mini|hochkant|Bückeburger Festtagstracht mini|hochkant|Festtags-Männertracht mit Schlapphut, Mittelhessen, Raum Marburg mini|hochkant=1.2|Rekonstruierte Trachten der Saar-Mosel-Region, Gesellschaft für nützliche Forschungen zu Trier, 1901 mini|Besucher des VI. Deutschen Esperanto-Kongresses 1911 im Lübeckischen Schabbelhaus in ihrer LandestrachtTracht ist die für eine bestimmte Volksgruppe o. Ä. oder bestimmte Berufsgruppe typische Kleidung. Von der Mode unterscheidet sie sich durch deren steten Wechsel, die Tracht ist etwas Bleibendes.

Die Tracht ist die gesamte Ausstattung, die traditionell aus modischen Gründen oder zur Bewahrung von Brauchtum am Körper getragen wird. Dazu gehören Kleidung, Schmuck, Haartracht (Frisur) einschl. Barttracht, Schminke, Accessoires, Insignien, Abzeichen und Riechstoffe. Im engeren Sinne wird das Wort für traditionelle, historische oder regionaltypische Mode gebraucht. Die Tracht folgt einer überlieferten Kleiderordnung, ist aber in einem weiteren Sinn auch Teil des gesellschaftlichen Phänomens der Mode.

Wortherkunft Das Wort Tracht kommt von althochdeutsch traht(a), mittelniederdeutsch dracht „das, was getragen wird“ oder „die Art, wie es getragen wird“.

Tracht-Arten

Amtstracht

Eine Amtstracht ist Teil der Berufskleidung einer herausgehobenen Gruppe von Amtsträgern. Eine Form der Amtstracht ist z. B. der oder das Ornat.

Berufstracht

Die Berufstracht gehört zur Berufskleidung und bringt die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Berufsgruppe zum Ausdruck.

Zunfttracht (Kluft)

Die Zunfttracht ist die traditionelle Kleidung von Handwerkern, die einer Zunft angehören.

Ordenstracht

Die Ordenstracht wie z. B. der Habit ist die kennzeichnende Kleidung der Mitglieder von Ordensgemeinschaften.

Bürgertracht Die Bürgertracht hat ihren Ursprung in den Städten.

Volkstracht Die Volkstracht hat ihren Ursprung in ländlichen Gebieten. Sie zeigt die Zugehörigkeit zu einem Stand, einer Konfession oder einer Bevölkerungsgruppe, z. B. Volksgruppe (Ethnie), Berufsgruppe. Auf dem Lande hat sich die Tracht regional unterschiedlich entwickelt. Sie unterlag den Einflüssen aus den Städten, den Nachbarregionen, der verfügbaren Handelsware, den Einflüssen aus der höfischen Mode und des Militärs. Erste bäuerliche Trachten entstanden Ende des 15. Jahrhunderts. Als Idealbild einer Volkstracht gilt jeweils die höchste Ausformung der Festtagstracht.

Geschichtlicher Hintergrund Trachten sind, entgegen der vermeintlichen Tradition, welche durch sie vermittelt wird, das Ergebnis neuzeitlicher Entwicklungen. Bis ins 19. Jahrhundert hemmten strenge Kleiderordnungen die freie Entwicklung der bäuerlichen Tracht. Die Herrschenden wollten verhindern, dass sich die Untertanen durch Prunksucht verschuldeten oder über ihren Stand erheben. Außerdem sollten die unterschiedlichen Stände an ihrer jeweiligen Kleidung eindeutig zu erkennen sein.

So bestimmte der Reichserlass von 1530: „daß sich jeder, wes Würden oder Herkommen er sei, nach seinem Stand, Ehren und Vermögen trage, damit in jeglichem Stand unterschiedliche Erkäntnüs sein mög […]“.Römischer Kayserlicher Majestät Ordnung und Reformation guter Policen, im Heiligen Römischen Reich, zu Augburg Anno 1530 auffgericht, unter www.uni-muenster.de, abgerufen am 18. September 2017.

Zur Geschichte der Tracht im deutschsprachigen und europäischen Raum Die Entstehung der Volkstrachten Erste Belege für die Idee einer Volkstracht finden sich Ende des 18. Jahrhunderts. In den 1770er Jahren diskutierte man in verschiedenen europäischen Territorien über die Einführung einer Nationaltracht. Die zunächst nur in kleineren Kreisen diskutierte Idee wurde dann im Nachgang der französischen Revolution, während der deutschen Befreiungskriege von 1813–1815 erneut aufgegriffen. Eng verbunden mit dieser Entwicklung war die Idee des Volkstums.

Für Friedrich Ludwig Jahn, der den Begriff „Volkstum“ prägte, besaß die Volkstracht eine ganz besondere Rolle für den Erhalt des eigenen Volkstums. Nach seiner Vorstellung waren auch in Deutschland vor dem Dreißigjährigen Krieg eine volkstümliche Kleidung „und eigene Bekleidungsarten nach Ständen“ üblich. Ziersucht und Mode haben seiner Ansicht nach zum Untergang des deutschen Reiches beigetragen.Friedrich Ludwig Jahn: Deutsches Volksthum. Niemann und Comp., Lübeck 1810, S. 328 (). In seinem 1810 erschienenen Werk Deutsches Volksthum forderte Jahn, „mit echtem Volkssinn und hohem Volksthumsgeist“ eine Volkstracht zu erfinden, die nur von Deutschen getragen werden dürfe.Friedrich Ludwig Jahn: Deutsches Volksthum. Niemann und Comp., Lübeck 1810, S. 332 (). Unmittelbares Ergebnis dieser Entwicklung war die Erfindung der Altdeutschen Tracht, die sich in national gesinnten Kreisen großer Beliebtheit erfreute. Während des 19. Jahrhunderts wurde die Idee der Volkstracht weiter entwickelt. Besonders in der bäuerlichen Kleidung glaubte man, eine von der Moderne unberührte Volksüberlieferung fassen zu können.Hubert Fehr: Germanen und Romanen im Merowingerreich. Frühgeschichtliche Archäologie zwischen Wissenschaft und Zeitgeschehen (= Reallexikon der Germanischen Altertumskunde. Band 68). Walter de Gruyter Verlag, Berlin 2010, ISBN 3-11-021460-1, S. 341 f.

Förderung der Trachtenkultur im Nationalsozialismus Noch vor der Etablierung des Nationalsozialismus rückte die Tracht vom schmucklosen Alltagsgewand rasch zum politisch aufgeladenen Symbol auf, indem es im Sinne der deutschnationalen Bewegung zum „Garanten kultureller Identität“ wurde; diese identitäre Konnotation griff insbesondere der Austrofaschismus auf, und sie wurde im sog. Dritten Reich noch verstärkt, indem Dirndl und Lederhosen zum „Zeugnis einer kollektiven Selbstfindung zum Zwecke nationaler Integrität“ stilisiert sowie bestehende Trachtenvereine gleichgeschaltet und für die Intentionen der Diktatur funktionalisiert wurden.Elsbeth Wallnöfer: Tracht Macht Politik. Mit Illustrationen von Marie Vermont. Haymon Verlag, Innsbruck 2020, ISBN 978-3-7099-8113-9, passim. Auch wurden Trachtentrageverbote gegen die jüdische Bevölkerung verhängt. Eine wichtige Rolle bei der „Trachtenerneuerung“ im völkischen und nationalsozialistischen Sinn spielte die Trachtenkundlerin Gertrud Pesendorfer geb. Wiedner (1895–1982), die ab 1938/39 als Reichsbeauftragte für das deutsche Trachtenwesen bzw. als Leiterin der Mittelstelle Deutsche Tracht am Tiroler Volkskunstmuseum in Innsbruck willkürlich neue Trachtenregionen schuf und das ehemalige Feiertagsgewand zusätzlich ideologisch auflud und zum Propagandakleid ausgestaltete.Reinhard Bodner: Die Trachten bilden. Sammeln, Ausstellen und Erneuern am Tiroler Volkskunstmuseum und bei Gertrud Pesendorfer (bis 1938). In: Österreichische Zeitschrift für Volkskunde 121/1 (2018), S. 39–83. Pesendorfers Neuentwürfe gehören zu den „zentralen Teil- und Besitzhabediskursen des Nationalsozialismus“, der „gerade im Tiroler Raum (…) die deutschtiroler Identität auf ausgrenzende Weise für sich zu reklamieren und abzugrenzen“ versuchte.Hannes Obermair: „Großdeutschland ruft!“ Südtiroler NS-Optionspropaganda und völkische Sozialisation. Katalog zur Ausstellung am Südtiroler Landesmuseum für Kultur und Landesgeschichte Schloss Tirol, 18. September–22. November 2020, Tirol 2020, ISBN 978-88-95523-35-4, S. 43. Diese Traditionen bestimmten das Trachtenwesen im Tiroler wie im Südtiroler Raum bis weit in die Nachkriegszeit dank ihrer unkritischen Übernahme.Reinhard Bodner: Ein tragbares Erbe? Trachtenerneuerung vor, in und nach der NS-Zeit. In: Beirat des Förderschwerpunktes Erinnerungskultur (Hrsg.): Vom Wert des Erinnerns. Wissenschaftliche Projekte der Förderperiode 2014 bis 2018 (Veröffentlichungen des Tiroler Landesarchivs 22), Innsbruck 2020, S. 99–134. In Südtirol war die Tracht bereits vorher durch die italienischen Faschisten politisch aufgeladen worden. Sie wurde im Zuge der Italianisierungskampagne verboten. Noch nach dem Weltkrieg ging die Schikane weiter: 1961 verbot das Innenministerium in Rom unter Bezugnahme auf ein Dekret von 1948 das Tragen der Schützentracht. Sozialdemokrat Bruno Kreisky, als Politiker der Schutzmacht Österreich, verurteilte das Trachtenverbot der italienischen Regierung.Hans Karl Peterlini: Südtiroler Bombenjahre: von Blut und Tränen zum Happy End? Raetia: Bozen 2005, ISBN 978-88-7283-241-7, S. 88 ff.

Rückkehr zur Tracht als Trend im 21. Jahrhundert In den letzten Jahren hat in Deutschland und Österreich die Tracht bzw. damit zusammenhängend auch die Trachtenmode einen Aufschwung erlebt. Insbesondere die Globalisierung, die Wirtschaftskrise und die mit diesen Entwicklungen zusammenhängende oder ihnen entgegengesetzte Rückbesinnung auf traditionelle Werte und altes Kulturgut wird beispielsweise von der Neuen Zürcher Zeitung für diese Entwicklung als ursächlich angesehen.Die neue Lust am Dirndl. In: Neue Zürcher Zeitung. 9. Jänner 2014. Die Art und Weise, wie traditionelle Bekleidung zusehends von vielen Menschen in die heutige Lebenswelt integriert wird, kommentierte der Kulturjournalist Alfons Kaiser:

Deutschland Das Interesse an Trachten erwachte in vielen Regionen in Deutschland im späten 19. Jahrhundert, als man sich im Zuge der Heimatbewegung auf regionale Besonderheiten und eine romantische Interpretation des ländlichen Lebens besann. Zur Pflege der traditionellen Trachten wurden, zuerst in Oberbayern, Trachtenvereine gegründet. Eine vergleichsweise sachliche Definition seiner Aufgabe gibt der Landestrachtenverband Niedersachsen in seinen Richtlinien: „Als Tracht wird die Kleidung der ländlichen Bevölkerung bezeichnet, deren Verbreitung regional, zeitlich und konfessionell begrenzt ist. Sie wechselt in den ihr vorgeschriebenen Grenzen nach Anlass und Trauerstufe und spiegelt den sozialen Status wider.“ Diese Definition der Volkstracht erklärt in kurzer Form deren Wesenszüge und grenzt sie insbesondere von der bürgerlichen Kleidung und den Berufstrachten ab, die nicht oder nur wenig regional und konfessionell gebunden sind.

Die Tracht ist Ausdruck einer meist dörflichen Gemeinschaft und eines gemeinsamen Lebens in dieser Ordnung. Im Mittelpunkt steht nicht die Trägerin oder der Träger, vielmehr dient die Kleidung zur Präsentation von Besitz und Wohlstand. Je mehr Stoff in der Tracht Verwendung fand, je mehr Knöpfe auf den Westen saßen, desto reicher war der Träger oder die Trägerin der Tracht. In manchen Regionen wurden daher die Westenknöpfe so eng nebeneinander gesetzt, dass sie kaum Platz hatten; die Röcke so tief in Falten gelegt, dass sie eine nahezu unzumutbare Schwere erreichten. Die Ausprägung der Tracht hatte natürlich finanzielle Grenzen, die die soziale Schichtung der Bevölkerung deutlich machte. Es war ein ungeschriebenes Gesetz, dass man die Grenzen der einzelnen dörflichen Gesellschaftsschichten nicht übertreten durfte, selbst wenn die finanzielle Basis gegeben war, sich eine aufwendige Tracht anzuschaffen.

Die Kleidung lieferte dem kundigen Betrachter eine Vielzahl von Informationen. Sie zeigte deutlich an:Hans Friebertshäuser: Die Frauentracht des alten Amtes Blankenstein. N.G. Elwert Verlag, Marburg 1966.Horst W. Müller: Wommelshausen 1336–1986 – Ein Dorfbuch. Hrsg. Heimat- und Verschönerungsverein Wommelshausen e. V. Bad Endbach. 2. Auflage. Marburg 1995, S. 176–184, ausführliche Beschreibung der Tracht mit ihren Einzelteilen, Bilder.

aus welcher Region die Tracht stammt, aus welchem Dorf der Träger oder die Trägerin stammt, deren soziale Stellung innerhalb der Dorfgemeinschaft, den Personenstand: Schürze, Kopfbedeckung, Strumpfbänder, Brusttuch, Mieder, Ärmel (rot: Mädchen, unverheiratete junge Frauen; grün: verheiratete junge Frauen; violett: verheiratete ältere Frauen; schwarz mit dezentem weiß: Frauen in Trauer, Witwen) die Trauerstufe (Voll-, Halb-, Vierteltrauer, Freudenzeit) sowie den Anlass (Abendmahl, sonntäglicher Kirchgang, gewöhnlicher Sonntag, Hochzeit, Kommunion, Konfirmation usw.). Siehe hierzu: