mini|Kiyoshi Tanimoto, Alumnus der Emory University Kiyoshi Tanimoto (; * 27. Juni 1909 in Sakaide, Präfektur Kagawa; † 28. September 1986 in Hiroshima) war ein japanischer methodistischer Pfarrer, der als einer der Überlebenden des Atombombenabwurfs auf Hiroshima internationale Bekanntheit erlangte und sein Leben der Friedensarbeit und der Unterstützung von Hibakusha widmete. Nach einem Aufenthalt in Korea konvertierte er vom Buddhismus zum Christentum und studierte nach seinem Abschluss an der Kwansei-Gakuin-Universität von 1937 bis 1940 Theologie an der Candler School of Theology der Emory University in Atlanta, Georgia. Am 6. August 1945 überlebte er den Atombombenabwurf zwei Meilen vom Explosionszentrum entfernt und engagierte sich unmittelbar in Rettungsmaßnahmen für Überlebende. Seine internationale Bedeutung resultierte aus seiner Darstellung in John Herseys Reportage Hiroshima (1946), seinen transnationalen Friedensinitiativen einschließlich der medizinischen Hilfe für die „Hiroshima Maidens“ in den USA 1955 sowie der Gründung der Hiroshima Peace Center Foundation 1950, womit er zu einer zentralen Figur der Atombomben-Erinnerungskultur und internationalen Friedensbewegung wurde.

Jugend und Ausbildung Kiyoshi Tanimoto wurde 1909 in Sakaide auf der Insel Shikoku als jüngstes von acht Kindern geboren. Seine Familie lebte im buddhistischen Glauben, und seine Kindheit und Jugend waren durch die traditionelle buddhistische Erziehung geprägt, die in seiner Familie praktiziert wurde. Nach seinem Abschluss der Grundschule erhielt er eine solide schulische Ausbildung an der Mittelschule. Als junger Mann unternahm Tanimoto nach seinem Schulabschluss eine Reise nach Korea, um seinen älteren Bruder zu besuchen.

Während seines Aufenthalts in Korea kam Tanimoto in Kontakt mit Bertha Starkey, einer US-amerikanischen methodistischen Missionarin, die in Seoul tätig war. Starkey führte ihn in das Christentum ein. Diese Begegnung hatte tiefgreifende Auswirkungen auf seine religiöse Orientierung und seinen weiteren Lebensweg.

Nach seiner Rückkehr nach Japan verstarb seine Mutter plötzlich und unerwartet. Dieser Verlust verstärkte seinen Entschluss, vom Buddhismus zum Christentum zu konvertieren und eine theologische Laufbahn einzuschlagen. Seine Entscheidung, Christ zu werden und Theologie zu studieren, stieß jedoch auf erbitterten Widerstand seines Vaters, der als streng gläubiger Buddhist diese Abkehr von der Familientradition als Verrat empfand. Der Konflikt mit seinem Vater eskalierte derart, dass dieser Kiyoshis Namen aus dem Familienregister streichen ließ und ihn damit offiziell aus der Familie verstieß. Diese öffentliche Verwerfung bedeutete gesellschaftlich den völligen Bruch mit der Familie und stellte für Tanimoto eine schwere persönliche Prüfung dar.

Trotz der familiären Opposition setzte Tanimoto seine christliche Ausbildung fort und studierte zunächst Christentum an der Kwansei-Gakuin-Universität in Nishinomiya. Diese Universität war eine methodistische Bildungseinrichtung, an der er eine solide theologische Grundausbildung erhielt. Im Jahr 1937 erhielt Tanimoto ein internationales methodistisches Stipendium für die Candler School of Theology an der Emory University in Atlanta, Georgia. Kurz vor seiner Abreise in die Vereinigten Staaten gelang es ihm noch, eine Aussöhnung mit seinem Vater zu erreichen. Im Jahr 1940 schloss er sein Theologiestudium an der Candler School erfolgreich ab und wurde zum methodistischen Geistlichen ordiniert.

Pfarrtätigkeit mini|Reverend Kiyoshi Tanimoto Nach Abschluss seines Studiums begann Kiyoshi Tanimoto seine Pfarrtätigkeit zunächst in den Vereinigten Staaten. Er wirkte für etwa drei Monate als Pastor an der Hollywood Independent Church, einer japanisch-US-amerikanischen Gemeinde in Kalifornien. Diese Tätigkeit endete im Jahr 1940, bevor er nach Japan zurückkehrte.

Nach seiner Rückkehr aus den Vereinigten Staaten heiratete Tanimoto im Jahr 1942 Chisa, die aus der chinesischen Provinz Liaoning stammte. Im gleichen Jahr erhielt er seine erste Pastorenstellung in Japan auf Okinawa, wo er methodistische Kirchenarbeit verrichtete. Diese Tätigkeit bildete den Übergang zu seiner späteren Berufung in Hiroshima.

1943 wechselte Tanimoto nach Hiroshima, wo er die Leitung der Nagarekawa-Kirche übernahm. Diese Berufung erfolgte während des Zweiten Weltkriegs, als die Stadt noch weitgehend von Kriegsschäden verschont geblieben war. Trotz der relativ unversehrten Situation der Stadt empfand Tanimoto eine gewisse Unruhe und hatte das Gefühl, dass der Stadt etwas Bedeutsames widerfahren würde, nachdem er häufige Luftalarme gehört hatte.

Überleben des Atombombenabwurfs und Rettungsmaßnahmen mini|Atompilz über Hiroshima am Morgen des 6. August 1945 Am Morgen des 6. August 1945 befand sich Kiyoshi Tanimoto außerhalb des Stadtzentrums von Hiroshima, als die US-amerikanische Atombombe „Little Boy“ um 8:15 Uhr über der Stadt explodierte. Tanimoto und ein Freund brachten Kirchenstühle, Gesangbücher, Bibeln, Altargerät und Kirchenaufzeichnungen sowie eine Orgelkonsole und ein Klavier mit einem Handkarren aus der Nagarekawa-Kirche zu einem Haus im westlichen Stadtteil Koi (己斐) in Sicherheit, etwa zwei Meilen vom Explosionszentrum entfernt, denn wie viele andere Bewohner erwartete auch er einen massiven Bombenangriff auf Hiroshima. Tanimotos Frau verbrachte seit einiger Zeit mit ihrem acht Monate alten Baby die Nächte bei einer Freundin in Ushita (牛田), einem nördlichen Stadtteil Hiroshimas.

Da Tanimoto und sein Freund zwei Meilen entfernt waren, hatten sie bei Aufkommen des plötzlichen Gammablitzes noch Zeit, sofort in Deckung zu gehen. Während der Druckwelle fielen Splitter, Bretter und Ziegel auf Tanimoto herab, ohne dass er dabei ein Geräusch hörte.

Nach der Explosion erhob sich Tanimoto, sah einige Menschen aus den Trümmern hervorkommen und brachte einen von ihnen zu einer Erste-Hilfe-Station, die sich in einer Grundschule befand. Dort erblickte er zahlreiche Verletzte und begann sich zu fragen, was geschehen war. Auf einem Hügel verschaffte er sich einen Panoramablick über die Stadt, wobei er feststellte, dass die gesamte Stadt in Flammen stand. Der Geistliche war weitgehend unverletzt geblieben und lief in die Stadt, um seiner Frau und seinem Kind zu helfen sowie seine Gemeindemitglieder zu finden. Auf seinem Weg begegnete er einer langen Reihe von Flüchtenden, die jedoch jeden Ausdruck vermissen ließen und in tiefem Schweigen die Stadt verließen – ein Anblick, den er als eine „Prozession von Geistern“ beschrieb.

Tanimoto fand seine Familie unverletzt vor und begann umgehend, Verletzten Wasser zu bringen und sie in Sicherheit zu tragen sowie Überlebende aus den Trümmern zu retten. Mit einem Boot half er verletzten Menschen am und im Fluss Ōta (太田川). Während seiner Rettungsaktionen überlebte er auch einen glühend heißen Wirbelwind, der ihn erfasst hatte. Das Schweigen unter den hunderten grausam verletzten Menschen, die sich am Flussufer versammelten, beschrieb er später als eines der schrecklichsten und ehrfurchtgebietendsten Phänomene seiner gesamten Erfahrung, da die Verletzten ruhig blieben, niemand weinte oder vor Schmerz schrie, selbst die Kinder nicht.

Wiederaufbau der Nagarekawa-Kirche mini|Nagarekawa-Kirche nach dem Atombomben-Abwurf Der Wiederaufbau der Nagarekawa-Kirche durch Kiyoshi Tanimoto erfolgte zwischen 1948 und 1952 und stellte eine bemerkenswerte Leistung der Wiederaufbaupolitik und internationalen Zusammenarbeit in der frühen Nachkriegszeit dar. Die ursprünglich 1927 von dem US-amerikanischen Architekten William Merrell Vories im gotischen Stil entworfene und als erste Stahlbetonkirche Hiroshimas errichtete Nagarekawa Methodist Church war beim Atombombenangriff vom 6. August 1945, etwa 900 Meter vom Hypozentrum entfernt, schwer beschädigt worden. Das Gebäude brannte vollständig aus und hinterließ nur die Außenmauern der Stahlbetonkonstruktion.

Tanimoto initiierte bereits im Mai 1946 die Wiederaufnahme des Gottesdienstes in den Ruinen der Kirche, wonach unter mehreren Kirchenmitgliedern vereinbart wurde, gemeinsam mit der Aufräumung zu beginnen. Studenten der Hiroshima Denki School errichteten zusammen mit ihrem Direktor Torataro Tsuru einen Altar aus verbrannten Ziegelsteinen. Die Gottesdienste in den Ruinen bezeichnete Tanimoto später in einem 1976 veröffentlichten Buch als „Ausgangspunkt für die Wiederherstellung“ der Kirche.

Zwischen 1948 und 1955 reiste Tanimoto auf Einladung der Methodistenkirche mehrfach in die USA, um den Wiederaufbau seiner Gemeinde in Hiroshima zu finanzieren. Während eines 15-monatigen Aufenthalts machte er dort in Vorträgen unter dem Motto „No More Hiroshimas“ auf die Folgen des Atombombenabwurfs aufmerksam und sammelte so zahlreiche Spenden – darunter auch ein Auto.

1952 wurde die Kirche am ursprünglichen Standort in Kaminagarekawa-cho (heute Teppo-cho) neu errichtet. Mit einer Versicherungssumme von 150.000 Yen (rund 500 Dollar nach damaligem Wechselkurs) finanzierte Tanimoto den Wiederaufbau durch persönlichen Einsatz beim Einwerben von Geld- und Materialspenden. Das Gebäude diente fortan als Stützpunkt für die Hilfe an Atombombenüberlebenden und bot bis 1951 fünfzig schwer verbrannten Waisenmädchen Unterkunft.

Bis Ende 1970 zog die Kirche in ein neues Gebäude an ihrem heutigen Standort in Kaminobori-cho um. Ein aus den verkohlten Überresten der ursprünglichen Kirche gefertigtes Kreuz, das „Atombombenkreuz“, wurde als Symbol der Kirche aufbewahrt und 1995 zum 50. Jahrestag der Atombombe vor den Gebetsraum gestellt. Dieses Kreuz, das aus zusammengefügten, schwarz verkohlten Holzstücken aus den Ruinen gefertigt wurde, unterzog sich 2013 einer Restaurierung durch das Nara National Research Institute for Cultural Properties.

Transnationale Friedensinitiativen mini|Hiroshima Maiden, Hibakusha mit während des Atombombenabwurfs eingebranntem Kimono-Muster (1945) Reverend Kiyoshi Tanimoto entwickelte sich zu einer zentralen Figur der internationalen Friedensarbeit und Aufklärung über die humanitären Folgen von Atomwaffeneinsätzen. Unmittelbar nach der Katastrophe widmete er sein Leben der Unterstützung der Hibakusha (Überlebende der Atombombenabwürfe über Japan) und organisierte bereits 1949 eine Selbsthilfegruppe für junge Frauen, die durch die radioaktive Verstrahlung schwere Entstellungen erlitten hatten und deren lokale chirurgische Behandlungen in Japan unzureichend verliefen. Diese Frauen, die aufgrund ihrer charakteristischen Narbenbildung als „Keloid Girls“ bezeichnet wurden, erhielten durch Tanimotos Initiative internationale Aufmerksamkeit.

Internationale medizinische Hilfe Die internationale Dimension von Tanimotos Friedensarbeit manifestierte sich besonders deutlich in der Zusammenarbeit mit Norman Cousins, dem einflussreichen Herausgeber der Saturday Review of Literature, der 1951 Tanimotos Appell um medizinische Hilfe für die entstellten Frauen aufgriff. Nach zweijährigen Vorbereitungen und Finanzierungsbemühungen reisten im Mai 1955 insgesamt 25 der am schwersten betroffenen Frauen, nun als „Hiroshima Maidens“ bezeichnet, in die USA, um am Mount Sinai Hospital in New York spezialisierte rekonstruktive Chirurgie zu erhalten. Das medizinische Team unter Leitung von Arthur Barsky, unterstützt von Bernard Simon und Sidney Kahn, führte über einen Zeitraum von 18 Monaten insgesamt 138 separate Operationen an den Frauen durch. Die Hospitalisierungskosten wurden durch Alfred Rose, den Präsidenten des Mount Sinai Hospital, anonym übernommen, während die drei Chirurgen ihre Dienste unentgeltlich zur Verfügung stellten.