Das Oflag 62 (ab August 1941 Oflag XIII D) war ein von April 1941 bis November 1942 eingerichtetes Kriegsgefangenenlager der Wehrmacht im nördlichen Teil des Truppenübungsplatzes Hammelburg.Camps Encyclopedia IV. S. 218. Es wurde nach Beginn des Deutsch-Sowjetischen Krieges ausschließlich für gefangene Offiziere der Roten Armee genutzt und deshalb als „Russenlager“ bezeichnet. Nachdem hier viele hochrangige russische Offiziere ihr Leben ließen, spielte es in der russischen Erinnerungskultur und in den deutsch-russischen Beziehungen eine besondere Rolle.
Generelles Der Truppenübungsplatz Hammelburg gehörte zum Wehrkreis XIII in Nürnberg. Die Lager im Wehrkreis waren dem Kommandeur der Kriegsgefangenen im Wehrkreis XIII, Generalmajor Nikolaus Schemmel unterstellt, der diesen Posten bis April 1942 bekleidete. Auf ihn folgte Generalmajor Kurt Anger.
Das Oflag 62 war eines von mehreren Lagern im Wehrkreis XIII und änderte seine Bezeichnung am 23. August 1941 in Oflag XIII D.Camps Encyclopedia IV. S. 272. Das Oflag XIII D wurde am 26. Oktober 1942 mit den meisten Gefangenen von Hammelburg nach Nürnberg-Langwasser verlegt.Otto: VfZ Heft 4/2008. S. 573, FN 56. Es ist nicht mit den gleichfalls in Hammelburg existierenden Lagern Stalag XIII C oder dem ab 1943 in Hammelburg bestehenden Oflag XIII B zu verwechseln. Die Behandlung sowjetischer Gefangener unterschied sich während der Zeit des Nationalsozialismus aus ideologischen Gründen deutlich von Kriegsgefangenen anderer Nationalitäten, von denen sie strikt getrennt wurden. Sie erhielten eine wesentlich schlechtere Versorgung in Bezug auf Unterkunft und Verpflegung, nachdem die Sowjetunion dem Genfer Abkommen über die Behandlung der Kriegsgefangenen nicht beigetreten war. Verantwortlich für die Kriegsgefangenen der Wehrmacht war der Generalleutnant Hermann Reinecke vom Allgemeinen Wehrmachtsamt im Oberkommando der Wehrmacht (OKW). Er war dort für das Kriegsgefangenenwesen zuständig. Er erließ einige rechtswidrige Befehle. So galt der Waffengebrauch gegen sowjetische Gefangene generell als rechtmäßig, weshalb ohne Anruf auf sie geschossen werden durfte.Streim: Keine Kameraden. S. 181.
Die unzureichende Hygiene und die Mangelernährung in den sogenannten „Russenlagern“ führten auch in Hammelburg zum Ausbruch eine Typhusepidemie (Fleckfieber), der viele Gefangene im Winterhalbjahr 1941/42 zum Opfer fielen.Gedenkbuch Hammelburg. S. 19.
Belegung Die ersten russischen Offiziere trafen um den 20. Juli 1941 im Lager ein. Bereits am 23. und 24. Juli 1941 wurden die ersten 1200 Gefangenen geimpft, um einer Epidemie vorzubeugen. Am 10. August 1941 befanden sich 4753 Gefangene im Lager. Am 1. Dezember 1941 waren es 5140, am 1. Juni 1942 5850. Das Lager war wegen der Typhusepidemie von Dezember 1941 bis April 1942 unter Quarantäne gestellt und nahm daher in dieser Zeit keine neuen Häftlinge auf.Gedenkbuch Hammelburg. S. 19.
Lagerverwaltung Die deutschen Lagerkommandanten waren in aller Regel hohe Offiziere kurz vor dem Ruhestand. Öffentlich sind die Namen der Kommandanten trotz ihrer Verantwortung für Kriegsverbrechen kaum genannt geworden. Anfang 1942 leitete Oberstleutnant Alfred Wörlen das Oflag Hammelburg. Er hatte bis Ende Januar 1942 im Stalag 304 in Zeithain Erfahrung mit russischen Gefangenen gesammelt.Camps Encyclopedia IV. S. 286. Zum Zeitpunkt des Umzugs nach Nürnberg-Langwasser war Oberst Wilhelm Pellet Kommandant. Mindestens zwei weitere Offiziere waren in Hammelburg zwischen Sommer 1941 und September 1942 als Kommandanten des Oflag eingesetzt. Der Kommandant wie auch sein Stellvertreter waren für die Lager gesamtverantwortlich. Sie ließen die Lagerordnung erstellen, bestimmten die Leiter der Gefangenen-Selbstverwaltung, erlaubten die Gründung von Gefangenen-Organisationen, unterzeichneten die Sterbefälle, arbeiteten mit dem Gestapo-Einsatzkommando zusammen und genehmigten die Abgabe der zur „Sonderbehandlung“ vorgesehenen Offiziere.Zur Lagerorganisation allgemein siehe Geck: Kriegsgefangenenwesen. S. 47ff.
Die Abwehrstelle im Wehrkreis schickte in jedes Lager einen Abwehroffizier der Abwehr III (Spionageabwehr), der dort für die abwehrmäßige Überwachung, Gegnerpropaganda und Spionageabwehr zuständig war. Die Berichte der Abwehroffiziere wurden üblicherweise in der Abwehrstelle zusammengefasst und ergaben beim OKW regelmäßig ein Bild über die Lage in den Gefangenenlagern des Wehrkreises.Geck: Kriegsgefangenenwesen. S. 56–59. Bei der Abwehrstelle in Nürnberg war Abwehroffizier Karl Pirazzi von der Abwehr III für die Kriegsgefangenen zuständig. Laut Pirazzi beriet der Abwehroffizier im Lager den Kommandanten in Sicherheitsangelegenheiten.Vernehmung Karl Pirazzi vom 6. August 1947, NMT Nürnberg. Über die Tätigkeit der Abwehr im Lager Hammelburg selbst gibt es wenig Informationen. Aus sowjetischen Befragungen ist jedoch bekannt, dass im Herbst 1941 ein Hauptmann Siefert der Abwehroffizier in Hammelburg war.Vernehmungsprotokoll Blagoweschtschenski vom 8. Juni 1945, Wlassow Buch 2. S. 346. Im Sommer 1942 war zudem ein Sonderführer Arnold von der Abwehr in Hammelburg tätig.Vernehmung Oberst Schatow vom 31. Januar 1946, Wlassow: Buch 2. S. 526ff; Vernehmung Oberst Meandrow vom 16. März 1946, Wlassow Buch 2. S. 645. Dieser Sonderführer dürfte der Baltendeutsche Arnold Poelchau gewesen sein, der von 1941 bis 1943 als Sonderführer in der Wehrmacht tätig war und im Februar 1945 in Bamberg verstarb. Im Zuge der geplanten Sommeroffensive 1942 wurde die deutsche Propaganda gegen die Sowjetunion intensiviert und ausgewählte Freiwillige aus Hammelburg kamen in die Propagandalager im Raum Berlin.
Aus der gewollten Massierung sowjetischer Offiziere in Hammelburg ergibt sich, dass gerade in Hammelburg eine enge Zusammenarbeit der Lagerleitung mit den im Oberkommando der Wehrmacht angesiedelten Stellen Kriegsgefangenenwesen, Abwehr und Wehrmacht-Propaganda erfolgte. Von August 1941 bis etwa Mai 1942 kam noch ein Sondereinsatzkommando der Gestapo in Hammelburg hinzu, dass etwa 15 Prozent der Gefangenen zur Exekution aussonderte.
Gestapo-Einsatzkommando Am 16. Juli 1941 hatten sich leitende Herren vom Kriegsgefangenenwesen im OKW unter Führung von Generalleutnant Hermann Reinecke, Oberst Erwin Lahousen von der Abwehr, Otto Bräutigam vom Ostministerium und Gestapo-Chef Heinrich Müller über die weitere Behandlung der Kriegsgefangen abgesprochen.Otto: Kriegsgefangene. S. 51.
Unmittelbar nach der Regelung des Verfahrens mit dem OKW erteilte Reinhard Heydrich als Chef der Sicherheitspolizei und des SD am 17. Juli 1941 und am 21. Juli 1941 mit den Einsatzbefehlen Nr. 8 und 9 einzelnen Gestapostellen den Befehl, in deren Zuständigkeitsbereich „Russenlager“ existierten, besondere Einsatzkommandos für die in ihrem Bereich befindlichen Kriegsgefangenenlager aufzustellen.Otto: Kriegsgefangene. S. 52, 56; Streim: Keine Kameraden. S. 90–91.
Die Kommandos sollten eine Selektion unter den sowjetischen Kriegsgefangenen durchführen. Es sollte sowohl eine Negativauslese nach dem Kommissarbefehl hinsichtlich „untragbarer Elemente“ (Kommunistische Funktionäre, Parteikader, Kommissare, Juden usw.) wie auch eine Positivauslese (Personen, die für den Wiederaufbau oder als Auskunftspersonen für die Nachrichtengewinnung geeignet waren) erfolgen. Die Einsatzkommandos der Gestapo sollten außerdem eine Überprüfung der Gefangenen in politischer Hinsicht durchführen. Die von den Kommandos erstellten Listen wurden im Reichssicherheitshauptamt zur Exekutionsunterschrift an Gestapo-Chef Müller weitergereicht.Streim: Keine Kameraden. S. 94, FN 60; Otto: Kriegsgefangene. S. 70.
Ergänzend dazu erließ Reinecke im OKW am 8. September 1941 schließlich einen Befehl über „die Behandlung sowjetischer Kriegsgefangener“, worin die Lagerkommandanten angewiesen wurden, die Einsatzkommandos von Sipo und SD bei der Aussonderung der „politisch untragbaren Elemente“ sowie der Auswahl besonders vertrauenswürdiger und für den Wiederaufbau in den besetzten Gebieten geeignete Personen, zu unterstützen. An den von der Gestapo veranlassten Exekutionen durch die SS war so auch die Wehrmacht beteiligt. Dieser Negativauslese fielen insgesamt mehr als 50.000 russische Gefangene zum Opfer, die in die Konzentrationslager verbracht und dort ermordet wurden.Streim: Keine Kameraden. S. 94–95.
Zuständig waren die Stapo-Leitstellen, in deren Zuständigkeitsbereich sich die Lager befanden. Ab Herbst 1941 führte daher ein Gestapo-Einsatzkommando aus Nürnberg-Fürth diese Auslese auch im Lager Hammelburg durch, um „unerwünschte“ Häftlinge auszusortieren.Camps Encyclopedia IV. S. 210. Der Nürnberger Gestapo-Chef Benno Martin und sein Stellvertreter, Sturmbannführer Ottomar Otto, hatten für dieses Einsatzkommando kaum geeignetes Personal, jedenfalls kein Russisch sprechendes. Sie wählten eine Handvoll Beamter unter Führung von Kriminalkommissar Ernst Gramowski von der Würzburger Gestapo aus.Winkler: Gestapo Mainfranken. S. 150. Später übernahm Kriminalinspektor und Obersturmführer Paul Ohler von der Gestapo Nürnberg die Leitung des Einsatzkommandos, das etwa im Mai 1942 aufgelöst wurde.Otto: Kriegsgefangene. S. 105ff.
Das Kommando sollte nicht nur politische Kommissare, sondern allgemein alle „untragbaren Elemente“ ausschalten wie Kriminelle, Juden, politische Führungsträger und sowjetische Intelligenzler. Außerdem sollten auch Fachleute und Spezialisten herausgefiltert werden, die wichtige Informationen liefern konnten. Somit war das Einsatzkommando auf die Zuarbeit der Wehrmacht angewiesen und musste eng mit der Leitung des Kriegsgefangenenlagers und dem Abwehroffizier Hauptmann Siefert zusammenarbeiten. Die Gestapo-Leute hatten schlichtweg keine genaue Vorstellung, wer auszuwählen war. Lagerverwaltung und Abwehr mussten demnach die Gefangenen vorsortieren und verdächtige Personen wie auch potenzielle Informanten identifizieren. Man suchte im Lager also nach „guten Russen“ und nach „schlechten Russen“. Die Auswahl besorgten russische Vertrauensleute bzw. die Lagerpolizei, die im Auftrag der Lagerleitung und der Abwehr entsprechende Hinweise gab und so ihre eigenen Landsleute der Gestapo ans Messer lieferte.Winkler: Gestapo Mainfranken. S. 147–148.
Ein von russischen Offizieren geleitetes „Komitee“ nahm innerhalb des Lagers eine Art „Vorsichtung“ unter den Gefangenen vor, meldete sich anschließend mit Genehmigung des Kommandanten bei den Polizeibeamten und nannte ihnen die Namen von Verdächtigen und Zeugen. Am folgenden Tag wurden die Betreffenden dann zum Verhör vorgeführt. Gestapo-Kommandoführer Ohler und seine Kollegen führten nach dem Krieg diese Arbeit der Kollaborateure zu ihrer Entlastung an. Bei den Vernehmungen habe es sich eigentlich gar nicht mehr um Aussonderungen gehandelt, sondern jeder Beamte habe lediglich die Angaben nachgeprüft, die ihm die Kriegsgefangenen geliefert hätten, mithin habe letztlich das Komitee die Aussonderungen durchgeführt.Otto: Kriegsgefangene, S. 106.
Das Einsatzkommando untersuchte dann in einer Befragung, ob es sich tatsächlich um „staatsfeindliche Elemente“ handelte. Nachdem die Gestapo-Leute kein Russisch sprachen, hing von den hier eingesetzten Dolmetschern (Sonderführern) daher zum Teil die Entscheidung über Tod oder Leben ab.Winkler: Gestapo Mainfranken, S. 148, 151; Otto: Kriegsgefangene. S. 67.