Adolfo Feragutti Visconti (eigentlich Giuseppe Adolfo Feregutti; * 25. März 1850 in Pura; † 10. März 1924 in Mailand) war ein schweizerisch-italienischer Maler.
Leben
Ausbildung und erste Werke mini|hochkant|Weiblicher Kopf (1873–1876), Museo Vincenzo Vela, Mendrisio-Ligornetto Adolfo Feregutti wurde in Pura, einem kleinen Dorf westlich von Lugano, in einer Bauernfamilie geboren. Er hatte drei Geschwister. Die erste künstlerische Ausbildung erhielt er bei einem Onkel und seinem Vater, der auch als Anstreicher und Dekorateur arbeitete. Anschliessend besuchte er die Sekundar- und Zeichenschule in Curio. Nach dem Tod des Vaters im Jahr 1864 geriet die Familie in finanzielle Nöte, sodass Feragutti früh zum Broterwerb gezwungen war. Am 22. April 1868 immatrikulierte er sich an der Accademia di Brera in Mailand, wo er unter anderem bei Giuseppe Bertini und Bartolomeo Giuliano studierte. Ab 1872 arbeitete er kurzzeitig im Atelier von Stefano Ussi in Florenz und suchte Anschluss an den antiakademischen Realismus der Macchiaioli. Nach rund eineinhalb Jahren kehrte er 1874 nach Mailand zurück, wo er sich dauerhaft niederliess.
Zwischen 1873 und 1879 stellte er wiederholt an der Brera aus und schuf Landschaften und Porträts mit differenzierter Lichtführung, vorwiegend im realistischen Stil. In dieser Zeit begann er, seine Werke mit dem Namen «Feragutti» zu signieren; zur Vermeidung von Verwechslungen mit Arnaldo Ferraguti erweiterte er ihn später um den Mädchennamen seiner Mutter zu «Feragutti Visconti».
Durchbruch mini|hochkant|Jus primae noctis (1881), Museo Villa dei Cedri, BellinzonaSeinen künstlerischen Durchbruch erzielte er in den frühen 1880er Jahren mit drei historischen Gemälden. Das Werk Jus primae noctis (1881) wurde mit grossem Erfolg an der Brera gezeigt. Es zeichnet sich durch eine neuartige, indirekte Darstellung der Szene aus, bei der die Präsenz des lüsternen Feudalherrn nur durch den grinsenden Hofnarren im Hintergrund links symbolisiert wird. Stilistisch weist das Bild Einflüsse von Tranquillo Cremona auf.
Mit Alberich prangert die Verworfenheit Hugos an (1883, Privatbesitz) griff Feragutti ein Sujet aus Ferdinand Gregorovius’ Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter auf. Das Gemälde zeigt den Moment, in dem Alberich II., der sich an die Spitze eines Volksaufstand gestellt hat, die moralischen Verfehlungen seines Stiefvaters Hugo I., des Königs von Italien, und seines Bruders, des Papstes Johannes XI., anprangert, und formuliert eine deutliche Kritik an Machtmissbrauch und Tyrannei. Ein drittes Historiengemälde, Acca Larentia, wurde 1884 ausgestellt und gilt heute als verschollen.
Ebenfalls 1883 entstanden die Werke Die Wölfin sowie ein erstes Stillleben (Trauben), das er an der Promotrice delle belle arti in Turin präsentierte. Aufgrund des Erfolgs folgten weitere Stillleben.
In der Folgezeit nahm Feragutti regelmässig an internationalen Ausstellungen teil. 1886 zeigte er an der Schweizerischen Kunstausstellung in Zürich zwei «Studienköpfe», die in der zeitgenössischen Kritik, unter anderem in der Neuen Zürcher Zeitung, kontrovers beurteilt wurden.R. N.: Die Schweizerische Kunstausstellung in Zürich. In: Neue Zürcher Zeitung. Nr. 109, 20. April 1886, S. 1 (online). 1888 sah er sich aus finanziellen Gründen gezwungen, die Schweizer Staatsbürgerschaft aufzugeben und die italienische anzunehmen.
Mit dem Porträt einer Dame (Galleria d’Arte Moderna in Mailand), in dem er die Adlige Elena Cottalorda Tellini en plein air malte, gewann er 1891 den renommierten Preis «Principe Umberto». Im selben Jahr nahm er an Ausstellungen in Lugano und an der Internationalen Kunstausstellung in München teil, wo er eine Goldmedaille erhielt. Ferner heiratete er das Modell Giuseppina Riva, mit der er mehrere Kinder hatte; die Ehe war von anhaltenden finanziellen Schwierigkeiten überschattet und wurde 1906 geschieden. 1898 kaufte der Schweizer Bundesrat auf Vorschlag der Eidgenössischen Kunstkommission Feraguttis Gemälde L’addolorata aus der V. Nationalen Kunstausstellung in Basel an.Bundesstadt. In: Thurgauer Zeitung. Nr. 253, 28. Oktober 1898, S. 2 (online).
mini|hochkant|links|Die persischen Magierinnen (1904), Museo d’arte della Svizzera italiana, Lugano Um die Jahrhundertwende wandte sich Feragutti neuen stilistischen Einflüssen zu. Das Triptychon Die persischen Magierinnen (1904, heute im MASILugano), das er unter anderem an der Biennale di Venezia und bei der Münchener Secession ausstellte, zeigt eine Annäherung an symbolistische Ausdrucksformen und übernimmt Elemente des Secessionismus. 1906 schloss er sich der «Schweizerischen freien Künstlervereinigung, Sezession» an.Die schweizerische Sezession. In: Der Bund. Nr. 128, 17. März 1906, S. 2 (online).
Argentinien 1907–1909 mini|Familie in Patagonien (1908), Museo d’arte della Svizzera italiana, LuganoNach der Ehescheidung verliess Feragutti 1907, im Alter von 57 Jahren, Europa und ging nach Argentinien. In Buenos Aires eröffnete er am 1. Juli 1907 eine Einzelausstellung, der jedoch nur mässiger Erfolg beschieden war. In der Folge bereiste er die Pampa und hielt sich 1908 im Auftrag der argentinischen Regierung in Feuerland auf, wo er Landschaften, Tiere und die indigene Bevölkerung dokumentierte. Nach einer weiteren Ausstellung kehrte er Anfang 1909 nach Italien zurück.
Spätwerk In seinem Spätwerk erreichte Feragutti grössere finanzielle Unabhängigkeit. Seine Malweise wurde freier, mit lockerem Pinselstrich und leuchtender Farbigkeit; insbesondere seine Darstellungen weiblicher Figuren fanden breite Anerkennung. 1912 beteiligte er sich an der ersten Kunstausstellung der Italienischen Schweiz. Ab 1915 lebte er zurückgezogen in Vanzago, blieb jedoch weiterhin ausstellungsaktiv.
Werk und Rezeption Feragutti blieb zeitlebens eng mit seiner Tessiner Heimat verbunden und nahm regen Anteil an ihrer Entwicklung, wirkte jedoch hauptsächlich in Italien. Politisch vertrat er liberale und antiklerikale Positionen.
In seinen frühen Historienbildern zeigen sich noch Einflüsse der Spätromantik, zur Hauptsache ist Feragutti aber ein typischer Vertreter des lombardischen Realismus (Verismus). Zu verschiedenen Zeitpunkten nahm er Anregungen aus der Scapigliatura, dem Symbolismus, dem Pointillismus und dem Sezessionismus auf.
Die Neue Zürcher Zeitung äusserte sich 1886 abschätzig über Feraguttis Porträts einer Italienerin und einer Japanerin, die er an der Schweizerischen Kunstausstellung zeigte:
1890 bezeigte sich dasselbe Blatt begeistert über Feraguttis latent erotisches Genrebild Zärtliche Vorsicht, auf dem eine halbentblösste Dame von einem sichtlich angetanen Arzt geimpft wird:
Feraguttis Gemälde sind heute vor allem in Museen im Tessin (Museo Villa dei Cedri in Bellinzona, Museo d’arte della Svizzera italiana in Lugano, Pinacoteca cantonale Giovanni Züst in Mendrisio-Rancate, Museo Vincenzo Vela in Mendrisio-Ligornetto, Museo d’arte Mendrisio) und in Norditalien (Galleria d’Arte Moderna und Gallerie d'Italia in Mailand, Galleria Giannoni in Novara) aufbewahrt.
Einzelausstellungen 1991: Villa dei Cedri, Bellinzona, und Pinacoteca Züst, Mendrisio-Rancate 2011/12: Museo Cantonale d’Arte, Lugano 2013: Villa dei Cedri, Bellinzona
Literatur Guido Cesura: Adolfo Feragutti Visconti. Pittore. Cavalotti, Mailand 1982. Giulio Foletti (Hrsg.): Adolfo Ferragutti Visconti 1850–1924. Civica Galleria d'Arte di Villa dei Cedri, Bellinzona 1991 (Ausstellungskatalog).
Giulio Foletti: Adolfo Feragutti Visconti. Un pittore tra Milano e la Terra del Fuoco. In: Rudy Chiappini (Hrsg.): L’affermazione di un’identità, 1870-1914. Salvioni, Bellinzona 2002, S. 205–215 (Ausstellungskatalog).
Giovanna Ginex (Hrsg.): Adolfo Feragutti Visconti 1850–1924. Skira, Mailand 2011. Giovanna Ginex (Hrsg.): La libertà della pittura. Adolfo Feragutti Visconti. 1850–1924. Skira, Mailand 2013.
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Einzelnachweise
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