mini|300px|Grabsteinhalde des Friedhofs im Jahr 2015 Der Jüdische Friedhof in Bródno (polnisch: Cmentarz żydowski na Bródnie) ist der älteste jüdische Friedhof in Warschau. Gemessen an der Zahl der Bestatteten ist es der größte jüdische Friedhof in Polen und damit einer der größten der Welt – hier wurden Schätzungen zufolge bis zu 320.000 Menschen begraben. Die Begräbnisstätte wurde 1780 angelegt und im Jahr 2009 unter Denkmalschutz gestellt. Seit den Nachkriegsjahren wird der Friedhof nicht mehr für Bestattungen genutzt.

Lage Das Friedhofsgelände liegt zwischen den Straßen Horodelska (und deren Verlängerung Rogowska), Św. Wincentego, Jacka Odrowąża und Rzeszowska im Warschauer Stadtteil Targówek; im Norden grenzt der jüngere und heute sehr viel größere katholische Bródno-Friedhof an.Cmentarz Żydowski, 2. Oktober 2008, Website der Stadtverwaltung Warschau-Targówek, (in Polnisch, abgerufen am 7. Mai 2025) Der Haupteingang zum jüdischen Friedhof befindet sich an der Sw. Wincentego-Straße (Nr. 15).

Geschichte Die erste bekannte Bestattung auf dem Gelände fand 1743 statt; die ältesten erhaltenen Grabsteine werden auf die Jahre 1743 bis 1760 datiert.Jakie tajemnice kryje stary żydowski cmentarz na Bródnie?, 17. März 2025, Rzeczpospolita (in Polnisch, abgerufen am 7. Mai 2025) Im Jahr 1780 verpachtete der polnische König Stanislaus II. August Poniatowski die sandige Fläche in der damaligen königlichen Jurydyka Gołędzinów an den vermögenden Warschauer Unternehmer Szmul Jakubowicz Zbytkower.Joachim von Puttkamer, Szmul Zbytkower und Canaletto. Eine Spurensuche im Warschauer Museum der Geschichte der polnischen Juden, in: Historie, 10/2016, ISBN 978-83-7543-412-5, S. 125–141 (abgerufen am 15. Mai 2025) Auf dem Gelände war zuvor Sand und Ton für den Betrieb einer nahegelegenen Ziegelei abgebaut worden.

Zbytkower richtete dort am 26. Juli 1780 offiziell einen jüdischen Friedhof ein. Der König und dessen Bruder, der polnische Primas Michał Jerzy Poniatowski, hatten dem Vorhaben unter der Bedingung zugestimmt, dass die jüdische Gemeinde in Warschau der katholischen, heute nicht mehr existierenden Pfarrkirche zum Heiligen Stanislaus in der nahegelegenen Jurydyka Skaryszew jährlich am Johannistag 10 Steine Talg (etwa 100 Kilogramm) entrichten müsse. Außerdem sollten Bestattungen nur „im Stillen“ (Gesang und Prozessionen während der Trauerfeierlichkeiten waren untersagt) stattfinden.Warszawa - Cmentarz żydowski na Bródnie, cmentarze-zydowskie.pl (in Polnisch, abgerufen am 7. Mai 2025) Im Jahr 1784 errichtete Zbytkowers Frau Gilta einen Zaun um das Friedhofsgelände. Von 1785 bis zu seinem Tod saß Zbytkower der Begräbnisbruderschaft des Friedhofs vor.

Im Rahmen des Kościuszko-Aufstands errichteten 1794 Truppen eines von Berek Joselewicz kommandierten jüdischen Reiterregiments Befestigungsanlagen auf dem Friedhofsgelände, um einen Angriff der russischen Armee unter Alexander Wassiljewitsch Suworow abzuwehren. Viele der jüdischen Soldaten fielen.Ewelina Adamczyk, Cmentarz żydowski na Bródnie. Zniszczony, zapuszczony i bardzo mroczny, NAM Warszawa Naszemiasto, 30. Juni 2018 (in Polnisch, abgerufen am 24. Mai 2025)

Im 19. Jahrhundert wurde der Friedhof zwar viel genutzt – die Begräbnisgebühren waren sehr niedrig und wurden Armen oft ganz erlassen –, befand sich aber in einem schlechten Zustand. Die Pflege wurde durch Sandverwehungen erschwert. Im Ersten Weltkrieg rissen russische Soldaten den Holzzaun ab, um ihn als Heizmaterial zu nutzen. 1920 wurden ein neues Bestattungshaus und eine Mauer errichtet, 6000 umgestürzte Grabsteine wieder aufgestellt und mehrere hundert Bäume gepflanzt, um den aus Treibsand bestehenden Boden zu verfestigen.

Deutsche Besatzungszeit Nach der Einnahme Warschaus wurde der Friedhof zunächst weiterbetrieben. Nachdem das Warschauer Ghetto errichtet worden war, konnte der Friedhof nicht mehr genutzt werden, da der jüdischen Bevölkerung das Verlassen des Ghettos verboten war. Die letzten regulären Bestattungen fanden im November 1940 statt.

Während der Besatzungszeit zerstörten deutsche Truppen die Friedhofsgebäude und einen Teil der Ummauerung. Die meisten Grabsteine wurden abtransportiert und in der Nähe von Warschau als Baumaterial für militärisch genutzte Straßen und bei der Errichtung von Bunkerstrukturen verwendet.Cmentarz żydowski na Bródnie w Warszawie (ul. Św. Wincentego 15), Sztetl.org.pl (in Polnisch, abgerufen am 15. Mai 2025) Vermutlich bis Sommer 1941 kam es auch zur Anlage von Massengräbern auf dem Gelände.

Emanuel Ringelblum, der Chronist des Warschauer Ghettos, schrieb am 12. Mai 1942:

Im August und September 1944 fanden auf dem Friedhof Exekutionen an der Warschauer Bevölkerung statt. Die dort vergrabenen Opfer wurden größtenteils nach dem Krieg exhumiert und auf katholische Friedhöfe umgebettet.

Volksrepublik Polen mini|Aus Grabsteinen errichtete Pergola im Warschauer Szypowski-Park Auch nach dem Zweiten Weltkrieg wurden Grabsteine weiterhin als Baumaterial verwendet (Bordsteine im Warschauer Zoo, als Pergola im Szypowski-Park in Praga-Południe oder als Mauer der Begräbnisstätte sowjetischer Soldaten auf dem katholischen Bródno-Friedhof). Bei Tiefwasserstand der Weichsel im Bereich Warschau wurden Teile jüdischer Grabsteine mit hebräischen Buchstaben gefunden. Diese Steinreste stammen vermutlich ebenfalls vom Friedhof Brodno und dienten der Befestigung des Weichselufers.

Am 8. Dezember 1947 fand als letzte auf dem Friedhof vorgenommene Begräbnishandlung die Beisetzung der exhumierten sterblichen Überreste von Juden statt, die während der Besatzungszeit ermordet und in verschiedenen Teilen Warschaus begraben worden waren.

In den 1950er Jahren beschlossen die kommunistischen Behörden, den Friedhof in eine Grünanlage umzuwandeln. Die vormalige Idee der Einrichtung einer Gedenkstätte auf dem Friedhof wurde aufgegeben – die Kulturabteilung des Zentralkomitees hielt es für „absolut unangemessen, in dem anzulegenden Park ein Mausoleum oder Denkmal zu errichten“. Am 27. Juli 1960 wurde der Friedhof offiziell geschlossen und verstaatlicht. Ein großer Teil der noch verbliebenen Grabsteine wurden zerstört oder entfernt und das Gebiet aufgeforstet. Rund 2000 Grabsteine wurden mithilfe von Traktoren an einer Stelle gesammelt.

Anfang der 1980er Jahre begann der in Konstanz lebende Shimon Nissenbaum mit der Wiederherstellung des Friedhofs. Nissenbaum stammte aus Warschau, seine Familie hatte im Warschauer Ghetto gelebt.Anna Kilian, A man who started from nothing and came about on an international scale, WGM Warsaw Ghetto Museum (in Englisch, abgerufen am 7. Mai 2025) Die Nissenbaum-Stiftung finanzierte ab 1982 die Restaurierung mehrerer jüdischer Baudenkmäler in Warschau. Der Friedhof in Bródno wurde mit Mitteln der Stiftung aufgeräumt und eingezäunt. Er erhielt ein repräsentatives Eingangstor und aus alten Grabsteinen wurde nach einem Entwurf des Architekten Bogusław Cyliński eine Art Lapidarium errichtet. Auf dem solchermaßen geschaffenen Fundament sollte eine Gedenkstätte errichtet werden; dieser Plan wurde nicht verwirklicht.Jüdische Friedhöfe und Bestattungskultur in Europa, Internationale Fachtagung in Berlin-Weißensee vom 3. bis 6. April 2011, ICoMos Deutschland und Landesdenkmalamt Berlin, ICoMos Hefte des deutschen Nationalkomitees, ISBN 978-3-930388-25-7, S. 121

Dritte Polnische Republik Der ungenutzte und ungepflegte Friedhof verkam in den 1990er Jahren erneut. Anwohner führten hier ihre Hunde aus, entsorgten auf dem Gelände Müll und alte Autos. Auch Hooligans und Obdachlose hielten sich hier häufig auf.Cmentarz żydowski na Bródnie ma nowego kierownika, Wirtualny Sztetl, 9. Februar 2016 (in Polnisch, abgerufen am 20. Mai 2025)

Erst im Jahr 2009 wurde der Friedhof in das Denkmalregister eingetragen (Nr. 856-A).Gabriele Lesser, Keinen Zloty für Brodno, Jüdische Allgemeine, 25. August 2014 (abgerufen am 10. April 2025) 2012 gab Warschaus Oberbürgermeisterin Hanna Gronkiewicz-Waltz den 1960 verstaatlichten Friedhof an die jüdische Gemeinde zurück. Für eine erste Sanierung beantragte die Gemeinde eine Finanzierung von rund zwei Millionen Euro. Die Stadt stellte aber kein Geld zur Verfügung; nach Fertigstellung des Museums der Geschichte der polnischen Juden POLIN wurden die meisten Finanzierungsanträge der jüdischen Gemeinde zunächst abgelehnt.

Im Jahr 2018 eröffnete das informative Museum und Informationszentrum Bejt Almin. Am 17. Januar 2021 wurde auf dem Friedhof der jährliche „Tag des Judentums“ begangen. Der neben dem polnischen Oberrabbiner Michael Schudrich anwesende katholische Bischof Romuald Kaminski verlas Psalm 130.Katholiken und Juden begehen gemeinsamen Tag des Judentums, 19. Januar 2021, CNA Deutsch (abgerufen am 7. Mai 2025)

mini|Aufriss der Begräbnisfelder (Vorkriegsansicht)

Nutzung heute Der Friedhof kann tagsüber besucht werden. Der Großteil der Anlage besteht aus kahlen Flächen oder ist mit Bäumen bewachsen. Einige Mazevot wurden wieder aufgestellt. Viele liegen noch ungeordnet auf großen Haufen. In einer Sendung des SWR im Juni 2023 stellte der Leiter des Friedhofs, Remigiusz Sosnowski, fest:Martin Sander, Glauben Neuanfang nach 1000 Jahren – Jüdisches Leben in Polen heute, bei: Kultur neu entdecken, 4. Juni 2023 (Sendung), SWR

Auf dem Friedhof befindet sich ein Besucherzentrum mit der Dauerausstellung „Bejt Almin – Dom Wieczności“ (Bejt Almin – Haus der Ewigkeit), die der Geschichte des Friedhofs und der jüdischen Bestattungstradition gewidmet ist. Anhand von Texten, Fotos und Karten werden die Konzepte von Tod und Begräbnis in jüdischer Tradition, Religion und Kultur auf Polnisch und auf Englisch beschrieben.Focus on a Heritage Site: Warsaw’s Bródno Jewish cemetery; powerful site with informative new exhibit, 17 August 2018, Jewish Heritage Europe (in Englisch, abgerufen am 7. Mai 2025) In der Mitte des Friedhofs steht das aus Grabsteinen bestehende Lapidarium.

Auf dem Friedhof werden seit mehreren Jahren archäologische Arbeiten durchgeführt. Am 16. Juni 2023 fand eine Zeremonie zum Abschluss von Bautätigkeiten statt, mit denen ursprüngliche Wege des Friedhofs zur Grabstätte des Friedhofsgründers Zbytkower markiert wurden. Außerdem wurde des Erfinders Abraham Stern gedacht. Anlässlich der Feier führte Sylwia Kedzielska-Jasik, die Vorsitzende der Jüdischen Religionsgemeinde Warschau, aus:Uroczystość na Cmentarzu Żydowskim na Bródnie – Warszawa, 16 czerwca 2023, Instytut Pamięci Narodowej, 19. Juni 2023 (in Polnisch, abgerufen am 25. Mai 2025)

Im September 2023 wurden die Reste zweier Gebäude (Ohelim) entdeckt, von denen eines der Ruhestätte eines von drei hier bestatteten Zaddikim aus dem 19. Jahrhundert zugeordnet wird.Warszawa: na Bródnie odnaleziono grobowiec cadyka, 20. Oktober 2023, Onet.pl, TuStolica.pl (in Polnisch, abgerufen am 20. Mai 2025) Anfang 2024 wurden die beiden Ohelim unter Denkmalschutz gestellt. Der Begriff „Ohel“ (wörtlich „Zelt“, Plural: Ohelim) bezeichnet hierbei ein Gebäude über der Ruhestätte eines Zaddiks, eines Gerechten.

2025 wurden die Fundamente des ehemaligen Bestattungshauses freigelegt. In dem Gebäude hatte vor dem Krieg die Tahara-Zeremonie stattgefunden. Die Ausgrabung finanzierte das Denkmalschutzamt der Region Masowien. Es wurden Bestandteile eines geschlossenen Raumes, Fragmente von Pflasterflächen und sanitärer Anlagen gefunden. Die Arbeiten standen unter der Aufsicht einer Rabbinerkommission.

Friedhofsdimensionen