mini|Prof. Gustav Schauer – Porträtzeichnung von Josef von Kulas (1874–1943)

Gustav Schauer (geb. 24. Juni 1826 in Beeskow; gest. 8. Januar 1902 in BerlinDie Toten der Woche. In: Die Woche, Band 4, Ausgaben 1–26, 1902, (Digitalisat)) war ein deutscher Maler, Fotograf und Kunstverleger.

Lebensweg

Gustav Schauer war zunächst als Lehrer tätig;Ludwig Pietsch, Auszug aus dem „Roman meines Lebens“ des Berliner Zeichners, Schriftstellers und Feuilletonisten Ludwig Pietsch (Danzig 1824–1911 Berlin), der Schauer 1859 kennenlernte. Zitiert in: Miszellen. Der Verleger Gustav Schauer. In: Arbeitskreis Bild Druck Papier, Tagungsband Breslau 2016, Waxmann-Verlag, Münster 2017, S. 220–222, S. 220, Digitalisat: „Er [= Schauer] hatte als Schullehrer in sehr bescheidenen kleinen Verhältnissen begonnen, dann das Daguerreotypieren erlernt, sich selbständig in der photographischen Technik weitergebildet und betrieb damals [= 1859] schon mit gutem Erfolge in jenem kleinen Atelier im höchsten Geschoß des schmalen Häuschens [in der Friedrichstraße 188 in Berlin] ebensowohl die Bildnisaufnahme wie die photographische Kopierung von Kupferstichen, Lithographien und Zeichnungen; die von farbigen Gemälden wollte zu jener Zeit nur erst schlecht gelingen, und Schauer hatte sich auf solche Versuche noch nicht eingelassen.“ und wohl auch als Angestellter eines Berliner Buchverlages.So: Fuller-Walker, King Lear and the Fool. In: The Aldine, 1. Januar 1878, S. 179–181, S. 179, (Digitalisat): „Leaving college, Gustav Schauer resolved, […] sometime in the future, to devote himself wholly to the fine arts. With this end in view he entered, as a clerk, one of the largest book-publishing houses in Berlin. Having remained in this position several years, […], he finally determined to start in business for himself.“

Nach seiner Lehrzeit bei dem Berliner Daguerreotypisten Philipp Graff (1813–1851) gründete Schauer im Jahr 1851 ein eigenes Fotoatelier,Dorothea Peters, »… die Theilnahme für Kunst im Publikum zu steigern …«. Fotografische Kunstreproduktionen nach Werken der Nationalgalerie in der Ära Jordan (1874–1896), In: Jahrbuch Preußischer Kulturbesitz, Band 37, S. 213, (Digitalisat) in der Friedrichstraße 188.„In der Friedrichstraße fällt jedem Vorübergehenden das zierliche mittelgroße Haus No. 188 auf, dessen große Fenster im Erdgeschoß eine der reichsten und werthvollsten Ausstellung photographisch-künstlerischer Erzeugnisse zeigen, … während das ganze Gebäude von dort bis zum hohen Dach hinauf eine photographische Copienwerkstatt im größten Stil darstellt. … Der Mann, dessen Namen diesem Institut noch heut geblieben ist, bezog hier vor wenig mehr als 20 Jahren miethweise ein Dachkämmerchen, … experimentierte gänzlich mittellos, aber mit scharfer Einsicht und glücklichem Instinkt für das Wesen und die Zukunft der Photographie begabt, mit der neuen Erfindung, stieg von Erfolg zu Erfolg, und damit zugleich von Etage zu Etage dieses Hauses, bis das Ganze sein Eigenthum und eben zu jener großartigen Werkstatt geworden, die es geblieben ist…“. Auszug aus: „In Gustav Schauers photographischem Kunstatelier“. In: Daheim, 1870, S. 456, (Digitalisat)

Schauer bot Porträtfotos im Visitformat anLudwig Pietsch, Auszug aus dem „Roman meines Lebens“. Zitiert in: Miszellen. Der Verleger Gustav Schauer. In: Arbeitskreis Bild Druck Papier, Tagungsband Breslau 2016, Waxmann-Verlag, Münster 2017, S. 220–222, S. 220, (Digitalisat) und auch Fotos von Kunstwerken.

Die Porträtfotografie gab Schauer bald auf und widmete sich fortan ausschließlich der fotografischen Wiedergabe von Kunstwerken. Fotografie wurde in den 1850er Jahren nicht zuletzt als Verfahren zur Reproduktion bestehender Kunstwerke wie Gemälde, Zeichnungen oder Skulpturen genutzt.„Die Photographie, als eine noch werdende Kunst […] sucht sich nach allen ihr erreichbaren Richtungen hin zur Geltung zu bringen. Neuerdings ist man vielfach bestrebt, dieselbe zur Nachbildung von Kunstwerken dienstbar zu machen und dadurch Kupferstich, Lithographie und Holzschnitt zu ersetzen. Ob dieser Ersatz ein wirklicher und nützlicher sein kann, bleibt wohl noch abzuwarten. Nach Gemälden hat man bisher nur sehr unvollkommene Nachbilder schaffen können, und wenn der Zeichner, wie bei dem Kupferstich, vermitteln muß, so ist im Grunde nicht so viel gewonnen, als verloren. Inzwischen liefert die Photographie sehr brauchbare Nachbildungen nach Stichen aller Art und kann auf solchem Wege zu Sammelwerken und Illustrationen treffliche Dienste leisten.“ In: Kölnische Zeitung. 22. Januar 1865, S. 2, (Digitalisat) S.a.: „Auf mannichfaltigen Wegen macht sich die Photographie dem Leben, der Kunst, der Wissenschaft nützlich, am erfolgreichsten auf dem Gebiete der nachbildenden oder vervielfältigenden Künste — vielleicht zum Schaden der bisherigen Nachbildungen auf Stein, Kupfer und Holz, aber sicher zum unermeßbaren Vortheil der eigentlichen Kunst. Wir haben schon öfters hier darauf hingewiesen, wie die Photographie nicht als Concurrent in der Porträtmalerei, nicht in der unmittelbaren Nachbildung der Natur ihren Schwerpunkt hat, sondern wie sie in der Nachbildung und Vervielfältigung vorhandener Kunstwerke, künstlerischen und kunstwissenschaftlichen Zwecken dienend, ihr eigentliches Terrain, ihre künstlerische Berechtigung und Zukunft hat, und wie sie aus diesem Gebiete in ihrer jetzigen und künftigen Entwickelung eine Popularisirung und universale Verbreitung der Kunst im weitesten Umfange möglich machen wird.“ In: Dresdner Journal : Königlich Sächsischer Staatsanzeiger, 4. Dezember 1862, S. 1, (Digitalisat) Um den wachsenden Markt für Kunstreproduktionen zu bedienen, wurden Unternehmen wie Leonida Caldesi (1822–1891) in London, Fratelli Alinari in Florenz, Bisson Freres in Paris, Franz Hanfstaengl (1804–1877) in München und eben auch Gustav Schauer in Berlin gegründet. Im Laufe des 19. Jahrhunderts kamen auf diese Weise zahlreiche Alben mit Fotografien von Kunstschätzen in den Handel, etwa aus den Uffizien, dem Vatikan, dem Louvre, der National Gallery und dem British Museum.Royal Photographic Society of Great Britain (ed.), Photogenic: From the collection of the Royal Photographic Society, London, Scriptum Editions, 2000, S. 175

Wohl im Jahr 1858 erhielt Gustav Schauer offenbar die Erlaubnis, sich als königlichen Hof-Photographen zu bezeichnen.Siehe: Recherchen von Ulrich Feuerhorst und Marcellinus Prien, Berlin, 2024, Beschreibung zu: Berlin-Mitte: Palais Kaiser Wilhelms I. und Königliche Bibliothek. Objektgruppe: Berlin: Fotoserie von Gustav Schauer (Leopold Ahrendts), LGV-Archiv C 12 A-4-0004. In: Museum Digital Berlin, Stand der Information: 5. Februar 2025, (online): „Die Datierung basiert auf der Stempel-Angabe des Hoffotografen-Titels, mit dem Schauer im Berliner Adressbuch erstmals 1858 erscheint (noch nicht 1857). 1864 verkaufte er das Fotoatelier, das die Nachfolger zwar unter seinem Namen weiterführten, jedoch war der Hoffotografentitel an die Person gebunden.“ Im Jahr 1872, unter Schauers Geschäftsnachfolger Franz Milner, wurde der Firma Gustav Schauer das Prädikat Königliche Hofkunsthandlung verliehen.Personal-Nachrichten. In: Photographische Mitteilungen, Verein zur Förderung der Photographie, 1872, S. 104, (Digitalisat): „Der Firma Schauer (Besitzer: Unser Mitglied Hr. Milner) ist das Prädicat »Königliche Hofkunsthandlung« verliehen worden.“

Im Jahr 1858 annoncierte Schauer in der Vossischen Zeitung sein Sortiment von 500 Fotografien nach Kunstwerken alter und neuer Meister. Da beim damaligen Stand der Fototechnik die tonwertrichtige Wiedergabe farbiger Gemälde in schwarzweißen Fotografien schwierig war, fotografierte Schauer – wie wohl alle seine Kollegen dieser Zeit – meist nicht die Originalgemälde ab, sondern fast ausschließlich einfarbige oder schwarzweiße Handzeichnungen (zum Beispiel im Jahr 1861 die Sixtinische Madonna „nach den über dem Original-Gemälde gepausten und vor demselben ausgeführten Zeichnungen des Professors Schlesinger“), oder Stiche, von denen Schauer eine große Sammlung zusammengetragen hatte.Dorothea Peters, »… die Theilnahme für Kunst im Publikum zu steigern …«. Fotografische Kunstreproduktionen nach Werken der Nationalgalerie in der Ära Jordan (1874–1896), In: Jahrbuch Preußischer Kulturbesitz, Band 37, S. 213/214, (Digitalisat)

Die erste Fotografie, die in einer deutschen (Kunst-)Zeitschrift erschien, nämlich im Deutschen Kunstblatt vom 25. Dezember 1856, war ein eingeklebter Original-Abzug einer Fotografie Gustav Schauers einer biblischen Landschaft von Johann Wilhelm Schirmer (1807–1863).Dorothea Peters, »… die Theilnahme für Kunst im Publikum zu steigern …«. Fotografische Kunstreproduktionen nach Werken der Nationalgalerie in der Ära Jordan (1874–1896), In: Jahrbuch Preußischer Kulturbesitz, Band 37, S. 214, (Digitalisat)

Schauers fotografischen Kunstreproduktionen, meist angereichert durch Begleittexte angesehener Kunstsachverständiger, vertrieb Schauer in preiswerten Alben oder eingeklebt in Büchern, die über den Buchhandel vertrieben wurden. Einem 1858 herausgegebenen Shakespeare-Album nach den Zeichnungen Wilhelm von Kaulbachs folgten Alben mit meist jeweils zehn Fotografien etwa nach Antonio da Correggio, Bartolomé Esteban Murillo (1860), Raffaels Madonnen (1861), Hasenclever, Albrecht Dürer, Tizian (1862) und Michelangelo (1863), Holbein, Peter Paul Rubens und Rembrandt van Rijn (1864). 1862 stellte Schauer, dessen Alben sich auch in England und Amerika gut verkauften, auf der Weltausstellung in London fotografische Reproduktionen nach Original-Gemälden aus. 1863 gab Schauer erstmals Galeriewerke heraus, zum Beispiel je ein Album der Berliner, der Dresdener und der Münchener Galerie, die jeweils zehn Fotografien und 25 Seiten Text umfassten. Unter den Autoren, die Begleittexte zu Schauers Alben mit fotografischen Gemälde-Reproduktionen schrieben, waren Wilhelm Lübke (1826–1893), Adolf Stahr (1805–1876), Titus Ullrich (1813–1891), Hugo von Blomberg (1820–1871) und Gustav Friedrich Waagen (1794–1868).Fuller-Walker, King Lear and the Fool. In: The Aldine, 1. Januar 1878, S. 179–181, S. 179, (Digitalisat) Siehe auch die Werbeanzeige von Léon Saumier, in: Danziger Zeitung. Nr. 1630, 11. Dezember 1862, Morgen-Ausgabe, (Digitalisat)

Offenbar hat Schauer Ende der 1850er oder Anfang der 1860er Jahre im Auftrag von Pierre Louis Ravené (1793–1861) einige Bilder aus der bekannten Gemäldesammlung der Familie Ravené fotografiert. Seine Aufnahmen waren nicht für den Handel bestimmt.siehe: Hermann Kaiser, Zum Verständniß der preußischen ministeriellen Eintragung von Kunstwerken. Berlin, 22. October 1862. In: Börsenblatt für den deutschen Buchhandel Nr. 134, 29. October 1862, S. 2279/2280, (Digitalisat): „… sei übrigens noch der wahrhaft ausgezeichneten Leistungen des hiesigen Photographen Gustav Schauer auf diesem Gebiete gedacht, der im Aufträge des nunmehr verstorbenen Commerzienraths Ravené die werthvollsten Nummern aus dessen bekannter Gemäldesammlung in wunderbarer Vollendung photographirt hat, für welche ihm von allen Künstlern und Kunstkennern, welche diese nicht für den Handel bestimmten Blätter zu sehen Gelegenheit hatten, die freudigste Anerkennung gezollt worden ist.“

1864 verkaufte Gustav Schauer sein florierendes Geschäft einschließlich aller Publikationsrechte an Richard Menzel, den Bruder des Malers Adolph von Menzel (1815–1905).