Die Verkrempelung der Welt. Zum Stand der Dinge (des Alltags) ist ein 2025 erschienenes Sachbuch des deutschen Autors Gabriel Yoran. In dem Essay setzt sich Yoran kritisch mit Alltagsgegenständen und Konsumgütern auseinander, die trotz scheinbarer Innovationen in mancher Hinsicht schlechter funktionieren als ihre Vorgänger – von ihm als „Krempel“ bezeichnet. Das Buch erschien im April 2025 in der edition suhrkamp und erreichte die SPIEGEL-Bestsellerliste. Es wurde in Feuilletons breit rezipiert und aufgrund seines unterhaltsamen wie analytischen Stils als bemerkenswerter Beitrag zur Warenkritik gelobt.

Hintergrund und Entstehung Gabriel Yoran, promovierter Philosoph und Unternehmer, schildert als Ausgangspunkt der Überlegungen eine persönliche Erfahrung mit einem neuen Induktionsherd ohne Drehknöpfe. Die komplizierte Touch-Bedienung dieses Herds – die erst nach mehrfachem Versuch reagierte, bei Berührung mit Wasser ausfiel und dem Nutzer nur eine kryptische Zeichenfolge („0135 810 14A“) anzeigte – führte zu erheblichem Frust. Als Yoran ein Foto der unverständlichen Anzeige auf Twitter (X) veröffentlichte, erhielt er rund 7000 „Likes“, was ihm zeigte, dass er „einer Sache auf der Spur“ war. In der Folge begann Yoran, in Form von Online-Essays (u. a. bei Krautreporter) den Frage nachzugehen, warum viele neue Alltagsdinge ihre Nutzer mehr irritieren als unterstützen. Aus diesen Beiträgen entstand schließlich das Buch Die Verkrempelung der Welt, das am 28. April 2025 im Werkbund-Archiv – Museum der Dinge in Berlin vorgestellt wurde. Der Buchtitel spielt auf den Begriff „Krempel“ an, der umgangssprachlich für Gerümpel oder wertlose Gegenstände steht; Yoran definiert „Krempel“ als Produkte, die ihre Vorgänger ablösen sollen, ohne tatsächlich besser zu sein, oft sogar komplizierter oder qualitativ schlechter.

Inhalt Yoran untersucht in zehn Kapiteln verschiedene Facetten dessen, was er als „Verkrempelung der Welt“ bezeichnet. Gleich eingangs kritisiert er die Erwartung eines stetigen technischen Fortschritts: Viele moderne Alltagsgeräte scheinen nicht kontinuierlich besser zu werden, sondern bringen neue Nachteile mit sich. Als Beispiel dient der Induktionsherd ohne Drehknopf: Zwar verbessere die Induktion die primäre Funktion (schnelles Erhitzen), doch die Sekundärfunktion – die Handhabung – sei durch die Touch-Oberfläche unnötig umständlich und fehleranfällig geworden. Yoran beschreibt die neue Herdbedienung pointiert als „geradezu feindselig“, da sie keine Vorteile, aber handfeste Nachteile gegenüber dem klassischen Drehknopf habe. Ähnlich verfährt er mit anderen Beispielen: So analysiert er Duschköpfe und -schläuche, die plötzlich kein Anti-Verdrehsystem mehr haben – eine ehemals selbstverständliche Funktion, die nun als teures „Upgrade“ verkauft wird. Auch Kaffeevollautomaten nimmt er ins Visier: In einem Kapitel mit dem Titel „Sie haben Geld, sie haben Zeit und sie brauchen dringend ein Hobby“ schildert Yoran die Erlebnisse mit einer hochwertigen Büro-Kaffeemaschine, die den Nutzer mit ständigen Anforderungen (Wasser nachfüllen, Bohnen nachlegen, Trester leeren) und Reinigungszyklen beschäftigt. Diese Siemens-Maschine vom Typ EQ900 – Anschaffungspreis rund 1500 Euro – bezeichnet er als Paradebeispiel für „Premium-Krempel“: Sie lasse sich mittlerweile sogar per Smartphone-App steuern („bequem vom Sofa aus“), obwohl man zum Kaffeetrinken ohnehin aufstehen müsse.

Yoran prangert zahlreiche solcher Scheininnovationen an. Unter dem Motto „Das hat doch alles schon mal funktioniert!“ (Kapitel 2) zeigt er, dass viele Produkte früher bereits einwandfrei funktionierten und neue Versionen oft vor allem unnötige Komplexität hinzufügen. Etliche Geräte verfügen über immer mehr Funktionen und Programme, die kaum jemand benötigt: Moderne Spül- und Waschmaschinen etwa verbrauchen zwar weniger Wasser und Strom als früher, sind aber mit Dutzenden Spezialprogrammen ausgestattet, „die niemand braucht“. Durch überkomplizierte Benutzeroberflächen – etwa Touchscreens in Automobilen, die klassische Drehknöpfe ersetzen – wird die Bedienung teils umständlicher oder sogar gefährlicher (im Auto erfordert selbst das Einstellen der Lautstärke nun längeres Hinschauen auf den Bildschirm). Yoran spricht von einer „freidrehenden Fortschrittssimulation“: Unternehmen überböten sich verzweifelt mit immer neuen Features, nur um ein Vorgängermodell scheinbar zu übertrumpfen – je krampfhafter dieses Übertrumpfen, desto mehr Krempel entstehe. Ein fairer Wettbewerb um bessere Produkte finde oft gar nicht mehr statt, sondern sei „nur noch eine Scheinveranstaltung“ (so Yoran in Kapitel 2). Mit der Frage von Kapitel 3 („Was war Fortschritt?“) hinterfragt Yoran vor diesem Hintergrund das Fortschrittsparadigma grundsätzlich.

Als weiteres Beispiel für die Verkrempelung nennt Yoran die allgegenwärtigen akustischen Signale und digitalen Ablenkungen: Viele elektronische Geräte (vom Wäschetrockner bis zum Smartphone) piepen und blinken unaufhörlich und verlangen Aufmerksamkeit. Er greift den Begriff „Enshittification“ des Internet-Aktivisten Cory Doctorow auf – übersetzt als „Scheißifizierung“ – um zu beschreiben, wie digitale Dienste und Plattformen im Laufe der Zeit immer unbrauchbarer und nerviger werden. Yoran führt aus, dass die Dinge zunehmend ein eigenes „Befassungsbedürfnis“ haben – sie wollen permanent bedient, konfiguriert, aktualisiert werden. In einem Beispiel berichtet er, wie sein betagter Vater von ständig aufpoppenden Benachrichtigungen in den Wahnsinn getrieben wurde, bis er monatelang alle Meldungen ignorierte – was jedoch „so lange gut ging, bis es nicht mehr ging“. Solche Erfahrungen untermauern Yorans Befund einer „merkwürdigen Gleichzeitigkeit von Fort- und Rückschritt“: Während sich die Primärfunktionen vieler Geräte objektiv verbessern (etwa Energieeffizienz, Geschwindigkeit, Konnektivität), verschlechtert sich zugleich die Nutzbarkeit oder Haltbarkeit in anderen Aspekten.

Yoran geht in mehreren Kapiteln auch auf die Ursachen dieser Entwicklung ein. Er identifiziert zum einen ökonomische Mechanismen: Hersteller stehen unter konstantem Konkurrenzdruck und müssen immer neue Modelle und Funktionen auf den Markt bringen, um Konsumenten zum Neukauf zu bewegen. Selbst wenn ein Produktdesign eigentlich optimiert und „ausentwickelt“ ist, wird es aus Marketinggründen weiter verändert. Zudem, so Yoran, fehlt es an einer gesellschaftlichen Debatte darüber, wann ein Produkt „gut genug“ ist – neue Produkte werden stillschweigend als besser angenommen, ohne klare Kriterien dafür. Zum anderen verlagert die Industrie die Verantwortung auf die Käufer: Angesichts von Umweltkrise und Nachhaltigkeitsdiskurs heißt es heute, man solle richtig konsumieren, um das Klima zu retten. Yoran formuliert zugespitzt: „Wir haben den Planeten kaputtkonsumiert, jetzt sollen wir ihn wieder heile konsumieren“. Damit kritisiert er die Erwartung, Verbraucher könnten durch bewussten Konsum die strukturellen Probleme lösen. In der Realität sei es extrem aufwändig für Einzelne, stets die nachhaltigste und langlebigste Wahl zu treffen – zumal Informationen oft fehlen oder irreführend sind. Beispielsweise habe die Stiftung Warentest eingeräumt, dass sie Waschmaschinen heute nur noch auf 10 Jahre Haltbarkeit teste; länger könne man nicht warten, weil das Modell dann längst vom Markt verschwunden wäre.

Im Kapitel „Ein Bund gegen den Schund“ (Kapitel 5) und an anderen Stellen beleuchtet Yoran historische Gegenbewegungen und Ideale des Produktdesigns. Er erinnert etwa an den 1907 gegründeten Deutschen Werkbund, dessen Ziel es war, mit guter Gestaltung und solider Herstellung die Flut minderwertiger Massenware einzudämmen. Auch die moderne Nostalgie nach „wertigen“ Dingen wird diskutiert – etwa verkörpert durch den Versandhändler Manufactum mit seinem Slogan „Es gibt sie noch, die guten Dinge“. Yoran erkennt zwar an, dass es nach wie vor qualitativ hochwertige und langlebige Produkte gibt, betont jedoch die sozialen und praktischen Grenzen: Solche „guten Dinge“ seien meist sehr teuer und für Durchschnittsverbraucher kaum erschwinglich. Zudem reicht hohe Materialqualität allein nicht aus – Produkte müssten auch funktional und anpassbar sein, um tatsächlich über Jahrzehnte genutzt zu werden (etwa Möbel, die Umzüge und wechselnde Wohnsituationen überstehen).

Nicht zuletzt wagt Yoran in seinem abschließenden Kapitel „Das letzte Tabu“ den „oft tabuisierten“ Versuch, Kriterien für die Legitimität von Bedürfnissen zu formulieren. Er stellt die provokante Frage: „An welchen Kriterien machen wir fest, ob unser Leben besser geworden ist? Und wer ist dieses ,wir‘?“. Damit zielt er darauf ab, den gesellschaftlichen Fortschrittsglauben zu hinterfragen: Noch immer spuke in unseren Köpfen die Erzählung, jede Neuerung mache das Leben automatisch leichter und besser. Doch es gebe „keine gesellschaftliche Übereinkunft darüber, ob das, was Meta, OpenAI oder Apple wollen, gut und wünschenswert ist“, schreibt Yoran – technischer „Fortschritt“ werde einseitig von Konzernen definiert. Er plädiert daher dringend für eine öffentliche Diskussion darüber, welche Veränderungen tatsächlich wünschenswert sind und welchen Bedürfnissen wir Grenzen setzen sollten. Am Ende spannt Yoran den Bogen vom alltäglichen Krempel zum „großen Ganzen“: Die Frage nach der Verkrempelung berührt grundlegende Probleme der Konsumgesellschaft und der Umweltkrise. So stehe die individuelle Konsumentscheidung in Verbindung mit globalen Folgen – etwa Klimawandel und Ressourcenverbrauch –, was ein einfaches „Weiter so“ unmöglich mache. Yoran deutet die kognitive Dissonanz an, die viele angesichts dessen empfinden: Wir sollen authentisch leben und „unser wahres Selbst“ finden, gleichzeitig zerstört unser Konsumverhalten die Lebensgrundlagen.

Rezeption Das Buch stieß auf ein breites Echo in deutschsprachigen Medien und Feuilletons. Viele Kritiker hoben hervor, dass Yoran ein alltägliches Unbehagen in Worte fasst und dabei pointiert wie kenntnisreich argumentiert. Bernhard Heckler lobte in der Süddeutschen Zeitung Yorans Essay als „fulminante Warenkritik“ und meinte, jeder solle dieses Buch lesen. Der Tagesspiegel schrieb, Die Verkrempelung der Welt sei „genauso klug wie witzig“ und zeichne sich dadurch aus, dass Yoran vom konkreten Alltagsgegenstand immer wieder gedanklich zu größeren philosophischen und gesellschaftlichen Fragen springe. Sylvia Staude (Frankfurter Rundschau) betonte den klaren, schnörkellosen Stil des Autors und fand dessen Befunde „so einleuchtend wie beunruhigend“. Staude zufolge verdeutliche Yoran überzeugend, „warum immer mehr Unreifes und schrecklich Nervendes erdacht und hergestellt wird“, ohne in kulturpessimistische Nostalgie zu verfallen. Heike Karen Runge hob in Jungle World insbesondere den unterhaltsamen wie analytischen Ansatz hervor: Mit „Humor und unbestechlichem Blick für Usability“ verhelfe Yoran dem „angestaubten Genre der Warenkritik zu neuem Glanz“. Das Buch lese sich wie eine gelungene Mischung aus Roland Barthes’ Mythen des Alltags und einem Stiftung Warentest-Bericht, so Runge – es erkläre auf überzeugende Weise, „warum der Herd im fortgeschrittenen Kapitalismus nicht immer tut, was ein Herd tun soll“.