschung, als ihm seine zweite Frau, die Apothekerstochter Elisabeth Curtze aus Worms, im achten Ehejahr 1874 einen Sohn gebar. Frau und Sohn sollten finanziell abgesichert sein; deshalb bemühte sich Cramer-Klett in den Folgejahren um ein solides Erbe. Das schien ihm angesichts der aktuellen Wirtschafts- und Finanzkrise durch die teilweise mit Problemen kämpfenden Industrie- und Bankbeteiligungen nicht ausreichend gegeben, während Grundbesitz sicherer wirkte und zugleich ungleich höheres Prestige besaß.Vgl. zu den Schwierigkeiten der Cramer-Klettschen Unternehmen in der Krise 1873–1879 Eibert, S. 77 ff., sowie H.-J. Rupieper: Arbeiter und Angestellte im Zeitalter der Industrialisierung. Eine sozialgeschichtliche Studie am Beispiel der Maschinenfabriken Augsburg und Nürnberg (MAN) 1837–1914. Frankfurt/M. und New York 1982, S. 24.