Chronologie 28. Juni: Ermordung von Erzherzog Franz Ferdinand in Sarajevo 23. Juli: Österreichisches Ultimatum an Serbien 28. Juli: Kriegserklärung Österreich-Ungarns an Serbien 31. Juli: Deutsche Ultimaten an Frankreich und Russland wegen Mobilmachung Russlands 1. August: Kriegserklärung Deutschlands an Russland 1. August: Deutschland antwortet ausweichend zur Wahrung der belgischen Neutralität 2. August: Deutsches Ultimatum an Belgien 3. August: Kriegserklärung Deutschlands an Frankreich 4. August: Ultimatum Großbritanniens, belgische Neutralität zu wahren 4. August: Kriegserklärung Großbritanniens an Deutschland 8. August: Kriegserklärung Großbritanniens an Österreich-Ungarn Die Kriegserklärung des Vereinigten Königreichs an Deutschland erfolgte am 4. August 1914, nachdem Deutschland, wie im Schlieffen-Plan vorgesehen, das neutrale Belgien angegriffen hatte und ein britisches Ultimatum ergebnislos verstrichen war.

Hintergrund

Britische Splendid Isolation Das Vereinigte Königreich hatte im 19. Jahrhundert eine auf seine See- und Kolonialmacht gestützte – später als Splendid Isolation bezeichnete – bündnisfreie Politik betrieben. Für das Königreich war es seit dem Elisabethanischen Zeitalter ein Grundsatz der Außenpolitik, zu verhindern, dass Frankreich oder Deutschland die Kontrolle über die Niederlande sowie das Mündungsgebiet von Rhein und Schelde erringen könnten.

Anfang des 20. Jahrhunderts war es zu Absprachen mit Frankreich und Russland hauptsächlich in Kolonialfragen gekommen. Die drei Staaten verband dann auch die Furcht vor dem militant auftretenden deutschen Kaiserreich, das im Dreibund förmlich mit Österreich-Ungarn und Italien verbündet war. Die deutsche Weltpolitik, mit dem Flottenwettrüsten und den Marokkokrisen (Erste 1905, Zweite 1911), hatte die deutsch-britischen Beziehungen belastet. Das Königreich hatte daraufhin während der Balkankrise mit Frankreich 1912 Absichtserklärungen zur Sicherung der europäischen Meere ausgetauscht. Frankreich sollte im Mittelmeer und das Königreich in der Nordsee und dem Ärmelkanal die maritime Sicherheit (gegenüber dem Dreibund) gewähren. Russland und Frankreich waren in der Französisch-Russischen Allianz seit 1894 verbündet und bildeten mit dem Vereinigten Königreich ein politisches Gegengewicht, die Triple Entente, die kein formales Bündnis war.

Der britische Außenminister Edward Grey wollte während der Julikrise 1914 nach der Ermordung des österreichischen Thronfolgers Franz Ferdinand weder Deutschland zu sehr die britische Neutralität versichern, noch die Kriegsbereitschaft Russlands und Frankreichs befördern. Er wollte eine Konferenz der vier nicht direkt am serbischen Konflikt beteiligten Großmächte (Deutschland, Frankreich, Italien und Großbritannien) zur Beilegung der Krise erreichen. Im Vereinigten Königreich glaubte man sehr lange an die deutsche These, dass der Konflikt lokal begrenzbar wäre. Angesichts der dominierenden innenpolitischen Krise um die irische Home Rule gab es noch am 24. Juli 1914 bei Bekanntwerden des Österreichischen Ultimatums an Serbien kein großes Interesse, geschweige denn einen Konsens im britischen Kabinett zur britischen Haltung. So versuchte der Außenminister Edward Grey, der die Gefährlichkeit der Krise für die europäische Sicherheit erkannte, weiterhin einen diplomatischen „Seiltanz“ zwischen den beiden Blöcken Wien/Berlin und Paris/Petersburg, um bis zuletzt Entscheidungsfreiheit zu haben.

Wenn es zu einem großen europäischen Krieg kommen würde, konnte Großbritannien – wie während der napoleonischen Kriege – zur Sicherung seiner Machtstellung nicht neutral bleiben. Nur als Kriegsteilnehmer konnte es auf der Seite der Sieger seine Interessen bei den künftigen Friedensverhandlungen wahren. Siegreiche Mittelmächte oder die siegreichen Kolonialmächte Frankreich/Russland würden auf die Interessen eines neutral gebliebenen Großbritanniens nur geringe Rücksicht nehmen.

Deutschland zwischen Frankreich und Russland mini|Schema des Schlieffen-Plans Das Kaiserreich war von von den verbündeten Großmächten Frankreich und Russland umgeben und ging davon aus, dass es sich im Kriegsfall nur gegen beide verteidigen könnte, wenn es zuerst schnell Frankreich schlagen würde, während Russland noch seine zeitaufwändige Mobilisierung und den verkehrstechnisch schwierigen Truppenaufmarsch durchführen würde. Der Schlieffen-Plan sah die Umgehung der französischen Grenzbefestigungen durch einen raschen Vorstoß unter Verletzung der luxemburgischen und belgischen Neutralität, für die Deutschland eine der Garantiemächte war, nach Nordfrankreich vor.

Die strenge Zeitplanung des Schlieffenplans ließ in der Julikrise nur wenig Spielraum für die deutsche Politik. Nach der Kriegserklärung Österreich-Ungarns an Serbien und der Mobilisierung Russlands erklärte Deutschland Russland am 1. August 1914 den Krieg. Der Fall, dass Russland mobil machen und noch ehrliche Verhandlungen betreiben würde, passte nicht zum Schlieffen-Plan. Frankreich zögerte, seinen Bündnisverpflichtungen gegenüber Russland nachzukommen und so verbreitete Deutschland schließlich ab dem 2. August Falschmeldungen über angebliche französische Angriffe, um Frankreich möglichst schnell unter einem Vorwand in den Krieg zu bringen und nach dem Schlieffen-Plan angreifen zu können. Die Reichsregierung gab sich bis zuletzt der Hoffnung hin, Großbritannien würde nicht eingreifen, wenn Deutschland am Schlieffen-Plan festhielte und die belgische Neutralität verletzen würde.

Eskalation um Belgien Das britische Kabinett war im Vorfeld des Krieges gespalten. Es gab eine große Gruppe von Unentschiedenen, eine Gruppe von Neutralitätsanhängern und die kleinste Gruppe bestehend aus Marineminister Churchill und Grey, die eine Intervention auf der Seite Frankreichs befürworteten. Bei einer Kabinettsdiskussion am Abend des 29. Juli 1914 unterstützten Asquith, Haldane, Churchill und Crewe Greys Forderung nach einem Versprechen, Frankreich zu unterstützen; die klare Mehrheit des Kabinetts lehnte dies jedoch entschieden ab. Diese Konstellation innerhalb des Kabinetts hatte sich auch am 31. Juli noch nicht geändert. Premierminister Asquith selbst schätzte zu diesem Zeitpunkt, dass ungefähr drei Viertel seiner Parlamentsfraktion für „absolutes Nichteingreifen um jeden Preis“ eintrat.Niall Ferguson: Der falsche Krieg. Dt. Verlagsanstalt, Stuttgart 1998, S. 206. Grey erreichte, dass am gleichen Tag eine förmliche Anfrage an Frankreich und Deutschland gerichtet wurde, ob diese die im Londoner Vertrag von 1839 von ihnen mitgarantierte Neutralität Belgiens wahren würden. Frankreich bestätigte dies am 1. August, während Deutschland ausweichend antwortete. Am selben Tag wurde auch die Kriegserklärung Deutschlands an Russland bekannt, aus dem lokalen Konflikt war ein europäischer Krieg geworden. Zwei Tage vor der britischen Kriegserklärung hatte Grey eine Unterredung mit König Georg V. In dieser Unterredung berichtete Grey, dass es für einen Kriegseintritt gegen Deutschland derzeit keinen rechtlichen Grund geben würde. Die Antwort des Königs war, dass wenn es keinen Grund geben würde, Grey Gründe finden müsste (im Original: You have got to find a reason, Grey).Urs Georg Allmann: Grauzone – Sir Edward Grey und der Ausbruch des Ersten Weltkriegs. Böhlau, Köln 2018, S. 10.Mark D’Arcy: World War One: The speech that made the case for war. In: BBC.com. 1. August 2014, abgerufen am 23. Oktober 2024.‘Find a reason to go to war with Germany’: Shocking letter documents how King George V urged his foreign secretary to justify conflict two days before outbreak of First World War. In: DailyMail.co.uk. 26. Juli 2014, abgerufen am 23. Oktober 2024. Am 2. August einigte sich das Kabinett nach einer Rücktrittsandrohung von Grey (und im Gefolge von Premierminister Asquith) auf einen Kompromiss. Man einigte sich auf zwei Szenarien, die zur Intervention Großbritanniens auf der Seite Frankreichs führen würden. Das eine war ein Angriff von See auf Nordfrankreich und das zweite ein Angriff auf Belgien, der dessen Unabhängigkeit gefährden würde. Ein begrenzter deutscher Durchmarsch wäre demnach kein casus belli, anders als eine vollständige Invasion. Die Minister Burns und Morley blieben streng neutralistisch eingestellt und traten zurück. Die Stimmung in der Bevölkerung und Presse war mittlerweile mehrheitlich für eine Unterstützung der Entente.

Ebenfalls am 2. August stellte die deutsche Regierung das bereits am 29. Juli formulierte Ultimatum an Belgien um freien Durchmarsch. Begründet wurde dies mit vorgeblichen französischen Angriffsplänen, die die Neutralität Belgiens verletzen würden. Frankreich hatte seine militärischen Planungen allerdings schon 1912 auf einen raschen Vorstoss an der Elsässischen Grenze umgestellt, um die Neutralität Belgiens zu wahren, und das wusste das deutsche Militär ziemlich gut. Auch hielt Frankreich seine Truppen etwa 10 Kilometer von den Grenzen entfernt, um einerseits der eigenen Bevölkerung zu zeigen, dass Frankreich keine Konfrontation suche, und andererseits die britische Regierung doch noch zu einem Machtwort gegenüber Deutschland zu bewegen.

mini|hochkant|Daily Mail, 5. August 1914 Am 3. August morgens lehnte Belgien das deutsche Ultimatum ab, da Angriffsabsichten Frankreichs via Belgien unglaubwürdig seien. Belgien versicherte, jedem Angriff auf seine Neutralität mit seinem Heer kräftigen Widerstand zu leisten. Am selben Tag erklärte Deutschland Frankreich den Krieg wegen angeblicher massiver Grenzverletzungen französischer Truppen.

Nachdem am Morgen des 4. August zuverlässige Berichte über die deutsche Verletzung der belgischen Neutalität das britische Kabinett erreicht hatten, entschlossen sich Asquith und Grey zu einem Ultimatum an Deutschland. Als dieses am Nachmittag durch den britischen Botschafter Goschen an den Kanzler Bethmann Hollweg überreicht wurde, machte der Kanzler die berüchtigte Aussage, dass Großbritannien für einen „Fetzen Papier“ in den Krieg zöge. Eine förmliche Antwort auf das bis Mitternacht befristete Ultimatum erfolgte nicht. In der Nacht vom 4. auf den 5. August wurde die britische Kriegserklärung an den deutschen Botschafter Lichnowsky übergeben.

Das britische Militär hatte – im Gegensatz zum deutschen, russischen und österreichisch-ungarischen – nur geringen Einfluss auf die politischen Entscheidungen. Während der Krise war das Ende des jährlichen Großmanövers der Royal Navy, und diesen Zufall hatte Churchill schon am 26. Juli genutzt, um sie danach für alle Fälle in Kampfbereitschaft zu halten.

Folgen mini|hochkant|Freiwilligenwerbung „Der Fetzen Papier“ (so hatte Bethmann den Vertrag von London (1839) genannt) Nicht zuletzt der unerwartete Widerstand Belgiens und das unerwartet frühe Eintreffen englischer Truppen auf dem Kontinent vereitelten den schnellen deutschen Vorstoß auf Paris und brachten den Bewegungskrieg im Westen zum Stillstand. Etwa 700.000 britische Soldaten fielen während des Krieges (etwa 1 Million des gesamten Empire), wobei die Ober- und Mittelschicht die prozentual höchsten Verluste erlitt.

Einschätzungen Lloyd George warf Grey 1933 in seinen Memoiren vor, nicht frühzeitig und deutlich genug klare Signale an Deutschland zur Konflikteindämmung an Österreich und Deutschland gesandt zu haben. Dabei waren es die Neutralisten um Lloyd George gewesen, die eine klare Erklärung zur Unterstützung Frankreichs, die Deutschland abgeschreckt hätte, so lange unmöglich gemacht hatten.

Der Historiker Urs Allemann weist darauf hin, dass sämtliche Entscheidungen und Maßnahmen in London, welche den Kriegseintritt zur Folge hatten, in eigener Regie von Grey, Haldane, Churchill und Asquith ohne Kabinettsbeschluss getroffen oder eingeleitet worden waren. Ob die britische Regierung ohne den Anlass der Verletzung der belgischen Neutralität zu einem späteren Zeitpunkt im Ersten Weltkrieg interveniert hätte, ist unklar.