mini|Stephanuskirche Die Stephanuskirche ist eine spätmittelalterliche evangelische Kirche im Ortskern von Echterdingen, einem Stadtteil von Leinfelden-Echterdingen in Baden-Württemberg. Die Kirchengemeinde Echterdingen gehört zum Kirchenbezirk Bernhausen der Evangelischen Landeskirche in Württemberg. Seit 2001 trägt sie den Namen „Stephanuskirche“.

Geschichte Die älteste Erwähnung der Kirche findet sich in der Sindelfinger Chronik aus dem Jahr 1185. Sie war eine Stiftung der Grafen von Calw und gelangte später über die Welfen, die Staufer und die Pfalzgrafen von Tübingen in den Jahren 1286/1296 an das Kloster Bebenhausen. Als Patroninnen der Kirche galten Maria und Katharina. Da das Kloster Bebenhausen mit der Reformation aufgehoben wurde, kam die Kirche 1534 an Württemberg als Rechtsnachfolger. mini|Vermauertes romanisches Portal mit Rundbogen auf Kämpfern Der älteste Teil ist das spätgotische Kirchenschiff von 1439, das ursprünglich als romanischer Rechtecksaal errichtet wurde und aus dieser Zeit noch Spuren enthält: an der Nordseite sind noch heute ein Blendbogenfries, zwei geschlossene Rundbogenöffnungen, ein im Boden versunkenes Portal und ein kleines Fenster zwischen den östlichen Spitzbogenfenstern erkennbar.

Die Grundsteinlegung für den Kirchturm erfolgte ebenfalls 1439. Eine lateinische Inschrift an der Südseite des Turms verweist auf den Baubeginn am 16. Januar 1439, dem Tag des heiligen Marcellus. Daneben findet sich eine deutsche Inschrift mit dem Hinweis: „Ain Turm bin Ich, Maister Hainrich machet mich.“ An derselben Stelle sind außerdem zwei Wappenschilde angebracht, links das des Klosters Bebenhausen und rechts das der Grafen von Württemberg. Ergänzt werden sie durch ein Steinmetzzeichen in Form zweier gekreuzter Spitzhämmer sowie ein weiteres Schild mit einer Sichel oder Happe.

Der spätgotische Hochchor mit Maßwerkfenstern wurde in den Jahren 1508 bis 1510 errichtet. Dabei nutzte man Steine der ehemaligen Burg Echterdingen. Mit ihrem stattlichen Westturm und ihrem erhöhten Polygonalchor markiert die Stephanuskirche den historischen Ortskern bereits auf weite Sicht. Zusammen mit dem eingefriedeten Kirchhof, welchem südlich die Pfarrwette und das Backhaus vorgelagert sind, verleiht die Kirchenanlage dem Mittelpunkt Echterdingens auf eindrückliche Weise Gestalt. Die weiteren Veränderungen am Bau belaufen sich im Wesentlichen auf den Einbau des gotischen Fensters neben der Kanzel im Jahr 1511, sowie 1603 dem einer Herren-, West- und Südemporeempore und die erstmalige Aufstellung einer Orgel im Chor. 1769 kamen drei weitere Fenster hinzu sowie 1775 die Marmorkanzel und die Stuckdecke: Die hölzerne Decke, die bisher von drei eichenen Säulen getragen worden war, wurde mittels eines Hängewerk-Dachstuhls durch eine abgehängte, aber niedrigere Stuckdecke ersetzt, die oben den Triumphbogen etwas überschneidet. In dieser Bauphase entstanden außerdem zwei neue Türen, zwei zusätzliche Fenster sowie ein neues Gestühl. Ab 1881 erfolgte der Turmumbau durch Architekt Carl Beisbarth jun.

Die Bauphasen können mit ihren einzelnen Charakteristika am Innen- und Außenbau abgelesen werden. Das wehrhaft geschlossene Äußere des Turms dokumentiert in Kombination mit den südöstlichen und östlichen Mauerzügen der Einfriedung die Anlage einer Wehrkirche. Mit den Grabmalen und dem freistehenden Kreuz zeugt der Kirchhof von seiner ehemaligen Nutzung als Ortsfriedhof. Dort befindet sich u. a. das Grab des ehemaligen Echterdinger Pfarrers Philipp Matthäus Hahn, der sich neben seiner Tätigkeit als evangelischer Seelsorger auch als Astronom, Ingenieur und Uhrenmacher auszeichnete. So konstruierte Hahn die ehemalige Turmuhr, welche sich heute in einem Glasgehäuse vor dem Stadtmuseum Leinfelden-Echterdingen wiederfindet. mini|hochkant|Grab von Philipp Matthäus Hahn in Echterdingen Bei der großen Kirchenrenovierung zwischen 1963 und 1965 wurde die ursprüngliche Außentreppe zur Empore entfernt. Zudem setzte man an einigen Fenstern der Südseite gotisches Maßwerk ein, um die historische Gestalt stärker zu betonen.

2001 wurde die Kirche offiziell in „Stephanuskirche“ umbenannt. Hintergrund ist, dass es vor der Reformation in dieser Kirche wohl einen Altar für Stephanus gegeben hat. Da nichts an diesen Diakon und ersten Märtyrer der Kirche erinnerte, wurde 2006 ein Kunstwerk in Auftrag gegeben.

Architektur und Ausstattung Baugestalt mini|Turmspitze vor 1880 Die Stephanuskirche ist ein einschiffiger Saalbau mit Satteldach, erhöhtem Polygonalchor mit Strebepfeilern, im Norden Sakristeianbau mit Netzgewölbe und Direktzugang zur Kanzel. Der Westturm auf quadratischem Grundriss hat einen polygonalemn Spitzhelm, fialenbesetzte Wimperge, Eckfialen und Wasserspeier sowie spitzbogige Schallöffnungen mit Maßwerk. Der Chor hat ein rautenförmiges Netzrippengewölbe und dreibahnige Maßwerkfenster. Besonders prägend ist der 54 Meter hohe Kirchturm, der das Ortsbild von Echterdingen weithin sichtbar bestimmt. Über 173 Stufen gelangt man zur Aussichtsplattform, die einen weiten Blick über die Filder bietet. Der Turm hatte ursprünglich drei steinerne Geschosse und ein darüberliegendes hölzernes Stockwerk. Erst zwischen 1880 und 1888 erhielt er durch Carl Beisbarth jun. seine neugotische Spitze.

Chor mini|hochkant|Spätgotischer Hochchor Das Netzgewölbe des spätgotischen Hochchores wird von zehn Gewölbeanfängern in der Gestalt von Halbbüsten getragen, die vermutlich Figuren von Evangelisten und Propheten darstellen. Die Schlusssteine zeigen die Gottesmutter Maria mit dem Kind, die heilige Katharina mit halbem Rad und Schwert sowie die heilige Barbara mit Turm und Buch.

Glasgemälde Die Chorfenster des spätgotischen Hochchores waren 1932 mit in der Stuttgarter Glaswerkstatt V. Saile gefertigten Farbglasfenstern von Walter Kohler ausgestattet worden, die Szenen aus der Passionsgeschichte und die Auferstehung Jesu Christi darstellten. Durch Kriegseinwirkung wurden sie großenteils zerstört. Reste davon, insbesondere der Auferstandene, konnten geborgen und aufbewahrt werden, bis der Sohn Wolf-Dieter Kohler sie 1982 in seine neuen Fenster bei gleicher Bildthematik einarbeiten konnte, ausgeführt von der Stuttgarter Glaswerkstatt Gaiser.

Im Langhaus ist zudem ein kleines romanisches Fenster erhalten.

Gedenktafel An der Chorwand hängt eine Gedächtnistafel, die der Arzt Dr. Däubler 1861 zum Andenken an seine Mutter stiftete. Sie zeigt Christus als Kinderfreund.

Ehemalige Sedilie Die südliche Tür des Chores war ursprünglich als Sediliennische gestaltet. Die heutige Sakristei war vermutlich eine Seitenkapelle.

Altar Der Altar im vorderen Bereich des Chorraums wurde in den Jahren 1860 bis 1861 geschaffen. Er fügt sich in die neugotische Überformung der Kirche im 19. Jahrhundert ein.

Taufstein Der Taufstein ist schlicht gearbeitet, achteckig und in Pokalform gestaltet.

Kanzel 1775 wurde an der nördlichen Chorbogenwand die bisherige Kanzel durch eine spätbarocke Rundkanzel aus farblich strukturiertem Marmor ersetzt, die direkt aus der Sakristei erreichbar ist. Der ebenfalls runde und wohl hölzerne Schalldeckel mit dezentem Golddekor wie die Kanzel ist farblich angepasst.

Stephanusrelief Ein Kunstwerk der jüngeren Zeit ist das Stephanusrelief des Bildhauers Gerhard Tagwerker, das im Jahr 2006 in Auftrag gegeben und am 28. Oktober 2007 feierlich eingeweiht wurde. Es misst 215 mal 80 Zentimeter und wurde in der Kunstgießerei Strassacker (Süßen) im traditionellen Wachsausschmelzverfahren aus Bronze gefertigt. Das Relief hängt an der Nordwand des Kirchenschiffs, direkt unter dem kleinen romanischen Fenster und in der Nähe der Kanzel. Das Werk zeigt den Diakon Stephanus, der den offenen Himmel erblickt und dem zu seinen Füßen sitzenden Saulus, dem späteren Apostel Paulus, das Brot des Lebens reicht. Diese Darstellung verbindet die biblische Geschichte des ersten Märtyrers mit dem Auftrag der Kirche, im Dienst am Nächsten diakonisch tätig zu sein.

Denkmale An den Ersten Weltkrieg erinnert an der äußeren Chorsüdwand ein Gefallenendenkmal von 1923, auf dem Kirchhof eines zum Zweiten Weltkrieg, 1964 gestaltet vom ortsansässigen Bildhauer Gerhard Tagwerker.

Orgel Die erste Orgel ist für das Jahr 1603 belegt. Carl Gottlieb Weigle errichtete 1848 für 4.030 Gulden eine neue zweimanualige Orgel mit 26 Registern. Die Orgel wurde auf der Empore im Chor aufgestellt, hatte Kegelladen, eine mechanische Traktur und vier Kastenbälge, die hinter der Orgel aufgestellt waren. Diese Orgel wurde am Sonntag Quasimodogeniti, dem 15. April 1849 durch den Stuttgarter Stiftsorganisten Konrad Kocher eingeweiht. 1932 und 1947 wurde sie grundlegend umgebaut und verändert.

Die heutige Orgel wurde im Jahr 1984 von der Echterdinger Orgelbaufirma Weigle erbaut und am 20. Januar 1985 in einem Festgottesdienst feierlich eingeweiht. Es handelt sich um ein dreimanualiges Instrument mit 46 Registern. An der Konzeption und Disposition wirkten Orgelbaumeister Konrad Mühleisen, der Orgelsachverständige Herbert Liedecke und der damalige Bezirkskantor Klaus Schulten maßgeblich mit. Die Orgel ist nicht nur im gottesdienstlichen Gebrauch, sondern wird auch regelmäßig für Konzerte genutzt. Im Jahr 2006 wurde sie umfassend ausgereinigt. Dabei nahm man kleinere Dispositionsänderungen vor und ergänzte eine elektronische Setzeranlage, die das Registrieren erheblich erleichtert.

I Brustwerk C–g3Gedeckt 8'Quintade 8'Prinzipal 4'Rohrflöte 4'Schweizerpfeife 2'Gemsquinte 'Sesquialtera II Scharf IV Cromorne 8'Tremulant II Hauptwerk C–g3Violpraestant 16'Prinzpal 8'Holzflöte 8'Gamba 8'Oktave 4'Spitzflöte 4'Quinte 'Oktave 2'Cornet V 8'Mixtur V 2'Trompete 8'Trompette en chamade 4'Tremulant III Schwellwerk C–g3Bourdon 16'Geigenprinzipal 8'Rohrflöte 8'Salizional 8'Voix céleste 8'Oktave 4'Blockflöte 4'Nasat 'Waldflöte 2'Terz 'Sifflöte 1'Plein jeu V 'Trompette harmonique 8'Oboe 8'Tremulant Pedalwerk C–f1Prinzipal 16'Subbaß 16'Oktavbaß 8'Gemsbaß 8'Violoncello 8'Dolkan 4'Baßzink III 'Hintersatz V 4'Posaune 16'Trompete 8'Klarine 4'

Literatur Eduard Paulus: Die Kunst- und Altertums-Denkmale im Königreich Württemberg. Neckarkreis – Inventar. Stuttgart 1889, S. 455–457. Siegfried Nißler, Klaus Schulten: Evangelische Kirchen in Echterdingen und ihre Orgeln. Leinfelden-Echterdingen 1982. Hansgeorg Kraft: Die Stephanuskirche im Zentrum des historischen Echterdingen - Einst und Heute. (Hrsg.) Evangelische Kirchengemeinde Echterdingen und Stadt Leinfelden-Echterdingen, Neulingen 2024.

Weblinks

Website der Kirchengemeinde Flyer zur Stephanuskirche Flyer zum Stephanusrelief Blick vom Kirchturm auf die Stadtgeschichte Informationen zur Orgel auf organindex.de

Einzelnachweise

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