Die Mensch-Vogel-Berg-Karte (Pīnyīn: Rénniǎo Shāntú; Wade-Giles: Jen-niao Shan-t'u; mod. Schriftzeichen: 人鸟山图; klass. Chinesisch: 人鳥山圖) ist ein Diagramm des Daoismus.

Das Rénniǎo Shāntú zeigt eine menschliche Figur und einen Vogel. Der Mensch-Vogel-Berg gilt in der daoistischen Mythologie als der Ort, wo die primordialen Energien ihren Ursprung haben. Die Darstellung basiert auf der chinesischen Vorstellung des ewigen Wechselspiels von Yin und Yang, vermittelt über die fünf Wandlungsphasen von Erde, Wasser, Feuer, Holz und Metall als den kosmischen Urkräften, die durch ein beständiges, dynamisches Gleichgewicht von Aufbau und Zerstörung den Weltprozess in Gang halten. In den Diagrammen ihrer Religion sehen Daoistinnen und Daoisten die Enthüllung der wahren Formen von Objekten oder kosmischen Strukturen. Neben dem Hétú- (河图)河圖 und dem Luòtú-Diagramm (洛图)洛圖 zählt das Rénniǎo Shāntú zu den bekanntesten mythologischen Repräsentationen der daoistischen Religion. Ähnlich den platonischen Ideen gelten die Diagramme als Abbilder der Wirklichkeit hinter der Welt der trügerischen Phänomene. Während daoistische Talismane auf der Vorstellung eines Kraftobjektes beruhen, werden Diagramme als korrekte Repräsentationen heiliger Landschaften oder Formbildungen verstanden. Über den Ursprung des Mensch-Vogel-Berg-Diagramms heißt es: Der Himmelsherrscher (Tiāndì) habe einst gemeinsam mit der Königlichen Mutter des Westens (Xīwángmǔ) einen Text verfasst und in Stein graviert. Anschließend habe er ihn noch einmal abgeschrieben und am Körper des „Vogel-Menschen“ befestigt. Einmal in hundert Jahren werde diese Weisheit an einen verwirklichten Daoisten der Menschenwelt übermittelt. Wer sie empfängt, der erlange die Unsterblichkeit und nehme am Festmahl der Götter auf dem Gipfel des Kunlun-Gebirges teil. In daoistischen Texten taucht die Mensch-Vogel-Berg-Karte immer wieder auf. Zusammen mit anderen Repräsentationen der Jenseitswelt dient sie als Wegweiser, damit wer auf diesen Fährten wandelt nicht vom richtigen Weg abkommt. Das Rénniǎo Shāntú hat auch auf andere Bereiche der chinesischen Kultur ausgestrahlt. So hat es beispielsweise den buddhistischen Mönch Pu Ji (1178–1253) zu einem bis heute populären Vers mit dem Titel „Rätsel“ (mí yǔ) inspiriert, in welchem er die Vogel-Mensch-Verbindung auf buddhistische Weise deutet:

In einer heute populären volkstümlichen Deutung soll die Auflösung des „Rätsels“ darin liegen, dies als Beschreibung eines chinesischen Rollbildes aufzufassen. Auf solchen sind oft Berge und Wasser oder Blüten und Vögel abgebildet, die natürlich nicht auf den Betrachter reagieren können. Doch die „Botschaft“ dieser Zeilen ist wohl nicht ganz so schlicht. Eine tiefergehende Interpretation sieht hier die Auflösung der Grenzen von Nähe und Ferne. So deute der Vers auf die Überzeitlichkeit des Erwachens, ausgedrückt in den verweilenden Blüten, wie auch im Hinweis auf Gleichmut und Furchtlosigkeit, die dorthin führen. Wer so übe, sei völlig gelöst von aller Sorge und allen Verstrickungen in die Welt und brauche den Tod nicht zu fürchten. So symbolisiert der Mensch in der letzten Zeile den sich nähernden Tod und der Vogel den erwachten Menschen.

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