Die Wirtschaft Italiens ist die drittgrößte Volkswirtschaft der Europäischen Union und zählt mit einem nominalen Bruttoinlandsprodukt von über 2 Billionen US-Dollar zu den acht größten der Welt. Italien verfügt über eine diversifizierte Wirtschaft, die vom Dienstleistungssektor dominiert wird. Das Land ist Gründungsmitglied der Europäischen Union, der Eurozone, des Schengen-Raums, der OECD, der G7 und der G20. Von der Weltbank wird Italien als Hocheinkommensland klassifiziert, zählt zu den entwickelten Volkswirtschaften und gehört zu den führenden Exporteuren. Trotz seiner großen industriellen KapazitätSiehe auch Liste der Länder nach Industrieproduktion. und einem starken Mittelstand hat das Land in den letzten Jahrzehnten jedoch unter niedrigem Wachstum und strukturellen Problemen gelitten.

Geschichte

Vor der Einigung Italiens Das Gebiet des heutigen Italien war in der Antike das Zentrum des Römischen Reiches, dessen wirtschaftliche Stärke auf produktiver Landwirtschaft, blühendem Handel und einem ausgebauten Verkehrsnetz basierte. Laut den Schätzungen des Wirtschaftshistorikers Angus Maddison wurde der Wohlstand des römischen Italiens in Europa erst wieder während der industriellen Revolution der Neuzeit erreicht. Nach dem Zerfall Roms blieb der italienische Raum über Jahrhunderte in rivalisierende Klein- und Stadtstaaten zersplittert, Arbeitsteilung und Handel gingen für mehrere Jahrhunderte deutlich zurück. Im Mittelalter erlebten einige norditalienische Stadtstaaten wie Venedig, Genua und Florenz jedoch eine erstaunliche wirtschaftliche Blüte: Sie beherrschten den Mittelmeerhandel, entwickelten frühe Bank- und Kreditsysteme und wurden zur Drehscheibe des europäischen Fernhandels zwischen dem Nahen Osten und Nordeuropa. Mit der Entdeckung Amerikas nahm die relative Bedeutung Italiens im Fernhandel allerdings ab und die kommende Industrialisierung wurde weitgehend verpasst. Besonders blieb das überwiegend agrarisch geprägte Süditalien wirtschaftlich zurück und schon vor der staatlichen Einigung deutete sich das spätere Nord-Süd-Gefälle an.

Einigung Italiens und frühe Industrialisierung Nach der politischen Einigung 1861 stand Italien vor der Herausforderung, eine moderne Industriewirtschaft aufzubauen. Die neue Regierung förderte den Ausbau von Industrie und Infrastruktur vor allem im Norden (u. a. durch Eisenbahnbau und Schutzzölle), während der Mezzogiorno agrarisch geprägt blieb. Die Industrialisierung erfolgte relativ spät und schleppend; um 1914 lag das Pro-Kopf-Einkommen Italiens erst bei rund 60 % des westeuropäischen Durchschnitts. In dieser Zeit wanderten Millionen Italiener mangels wirtschaftlicher Perspektiven nach Übersee aus (besonders in die Amerikas). Bis zum Ersten Weltkrieg entstanden zwar erste industrielle „Dreiecke“ (z. B. Mailand–Turin–Genua), doch Italien blieb ein Nachzügler in der industriellen Entwicklung. Nach dem Krieg litt Italien unter hohen Schulden und Inflation, was zu verstärkten sozialen Konflikten (Biennio rosso) führte und die Machtübernahme der Faschisten in den frühen 1920er Jahren begünstigte.

Faschistisches Italien Die faschistische Diktatur unter Benito Mussolini (1922–1943) führte zunächst eine marktorientierte, später eine immer stärker staatsdirigistische Wirtschaftspolitik ein. In Reaktion auf die Weltwirtschaftskrise wurde 1933 die staatliche Holding IRI (Istituto per la Ricostruzione Industriale) gegründet, welche Banken und Schlüsselindustrien übernahm und im Sinne der korporativen Wirtschaft den Staatseinfluss ausbaute. Ab Mitte der 1930er verfolgte das Regime eine Autarkie- und Aufrüstungspolitik (etwa mit der „Weizenschlacht“ zur Steigerung der Getreideproduktion). Diese Bemühungen hinterließen nach dem Zweiten Weltkrieg einen aufgeblähten Staatssektor: Allein im IRI-Komplex gab es rund 250 verstaatlichte Unternehmen, von denen viele ineffizient waren und dauerhaft Staatshilfe benötigten. Die italienische Wirtschaft war 1945 daher durch Kriegsschäden und strukturelle Schwächen gezeichnet, das Leistungsniveau auf 40 Prozent des westeuropäischen Durchschnitts gefallen.

Wirtschaftswunder der Nachkriegszeit

mini|Der Fiat 500 war ein Symbol für das Italienische Wirtschaftswunder In den 1950er und 1960er Jahren holte Italien wirtschaftlich rasant auf. Bereits 1948 erreichte die Industrieproduktion wieder das Vorkriegsniveau, begünstigt durch amerikanische Marshallplan-Hilfe, den Abbau der faschistischen Zwangswirtschaft und der europäischen Integration (1951 war Italien Gründungsmitglied der Montanunion). In den Jahren 1958–63 erlebte das Land ein „Wirtschaftswunder“ mit jährlichen Industriewachstumsraten von über 8 %. Italien integrierte sich in den europäischen Handel, trat 1957 der EWG bei und investierte massiv in den Aufbau moderner Industrien. Neue Autobahnen, erschwingliche Konsumgüter (vom Kühlschrank bis zum Fiat-500) und günstige Energie (u. a. durch Erdgasfunde in der Po-Ebene), transformierten das Land in kurzer Zeit von einer agrarischen Gesellschaft zu einer der dynamischsten Industrienationen der Welt. Ende der 1960er Jahre übertraf Italiens Pro-Kopf-Einkommen zeitweise sogar das von Deutschland und Frankreich. Der Lebensstandard stieg deutlich, begleitet von steigender urbaner Beschäftigung und dem Ausbau des Sozialstaats.

Vom Boom zur Stagnation Ab den 1970er Jahren verlor der Aufschwung jedoch an Dynamik. Die Ölpreisschocks 1973/79 führten zu Stagflation, und innenpolitische Unruhen (Streikwellen, Terror der bleiernen Jahre) belasteten die Wirtschaft. Zwar modernisierte sich Italiens Industrie weiter, in den 1980ern trieb u. a. die Anpassung an das Europäische Währungssystem die Inflation zurück und es entstanden technologische Nischenführer, jedoch explodierten zugleich die Staatsausgaben. In den 1980er Jahren verdoppelte sich die Staatsverschuldung, und die Lira wurde mehrfach abgewertet, um die Wettbewerbsfähigkeit zu erhalten. In den 1990ern offenbarte sich dann eine strukturelle Wachstumsschwäche: Die Produktivität stagnierte zunehmend. Untersuchungen zeigen, dass Italiens totale Faktorproduktivität bereits ab den späten 1970ern zurückfiel und in den Jahren nach Einführung des Euro sogar negativ wurde.

Italien geriet im Vergleich zu anderen Industrienationen ins Hintertreffen. Eine Währungskrise 1992 führte zu einer drastischen Lira-Abwertung und zwang zu haushaltspolitischen Konsolidierungen; dennoch konnte Italien bis 1999 die Euro-Konvergenzkriterien erfüllen und der Währungsunion beitreten. Die langfristigen strukturellen Probleme, schwaches Produktivitätswachstum, Bürokratie, hohe Schulden, blieben aber bestehen und bremsten das Potenzial. Nach 2000 wuchs die Wirtschaft kaum noch, während Staatsschulden anstiegen.

Eurokrise und langsame Erholung mini|Skyline der Wirtschaftsmetropole Mailand Die internationale Finanzkrise 2007/08 stürzte Italien in eine schwere Rezession (2009 ging das BIP um knapp 5 Prozent zurück), gefolgt von der Euro-Schuldenkrise 2011–2013, in der Italiens Staatsanleihen unter massivem Druck standen. Zur Beruhigung der Lage implementierte die Technokratenregierung Monti ab 2011 Sparmaßnahmen und Reformen (u. a. Rentenkürzungen und höhere Steuern). Trotzdem durchlief Italien 2012–2013 eine neue Rezession, und die Wirtschaftsleistung 2013 lag etwa 8,5 % unter dem Vorkrisenniveau von 2007. Erst ab 2014 stabilisierte sich die Lage langsam. Die Erholung verlief jedoch äußerst schleppend: Selbst ein Jahrzehnt nach der Finanzkrise blieb die Wirtschaftskraft hinter früheren Spitzenwerten zurück. So waren die italienischen Lebensstandards auch 2020 noch nicht auf dem Niveau von 2007; das BIP pro Kopf lag unter dem Wert von 2006.

In den 2010er Jahren kam es nur zu minimalem Wachstum (durchschnittlich ca. 0,5 % jährlich), die Produktivität stagnierte weiter und die Arbeitslosigkeit verharrte im zweistelligen Bereich. Immerhin erholte sich die italienische Exportwirtschaft, dank interner Lohnzurückhaltung und Reformen, etwas und trug zum bescheidenen Wachstum bei. 2020 traf die COVID-19-Pandemie Italien jedoch hart (BIP 2020: −9 %), bevor 2021/22 eine Erholung einsetzte. Von dem EU-Wiederaufbaufonds profitierte Italien mit Zahlungen in Höhe von 194 Milliarden Euro über mehrere Jahre, davon 70 Milliarden Zuschüsse. Die Hilfen lösten einen Bauboom in Italien aus, auch wenn viele Mittel nicht effektiv eingesetzt werden konnten. Mitte 2025 lag die Arbeitslosenquote in Italien auf dem niedrigsten Stand seit 2007.

Struktur

Dienstleistungen und Bankenwesen mini|Touristenort an der Italienischen Riviera Die Dienstleistungsbranche erwirtschaftet zwischen 65 und 70 % des italienischen BIP und stellt etwa 70 % der Arbeitsplätze. Dazu zählen Handel und Verkehr, der Tourismussektor, öffentliche Verwaltung, Bildung und Gesundheit sowie das Finanz- und Versicherungswesen. Italien ist eines der weltweit meistbesuchten Länder (68 Millionen Auslandsgäste 2024), wodurch Gastronomie, Hotellerie und kulturelle Dienstleistungen erheblich zur Wirtschaft beitragen. Auch der Finanzsektor hat traditionell Gewicht: Große italienische Banken wie Intesa Sanpaolo oder UniCredit gehören zu den größten Geldhäusern Europas. Zugleich ist der Bankensektor stark fragmentiert, mit vielen Regional- und Genossenschaftsbanken. Nach der Finanzkrise zeigten sich Probleme im Bankensystem, etwa ein hoher Bestand fauler Kredite. Eine Bankenreform 2015 zielte darauf ab, die zahlreichen Genossenschaftsbanken (Banche Popolari) zu konsolidieren und zu stärken. Insgesamt sind die Dienstleistungen in Italien in vielen Bereichen wettbewerbsfähig (z. B. Modehandel, Design, Tourismus), leiden aber teils unter Überregulierung und Investitionsschwäche.

Industrie und Handwerk mini|Sportwagen Ferrari Portofino Italien zählt trotz aller Herausforderungen zu den führenden Industrienationen und ist die zweitgrößte Fertigungswirtschaft Europas. Die Industrie (inklusive Baugewerbe und Handwerk) trägt rund 22 bis 23 % zum BIP bei. Charakteristisch ist die breite Mittelstandsstruktur: Neben einigen Großkonzernen (etwa Fiat/Stellantis im Automobilbau, Leonardo in der Luftfahrt oder ENI in der Energie) wird die Wirtschaft von kleinen und mittleren Unternehmen geprägt – häufig familiengeführt und in regionalen „Industriebezirken“ organisiert. Diese Cluster spezialisierter Betriebe haben Italien in vielen Branchen wettbewerbsfähig gemacht, etwa in der Textil- und Modeindustrie (Seide und Mode in Como, Prato etc.), im Maschinenbau und der Automatisierungstechnik (Emilia-Romagna), der Keramik (Sassuolo) oder der Möbel- und Designbranche (Brianza im Norden). Italienische Hersteller genießen einen Ruf für hochwertige Verarbeitung und Design – Beispiele reichen von Luxusautos (Ferrari, Lamborghini) über Möbel und Haushaltsgeräte bis zu Lebensmitteln und Bekleidung. Viele Firmen sind exportorientiert und „Hidden Champions“ in Nischenmärkten. Allerdings geht die kleinteilige Unternehmensstruktur auch mit geringer F&E-Investition in einigen Sektoren einher, was die Innovationsdynamik hemmt. Insgesamt bleibt die Industrie ein Rückgrat der Wirtschaft: Mit einer industriellen Wertschöpfung von geschätzt 353 Mrd. US-Dollar hat Italien den zweitgrößten verarbeitenden Sektor in Europa (nach Deutschland) und liegt damit deutlich vor Frankreich oder Großbritannien.

Landwirtschaft mini|Weinberg in Piermont