mini|alt=Einzelne Bäume verschiedener Sorte auf einer Wiese, davor und dazwischen ein Weg, im Hintergrund Wald|Gedenkbäume für die NSU-Mordopfer Mehmet Turgut, Abdurrahim Özüdoğru, Enver Şimşek, Halit Yozgat, Mehmet Kubaşık, İsmail Yaşar, Süleyman Taşköprü, Michèle Kiesewetter und Theodoros Boulgarides sowie der Schatten des Gedenkbaums für Habil Kılıç (von links nach rechts, 2025)
Die zehn Gedenkbäume für die Mordopfer des NSU stehen auf der Ziegelwiese des Schwanenteichparks in Zwickau. Zunächst pflanzte Oberbürgermeisterin Pia Findeiß 2019 einen ersten Baum für Enver Şimşek, der aber abgesägt wurde. Schließlich wurde die vollständige Baumgruppe fast genau acht Jahre nach der Selbstenttarnung des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) eingeweiht und am Folgetag von Bundeskanzlerin Angela Merkel besucht. Hinterbliebene wurden nicht eingebunden.
Vorgeschichte mini|alt=viergeschossiges Haus mit teilweise fehlenden Wänden und Brandspuren umgeben von Schutt und Bauzaun|Wohnung des NSU-Kerntrios in der Frühlingsstraße nach der Selbstenttarnung (16. November 2011)
Das NSU-Kerntrio lebte in der Phase der Morde unerkannt in Zwickau: Im Sommer 2000 zog es in die Heisenbergstraße 6 im Ortsteil Eckersbach, später in die Polenzstraße 2 in Marienthal und schließlich in die Frühlingsstraße 26 in Weißenborn, wo es sich per Wohnungszerbombung am 4. November 2011 selbst enttarnte.
mini|alt=Im Vordergrund befindet sich eine mehrspurige Straße. Hinter dieser fällt die Höhe auf die Ebene der Wiese, die von Bäumen gesäumt ist.|Blick von der Reichenbacher Straße auf die Ziegelwiese noch ohne die Gedenkbäume, aber mit dem Mahnmal für die Opfer des Faschismus im Hintergrund (2010)
Ab dem 1. Mai 2012 forderte Oberbürgermeisterin Pia Findeiß (SPD) ein Denkmal für Opfer rechter Gewalt, möglichst verbunden mit einem Dokumentations- und Informationszentrum. Sie schloss dabei die Orte der ehemaligen Wohnungen des Kerntrios aus, um Rechte nicht anzuziehen. In der öffentlichen Debatte wurde der Vorschlag teilweise als Symbolpolitik abgetan. Finanzielle Unterstützung von Bund und Land blieb trotz Kontaktaufnahme zu Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) aus. Für Landtagsabgeordnete Elke Herrmann (Grüne) sei eine stabilere Demokratieförderung wichtiger, insbesondere für das regionale Bündnis für Demokratie und Toleranz. Dessen Gründungsmitglied und Beirat Erwin Killat (Grüne) schlug bei der Gedenkveranstaltung am Tag der Erinnerung und Mahnung im Mahnmal für die Opfer des Faschismus vor, dieses um das Gedenken an die NSU-Mordopfer zu erweitern. Die dem Denkmal zugehörige Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten (VVN-BdA) lehnte das ab.
Zum fünften Jahrestag der Selbstenttarnung stellte die Künstlergruppe Sternendekorateure für eine Woche im November 2016 elf hölzerne Gedenkbänke auf dem Schumannplatz in der Innenstadt auf. Sie waren mit Texten aus der Perspektive je eines Mordopfers versehen. Die elfte Bank stand für alle weiteren Betroffenen. So wurde an die Taten erinnert, der Opfer gedacht und Zusammengekommen. Innerhalb der ersten 24 Stunden wurde die Bankgruppe angesägt und eingetreten sowie in einer zweiten Attacke mit weißer Farbe bespritzt. Nach einigen Tagen wurden zwei Bänke entwendet, obwohl sie nach Auflage der Stadt miteinander verschraubt und mit Kabelbindern gesichert waren. Die Sternendekorateure schrieben dazu: „Es ist traurig, es ist empörend und sagt leider so viel aus, ZWICKAU!!!!!!!!“ Weder der zentralere und videoüberwachte Hauptmarkt als Standort noch eine dauerhafte Beobachtung durch Beamte seien möglich gewesen.
„Deutsche“ Eiche in Gedenken an Enver Şimşek mini|alt=Viele Blumen und Kerzen sowie eine weiße Bank. Auf einer großen Wiese, im Hintergrund andere Bäume. Am Ort fehlt der Baum. Im Hintergrund ist das Mahnmal.|Geschmückte Stelle des abgesägten Gedenkbaums für Enver Şimşek mit fehlerhafter Gedenktafel, ersetzter Gedenkbank und weißen Rosen, dahinter frisch gepflanzte Bäume (14. November 2019)
Nach der Urteilsverkündung im NSU-Prozess 2018 verfolgte Findeiß die Idee der Gedenkbäume: Am 8. September 2019, dem Tag der Erinnerung und Mahnung, pflanzte sie im Anschluss nach dem Gedenken im Mahnmal für die Opfer des Faschismus in symbolischer Sichtweite (ca. 200 Meter) den ersten Gedenkbaum für das erste NSU-Mordopfer Enver Şimşek. Der spendenfinanzierte Baum war eine „deutsche“ Eiche. Diese bewusst gewählte Baumsorte und die wenige Öffentlichkeitsarbeit dazu sollte Deutsche zum Stehen lassen animieren. Auf der ursprünglichen Gedenktafel auf dem davor gesetzten Stein waren die Rechtschreibung des Nachnamens und die Zahlenangabe der tödlichen Schüsse fehlerhaft.
Nach einem knappen Monat, in der Nacht zum 3. Oktober, dem Tag der Deutschen Einheit, wurde der Gedenkbaum abgesägt. Daraufhin wurde die Gedenkbank für Enver Şimşek der Sternendekorateure zum Baumstumpf dazugestellt. Diese wurde auch beschädigt und dann durch eine massivere, weiß gestrichene ersetzt (siehe Bild). Die doppelte Schändung des bis dahin kaum beachteten Gedenkortes sorgte für großes Aufsehen. Die Angehörigen Enver Şimşeks reagierten laut ihrer Anwältin Seda Başay-Yıldız emotional, bestürzt und verständnislos, hofften aber auf einen künftig besseren Schutz der Gedenkstätte. Die „ruchlose Tat“, wie Findeiß sich ausdrückte, bezeichnete Bundesregierungssprecher Steffen Seibert (CDU) als „schlicht und einfach bestürzend“. Klassensprecher Jakob Springfeld (Grüne) und viele seiner Mitschüler des nahe gelegenen Peter-Breuer-Gymnasiums, spontan ergänzt von Gleichaltrigen vom weiter entfernten Käthe-Kollwitz-Gymnasium und einigen Stadträten, legten in einer Mittagspause Blumen am Tatort nieder und hielten eine Schweigeminute ab (ca. 120 Menschen). Wenige Tage später gab es eine weitere Gedenkveranstaltung (ca. 300). Auch die Spendenbereitschaft für die Gedenkbäume und -steine stieg schnell (fast 14.000 € aus der Bürgerschaft, davon 6.000 € von Bürgern), was zur beschleunigten Pflanzung aller Bäume führte.
Offizielles Programm der Einweihung der Baumgruppe Nach einer Weihe der Steine im Rahmen eines Gottesdienstes am 1. November 2019, wurden die zehn Gedenkbäume am 3. November eingeweiht. Bundeskanzlerin Merkel besuchte die Gedenkstätte einen Tag später, dem zehnten Jahrestag der NSU-Selbstenttarnung.
Am Freitagabend, dem 1. November weihte der Bischof Heinrich Timmerevers vom Bistum Dresden-Meißen, dem Träger des Peter-Breuer-Gymnasiums, die zehn neuen Gedenksteine in einem ökumenischen Gottesdienst in der vollen Marienkirche, dem sogenannten Dom. Er selbst hatte mit dem direkt gewählten Bundestagsabgeordneten Carsten Körber (CDU) Gedenkbaum und -stein für Mehmet Turgut gespendet, wo die Namen der beiden Spender angegeben sind.
Am Sonntag, den 3. November 10 Uhr fand die Einweihung der Gedenkstätte statt. Oberbürgermeisterin Pia Findeiß hielt eine Rede. Grußworte sprachen die Bundestagsabgeordneten Carsten Körber und Sabine Zimmermann (damals Linke), Kirchenvertreter, sowie die Vizepräsidentin des Thüringer Landtags Dorothea Marx (SPD). Die Stadträte Christian Siegel (CDU), Wolfgang Wetzel (Grüne) und René Hahn (Linke) verlasen ein Memorandum „von nahezu allen Stadträtinnen und Stadträten der Fraktionen CDU/FDP, SPD/Grüne/Tierschutzpartei, DIE LINKE. Und BfZ.“ Anschließend wurden die Gedenksteine eingesetzt. Eine Schweigeminute beendete den offiziellen Teil, dem ca. 450 Menschen beiwohnten. Danach sprachen noch weitere Personen.
Am Montag, den 4. November gegen 13 Uhr besuchte Bundeskanzlerin Angela Merkel für eine Viertelstunde die Gedenkstätte. Dabei legten sie und die ausgewählten, teilweise politisch hochrangigen Anwesenden symbolträchtige weiße Rosen an die Stelle des abgesägten Gedenkbaums nieder. Nach ihr sprachen Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU), Findeiß und Springfeld. Zunächst war nur der Besuch des örtlichen Volkswagenwerks am Vormittag zum Start der Serienproduktion des ID.3, dem ersten E-Auto der Marke, geplant gewesen. Erst in Folge der Schändung hatte sie den Besuch der Gedenkstätte angekündigt. Das Datum deckte sich dann zufällig mit dem Jahrestag der NSU-Selbstenttarnung. Volkswagen Sachsen hatte Gedenkbaum und -stein für Halit Yozgat gespendet.
Kritik und Kontroversen um den Herbst 2019 Die Hauptkritik bezog sich auf die fehlende Opferperspektive: So wurden die Hinterbliebenen nicht bei der Entstehung der Gedenkstätte einbezogen, was sich entsprechend auf die Ausgestaltung auswirkte, und auch nicht beim offiziellen Programm; für Gamze Kubaşık, Tochter von Mehmet Kubaşık, eine „Unverschämtheit“.
Entstehungsprozess
Die Hinterbliebenen „wurden weder in die Planung des Mahmals einbezogen, geschweige denn überhaupt gefragt, was sie davon halten“, äußerte Gamze Kubaşiks Anwalt Sebastian Scharmer. Sie erfuhr erst über ihn und dieser medial von der geplanten Pflanzung der Baumgruppe. Danilo Starosta vom Kulturbüro Sachsen bemängelte, dass nicht nur die Hinterbliebenen, sondern auch „die Zwickauer*innen“ nicht einbezogen wurden. Findeiß wollte im Stadtrat „eine ideologische Diskussion“ um die öffentliche Finanzierung vermeiden und organisierte deshalb alternativ Spenden. Laut Mandatsträger Wolfgang Wetzel wäre dort auch kein entsprechender Beschluss gefasst worden. Für Findeiß selbst sei die Entstehung kein „Alleingang“ gewesen, weil sie Gestaltungsideen aus der örtlichen Zivilgesellschaft aufgegriffen habe.
Die lange Dauer von acht Jahren von der Selbstenttarnung bis zur Einweihung wurde thematisiert und reiht sich in die deutschlandweite Zähigkeit der NSU-Aufarbeitung ein.
Gestaltung Die 2019 gesetzten Gedenktafeln auf den Steinen waren fehlerhaft. Besonders auffällig war das bei der Schreibweise der Namen. Die Fehler wurden nachträglich teilweise korrigiert (Details siehe unten). Zudem sei der Text zu Enver Şimşek eine „geschmacklose, brutale und völlig unnötige Ausführung“ zu seiner Ermordung.mini|alt=10 junge, einzeln stehende Bäume auf einer Wiese unter schwarzem Himmel|Nächtliche Beleuchtung als Schutzmaßnahme (14. November 2019) Schon vor der Pflanzung gab es die Befürchtung, dass keine ausreichenden harten Schutzmaßnahmen getroffen werden würden, um eine solche Tat, wie sie dann schließlich eingetreten ist, zu verhindern. Ombudsfrau Barbara John (CDU) sagte am Rande des Merkelbesuchs: „Jede Zerstörung ist für die Familien erneut ein Schock. Es braucht Gedenkorte – aber es braucht gute.“ Die Hinterbliebenen von Enver Şimşek hofften bei der Neupflanzung auf ein besseres Gelingen. Drastischer formulierte Gamze Kubaşık zu dem Baum für ihren Vater Mehmet Kubaşık: „Ich weiß auch gar nicht, ob ich möchte, dass in Zwickau ein Baum für ihn gepflanzt wird, wenn man dort gar nicht sicher sein kann, dass er nicht wieder abgesägt wird.“ Der Ort wurde nachts beleuchtet sowie polizeilich in Präsenz und mit Überwachungskameras bewacht. Diese Schutzmaßnahmen enthielten zeitliche Lücken und wurden wieder beendet.
Als weiche Schutzmaßnahme wurde schon kurz nach der Selbstenttarnung ein Dokumentationszentrum als diskursiv laute Ergänzung zur stillen Gedenkstätte gefordert, denn so könne inhaltlich der Täterideologie entgegengearbeitet werden. Am Tag der Einweihung wurde im Projekt 46 (Hauptstraße 46) ein Interims-Dokumentationszentrum eröffnet. Den grundsätzlichen Vorschlag unterstützte Findeiß zwar inhaltlich, scheiterte aber an Gegnern und an der Finanzierung. Noch in ihrem letzten Amtsjahr 2020 wurde ihr Vorschlag, wenigstens eine halbe Stelle in der Stadtverwaltung zur NSU-Aufarbeitung zu schaffen, im Rat abgelehnt. 2025 wurde in der nächstgrößeren Stadt Chemnitz das erste NSU-Dokumentationszentrum namens Offener Prozess eröffnet.
Neben einem Dokumentationszentrum in Zwickau vermisste Christian Nicolae-Gesellmann 2024 in der Stadt auch ein bauliches Denkmal und entsprechende Benennungen von Straßen oder Plätzen.
Am Rande des offiziellen Programms