mini|f. 21r, Initiale E des Ecce advenit dominator zum Dreikönigsfest am 6. Januar
Das Graduale von St. Katharinenthal ist ein Graduale, das um 1312 für das Dominikanerinnenkloster St. Katharinental bei Diessenhofen erstellt wurde und die Gesänge enthält, die die Nonnen in den Gottesdiensten anstimmten.
Es befindet sich unter der Signatur LM 26117 abwechselnd im Schweizerischen Landesmuseum Zürich und im Museum des Kantons Thurgau in Frauenfeld.
Das Graduale von St. Katharinenthal ist neben dem Codex Manesse wohl das bedeutendste gotische Buchkunstwerk der Schweiz. (Bisweilen wird das Dominikanerinnen-Graduale vom Oberrhein, das sich unter der Signatur Hs 21897Hs 21897. In: dlib.gnm.de im Germanischen Nationalmuseum Nürnberg befindet, in der Literatur ebenfalls als Graduale von St. Katharinenthal bezeichnet.)
Geschichte Um 1230 siedelte eine kleine Gemeinschaft von Beginen von Winterthur nach Diessenhofen über, wo der dort tätige Priester die Errichtung eines Frauenklosters plante. 1242 zogen sie in das seither so genannte St. Katharinental am Rhein außerhalb der Stadt, um dort das Kloster zu errichten. Grund und Boden stiftete Graf Hartmann IV. von Kyburg. 1245 wurde das Kloster durch Papst Innozenz IV. in den Dominikanerorden inkorporiert; die Seelsorge oblag dem Dominikanerkonvent von Konstanz. 25 Jahre später weihte Albertus Magnus die Altäre des Klosters. Im Jahr 1305 wurde der Chor des Konvents neu erbaut, wobei dann Statuen von Johannes dem Täufer und des Evangelisten Johannes aufgestellt wurden. Dass der Kult dieser beiden Johannesʼ eine bedeutende Rolle spielte, ist auch im Graduale zu erkennen.J. F. Hamburger: St. John the Divine, Berkeley/Los Angeles/London 2002, S. 72.
Das Graduale stammt ebenfalls aus dieser Zeit: 1312 steht auf dem vorderen Vorsatzblatt geschrieben, jedoch in einer Hand des 15. Jahrhunderts,Pascal Ladner: Codicologische und liturgische Beschreibung des Graduale von St. Katharinenthal. In: Kommentar, S. 295–300, hier S. 295. so dass diese Jahresangabe mit etwas Vorsicht zu interpretieren ist. Die Handschrift kam spätestens 1821 in den Besitz des Konstanzers Antiquars Franz Joseph Aloys Castell. Wohl wenig später entfernte dieser f. 87a, das er in Einzelteile zerlegte; ein Fragment wurde 1852 von Freiherr Hans von und zu Aufsess an das Germanische Nationalmuseum in Nürnberg übergeben. Weitere Fragmente tauchen erst im 20. Jahrhundert im Raum Frankfurt auf. Castell entfernte später auch f. 158a, das vermutlich 6 Miniaturen aufwies. Die jetzt bekannten Fragmente liegen zerstreut in Zürich (4), Frankfurt (3), Nürnberg (1), Wien (1) und in Privatbesitz (1).Lucas Wüthrich: Geschichte der Handschrift. In: Kommentar, S. 79–101, hier S. 93. Das letzte Blatt, f. 315, dürfte als Folge der Benutzung abhandengekommen sein, wie das öfters bei Schlussblättern der Fall ist.
Der Codex selbst erscheint im Jahr 1906 im Sammlungskatalog von Sir William Amhurst Tyssen Amherst, 1908 wurde er bei Sotheby’s in London versteigert und kam in den Besitz von Sir Charles Dyson Perrins in Worchester. Nach seinem Tode wurde das Graduale am 9. Dezember 1958 erneut versteigertLucas Wüthrich: Geschichte der Handschrift. In: Kommentar, S. 70–99. ‒ und wurde zum Preis von 33,000 Pfund bzw. 403,000 Schweizer Franken gemeinsamer Besitz des Landesmuseums und des Kantons Thurgau; der Beitrag des Landesmuseums betrug 178,000 Fr., der des Kantons Thurgau belief sich auf 150,000 Fr. und die Gottfried-Keller-Stiftung übernahm einen Anteil von 75,000 Franken am Kaufpreis.
Beschreibung mini|f. 291r, Initiale C des Clari duces nostri spei zum Fest der Heiligen Petrus und Paulus am 29. Juni
Das Generalkapitel des Dominikanerordens von 1244 gab Arbeiten zu einer vereinheitlichten Liturgie in Auftrag, die schließlich von Humbertus de Romanis (* um 1200; † 14. Juli 1277) in seinem zwischen 1254 und 1256 zusammengestellten Werk Ecclesiasticum officium secundum ordinem fratrum praedicatorum festgelegt und 1267 von Papst Clemens IV. bestätigt worden ist.Pascal Ladner: Codicologische und liturgische Beschreibung des Graduale von St. Katharinenthal. In: Kommentar, S. 295–300, hier S. 298. Das Graduale von St. Katharinenthal entspricht weitgehend diesem Standard.
Der Codex Auf ein Blatt mit kalendarischen Angaben folgen 626 Seiten mit lateinischen Gesängen. Den Buchblock bilden 314 Blätter aus mittelstarkem Pergament im Format von 47,5 bis 48,5 cm in der Höhe und 34,5 bis 35 cm in der Breite. Als Grundform für die insgesamt 30 Lagen kam das Sextern, d. h. eine aus 6 Doppelblättern bestehende Lage zur Anwendung; allerdings gibt es auch einzelne Abweichungen. In neuerer Zeit sind die Blätter auf der Rectoseite oben rechts mit einer Bleistiftfolierung in arabischen Ziffern versehen worden. Die Maße des mit Zirkelstichen abgestochenen Schriftspiegels betragen 31,5 auf 20,5 cm. Pro Seite gibt es neun Notenzeilen mit unterlegtem Text; eine Anordnung, die nur gelegentlich durchbrochen wird, wenn Textincipits in kleinerer Schrift eingefügt sind.Pascal Ladner: Codicologische und liturgische Beschreibung des Graduale von St. Katharinenthal. In: Kommentar, S. 295–300, hier S. 296.
Die Handschrift unterscheidet sich von anderen zeitgleichen Gradualen unter anderem durch ihr großes Format und ihren großen Umfang. Dies resultiert in einem Gesamtgewicht von 13 kg.
Mit Ausnahme von Anmerkungen auf den vorderen und hinteren Vorsatzblättern sowie Einschüben und Nachträgen am Ende des Buches sowie der meisten marginalen Ergänzungen scheint der Codex bis einschließlich f. 298v von einer einzigen Hand geschrieben zu sein. Der Schreiber verwendet die Buchschrift Textura. Die Melodien der Gesänge sind in gotischer Quadratnotation aufgezeichnet. Am Rest des Codex (f. 299r bis f. 314v) scheinen bis zu 10 verschiedene Schreiber mitgewirkt zu haben.Max Lütolf: Anmerkungen zum liturgischen Gesang im mittelalterlichen St. Katharinenthal. In: Kommentar, S. 235–294, hier S. 247 f.
Das Graduale teilt mit anderen liturgischen Büchern die innere Organisation nach dem Kirchenjahr. Dabei werden die Eigentexte für die Wochen- und Sonntage des Jahreskreises im Proprium de Tempore (Temporale) zusammengefasst, jene für immer am selben Tag begangene Heiligenfeste im Proprium de Sanctis (Sanctorale) und im Commune Sanctorum für Heiligengedenktage, die kein oder wenig Eigengut aufweisen. Es folgt ein Kyriale. Den Schluss bildet ein Sequentiar mit insgesamt 47 Sequenzen. Daneben gibt es auch anlassbezogene Texte, z. B. Aspersionsantiphonen, ein Kirchweihoffizium, Votivmessen.
Die Handschrift enthält insgesamt, ohne Berücksichtigung von Versus und Alleluias, über 1100 Gesänge mit Noten.
Der Codex zeigt zwar Gebrauchsspuren, ist aber ansonsten relativ gut erhalten. Es gibt nur wenige Anmerkungen aus späteren Jahrhunderten. Allerdings gibt es kleinere Unregelmäßigkeiten. So wurde zum Teil Pergament mit einem Loch verwendet oder eins mit einem Riss, der zusammengenäht wurde.
Die erste Initiale eines Officiums ist in der Regel in Blau oder Rot gestaltet, jedoch ohne einen konsequenten Blau-Rot-Farbwechsel, und manche Initialen fehlen. Manchmal reichte der Platz nicht, so dass eine Zeile über den Schriftraum hinausragt, z. B. auf f. 8r. Auf manchen Blättern finden sich Nachträge, vermutlich aus späterer Zeit. Beispielsweise wurde auf f. 190r ein Alleluia am Rand nachgetragen usw. Interessant ist ein Eintrag aus späterer Zeit auf f. 36v, wo zur Rubrik Officium Sabatto am Rand erläutert wird: Disi Mess ist am Fritag und Samstag. Ähnlich gelagerte Fälle gibt es auf ff. 128v, 131r, 171v, 305v. Auf dem unteren Seitenrand von f. 162v, fortgesetzt auf dem oberen Rand von f. 163r, wurden die Textanfänge von Introitus, Graduale, Offertorium und Communio der Messen für Thome epi., Silvester pp., Felicis ps. Mauri ab. Marcelli pp. & m. und S. Prisce vgs. & mt., Sct. Fabiani & Sebastiani nachgetragen. Auf f. 310r fehlen in einer Zeile die Noten.
Inhalt f. 1rv2 Kalendertafelnf. 2r–3rDoxologie (Gloria patri … Sicut erat) in den acht Psalmtönenf. 3rvAspersionsantiphonenf. 3v–151vProprium de Temporef. 151v–153vKirchweihoffiziumf. 153v–155rSequenz Psalle Christo laudes precef. 155rvNachträge der gleichen Handf. 156r–198rProprium des Sanctisf. 198r–231rCommune Sanctorumf. 231r–235rVotivmessenf. 235r–248rKyrialef. 248r–314vSequentiar, mit Einschüben und Nachträgen auf f. 299r–308vHinterer SpiegelNachträge zum Proprium des Sanctis
Die Kommission des Humbertus de Romanis hatte die relativ große Zahl von 27 Sequenzen in den Prototyp aufgenommen, die alle, wenn auch in anderer Reihenfolge und zum Teil mit anderer Melodie, im Graduale von St. Katharinenthal enthalten sind. Das Graduale enthält jedoch weitere 20 Sequenzen, die nicht dem Standardrepertoire von 1256 angehören. Hierbei fällt die Sequenz Jesu Christi Dei fili auf, für die bisher das Graduale von St. Katharinenthal als einzige Quelle nachgewiesen werden konnte.Max Lütolf: Anmerkungen zum liturgischen Gesang im mittelalterlichen St. Katharinenthal. In: Kommentar, S. 235–264, hier S. 259, 261 und 264. Das Graduale von St. Katharinenthal weicht an zahlreichen Stellen vom Standard ab, sei es in einzelnen Wörtern, Noten oder fehlenden Teilen, beispielsweise einem fehlenden Amen.F. Brenn: Die Sequenzen des Graduale von St. Katharinenthal, Wien 1960, S. 28–36.
Buchschmuck Initialen Das Graduale enthält insgesamt 72 historisierte Miniaturen, gemalt in Tempera über Goldgrund, dazu noch mindestens 4 Miniaturen auf den Blättern 87a und 158a, die herausgetrennt wurden, und 16 große Prachtinitialen. Es könnte sein, dass die Nonne Katharina von Radegg, die zu nicht weniger als zu neun Miniaturen in kleiner Schrift am Rand erwähnt ist, „vielleicht die hauptsächliche Illuminatorin“ gewesen ist.George Warner: Descriptive Catalogue of Illuminated Manuscripts in the Library of C. W. Perrins. Band I (Text), Oxford 1920; Neuausgabe New Haven 1962, S. 301. Gegen die Annahme von Katharina als Hauptilluminatorin oder -schreiberin: Andreas Bräm: Imitatio Sanctorum. Überlegungen zur Stifterdarstellung im Graduale. In: Zeitschrift für schweizerische Archäologie und Kunstgeschichte, 49 (1992), S. 103–113.