Erwin C. Dietrich (* 4. Oktober 1930 in GlarusRico Bandle: Das Schweizer Filmwunder In: Die Weltwoche vom 4. November 2011 (Archiv).; † 15. März 2018Benedikt Eppenberger: Er lockte mit Nudisten-Klamauk ins Kino. In: Tages-Anzeiger vom 25. März 2018. in ZürichDer Spiegel Nr. 14 vom 31. März 2018, S. 125.) war ein Schweizer Drehbuchautor, Filmproduzent, -produktionsleiter, -regisseur und Schauspieler und einer der bedeutendsten Vertreter des europäischen Exploitationfilms.
Leben und Werk Beide Eltern Dietrichs hatten deutsche Wurzeln. Seine Mutter Alice Haag stammte aus Schwaben und wurde als Kind in Montlingen naturalisiert. Sein Vater, nach Dietrichs Aussage beruflich ein „Allrounder“, fand erst nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs eine feste Stelle als Telefonmonteur. Die Familie zog zuerst nach Lachen, wo das Einzelkind Dietrich die erste Schulklasse absolvierte, dann nach St. Gallen. Hier verbrachte Dietrich die weiteren Schuljahre, zuletzt von 1944 bis 1947 die Sekundarstufe in der Klosterschule, genannt Flade. Er bezeichnete sich selbst als schlechten Schüler, der viel stärker durch die Pfadfinder, wo er Wölfli-Führer war, und speziell dem Musiker Hans Moeckel beeinflusst wurde.
Nach dem Schulabschluss entschied sich Dietrich für eine Bürolehre in der Buchhaltungsabteilung des Textilhauses von Otto Fischbacher in St. Gallen. Sein Lehrer an der Berufsschule in Dietrichs Lieblingsfach Handelsrecht war der später als Nachrichtensprecher bekannte Paul Spahn. Dietrich wollte aber in das Filmgeschäft kommen, und so brach er seine Bürolehre bei Fischbacher kurzerhand ab. Ursprünglich wollte Dietrich Schauspieler werden. Seine Eltern finanzierten ihm den Besuch der Bühnenschule Zürich. Den Einstieg über die Ausbildung zum Theaterschauspieler brach er jedoch ab und richtete sich neu aus.Benedikt Eppenberger, Daniel Stapfer: Mädchen, Machos und Moneten : die unglaubliche Geschichte des Schweizer Kinounternehmers Erwin C. Dietrich, Verlag Scharfe Stiefel, Zürich, Bern, 2006
1949 absolvierte er seine militärische Grundausbildung als Infanteriefunker in der Kaserne von Freiburg im Üechtland. Danach begann Dietrich die angestrebte Filmkarriere als Placeur im Kino Scala in Zürich. Gleichzeitig stellte er im Keller seines Elternhauses eigenhändig Haarpflegemittel her und sammelte so seine ersten Erfahrungen als Unternehmer. 1950 heiratete er, doch seine Frau Nelly starb bereits nach drei Jahren an einer Hirnblutung.
1955 entstand Dietrichs erster Film Das Mädchen vom Pfarrhof. Dietrich schrieb nicht nur das ursprüngliche Drehbuch, sondern wollte auch die Hauptrolle spielen. Er musste diesen Plan bald aufgeben, wurde auch aus den Produktionscredits verdrängt und sein Drehbuch völlig umgeschrieben. Doch immerhin machte er wesentliche Erfahrungen beim Entstehen eines Films und verdiente sich sein erstes Geld im Filmgeschäft. Zudem lernte er nach den ersten Dreharbeiten seine spätere Ehefrau Ines kennen.
Ab 1957 produzierte er selbst Filme, zunächst mit seiner Firma Urania-Film, wie Der Herr mit der schwarzen Melone und Der Mustergatte, die sich als grosse Erfolge erwiesen. Als in Deutschland die „Wallace-Krimis“ populär wurden, brachte Dietrich Die Nylonschlinge oder Der Würger vom Tower, besetzt mit Schauspielern wie Dietmar Schönherr, in die Kinos.
Mitte der 1960er Jahre wurde die Kinolandschaft sexuell freizügiger, ein Trend, dem sich Dietrich anschloss. Ein frühes Beispiel ist der von ihm produzierte Film St. Pauli zwischen Nacht und Morgen, der eine Kombination aus gängiger Krimihandlung und Erotik darstellte. Seine erste eigene Regiearbeit aus dem Jahr 1968, die Verfilmung des gleichnamigen Romans Die Nichten der Frau Oberst, war ein kommerzieller Erfolg. Bis ins Jahr 1980 folgten mehr als 45 weitere Regie- und Drehbucharbeiten, meist unter den Pseudonymen „Michael Thomas“ bzw. „Manfred Gregor“. Diese Filme produzierte Dietrich mit seiner neu gegründeten „Elite-Film“ (später „Ascot Film GmbH“). Meist entstanden Dietrichs Filme in seinen Studios in Rümlang ausserhalb von Zürich. Er belegte dazu das Obergeschoss im Restaurant Bahnhof. Diese Räumlichkeit war ursprünglich als Theatersaal genutzt worden und wurde von Dietrich ständig umgebaut. Das endete 1980, als im Restaurant ein Brand ausbrach und das Obergeschoss vollständig ausbrannte.
Höhepunkte von Dietrichs Schaffen in dieser Zeit sind vor allem die Filme mit Ingrid Steeger und Brigitte Lahaie. Sein 1980er Remake der Die Nichten der Frau Oberst, ebenfalls mit Lahaie, bezeichnete Dietrich oft als seinen Lieblingsfilm. Dietrich produzierte insgesamt 17 Filme mit dem spanischen Regisseur Jess Franco.
Filme wie Liebesbriefe einer portugiesischen Nonne oder Jack the Ripper mit Klaus Kinski erfuhren weltweite Anerkennung, auch von Kollegen und Fans wie Joe Dante oder Quentin Tarantino, der Dietrich als den „Schweizer Roger Corman“ bezeichnete.
Auch Dietrichs „Avis“-Filmverleih, mit dem er über 400 Filme der unterschiedlichsten Genres in die Kinos brachte, florierte. Doch der Cineast Dietrich wollte nicht weiter nur mit Erotik und „Exploitation“ identifiziert werden. Der von ihm co-produzierte Film Die Geschichte der Piera von Marco Ferreri mit Isabelle Huppert und Marcello Mastroianni wurde zwar kommerziell nicht so erfolgreich wie andere seiner Produktionen, hatte aber weltweit künstlerischen Erfolg auf Festivals. Hanna Schygulla erhielt für ihre Darstellung die „Goldene Palme“ in Cannes.
Der 1980 mit der Goldenen Leinwand ausgezeichnete Action-Film Die Wildgänse kommen, den er gemeinsam mit Euan Lloyd produzierte, brachte ihm internationales Ansehen. Der Film hatte im Jahr 1978 alleine in der Bundesrepublik Deutschland vier Millionen Zuschauer, wohl auch wegen der zu der Zeit populären Schauspieler wie Richard Harris, Roger Moore, Richard Burton und Hardy Krüger.
Im Zuge dieses Erfolgs produzierte Dietrich weitere Filme dieses Formats wie Flucht nach Athena oder Die Seewölfe kommen. Die Erfolge dieser Filme überzeugten Dietrich Mitte der 1980er Jahre, gemeinsam mit seinem Geschäftspartner Peter Baumgartner drei weitere, auf den Philippinen gedrehte Action-Abenteuer zu produzieren: die Söldner-Trilogie Geheimcode Wildgänse, Kommando Leopard und Der Commander u. a. mit Klaus Kinski, Ernest Borgnine oder Lee Van Cleef in Hauptrollen.
Parallel zu seiner Tätigkeit als Drehbuchautor, Regisseur und Produzent eröffnete Dietrich das erste Multiplex-Kino der Schweiz, das Kino Capitol in Zürich, und später das Kino Cinemax am Zürcher Escher-Wyss-Platz.
Anfang der 1990er Jahre, nach dem Tanzfilm Dance Academy II, den beiden Komödien Ein Schweizer namens Nötzli und Der doppelte Nötzli sowie insgesamt mehr als 100 Produktionen, zog sich Dietrich aus dem aktiven Produzentengeschäft zurück und widmete sich dem Filmverleih „Ascot-Elite“. Die Führung dieser Firma übergab er 1991 seinen beiden Kindern Ralph und Karin. Als Kinounternehmer stieg er nun in das Zürcher Projekt Cinemax ein, und als dieses am 6. August 1993 eröffnet wurde, war Dietrich zugleich Programmverantwortlicher, Mehrheitsaktionär, Verwaltungsratspräsident und Geschäftsführer der Cinemax AG. 1995 gab er die Geschäftsführung ab, und 2006 verkaufte er die Kinos Capitol und Cinemax an die Kitag. Dietrich widmete sich zuletzt der digitalen Restauration seines filmischen Erbes.
Erwin C. Dietrich schrieb unter dem Pseudonym Manfred Gregor (nicht zu verwechseln mit dem Autor Gregor Dorfmeister, der dasselbe Pseudonym verwendete) zahlreiche Drehbücher und führte unter den Pseudonymen Irvin C. Dietrich, Wolfgang Frank, Manfred Gregor, Michael Thomas und Fred Williams häufig Regie.
Filmografie 1955: Das Mädchen vom Pfarrhof 1957: Der König der Bernina 1959: Der Mustergatte 1960: Der Herr mit der schwarzen Melone 1961: Die Gejagten 1961: Musik ist Trumpf 1962: Zwei Bayern in Bonn 1963: Die Nylonschlinge 1964: Ein Sarg aus Hongkong 1966: Der Würger vom Tower 1966: Schwarzer Markt der Liebe 1967: St. Pauli zwischen Nacht und Morgen 1967: Seitenstrassen der Prostitution 1968: Unruhige Töchter 1968: … und noch nicht sechzehn 1968: Hinterhöfe der Liebe 1968: Die Nichten der Frau Oberst 1968: Weisse Haut auf schwarzem Markt 1968: Die Nichten der Frau Oberst: 2. Teil 1969: Nackter Norden 1969: Die Neffen des Herrn General 1969: Champagner für Zimmer 17 1970: Schwarzer Nerz auf zarter Haut 1970: Porno Baby 1970: Robin Hood und seine lüsternen Mädchen 1970: Intimità proibite di una giovane sposa (Co-Produktion) 1970: In der Glut des Mittags 1970: Ich – ein Groupie 1970: Django Nudo und die lüsternen Mädchen von Porno Hill (Brand of Shame) 1970: Die Sex-Abenteuer der drei Musketiere 1971: Der lüsterne Türke 1971: Blutjunge Verführerinnen 1971: Die Stewardessen 1972: Blutjunge Verführerinnen – 2. Teil 1972: Mädchen mit offenen Lippen 1972: Die Mädchen-Händler 1972: Blutjunge Masseusen 1972: Blutjunge Verführerinnen – 3. Teil 1973: Die Bett-Hostessen 1973: Mädchen, die nach Liebe schreien 1973: Eine Armee Gretchen 1974: Der Teufel in Miss Jonas 1974: Mädchen, die sich hocharbeiten 1974: Frauen, die für Sex bezahlen 1974: Heisser Sex in Bangkok 1974: Was geschah wirklich mit Miss Jonas? 1974: Die bumsfidelen Mädchen vom Birkenhof 1975: Heisser Mund auf feuchten Lippen 1975: Die Sex-Spelunke von Bangkok 1975: Mädchen, die sich bedienen 1975: Rolls-Royce Baby 1975: Die Blonde mit dem süssen Busen 1975: Mädchen ohne Männer 1975: Heisse Berührungen 1975: Frauen-Gefängnis 1976: Mädchen, die am Wege liegen 1976: Downtown – Die nackten Puppen der Unterwelt 1976: Mädchen im Nachtverkehr 1976: Jack the Ripper – Der Dirnenmörder von London 1977: Greta – Haus ohne Männer 1977: Die Liebesbriefe einer portugiesischen Nonne 1977: Die Sklavinnen 1977: Nach Bangkok …der Liebe wegen 1977: Tänzerinnen für Tanger 1977: In 80 Betten um die Welt 1977: Weisse Haut und schwarze Schenkel 1977: Die Marquise de Sade 1977: Adam + Eva 1977: Das Frauenhaus 1977: Die teuflischen Schwestern 1977: Frauen im Liebeslager 1977: Ruf der blonden Göttin 1977: Frauen ohne Unschuld 1978: Frauen für Zellenblock 9 1978: Mädchen nach Mitternacht 1978: Die Wildgänse kommen (The Wild Geese) (Produktion) 1979: Foltergarten der Sinnlichkeit 1979: 6 Schwedinnen im Pensionat 1980: Die Nichten der Frau Oberst 1980: Gefangene Frauen 1980: Die Seewölfe kommen 1980: 6 Schwedinnen von der Tankstelle 1980: Julchen & Jettchen 1981: 6 Schwedinnen auf Ibiza 1981: Mad Foxes – Feuer auf Räder (Los Violadares) 1981: Ein lasterhafter Sommer 1982: Heisser Sex auf Ibiza 1982: 6 Schwedinnen hinter Gittern 1982: Das Kommando 1983: Die Geschichte der Piera (Storia di Piera) (Produktion) 1983: 6 Schwedinnen auf der Alm 1984: Die Zukunft heisst Frau 1984: Geheimcode Wildgänse (Produktion) 1984: Super-Esel auf dem Ku`damm (Co-Produktion) 1985: Kommando Leopard 1986: Rückkehr der Wildgänse 1988: Der Commander 1988: Ein Schweizer namens Nötzli 1989: Dance Academy II 1990: Der doppelte Nötzli 1995: Never Talk to Strangers 1996: Kondom des Grauens
Literatur Benedikt Eppenberger, Daniel Stapfer: Mädchen, Machos und Moneten. Die unglaubliche Geschichte des Schweizer Kinounternehmers Erwin C. Dietrich. Mit einem Vorwort von Jess Franco. Scharfe Stiefel, Zürich 2006, ISBN 3-033-00960-3. Kay Weniger: Das große Personenlexikon des Films. Die Schauspieler, Regisseure, Kameraleute, Produzenten, Komponisten, Drehbuchautoren, Filmarchitekten, Ausstatter, Kostümbildner, Cutter, Tontechniker, Maskenbildner und Special Effects Designer des 20. Jahrhunderts. Band 2: C – F. John Paddy Carstairs – Peter Fitz. Schwarzkopf & Schwarzkopf, Berlin 2001, ISBN 3-89602-340-3, S. 394 f.
Weblinks
Biografie Erwin C. Dietrich Collection (englisch, Archiv) Michael Sennhauser: Schweizer Kinopionier Erwin C. Dietrich ist gestorben. In: srf.ch vom 26. März 2018 (inkl. Audio von 3. Oktober 2006).