Der KSV Hessen Kassel, die Rot-Weißen aus dem nordhessischen Kassel, errangen in der Debütrunde der damaligen Fußball-Regionalliga Süd, 1963/64, überraschend vor dem Favoriten FC Bayern München die Meisterschaft und zogen damit in die erste Aufstiegsrunde zur Fußball-Bundesliga ein.Hardy Grüne: Enzyklopädie des deutschen Ligafußballs: Bundesliga & Co 1963 bis heute. Agon Sportverlag, Kassel 1997, ISBN 3-89609-113-1, S. 11
Vorgeschichte, bis 1963 Nach dem vierten Rang in der Saison 1960/61 in der 2. Liga Süd setzte die Mannschaft aus dem Auestadion unter Trainer Willibald Hahn 1961/62 zu einer erfolgreichen Saison an, die im Juni 1962 mit dem Meisterschaftsgewinn und dem Aufstieg in die erstklassige Oberliga Süd gipfelte. Neuzugang Erich Hahn, der Mann aus München, war über den FC Luzern und Austria Salzburg nach Kassel gekommen, erzielte 20 Treffer und war damit hinter Klaus-Peter Jendrosch (22 Tore) der zweitbeste Torschütze der Meisterelf. Der Stammelf gehörten neben dem Torhüterduo Árpád Fazekas und Karl-Willi Nolte die Feldspieler Hans Alt, Hans Michel, Dieter Vollmer, Jozsef Burjan, Peter Velhorn, Karl Hutfles, Lothar Kleim und Walter Müller an, der aber infolge einer Verletzung nur noch zu vier Pflichtspieleinsätzen kam. Im Meisterschaftsrennen setzten sich die Nordhessen mit zwei Punkten Vorsprung gegenüber der TSG Ulm 1846 durch, in deren Reihen sich der junge Torhüter Wolfgang Fahrian in das Aufgebot von Bundestrainer Sepp Herberger für die Weltmeisterschaft 1962 in Chile spielen konnte.
Für die letzte Runde der Oberliga Süd 1962/63 verstärkte sich der Aufsteiger durch Horst Assmy und Ernst Kuster vom FC Schalke 04 für die Offensive und Wolfgang Simon und Helmut Zatopek für die Defensive. Daneben bekam das Nachwuchstalent aus der eigenen Jugend, Helmut Huttary, einen Vertrag. Der Start geriet aber gründlich daneben, die Hessen standen nach den ersten vier Spielen mit 0:8 Punkten und 2:18 Toren auf dem letzten Tabellenrang. Darunter war die peinliche 0:9-Heimschlappe am dritten Spieltag gegen den 1. FC Nürnberg. Da auch das folgende Auswärtsspiel beim FC Bayern Hof mit 0:5 verloren ging, war die Zeit von Trainer Hahn in Kassel abgelaufen, der vormalige Spieler und Diplom-Sportlehrer Walter Müller übernahm das Traineramt. Die Reaktion der Mannschaft folgte prompt, der KSV holte mit einem 0:0-Heimremis gegen Eintracht Frankfurt seinen ersten Punkt. Trainer Müller nahm mit Karl Loweg im Tor, dem Verteidigerpaar Vollmer/Kleim, der Läuferreihe Michel, Zatopek und Alt, sowie mit dem Angriff Assmy, Velhorn, Huttary, Jendrosch und Burjan seine Arbeit in der Oberliga Süd am 16. September 1962 auf.
Unter dem ehemaligen Torjäger des 1. FC Köln errang der KSV noch doppelte Punktgewinne gegen den VfB Stuttgart (4:2), BC Augsburg (5:2), Karlsruher SC (2:0), Eintracht Frankfurt (1:0) und FC Bayern Hof mit 2:1 am Nachholspiel am 5. Mai 1963. Der KSV erreichte mit 29:31 Punkten damit den 10. Platz in der Schlusstabelle. Herauszuheben sind die zwei Spiele am 30. Dezember 1962 mit einem 1:1 beim späteren Südmeister München 1860 unter Trainer Max Merkel und der 1:0-Auswärtserfolg am 13. Januar 1963 beim Vizemeister 1. FC Nürnberg mit Trainer Herbert Widmayer, gegen den es am 2. September 1962 noch eine 0:9-Heimschlappe gegeben hatte. Peter Jendrosch (17 Tore) und Ernst Kuster (11 Tore) waren die erfolgreichsten Torschützen. In der Defensive führten Torhüter Loweg und die Feldspieler Vollmer, Kleim, Zatopek, Hans Michel, Alt und Simon die Einsatzliste an und im Angriff wurden die Torjäger in erster Linie von Assmy, Velhorn und Burjan unterstützt.Horst Biese, Herbert Peiler: Flanken, Tore und Paraden. 100 Jahre Fußball in Kassel. Agon Sportverlag, Kassel 1993, ISBN 3-928562-37-1, S. 122/123
Da Hessen Kassel sich nicht für die ab 1963/64 startende Fußball-Bundesliga qualifiziert hatte – aus der Südoberliga wurden mit dem 1. FC Nürnberg, TSV München 1860, Eintracht Frankfurt, VfB Stuttgart und dem Karlsruher SC fünf Teilnehmer in die 16er-Liga aufgenommen –, ging es für die Mannschaft in der Bundesligadebütrunde 1963/64 in der zweitklassigen Regionalliga Süd weiter.
Meister in der Regionalliga Süd und BL-Aufstiegsrunde, 1963/64 In die neue Staffel in Süddeutschland – in Nachfolge der aufgelösten Oberliga Süd – ging der KSV Hessen Kassel im Sommer 1963 mit dem Erfolgstrainer des Vorjahres, Walter Müller, und verpflichtete für den Spielerkader die Neuzugänge Heinrich Dittel (Viktoria Aschaffenburg), Rolf Fritzsche (Hamburger SV) und den Linksaußen aus dem hessischen Amateurbereich des FV Breidenbach, Gerd Becker. Die Neuzugänge sollten sich im Laufe der Runde als Volltreffer erweisen und trugen wesentlich zum Erfolg der Runde bei. Dittel stabilisierte als Mittelläufer und Chef des Abwehrverbundes die Defensive, Fritzsche wurde zum Spielmacher mit Abschlussqualitäten und der Amateur aus Breidenbach entpuppte sich als schneller und durchschlagskräftiger Mann am linken Flügel, der zumeist mit hartem Schuss 22 Treffer erzielte, wie auch Fritzsche. Da auch Mittelstürmer Kuster mit 20 Treffern aufwartete und der Halblinke Klaus-Peter Jendrosch sogar 34 Tore als Torschützenkönig in der Südliga verzeichnete, war der KSV-Angriff eine Waffe der Mannschaft.
Als eindeutiger Favorit war der Tabellendritte der Oberligarunde 1962/63, der FC Bayern München, in die Regionalligarunde 1963/64 gestartet. Der FC Bayern hatte nur mit einem Punkt Rückstand zum 1. FC Nürnberg die Vizemeisterschaft verpasst und wies mit Werner Olk, Karl Borutta, Herbert Erhard, Dieter Brenninger und Rainer Ohlhauser auch mehrere Spitzenspieler im Spielerkader auf. Da auch noch Nachwuchsspieler wie Peter Kupferschmidt, Adolf Kunstwadl und das Torhütertalent Sepp Maier zur Verfügung standen, waren die Abgänge von Willi Giesemann und Peter Grosser zu verschmerzen, da auch die Neuzugänge Werner Ipta und Dieter Koulmann den Kader von Neutrainer Zlatko Čajkovski bereicherten. Neben dem FC Bayern wurde auch der Elf vom Bieberer Berg, Kickers Offenbach, eine ernsthafte Meisterschaftschance zugeschrieben. Mit Gerhard Kaufhold, Hermann Nuber, Siegfried Gast, Oskar Lotz und dem Neuzugang Sigfried Held standen den Kickers ausgezeichnete Spieler zur Verfügung. Hessen Kassel wurde dagegen keine ernsthafte Meisterschaftschance eingeräumt.
Die 20er-Staffel startete am 4. August 1963 und Kassel holte sich mit einem 2:1-Auswärtserfolg beim FC Schweinfurt 05 das erste Punktepaar. Das folgende Heimspiel wurde gegen die Fahrian-Elf von Ulm 1846 mit 3:1 gewonnen. Es folgten aber zwei Niederlagen und es ging mit 4:4 Punkten in der Runde weiter. Bei der 2:7-Klatsche am 18. August bei Schwaben Augsburg zeichneten sich deren Starstürmer Kurt Haseneder (3 Tore) und Georg Lechner (2 Tore) als die entscheidenden Torschützen aus. Das Heimspiel am 25. August gegen den FC Bayern verlor der Gastgeber vor 25.000 Zuschauer mit 2:3 und Spieler wie Rainer Ohlhauser, Dieter Brenninger, Werner Ipta und Dieter Koulmann bekam die Müller-Mannschaft nicht unter Kontrolle. Es folgte danach aber eine 12:0-Punkteserie und Kassel gehörte damit der Spitzengruppe an. Darunter war am 22. September gegen die Gäste des ESV Ingolstadt mit 9:1 im Auestadion ein Kantersieg, wobei der spätere Regionalligatorschützenkönig Jendrosch vier Tore erzielte. Ausgerechnet beim späteren Absteiger Amicitia Viernheim endete mit einer unerwarteten 1:3-Auswärtsniederlage die Erfolgsserie am 20. Oktober. Es war die dritte und letzte Niederlage in der Hinrunde. Vor 30.000 Zuschauern gelang am 8. Dezember im heimischen Stadion gegen den hessischen Rivalen Kickers Offenbach ein 6:1-Triumph. Die Tore der Heimelf erzielten Kuster (3), Fritzsche (2) und Becker.Uwe Nuttelmann (Hrsg.): Aufstiegsrunden Regionalliga 1963–1974. 2. Teil: Regionalliga West/Regionalliga Süd. Verlag Uwe Nuttelmann, Jade 2002, ISBN 3-930814-28-5, S. 17 (RL Süd)
Die Kasseler „Löwen“ unterstrichen auch im Pokal ihre Klasse in dieser Saison. In der 3. Runde um den Süddeutschen Pokal, am 9. Februar 1964, schlugen sie den FC Bayern München im heimischen Stadion mit 6:1 Toren. In der 1. Hauptrunde um den DFB-Pokal setzte sich Kassel mit 3:2 bei Wormatia Worms, dem Tabellendritten der Regionalliga Südwest, durch und musste erst im Achtelfinale nach einer Niederlage beim Bundesligisten und späteren Endspielteilnehmer Eintracht Frankfurt (1:6), die Segel streichen.Matthias Weinrich, Hardy Grüne: Deutsche Pokalgeschichte seit 1935. Agon Sportverlag, Kassel 2000, ISBN 3-89784-146-0, S. 200/201
Mit 55:21 Punkten und dem Torverhältnis von 116:61 gewann Hessen Kassel nach 38 Spieltagen die Meisterschaft in der Regionalliga Süd. Mit drei Punkten Vorsprung verwiesen sie den FC Bayern München auf den 2. Rang und beide Mannschaften zogen in die erste Aufstiegsrunde zur Bundesliga ein.
Am 6. Juni eröffnete der Südmeister mit einem Heimspiel gegen den Nordvizemeister Hannover 96 die Aufstiegsspiele. Das Auestadion war mit 37.000 Besuchern proppenvoll und der Gastgeber ging als Favorit in das Spiel. Bei der Mannschaft von Trainer Helmut Kronsbein kannte man zwar die Westimporte Horst Podlasly, Otto Laszig, Werner Gräber und Torjäger Walter Rodekamp, hatte aber das Selbstvertrauen als Südmeister, um erfolgreich in die Aufstiegsrunde starten zu können. Mit einer 1:0-Führung ging der KSV in die Halbzeit, verlor aber durch zwei Treffer von Gräber innerhalb zwei Minuten (77./78. Minute) die eingeplanten zwei Startpunkte. Hannover war kompakt und zweikampfstark aufgetreten und hatte Kassel überrascht. Vier Tage später ging es zum Westmeister Alemannia Aachen, der sensationell mit 0:3 beim FK Pirmasens untergegangen war und dabei auch noch den jugoslawischen Ex-Nationalspieler Branko Zebec durch Verletzung verloren hatte. Mit zwei Treffern von Jendrosch (53.) und Assmy (75.) entschied Kassel das Spiel am Tivoli für sich, die „Kartoffelkäfer“ konnten durch einen verwandelten Foulelfmeter durch Christian Breuer lediglich noch auf 1:2 verkürzen. Den wirklichen Einbruch erlebten die Mannen um Fritzsche beim zweiten Heimspiel, am 14. Juni gegen den FK Pirmasens. Völlig überraschend setzte sich der Südwestvizemeister mit 4:1 Toren in Kassel durch und damit waren die Aufstiegsträume von Kassel ausgeträumt. Die 1:0-Führung durch Mittelstürmer Hugo Dausmann aus der 16. Minute glich Jendrosch zwar umgehend (17. Minute) aus, doch zwei weitere Treffer der Mannen aus der Schuhstadt brachten die 3:1-Halbzeitführung des FKP zustande. Ein Aufbäumen brachte der Südmeister in der zweiten Halbzeit nicht mehr zustande und Mittelstürmer Dausmann sorgte in der 60. Minute mit seinem zweiten Treffer für den 4:1 Endstand.
Es folgten zwar 4:0 Punkte in den zwei folgenden Spielen gegen Pirmasens (4:2), als Horst Assmy drei Tore beim FKP erzielte, und mit einem 2:0-Heimsieg gegen das enttäuschende Aachen, da Hannover 96 aber inzwischen 8:2 Punkte gesammelt hatte, war der Aufstieg der Niedersachsen bereits entschieden. Am Schlusstag der Aufstiegsrunde ging die Reise des Südmeisters am 28. Juni nach Hannover und vor 70.000 Zuschauer im Niedersachsenstadion setzte sich der Gastgeber mit 3:1 gegen Kassel durch und bestätigte damit eindrucksvoll seinen Aufstieg in die Bundesliga.Ulrich Merk, Andre Schulin: Bundesliga Chronik 1963/64. Agon Sportverlag, Kassel 2004, ISBN 3-89784-083-9, S. 158/159
Mit folgenden Spielern bestritt Trainer Walter Müller die BL-Aufstiegsrunde: Karl-Willi Nolte, Karl Loweg (Torhüter); Dieter Vollmer, Rainer Istel, Hans Alt (Verteidiger); Hans Michel, Heinrich Dittel, Helmut Huttary (Läuferreihe); Horst Assmy, Rolf Fritzsche, Ernst Kuster, Klaus-Peter Jendrosch, Gerd Becker, Joszef Burjan (Angreifer).
Die Jahre nach der Meisterschaft, 1964 bis 1974