mini|alternativtext=Portraitansicht von Gareth Porter|Gareth Porter
Gareth Porter (* 18. Juni 1942 in Independence, Kansas, USA) ist ein US-amerikanischer Historiker, Vietnam-Experte, investigativer Journalist und akademischer Anti-Kriegs-Aktivist.
Seine Bücher befassen sich mit dem Vietnamkrieg, dem Genozid in Kambodscha, dem kommunistischen Revolutionskampf auf den Philippinen und dem iranischen Atomprogramm und kritisieren häufig die US-amerikanische Außenpolitik.
Für seine ab 2005 und meist bei Alternativmedien erscheinenden journalistischen Texte über aktuelle Krisen im Nahen Osten wurde er mit dem Martha Gellhorn-Preis für investigativen Journalismus ausgezeichnet.
Leben Porter wuchs mit seinen drei Geschwistern als Sohn zweier Lehrer und Mitglied der Church of the Brethren in einem Bauerndorf in Illinois auf. Er studierte drei Jahre an der Manchester University in Indiana (einer Einrichtung der Brethren). Dort freundete er sich mit dem späteren Friedensforscher Robert C. Johansen an, der sein Interesse an Außen- und Sicherheitspolitik weckte. Daraufhin wechselte er an die University of Illinois, wo er 1964 seinen Bachelor-Abschluss machte; 1966 gefolgt von einem Masterabschluss in Politikwissenschaften an der University of Chicago.
Im folgenden Jahr, als er an der Manchester University lehrte, stieß er – seit Mitte der 60er Jahre überzeugter Gegner des Vietnamkriegs – auf das Buch The Military Half von Jonathan Schell, das ihn dazu motivierte, sich ganz auf den Vietnamkrieg zu spezialisieren. 1968 unternahm er seine erste Vietnamreise. Ab demselben Jahr und bis 1975 provomovierte er an der Cornell University in Südostasienwissenschaften, woraus sein erstes Buch hervorging, das den Vietnamkrieg und den Vertrag von Paris behandelte.
Während seiner Promotionsstudien engagierte er sich außerdem als Aktivist in der Antikriegsbewegung. Unter anderem war er während einer zweiten Studienreise in den Vietnam von 1970 bis 1971 Leiter des Saigoner Büros des Dispatch News Service International, einer dort von Michael Morrow und weiteren freien Journalisten und Autoren gegründeten alternativen Nachrichtenagentur. Von 1973 bis 1976 war er Vizedirektor des Indochina Resource Centers, 1976 Berater des Committee on Missing Persons in Southeast Asia, von 1979 bis 1982 Herausgeber der Zeitschrift Indochina Issue; außerdem war er Vorsitzender des Committee of Concerned Asian Scholars.
Er lehrte Politikwissenschaften am City College of New York (1982–1983) und an der American University in Washington, D.C. (1985–1989), wo er auch der erste akademische Direktor für Friedens- und Konfliktforschung war, sowie Südostasienwissenschaften an der Paul H. Nitze School of Advanced International Studies der Johns Hopkins University.
1991 übernahm er die Leitung des internationalen Programms des Environmental and Energy Study Institute und befasste sich dort bis 1996 mit Umweltpolitik. Nach eigenen Angaben wurde er nach internen Auseinandersetzungen entlassen.: „When I got fired from that job for insubordination – not insubordination, but for raising issues that the Lenin and Stalin of that organization did not want to be raised …“ Daraufhin arbeitete er als Berater und freier wissenschaftlicher Mitarbeiter zu denselben Themen für den WWF, die OECD, das Umweltprogramm der Vereinten Nationen und die Globale Umweltfazilität.
Nachdem er als Historiker und Politikwissenschaftler bis 2005 zahlreiche Bücher und Studien zum Vietnamkrieg, dem Genozid in Kambodscha, dem Kommunistischen Revolutionskampf auf den Philippinen und zu Umweltpolitik verfasst hatte, veranlasste der Irakkrieg Porter, sich erneut als Journalist mit aktuellen Konflikten auseinanderzusetzen. Von 2005 bis 2014 berichtete er für den Inter Press Service (IPS) über politische, diplomatische und militärische Entwicklungen im Nahen Osten;Vergleiche schwerpunktmäßig über den Irakkrieg, die Verhandlungen über das iranische Atomprogramm (worüber er auch ein Buch verfasste; siehe unten) sowie die Rolle der USA im Krieg in Afghanistan und bei den Drohnenangriffen in Pakistan. Für seine beim IPS und bei Truthout veröffentlichten Artikel über Afghanistan wurde er 2012 mit dem Martha Gellhorn-Preis für investigativen Journalismus ausgezeichnet. Außerdem gewann er den Serena-Shim-Preis für unbestechliche Integrität im Journalismus und war 2023 Finalist beim Pierre-Sprey-Preis für Verteidigungsberichterstattung und -analyse.
Viele weitere Texte zu aktuellen Themen veröffentlichte er bei anderen alternativen Medienportalen wie beispielsweise Consortium News, wo er auch zum Vorstand gehörte. Porter begründete dies damit, dass in den vergangenen Jahren ein wachsender Druck auf unabhängige Medien spürbar geworden sei, mit bestimmten ideologischen Positionen konform zu gehen. In Plattformen wie Consortium News sah er daher einen der verbliebenen Freiräume für „investigative Berichterstattung und Analyse, die sich nie dem Druck mächtiger politischer Interessen beugen, zentrale Stories ignorieren oder sich offizielle, auf Falschheit basierende Narrative aneignen“ würden.
Weitere Analysen, Berichte und Interviews von und mit Porter erschienen regelmäßiger bei Al Jazeera English, Antiwar.com, Common Dreams, CounterPunch, Foreign Policy in Focus The Globalist, The Grayzone, Huffpost, LAProgressive, LobeLog, Middle East Eye, dem Real News Network und Truthdig. Zudem gab er Scott Horton über 300 Langinterviews für dessen Podcast The Scott Horton Show.
Werk
Vietnam
Frühe Aufsätze
Mitte der 70er Jahre argumentierte Porter in einer Reihe wissenschaftlicher Artikel gegen Behauptungen aus den USA, die er für Propaganda hielt. Der erste – The Myth of the Bloodbath – befasste sich mit den Landreformen in Nordvietnam, bei denen Großgrundbesitz enteignet und Land an Kleinbauern und Kooperativen verteilt wurde. Dabei kam es zu zahlreichen Tötungen, die Präsident Richard Nixon später als Begründung für die US-Intervention heranzog und deren Zahl auf „mindestens 500.000“ bezifferte.Zu: Porter selbst hob in seinem Aufsatz zunächst hervor, dass die Landreformen grundsätzlich notwendig gewesen seien, und bezeichnete Nixons Angaben als stark übertrieben. Er selbst schätzte die Zahl der Getöteten auf zwischen 1000 und 2500 – eine der niedrigsten Schätzungen in dieser Debatte. Der Historiker Scott Laderman schrieb 2010 in einem Rückblick auf die politische und akademische Debatte, Vietnam-Spezialisten erachteten heute generell die Schätzung von Edwin E. Moïse als die plausibelste. Dieser hatte Porters Kritik in seinem Buch Land Reform in China and North Vietnam grundsätzlich übernommen, seine Schätzung jedoch auf 3000 bis 15.000 Getötete angehoben.
In weiteren Aufsätzen wandte sich Porter gegen US-amerikanische Darstellungen des Massakers von Huế, die er ebenfalls als anti-kommunistische Gräuelpropaganda bewertete. Nach US-Erzählungen waren bei diesem Massaker zwischen 2800 und 3000 Vietnamesen getötet und in Massengräbern begraben worden. Porter wies erstens darauf hin, wie verdächtig es sei, dass das Militär Journalisten den Zugang zu diesen Massengräbern verwehrt hatte, und kritisierte zweitens die von dem Foreign Service-Offizier Douglas Pike verfasste Studie, auf der diese Schätzung basierte, als fehlerhaft und wies auf mehrere Übersetzungsfehler hin. Drittens verwies er auf widersprechende Berichte und Ergebnisse bei Exhumierungen. Porter selbst bezifferte danach die Zahl der Toten auf einige Hundert, die überwiegend nicht aus politischem Kalkül ermordet worden seien, sondern entweder bei Kampfhandlungen durch US-Truppen ums Leben kamen oder in Rückzugsgefechten des Vietcong starben. Wieder urteilte Laderman bei einem Rückblick auf die Debatte, dass Porter mit seiner Kritik an Pike richtig gelegen hatte; Pikes Studie gelte heute als diskreditiert und sei durch spätere Forschungen, insbesondere von Ngo Vinh Long, widerlegt worden.Ebenso in Nach
Vietnam-Monographien
Porters erstes Vietnambuch – A Peace Denied (1975) – analysierte die politischen und militärischen Strategien der Vereinigten Staaten und Nordvietnams vom Beginn des Kriegs bis zu den Verhandlungen über das Pariser Friedensabkommen. Seine Grundthese war, dass die Kommunisten stets nach einem Ende des Kriegs gestrebt hätten, was die USA jedoch konsequent und selbst noch bei den Verhandlungen über den Vertrag von Paris verhindert hätten.Mehrere Rezensenten kritisierten die bisweilen überpointierte Darstellung, hielten die Argumentation Porters aber für überzeugend, der Politikwissenschaftler MacAlister Brown (Williams College) schränkte ein, dass Porter in diesem Buch mit „vielen starken Seiten“ bisweilen den Präsidenten Nixon und Kissinger ohne ausreichenden Nachweis finstere Motive unterstellt habe.
Seine zweite Vietnam-Monographie, The Politics of Bureaucratic Socialism (1993), ist eine Geschichte und Analyse des politischen Systems in Vietnam nach 1945; nach dem Urteil des Rezensenten Mark Sidel „vielleicht die beste“ ihrer Art. Auch Douglas Pike, dessen Darstellung des Massakers von Huế Porter in seinen frühen Aufsätzen angegriffen hatte (siehe oben), würdigte das Werk als solide Forschung, in der Porters frühere ideologische Prägung nicht mehr erkennbar sei.
Perils of Dominance (2005), Porters letztes Vietnambuch, bietet eine Neuinterpretation des Kalten Kriegs am Paradigma von Vietnam. Porter argumentiert darin gegen die Annahme, die Zeit des Kalten Kriegs sei eine Zeit der bipolaren Weltordnung gewesen: Tatsächlich, so seine These, hätten sich die USA bereits früh als die dominante Macht erwiesen. Der amerikanischen politischen Elite sei dies auch bereits ab 1952 bewusst gewesen, ebenso Russland und China. Entscheidungen wie die zum Krieg in Vietnam müssten von diesem Bewusstsein einer politischen Dominanz der USA her erklärt werden, nicht etwa als Versuch, einen als bedrohlich eingestuften Kommunismus zurückzudrängen. Grund für den Vietnamkrieg sei stattdessen die National Security Bureaucracy gewesen, also Verteidigungsminister und Generalstab, CIA und diverse Berater der Präsidenten, die aus verschiedenen politischen und diplomatischen Motiven als Kriegstreiber agierten und sogar die Präsidenten Kennedy und Johnson überstimmten, die eigentlich gegen diesen Krieg eingestellt waren.Der Historiker Andrew Bacevich (Boston University) lobte das Buch als „erhellend und wunderbar subversiv“ und bezeichnete es als „ohne Zweifel den wichtigsten Beitrag des vergangenen Jahrzehnts zur Geschichte der nationalen Sicherheitspolitik der USA“. Andere Rezensenten schränkten ein, dass das Buch weniger innovativ sei, als Porter es darstelle: Die offizielle Begründung für das Handeln der USA im Vietnamkrieg sei zwar vielleicht weiterhin dominant bei der amerikanischen Gesamtbevölkerung, wissenschaftlich aber bereits seit den 1960ern überholt. Die Dominanz der USA zur Zeit des Kalten Kriegs sei in der linken Geschichtsschreibung eine gut etablierte Annahme, auch die Rolle kriegstreibender Berater sei keine neue Idee. Der Historiker Jeffrey Kimball (Miami University) charakterisierte das Buch daher entgegen Porters Bezeichnung nicht als „Neuinterpretation“, sondern als „dicht belegte Wiederholung, Expansion und Präzisierung älterer Argumente zur kritischen Rolle, die nationale Sicherheitsberater und Bürokraten gespielt hatten“.
Kambodscha