Hermann Hieber (* 26. Dezember 1882 in Freiburg im Breisgau; † unbekannt, vermutlich nach 1961 in Niederorke), eigentlich Rudolf Hermann Hieber, war ein deutscher Journalist, Kunsthistoriker und Schriftsteller. In der Weimarer Republik war er ein in der linksorientierten Presse ein bekannter, auch politisch wirkender Feuilletonist.

Leben

Herkunft und Familie Seine Eltern waren der Fabrikant August Heiber und Josefine Heiber geborene Hoerth (Hörth). Ihr Sohn wurde am 26. Dezember 1882 im badischen Freiburg geboren und am 25. Februar 1883 dort evangelisch getauft.Taufdatum nach Sammlung Familysearch.org, Original aus Lutherische Kirchenbücher, 1502–1985, Freiburg, S. 713–714 abgerufen am 30. August 2025 von Ancestry.com Später war er konfessionslos.Hieber, Hermann. In: Biographisches Handbuch des deutschen Auswärtigen Dienstes, 1871–1945. Band 2, Schöningh, Paderborn 2000, S. 314–315.

Am 18. Oktober 1922 heiratete er in Magdeburg standesamtlich Berta Elsa Schachnow (* 1. Juli 1890 in Magdeburg; † 29. September 1978 in Berlin). Am 23. August 1923 wurde ihre Tochter Franziska Renate geboren. Die Ehe wurde am 14. August 1927 geschieden.Heiratsurkunde Nr. 1279, Stadtarchiv Magdeburg, abgerufen am 30. August 2025 von Ancestry.com. Bezug Hieber: Geburtsregister Nr. 1316 Standesamt Freiburg, Bezug Schachnow: Geburtsregister Nr. 1834 Standesamt Magdeburg-Altstadt. Handschriftlicher Vermerk zur Scheidung 14. August 1927 vom 5. September 1927. Vermerk: Die Ehefrau wurde als Jüdin ab 1938 gezwungen, den zweiten Vornamen „Sara“ zu tragen.Sterbeurkunde Nr. 2243, 29. September 1978, Standesamt Berlin, Landesarchiv Berlin, am 31. August 2025 abgerufen von Ancestry.com Seine Ehefrau war jüdischen Glaubens. Elsa wurde 1944 in das Lager Theresienstadt deportiert. Sie überlebte den Holocaust. Elsa und die gemeinsame Tochter Franziska gelangten 1945 oder 1946 nach Schweden.„Liberated Jews Arrived in Sweden in 1945/1946, List No. 2“, Stockholm; Arolsen Archives; Bad Arolsen, Germany; Registration of Liberated Former Persecutees. Abgerufen am 31. August 2025 von Ancestry.com„1010. Theresienstadt-Transport vom 9. Februar 1944; Wohnsitzverlegung von nicht mehr bestehenden privilegierten Mischehen“. (collections.arolsen-archives.org) Abgerufen am 31. August 2025.

Fünf Jahre nach seiner Scheidung schloss er in Berlin-Wilmersdorf am 20. April 1932, er war bereits 49 Jahre alt, die zweite Ehe mit Else Apollonia Noack (* 16. April 1898 in Straßburg), der 34-jährigen Tochter eines Ministerialbeamten.Heiratsurkunde Nr. 346, Aufgebotsverzeichnis Nr. 324, Standesamt Berlin-Wilmersdorf, 20. April 1932. Bezug: Hieber, Geburtsregister Nr. 1316 Standesamt Freiburg; Noack Geburtsregister Nr. 1286 Standesamt Straßburg. Landesarchiv Berlin, abgerufen am 30. August 2025 von Ancestry.com. Das Paar bekam drei Töchter: Ursula Brigitte (* 13. Januar 1935), Ruth Ingeborg (7. Januar 1937) und Barbara Elisabeth (* 27. April 1938).

Ausbildung und erste Berufsjahre Hieber besuchte ein humanistisches Gymnasium in seiner Heimatstadt Freiburg im Breisgau. Nach dem Abitur 1901 studierte er an den Universitäten Basel, Berlin, Erlangen, Bern, Straßburg und Heidelberg. Er wählte zunächst evangelische Theologie, wechselte jedoch zu Kunstgeschichte, Musikgeschichte und deutscher Literatur. In Heidelberg wurde er am 21. Juni 1907 zum Doktor der Philosophie (Dr. phil.) promoviert. Seine Dissertation über den Straßburger Barock-Maler und Kupferstecher Johann Adam Seupel (1662–1717) wurde in Straßburg bei Heitz & Münder verlegt und erschien 1907 als Johann Adam Seupel ein deutscher Bildnisstecher im Zeitalter des Barocks. An der Universität Heidelberg war Hieber ein Schüler des Kunstgeschichte-Professors Henry Thode (1857–1920). Zugleich besuchte er dort die Musikschule mit dem Schwerpunkt Violine.Karl Woermann, Lebenserinnerungen eines Achtzigjährigen. Bibliographisches Institut, Leipzig 1924 [2. Band Sechstes Buch: Dichten und Trachten. 1. Unter Musikern und Dichtern.] (projekt-gutenberg.org). Im Anschluss diente er 1907 bis 1908 als Einjährig-Freiwilliger im Heer.

Seine journalistische Laufbahn begann 1908/09.Dr. Hermann Hieber 50 Jahre Journalist. In: „Jubilare“, Journalist 9. Jg., Nr. 12, 1959, S. 38. Noch in Straßburg, später auch in Dresden, verfasste er als freier Journalist zwischen 1908 und 1912 kunsthistorische Feuilletonbeiträge in der Frankfurter Zeitung. Er platzierte Beiträge in Zeitschriften wie der Kunstchronik der Zeitschrift für bildende Kunst und der von Ferdinand Avenarius herausgegebenen Zeitschrift Der Kunstwart. Im Frühjahr 1909 zog Hieber nach Dresden und begann für das Feuilleton der SPD-Tageszeitung Dresdner Volkszeitung zu schreiben. Er befreundete sich mit dem renommierten, deutlich älteren Dresdner Kunsthistoriker und Galerieleiter Karl Woermann. Über die private Freundschaft hinaus arbeiteten Woermann und Hieber eine Zeitlang zusammen an Woermanns Werk Geschichte der Kunst (1915), wobei Hieber Literaturrecherchen besorgte, bibliografierte und Korrektur las. Woermann zufolge kam es zu Hiebers Mitwirkung auf Initiative des Verlags, des Bibliographischen Instituts in Leipzig.Karl Woermann: Geschichte der Kunst. Erster Band: Die Kunst der Urzeit. Bibliographisches Institut, Leipzig 1915, Vorwort, S. VI (books.google.de). Einer amtlichen Biografie zufolge war Hieber von 1910 bis 1914 Wissenschaftlicher Assistent im Auftrag des Instituts.

Durch die Volkszeitung erhielt er ab 1910 Gelegenheit, Feuilletonartikel auch im SPD-Zentralorgan Vorwärts zu veröffentlichen. Für diese Tageszeitung sowie weitere SPD-nahe Blätter und später die parteieigene Agentur Sozialdemokratischer Pressedienst verfasste er bis 1932 zahlreiche Beiträge in den Feldern Kunst und Kultur einschließlich Architektur und Geschichte, aber auch Gerichtsreportagen. Hieber veröffentlichte kurz vor dem Ersten Weltkrieg auch in der von Georg Biermann herausgegebenen illustrierten Kunstforscher- und Sammlerzeitschrift Der CiceroneDas Amsterdamer Rijksmuseum. In: Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers 6, Jg., Nr. S. 16–18 (). und in der von Albert Langen und Ludwig Thoma gegründeten, von Theodor Heuss redigierten linksliberalen Münchner Wochenschrift März.Dresdner Akademiejubiläum. In: März, 8. Jg., 1. Bd., 21. Februar 1914, S. 285–286 ().

Ihm gelangen neben Aufsätzen erste Buchveröffentlichungen. Als illustriertes Werk sticht Die Miniaturen des frühen Mittelalters heraus, das 1912/13 beim Münchner Piper-Verlag erschien, eine populäre Gesamtdarstellung der zu diesem Zeit wenig erforschten älteren Miniaturmalerei. Das für ein Laienpublikum konzipierte Buch wurde allerdings wegen Fehlern und Irrtümern von Experten kritisiert, etwa vom Berliner Kunsthistoriker Ernst Cohn-Wiener.Ernst Cohn Wiener, Rezension Hermann Hieber: Die Miniaturen des frühen Mittelalters. In: Karl Koetschau (Hrsg.), Repertorium für Kunstwissenschaft. Bd. 37 [Nachdruck De Gruyter 1968] Berlin 1915 S. 169, doi:10.1515/9783111684598-013.

Nach dieser Publikation setzte Hieber seine Arbeiten an frühmittelalterlicher Miniaturmalerei fort. Er verließ Dresden im Frühjahr 1914, um in den Archiven des British Museum in London Bilderhandschriften zu untersuchen. Im Oktober 1914 wurde Hieber von den britischen Behörden als feindlicher Ausländer interniert. Er verbrachte den Krieg als ziviler Gefangener in mehreren Lagern. Erst nach vier Jahren Gefangenschaft konnte er im März 1919 nach Deutschland zurückkehren.

Publizist in der Weimarer Republik Er entschied sich in den wirtschaftlich schwierigen Nachkriegsjahren gegen eine Fortsetzung seiner wissenschaftlichen Ambitionen. Stattdessen kamen ihm seine Verbindung zur SPD zugute, die nun Regierungspartei im Reich und in Preußen war. Er nahm eine feste Stelle als Feuilleton-Redakteur bei der SPD-Tageszeitung Volksstimme in Magdeburg an, der Hauptstadt der preußischen Provinz Sachsen.

Ebenfalls bei Piper, München, erschien 1923 die Studie Elias Holl. Der Meister der deutschen Renaissance, in der Hieber den Augsburger Baumeister Elias Holl (1573–1646) und Albrecht Dürer (1471–1528) trotz des sehr langen Zeitabstands ihrer Leben als geistesverwandte Künstler skizzierte. Beim Stuttgarter Verlag Strecker & Schröder veröffentlichte er im selben Jahr das literaturwissenschaftliche Buch Eduard Mörikes Gedankenwelt, in der er den schwäbischen Lyriker und Erzähler Eduard Mörike nicht als liebenswerten Biedermeierpoeten deutete, sondern seine düsteren, abgründigen, okkultistischen, mystischen und dämonischen Seiten herausarbeitete und ihn als unverstandenen Wahrheitssucher und Weltanschauungsdichter einordnete. Seine moderne, provokante Interpretation fand in Literaturkreisen Beachtung.

Bei der Volksstimme blieb er wohl noch bis 1927. Es ist unklar, wann er die feste Redakteursstelle aufgab und als freier Journalist und Schriftsteller fortfuhr. Die Hiebers zogen zu einem unbekannten Zeitpunkt nach Berlin-Wilmersdorf, Ortsteil Schmargendorf. Er schrieb für den seit 1924 stark ausgebauten Sozialdemokratischen Pressedienst, der die gesamte SPD-Presse mit Feuilletonartikeln versorgte, und zeigte vermehrt Präsenz in Zeitschriften. Ab 1924 gehörte er zu den regelmäßigen Autoren der sozialistischen Wochenschrift Die Glocke. Später schrieb er für Die Weltbühne, Der freie Angestellte, Die Volksbühne – Zeitung für soziale Theaterpolitik und Kunstpflege, Sozialistische Bildung, Die Bücherwarte: Zeitschrift für sozialistische Buchkritik, Neue Blätter für den Sozialismus und das Verbandsorgan Das Reichsbanner. Seine Artikel waren fachlich fundiert, aber im linksintellektuellen Stil der Zeit oft provokant, beißend, polemisch oder satirisch-ironisch formuliert. Er stichelte gegen den Konsens über Kulturgrößen wie Richard Strauß oder setzte sich mit dem Antisemitismus von Richard Wagner auseinander. Er beschäftigte sich zunehmend mit neuen Medien wie Radio und Film. In seinen Kino-Kritiken würdigte er Filme mit sozialen Themen und „proletarische“ Filme als Teil der Arbeiterkultur. Im Rundfunk trat er mit Kurzvorträgen, Buch- und Filmbesprechungen in Literatursendungen auf.

Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold Als ausgebildeter Musiker unterstützte Hieber die paramilitärische Republikschutz-Organisation Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold, die SPD, Gewerkschaften und DDP formten, durch Musikstücke. So vertonte er um 1925 Ferdinand Freiligraths Verse „In Kümmernis und Dunkelheit“ als Lied für das Reichsbanner („Pulver ist schwarz, Blut ist rot, Golden flackert die Flamme“). Es erschien in einer offiziellen Marschlieder- und Hymnensammlung des Wehrverbands.Schwarz-Rot-Gold. In: 1. Liederblatt des Reichsbanners Schwarz-Rot-Gold. Einkaufszentrale des Reichsbanners Schwarz-Rot-Gold o. J. Magdeburg [um 1925]. Angaben nach liederlexikon.de abgerufen am 30. August 2025. Er vertonte für das Reichsbanner auch die Verse des österreichischen Vormärz-Dichters Hermann Rollett, „Wir wollen Deutsche bleiben“ (1848)Verfassungslieder. Liederbuch Schwarz Rot Gold. Paul Schmidt, Berlin 1928 (library.fes.de PDF). sowie „Vaterland, ein hohes Licht (der Freiheit)“ des Reichsbanner-Kameraden Karl Bröger (1886–1944).Bröger, Karl. In: Arbeiterliedarchiv Lancken im e. V. Musik von unten. Abgerufen am 1. September 2025 von musik-von-unten.de Dort Quellenangabe August Albrecht, Jugend-Liederbuch, Berlin, 1929 Nr. 58.