mini|Kommandeur der Königlich Niederländischen Landstreitkräfte, Generalleutnant Martin Wijnen (2020; heute a. D.) Martin Hendrik Wijnen (* 3. Februar 1966 in Hattem, Provinz Gelderland) ist ein niederländischer Generalleutnant a. D. mit Spezialisierung auf Tief-, Straßen- und Wasserbau. Nach seinem Abschluss an der Königliche Militärakademie in Breda im Jahr 1989 begann er eine vielseitige militärische Karriere, die ihn von Pionierkompanien in Deutschland über Einsätze in Kambodscha, Bosnien und Herzegowina und Afghanistan bis ins U.S. Army Command and General Staff College führte. Im Lauf der Jahre übernahm er strategische Führungs- und Stabsfunktionen, stieg bis zum Generalleutnant auf und kommandierte von 2019 bis 2024 die Königlich Niederländischen Landstreitkräfte. Während seiner Amtszeit initiierte er eine umfassende Modernisierung, koordinierte Hilfseinsätze während der COVID-19-Pandemie und vertiefte die deutsch-niederländische Militärkooperation als Modell für europäische Zusammenarbeit. Seit dem 1. Januar 2024 leitet Wijnen als Generaldirektor von Rijkswaterstaat und setzt seine ingenieurtechnische Expertise sowie seine Führungserfahrung zur Weiterentwicklung der niederländischen Infrastruktur- und Wasserwirtschaft ein.
Ausbildung Martin Wijnen wurde 1966 in Hattem geboren. Nach seinem Schulabschluss am Carolus Clusius College entschied sich Wijnen für eine militärische Laufbahn und begann 1984 seine Ausbildung an der Königliche Militärakademie (KMA; Koninklijke Militaire Academie) in Breda. Er spezialisierte sich auf Tief-, Straßen- und Wasserbaukunde, eine Fachrichtung, die seine spätere zivile Karriere bei Rijkswaterstaat bahnen sollte. Wijnen schloss 1989 als Jahrgangsbester ab und erhielt den Preis für die beste Forschungsarbeit des Jahrgangs 1988.
Militärische Laufbahn Frühe Offiziersjahre (1989–2000) Nach seinem Abschluss an der KMA wurde Wijnen zunächst als Leutnant (Luitenant) bei der 41. Panzerpionierkompanie (41 Pantsergeniecompagnie) der niederländischen Landstreitkräfte (Koninklijke Landmacht) in Deutschland stationiert. 1992 wurde er zum Hauptmann (Kapitein) befördert und kehrte in die Niederlande zurück, wo er als Operationsstabsoffizier beim Hauptquartier der 1. Division „7. Dezember“ (Eerste Divisie „7 December”) in Schaarsbergen, einem Stadtteil von Arnheim, eingesetzt wurde. Noch im selben Jahr erfolgte sein erster internationaler Einsatz als Kommandeur eines Minenräum-Ausbildungsteams in Kambodscha im Rahmen der United Nations Transitional Authority in Cambodia (UNTAC). Dieser Einsatz war charakteristisch für die neuen Aufgaben der niederländischen Streitkräfte nach dem Ende des Kalten Krieges. Es folgten weitere Auslandseinsätze: 1995 als stellvertretender Kompaniechef der 102. Baukompanie (102 Constructiecompagnie) bei einem Nothilfeeinsatz nach dem Wirbelsturm Luis auf Sint Maarten und 1996 als stellvertretender Kommandeur der Pionierkompanie der IFOR-1 in Bosnien und Herzegowina.
Studium und Stab (2000–2005) Ein entscheidender Wendepunkt in Wijnens Karriere war sein Studium am U.S. Army Command and General Staff College in Fort Leavenworth, Kansas, von 2000 bis 2001. Er erwarb dort den Master of Military Art and Science (MMAS) mit einer Forschungsarbeit über interministerielle Zusammenarbeit. Nach seiner Rückkehr wurde Wijnen zum Oberstleutnant (Luitenant-kolonel) befördert und als Leiter der Strategieabteilung am Defence College der Niederländischen Verteidigungsakademie (NLDA; Nederlandse Defensie Academie) eingesetzt. In dieser Position konnte er seine theoretischen Kenntnisse in der Strategieentwicklung praktisch anwenden. Die Terroranschläge vom 11. September 2001 führten zu seiner Entsendung als Verbindungsoffizier zum United States Central Command (CENTCOM) in Tampa, Florida, wo er an den Operationen Enduring Freedom und ISAF in Afghanistan beteiligt war. 2003 kehrte Wijnen erneut in den Stab zurück, diesmal als Stabsoffizier für Planungen im Verteidigungsstab (Defensiestaf) in Den Haag. 2005 übernahm er schließlich sein erstes Truppenkommando als Kommandeur des 11. Panzerpionierbataillons (11 Pantsergeniebataljon), womit er nach Jahren der Stabsarbeit wieder zu seinen ingenieurtechnischen Wurzeln zurückkehrte.
Afghanistan-Einsatz und höhere Führungspositionen (2009–2014) Ein Höhepunkt Wijnens operativer Karriere war sein Einsatz als Chef der Planungsabteilung des ISAF Regional Command South in Kandahar, Afghanistan, von Mai bis November 2009. In dieser Position war er verantwortlich für die strategische Planung in einem der umkämpftesten Gebiete Afghanistans. Nach seiner Rückkehr aus Afghanistan absolvierte Wijnen den Advanced Defence Course am Clingendael, dem Netherlands Institute for International Relations, der ihn auf höchste Führungspositionen in der nationalen Sicherheitspolitik vorbereitete.
Anschließend wechselte er für zwei Jahre in den zivilen Bereich als Programm-Manager beim Nationalen Koordinator für Sicherheit und Terrorismusbekämpfung (NCTV; Nationaal Coördinator Terrorismebestrijding en Veiligheid) im Justizministerium. Diese Zeit, von 2010 bis 2012, war für Wijnen von besonderer Bedeutung, da er hier tiefe Einblicke in die zivil-militärische Zusammenarbeit bei der Terrorismusbekämpfung gewann. Der NCTV koordiniert als zentrale Stelle alle sicherheitsrelevanten Aktivitäten in den Niederlanden und arbeitet eng mit internationalen Partnern zusammen.
Brigadekommando und strategische Positionen (2012–2019) 2012 wurde Wijnen zum Brigadegeneral (Brigadegeneraal) befördert und übernahm zunächst die Position des stellvertretenden Direktors für Planungen im Verteidigungsstab. 2014 erhielt er das Kommando über die 43. Mechanisierte Brigade (43 Gemechaniseerde Brigade), eine der wichtigsten Kampfverbände der niederländischen Landstreitkräfte.
Wijnens Zeit als Brigadekommandeur fiel in eine Phase tiefgreifender Veränderungen für die niederländischen Streitkräfte. Die Brigade stand kurz vor der Auflösung oder drastischen Verkleinerung im Rahmen von Verteidigungsetatkürzungen. Wijnen setzte sich erfolgreich für den Erhalt wichtiger Standorte wie der Johan-Willem-Friso-Kaserne (Johan Willem Frisokazerne) in Assen ein und war maßgeblich an der Rückkehr der Panzer zu den niederländischen Streitkräften beteiligt. Ein entscheidender Moment war die Integration der 43. Mechanisierten Brigade in die deutsche 1. Panzerdivision im Jahr 2016. Diese historische Entscheidung, die unter Wijnens Führung vorbereitet wurde, markierte einen Wendepunkt in der deutsch-niederländischen Militärkooperation und sollte zum Modell für weitere europäische Integrationsbestrebungen werden.
2016 wurde Wijnen zum Generalmajor (Generaal-majoor) befördert und übernahm die Position des stellvertretenden Kommandeurs der Landstreitkräfte (Commandant Landstrijdkrachten). Ein Jahr später erfolgte seine Beförderung zum Generalleutnant (Luitenant-generaal) und die Ernennung zum stellvertretenden Kommandeur der Streitkräfte (Plaatsvervangend Commandant der Strijdkrachten), der zweithöchsten Position in der niederländischen Militärhierarchie.
Kommandeur der Landstreitkräfte (2019–2024) mini|Übergabe des Kommandos über die Königlich Niederländischen Landstreitkräfte von Generalleutnant Leo Beulen an Ranggenossen Martin Wijnen (2019) Amtsantritt und Herausforderungen Am 28. August 2019 übernahm Martin Wijnen das Kommando über die Königlich Niederländischen Landstreitkräfte von seinem Vorgänger Leo Beulen. Die feierliche Übergabe fand traditionell auf dem Gelände der Königlichen Militärakademie (KMA) in Breda statt, wo beide Generale einst ihre militärische Ausbildung erhalten hatten. In seiner Antrittsrede formulierte Wijnen seine Vision einer „Landmacht die levert, samenwerkt en waar het prettig werken is“ (Landstreitkräfte, die leisten, zusammenarbeiten und wo es angenehm zu arbeiten ist) mit dem Motto „Vandaag beter dan gisteren, morgen beter dan vandaag“ (Heute besser als gestern, morgen besser als heute).
Wijnen übernahm das Kommando in einer Zeit großer Herausforderungen für die niederländischen Streitkräfte. Jahre der Unterfinanzierung hatten zu erheblichen Defiziten bei Personal, Material und Ausrüstung geführt. Gleichzeitig erforderte die sich verschlechternde Sicherheitslage in Europa eine grundlegende Neuausrichtung von friedenserhaltenden Missionen hin zur Landes- und Bündnisverteidigung.
Die COVID-19-Pandemie und nationale Unterstützung Die ersten Jahre von Wijnens Amtszeit wurden maßgeblich durch die COVID-19-Pandemie geprägt. Unter seiner Führung leisteten die Landstreitkräfte umfangreiche nationale Unterstützung. Soldaten waren in Testzentren, Impfstraßen und bei der Koordination der Patientenverteilung zwischen Krankenhäusern im Einsatz. Sie unterstützten Tafeln bei der Lebensmittelverteilung und übernahmen vielfältige logistische Aufgaben zur Pandemiebekämpfung. Diese sichtbaren Einsätze im eigenen Land führten zu einer deutlich gestiegenen Wertschätzung der Streitkräfte in der niederländischen Bevölkerung. Das von Wijnen aufgebaute Territoriale Operationszentrum koordinierte diese nationalen Hilfseinsätze und demonstrierte die Fähigkeit der Landstreitkräfte, auch in zivilen Krisen eine zentrale Rolle zu spielen. Parallel dazu waren niederländische Landstreitkräfte unter Wijnens Kommando bei Naturkatastrophen wie den Überschwemmungen in Zuid-Limburg mehrfach im Einsatz.
Modernisierung und Aufrüstung Ein Schwerpunkt von Wijnens Amtszeit war die umfassende Modernisierung der niederländischen Landstreitkräfte. Nach Jahren der Kürzungen erhielten die Streitkräfte wieder größere Budgets, die Wijnen strategisch für den Aufbau von Kampfkraft und Abschreckungsfähigkeit einsetzte. Dabei stand die Wiederherstellung der Fähigkeit zur Landes- und Bündnisverteidigung im Vordergrund.
Unter seiner Führung wurden neue Waffensysteme eingeführt und bestehende modernisiert. Die Landstreitkräfte erhielten neue Fahrzeuge, verbesserte Kommunikationssysteme und modernste Ausrüstung. Besonders wichtig war der Ausbau der Panzerkapazitäten, nachdem die Niederlande zeitweise völlig auf Kampfpanzer verzichtet hatten.
Die neue Ausrichtung spiegelte sich auch in einer veränderten Ausbildung wider. Wijnen legte großen Wert darauf, dass die Soldaten wieder für hochintensive Gefechte ausgebildet wurden, ohne dabei die Fähigkeiten für Stabilisierungsoperationen und Friedenseinsätze zu vernachlässigen.
Deutsch-niederländische Kooperation Eines der wichtigsten Vermächtnisse Wijnens Amtszeit ist die Vertiefung der deutsch-niederländischen Militärkooperation. Aufbauend auf der bereits 2016 begonnenen Integration der 43. Mechanisierten Brigade entwickelte er diese zu einem umfassenden Kooperationsmodell weiter. Im November 2022 unterzeichneten Wijnen und der Inspekteur des deutschen Heeres Generalleutnant Alfons Mais die „Vision on German/Netherlands Army Cooperation“, die die Zusammenarbeit auf eine neue strategische Grundlage stellte. Diese Vision formulierte das Prinzip „organize as you fight“ und zielte darauf ab, Reibungsverluste in gemeinsamen Operationen zu minimieren.
Die Kooperation umfasste nicht nur die Integration von Truppenteilen, sondern auch gemeinsame Ausbildung, Beschaffung und Doktrinentwicklung. Wijnen sah in dieser engen Zusammenarbeit ein Modell für die Zukunft der europäischen Verteidigung und einen wichtigen Baustein zur Stärkung des europäischen Pfeilers in der NATO. Für seine Verdienste um die deutsch-niederländische Zusammenarbeit wurde Wijnen 2024 mit dem Großen Verdienstkreuz mit Stern der Bundesrepublik Deutschland ausgezeichnet. Diese hohe deutsche Auszeichnung würdigte seinen außergewöhnlichen Beitrag zur Integration beider Armeen und zur Stärkung der europäischen Sicherheitsarchitektur.
Internationale Einsätze und NATO-Beiträge