Ein Scurra (Latein; Plural scurrae, auch derisores, „Spötter“, moriones, „Narren“; die griechische Entsprechung ist der γελωτοποιός gelotopoios, „Lachenmacher“) war eine antike römische Sozialfigur, die als Unterhalter, Komiker und Witzemacher (ioculator) mit einer ähnlichen Funktion wie später der (Hof-)Narr oder der Clown auftrat.
Das Wort scurra wird in den erhaltenen Quellen, also der erhaltenen römischen Literatur, die aus den Kreisen der römischen Elite stammt, meist abwertend genutzt und der scurra und seine scurrilitas (davon leitet sich das deutsche Wort skurril ab) von den feineren Formen des Humors abgegrenzt. Dadurch ist es schwierig, das „reale“ Phänomen der scurrae zu rekonstruieren, zumal es sich historisch im Verlauf der etwa 600 Jahre, in denen es in den Quellen begegnet (ca. 200 v. Chr.–400 n. Chr.), wandelte. Unter anderem ist unklar, ob oder inwieweit das Wort auch als positive Selbstbeschreibung in Gebrauch war. In der späten Republik und der Kaiserzeit scheinen die scurrae auch eine Berufsgruppe gewesen zu sein. Durchgehend sind enge Verbindungen mit dem Sozial- und Theatertypus des parasitus („Schmeichler“, „Schmarotzer“) und dem Mimus der römischen Volkskomödie feststellbar. Die Figur ist nicht nur für das Verständnis der (stadt-)römischen Alltagskultur interessant, sondern wird wegen ihrer Auftritte in Komödie und Satire auch in der klassischen Philologie thematisiert.
(Begriffs-)Geschichte
In den erhaltenen Quellen werden scurrae zuerst bei Plautus (um 254 v. Chr.–um 184 v. Chr.) erwähnt. Er zeichnet sie als eine besondere städtische Menschenklasse, die sich mit der Jagd auf Neuigkeiten abgebe, alles zu wissen vorgebe und sich nicht darum schere, ob ihre Aussagen wahr oder falsch seien. Hier scheint also eher noch ein Alleswisser sowie Klatsch- und Gerüchtestreuer gemeint zu sein. Diese scurrae waren Amateure, wurden also nicht für ihre Tätigkeit bezahlt. Sie scheinen ein betont städtisches bzw. stadtrömisches (urbanus), männliches Phänomen gewesen zu sein; vermutlich handelte es sich um wohlhabendere junge Männer, die jedenfalls mit dem römischen Bürgerrecht ausgestattet waren. Auch Plautus bringt die scurrae bereits mit Humor und Spott in Verbindung.Plautus, Trinummus 199–211 (urbani assidui cives quos scurras vocant, 202); Poenulus 1,280 (wo sie als eine Art soziale Institution des Spotts erscheinen), vgl. auch 611. Vgl. auch Plautus, Mostellaria 1,1,14–15. Zu den scurrae bei Plautus vgl. Philip B. Corbett: The Scurra (= Scottish Classical Studies. Band 2). Scottish Academic Press, Edinbro 1986, S. 27–40. Sie sind zu dieser Zeit bereits mit der Sozialfigur des parasitus bzw. genauer des parasitus ridiculus verbunden, der auch in Komödien auftritt und durch Witze und Schmeicheleien als „Schmarotzer“ an die Tische der Reichen zu gelangen sucht. Sie sind aber mit diesem noch nicht, wie später, mehr oder weniger identisch.Zum Parasiten als Sozialfigur in der Komödie Philip B. Corbett: The Scurra (= Scottish Classical Studies. Band 2). Scottish Academic Press, Edinbro 1986, S. 5–26, zum parasitus ridiculus ebd. 11–26, zur Verbindung mit den scurrae S. 34; generell etwa
miniatur|Römisches convivium (Gastmahl) auf einem Mosaik, östliches Mittelmeer, 3./4. Jahrhundert n. Chr.
Bei Marcus Tullius Cicero werden sie dann im frühen 1. Jahrhundert v. Chr. als berufsmäßige Witzbolde und Spaßmacher erwähnt.Cicero, pro Quinctio 11 (81 v. Chr.); in Verrem 3,146 (70 v. Chr.). Solche Witzbolde wurden von der römischen Nobilität zu Tisch bzw. zum convivium geladen, um durch ihre Witze die Gäste zu unterhalten.Vgl. etwa Plinius der Jüngere, epistulae 9,17 (an seinen Freund Iulius Genitor; Übersetzung). Spätestens seit Cicero entspricht scurra also dem griechischen gelotopoios („Lachen-Macher“), der insbesondere bei Symposien schon im 4. und 3. Jahrhundert v. Chr. in Griechenland dieselbe Funktion der Unterhaltung erfüllte, speziell des Erzeugens von Lachen. Die scurrilitas, die witzige, schlagfertige Rede, ist bei Cicero auch für den praeco (Ausrufer) Quintus Granius sowie für Vargula bezeugt, wobei sich Cicero davon abgrenzt: Ihm zufolge sei es unstrategisch und daher dem echten Redner nicht angemessen, bei jeder sich bietenden Gelegenheit ohne Rücksicht auf Sympathieverluste Witze zu machen.Cicero, de oratore 2,244; 2,247.
Horaz (65 v. Chr.–8 v. Chr.), der sich als Satiriker und Dichter in den Kreisen um und an den Tischen und Weinkrügen von Gaius Maecenas und Kaiser Augustus bewegte, erwähnt einige dort offenbar verkehrende scurrae wie Milonius, Mulvius, Sarmentus, Servilius Balatro, Vibidius und Volanerius. Balatro und Vibidius etwa gehörten zum Gefolge (dem Klientel) des Gaius Maecenas, der auch Patron des Horaz war. Maecenas nahm sie zu seiner Belustigung zum Gastmahl des Nasidienus mit, wo sich insbesondere Vibidius (ähnlich wie auch Milonius) als Saufnase hervortat. Da die scurrae nun als gewerbsmäßige Spaßmacher und Unterhalter an den Tischen der Reichen und Kaiser auftreten, werden sie erst recht in die Nähe des parasitus gestellt.Horaz, Satiren 1,5,52ff; 1,7,36; 2,3,229; 2,7,15ff.; 2,8; epistulae 1,15,28.
Einige solche kaiserlichen scurrae werden auch in der historiographischen Literatur der Antike erwähnt, wie etwa Iulius Paelignus, ein körperlich behinderter Mann, der dem Kaiser Claudius diente.Tacitus, annales 12,49,1. Paelignus wird hier herabgewürdigt als ignavia animi et deridiculo corporis iuxta despiciendus, „verachtet sowohl für die Wertlosigkeit seines Geists als auch für seinen verformten Körper“. Ein weiterer war Sarmentus am Hof des Augustus, von dem uns Horaz ein Beispiel für die „Kunst“ des scurra überliefert, in diesem Fall eine Form des Roasts: Zu dem im Gesicht durch eine Krankheit entstellten Messius Cicirrus bemerkte Sarmentus, er sehe aus wie ein „wildes Pferd“ (gemeint ist wohl ein Einhorn) und mit seinen Hörnern im Gesicht müsse er sich gar nicht verkleiden, wenn er einen Kyklopentanz in der Art der gehörnten Satyrn aufführen wolle. Dies sowie die Replik des Messius, der Sarmentus wegen seiner niedrigen Herkunft verunglimpfte, lösten allgemeines Gelächter aus.Horaz, Satiren 1,5,51ff. Dazu Philip B. Corbett: The Scurra (= Scottish Classical Studies. Band 2). Scottish Academic Press, Edinbro 1986, hier S. 66–68.
Diese derisores am Kaiserhof spotteten vor allem über die Gäste, wobei sich wie bei Sarmentus und Messius Cicirrus der gegenseitige Roast regelmäßig zu einer Art Wettbewerb auswuchs. Dabei konnte sich der Spott über die Gäste auch gegen den Gastgeber selbst wenden. Sueton berichtet etwa über einen Spaß, den sich ein kleinwüchsiger Mann, den Tiberius sich offenbar zu solcherlei Zweck in seiner unmittelbaren Nähe hielt, zum allgemeinen Vergnügen mit dem Kaiser machte. Diese Leute hatten also durchaus die Funktion von Hofnarren, die sich mit ihrem beißenden Spott sogar über die Kaiser selbst lustig machen durften.Sueton, Claudius 8. Vgl. allgemein hierzu Carlin A. Barton: The Sorrows of the Ancient Romans. The Gladiator and the Monster. Princeton University Press, Princeton, NJ. 1993, S. 108. So machte sich angeblich ein afrikanischer („äthiopischer“) Soldat, der als immer witziger scurra bekannt war, über Kaiser Septimius Severus lustig, indem er ihm (zu dessen Ärger) einen Zypressenkranz überreichte (ein Zeichen des Todes) und dann verkündete: „Du warst schon alles, Du hast alles besiegt, jetzt, o Kaiser, sei ein Gott!“ (Kaiser wurden nach ihrem Tod vergöttlicht).Historia Augusta, Severus 22,4–5. Dazu Carlin A. Barton: The Sorrows of the Ancient Romans. The Gladiator and the Monster. Princeton University Press, Princeton, NJ. 1993, S. 127.
Offenbar gehörte zum Repertoire vieler scurrae auch die darstellende Kunst. So beschreibt Phaedrus in seiner Fabel Der scurra und der Bauer (1. Hälfte des 1. Jahrhunderts n. Chr.) einen scurra, der seinen Kopf unter sein Kleid steckte und von dort aus die Geräusche eines Schweins so realistisch nachahmte, dass die Zuschauer glaubten, er habe tatsächlich ein Schwein unter seinem Rock.Phaedrus, fabula 5,5: Scurra et rusticus, Zeile 7–19. Dazu Philip B. Corbett: The Scurra (= Scottish Classical Studies. Band 2). Scottish Academic Press, Edinbro 1986, hier S. 67 f. In der Spätantike wird scurra auch gleichbedeutend mit mimus (Mimendarsteller) verwendet.Historia Augusta 5,8,11.
Die spätantike Historia Augusta erzählt, dass der Kaiser Elagabal von scurrae ermordet worden sei. Damit ist hier nunmehr die Prätorianergarde gemeint, die damit wohl aufgrund ihrer Stationierung in der Stadt Rom als urban gekennzeichnet wird.Historia Augusta, Heliogabalus 33,7. Dazu Mary Beard: Laughter in Ancient Rome: On Joking, Tickling, and Cracking Up. University of California Press, 2014, ISBN 0-520-27716-3, S. 154.
Negative Verwendung in der Antike
Generell ist der Standesdünkel bemerkbar, mit dem die gebildete Oberschicht auf die scurrae herabblickte. So ist das Wort scurra jedenfalls in den aus der Antike erhaltenen Schriften eher eine Beleidigung denn ein Kompliment.Philip B. Corbett: The Scurra (= Scottish Classical Studies. Band 2). Scottish Academic Press, Edinbro 1986, hier S. 4 (Digitalisat). Cicero stellt in seinem Werk De oratore die dreiste, unaufhörlich witzelnde Geschwätzigkeit von scurrae wie Vargula in Gegensatz zur ernsten Rhetorik und zum strategisch sinnvoll angebrachten Witz. Scurrae würden nicht strategisch zwischen den Objekten ihrer Witze unterscheiden und damit Freund und Feind gegen sich aufbringen.Cicero, de oratore 2,244 ff.; vgl. Tacitus, Dialogus de oratoribus 22; Quintilian, Institutiones oratoriae 6,3,82. Dazu Carlin A. Barton: The Sorrows of the Ancient Romans. The Gladiator and the Monster. Princeton University Press, Princeton, NJ. 1993, S. 121, Anm. 76. Manche besonders ernsten Männer wie der Rhetoriklehrer Iulius Genitor, ein Freund Plinius des Jüngeren, verachteten die Sitte, scurrae und dergleichen Leute zu Gastmählern (convivia) einzuladen, und schlossen sie explizit von ihrer Gesellschaft aus.
Immer wieder werden sie mit niedrigem sozialen Status in Verbindung gebracht. So meint Horaz, der scurra, der sich durch allerlei Schmeicheleien in Gunst setzt, sei von einem wahren Freund ebenso verschieden wie die matrona (die verheiratete Frau) von der meretrix (der römischen Prostituierten).Horaz, epistulae 1,18,2ff. Überhaupt ist ein häufiger Vorwurf der des Schleimens; die Schmeichelei galt der römischen Oberschicht generell als verwerflich und stand im Ruf, Unglück zu bringen.Carlin A. Barton: The Sorrows of the Ancient Romans. The Gladiator and the Monster. Princeton University Press, Princeton, NJ. 1993, S. 125: „The tongue of the bootlicker was drenched in venom.“ Horaz hebt als besonders verächtlich die Schmeicheleien der scurrae gegenüber ihren Patronen hervor.Mit Beispielen