Engel Anwärter ist ein Werk von Paul Klee aus dem Jahr 1939. Es ist ausgestellt im Metropolitan Museum of Art in New York.

Thema und Beschreibung 1939 schuf Klee neunundzwanzig Werke mit Engeln, nachdem er sie in früheren Jahren nur sporadisch dargestellt hatte. Seine Engel sind keine himmlischen Wesen, sondern Mischwesen, von menschlichen Schwächen und Launen geplagt. Klees Engel sind „vergesslich“, „noch weiblich“, „hässlich“, „unvollständig“ oder „arm“ – wie die Titel seiner Bilder andeuten. Da Klee an einer unheilbaren Krankheit litt und fühlte, dass er zwischen Leben und Tod schwebte, empfand er möglicherweise eine Verbundenheit mit diesen Außenseitern.

Das Bild Engel-Anwärter zeigt eine recht abstrakte und symbolische Darstellung eines Engels. Obschon es auf den ersten Blick naiv erscheinen mag - mit seinen kindlichen Linien und der unheimlichen, skelettartigen Figur – , ist Engel-Anwärter ein komplexes, philosophisches Werk. Mehr als "Anwärter" denn als ausgewachsener Engel verkörpert die Figur einen Grenzzustand - zwischen menschlich und göttlich, zwischen Anwesenheit und Abwesenheit, zwischen Form und Auflösung. Der Gebrauch des Wortes «Anwärter» kann sowohl wörtlich wie auch ironisch verstanden werden. Es hat einen bürokratischen Unterton, als ob es für das geistige Reich Bewerbungsgespräche oder Einreisebüros gäbe. Diese Nähe zum Absurden erinnert an Kafka und zeigt Klees typische Mischung aus Tragik und Komik.

Die Komposition des Bildes ist frontal und symmetrisch. Der Torso und die Arme werden als plattenartige Blöcke wiedergegeben, schwarz umrissen und in eisigen Grau- und Weisstönen schattiert. Die rohen, geometrischen Ebenen wirken wie Stein oder Beton und betonen das Gewicht des Körpers und seine Gefangenschaft in der Materie.

Trotz der anatomischen Verdrehungen wirkt die Haltung der Figur nahezu meditativ, in sich gekehrt und schicksalsergeben. Die starren Flügel mögen einen geistigen Anspruch darstellen, aber gleichzeitig auch die Unmöglichkeit des Entkommens.

Der Kopf ist groß und überproportional. Die schwarzen, leeren Augen deuten entweder auf Blindheit oder auf einen nach innen gerichteten Blick. Der Mund, zweideutig und gespenstisch, kann gleichermaßen als Lächeln oder als Grimasse gelesen werden; die Nase mit den zwei rötlichen Punkten scheint seltsam tierisch oder clownesk und gibt der Figur eine surreale, wenn nicht absurde Dimension.

Die Figur besetzt den zentralen Bereich und hebt sich von einem dunkleren, vielleicht nächtlichen Hintergrund mit einer Mondsichel ab. Die Mondsichel symbolisiert traditionellerweise das Vergehen der Zeit und den Kreislauf von Leben und Tod.

Paul Klees Signatur ist diskret in die Figur einbezogen und fügt sich in die rätselhafte Aura des Kunstwerks ein.

"Die Engelbilder sind persönliche Zustandsprotokolle, die manchmal von Hoffnungslosigkeit, manchmal aber auch von Zuversicht, vor allem aber von einem Bewusstsein des Übergangs und einer allmählichen Ablösung vom Leben sprechen. Sie bilden ein Zwischenreich, in dem Klee mit seinem eigenen Denken und Fühlen angesiedelt war und durch das er den Prozess des Sterbens künstlerisch reflektierte. Das Thema Übergang klingt bei den Engeln in vielfacher Weise an: in den Figuren und ihren Metamorphosen, in den spezifischen Formulierungen seiner Bildtitel, ja selbst in der offenen Linienführung, die Klee hier (...) zum Einsatz bringt."

Kontext Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 verlor Klee seinen Lehrauftrag an der Kunstakademie in Düsseldorf, über 100 seiner Werke wurden beschlagnahmt und als "entartet" diffamiert. Er übersiedelte in seine Geburtsstadt Bern, wo er als Künstler isoliert war und sich intensiv und vergeblich um die Schweizer Staatsbürgerschaft bemühte.

1936/37 erlitt Klee den ersten Schub seiner tödlichen Autoimmunkrankheit Systemische Sklerose, die damals weder richtig diagnostiziert noch behandelt werden konnte.

"Eine intensive Erfahrung von Fremdheit scheint Paul Klee von früh an eigen gewesen zu sein. Auf politisch-soziale und persönlich-existenzielle Weise gewinnt diese Erfahrung konkrete Gestalt in den beiden Zäsuren von 1933 und 1936/37, in paradoxer Brechung: im Exil in der Heimat und zunehmend fremd im eigenen Körper, der seine Immunkräfte gegen sich selbst richtet und sich so progressiv selbst zerstört."

"Wie Fotografien aus der Spätzeit zeigen, hatte Klees Gesicht durch die pathologische Veränderung der Haut einen etwas starren Ausdruck angenommen, von dem nur der Blick der Augen nicht betroffen war. Er thematisiert dies im Werk in Gestalt der Maske (...)."

Technik Für dieses Werk bedeckte Klee ein Blatt Zeitungspapier mit schwarzer Gouache, auf die er dann mit einem dicken, weichen Graphitstift die Umrisse von Figur und Mondsichel zeichnete. Anschließend füllte er diese Formen mit einer dünnen, weißen Lasur aus. Der schwarze Grund, der durch das weiße Pigment hindurchschimmert, verleiht dem Geschöpf seinen geisterhaften Schimmer.

Film Angel Applicant (Engel-Anwärter) ist der Titel eines autobiografischen Dokumentarfilms mit Bezug zum Spätwerk von Paul Klee. Regisseur ist Ken August Meyer, der an derselben seltenen Autoimmunkrankheit (Systemische Sklerose) leidet wie Klee und im Film dokumentiert, wie er gegen die Krankheit kämpft und durch Klees Werk Trost findet.

Literatur Max Huggler: Paul Klee. Die Malerei als Blick in den Kosmos. Frauenfeld ; Stuttgart : Huber, 1969, S. 198. Paul Klee, Tod und Feuer. Die Erfüllung im Spätwerk. Hrsg. Fondation Beyeler. 2003. ISBN 3-905632-24-1 Hans Suter: Paul Klee und seine Krankheit vom Schicksal geschlagen, vom Leiden gezeichnet - und dennoch! Bern 2006, Stämpfli, ISBN 978-3-7272-1106-5 Boris Friedewald: Die Engel von Paul Klee, DuMont 2011 ISBN 978-3-8321-9395-9 Paul Klee, Die Engel. Hrsg. vom Zentrum Paul Klee, Verlag Hatje Cantz 2012 ISBN 978-3-7757-3418-9

Weblinks Eintrag Angel Applicant beim Metropolitan Museum of Art in New York (englisch) Eintrag Angel Applicant (1939) by Paul Klee bei Artchive (englisch) A Complete Analysis of “Angel Applicant” by Paul Klee, classicalcanvas.org (englisch) Angel Applicant, Website zum Film von Ken August Meyer

Einzelnachweise

Kategorie:Gemälde von Paul Klee