Das Ramses Wissa Wassef Art Center befindet sich in Harrania, einem Vorort von Kairo in Ägypten, nahe den Pyramiden von Gizeh. Es wurde 1951 von dem Architekten Ramses Wissa Wassef und seiner Frau, der Kunstlehrerin Sophie, als Schule und Ausbildungszentrum für die Kinder und Jugendlichen aus den umliegenden Dörfern gegründet und wird heute als Kooperative betrieben.
Philosophie mini|hochkant|Reseda und Kaktus, Ausschnitt, Sabra Saoid, Wolle, 3,30 × 1,85 m mini|hochkant|Eselmarkt, Ausschnitt, Wolle, Sayed Mahmoud, 2,50 × 1,50 m mini|hochkant|Felucken auf dem Nil, Saber Ibrahim, 1,45 × 1,95 m mini|hochkant|Sonnenblumen, Wolle, Sayed Mahmoud, 2,10 × 2,60 m Nachdem das Ehepaar ein großes Grundstück in der damals noch dörflichen Gegend von Harrania erworben hatte, wurden dort nach den Plänen von Ramses Wissa Wassef (1911–1974) in traditioneller Lehmbauweise Werkstätten und Wohngebäude gebaut. Der Architekt orientierte sich dabei an den nubischen Lehmziegelbauten in der Region Assuan und deren Überdachung mit Kuppeln und Gewölben. Damit knüpfte er an das Architekturerbe Ägyptens an, welches sich aus römischen, koptischen und islamischen Wurzeln zusammensetzt und damit hervorragend den klimatischen Bedingungen angepasst ist.
Ramses Wissa Wassef wollte zudem etwas für den Erhalt der traditionellen Handwerkskünste seines Landes tun, die bereits damals drohten, zunehmend in Vergessenheit zu geraten. Und er plante, diese alten Künste in Werkstätten mit Hilfe junger Menschen wieder zu beleben.
Dafür verfolgte er einen ungewöhnlichen Ansatz. Ausgehend von seinen Beobachtungen, sah Wassef in jedem jungen Menschen die Anlagen für ein eigenes, kreatives Potenzial angelegt, welches sich nach seiner Auffassung, unabhängig von jeglichem Einfluss von Lehrenden oder künstlerischen Strömungen, frei entwickeln sollte. Die Technik des langsamen Webens mit einem Webstuhl bot sich idealerweise dafür an, um Wassefs Vorstellungen in die Wirklichkeit umzusetzen. Dabei stellte er extra Prämissen auf, die ermöglichen sollten, dass sich die Kinder und Jugendlichen in einem geschützten Raum, ihrer eigenen Phantasie entsprechend und ihrem eigenen Tempo gemäß künstlerisch entfalten können. So waren Beurteilungen und Kritik während und auch nach dem Entstehungs- und Schaffensprozess an den Werken verboten, ebenso gab es keine Besuche in Galerien und Museen, um etwaige künstlerische Einflüsse und Moden auszuschließen. Dagegen sollte es eine ermutigende, unterstützende Begleitung für die jungen Künstler geben bei der Herstellung ihrer eigenen Werke. Für Wassef stand dabei nie das Endprodukt im Mittelpunkt, sondern es kam ihm vor allem auf den Weg dorthin an, auf den Prozess und die Persönlichkeitsentwicklung der jungen Menschen dabei.
Leben im Art Center
1951 wurden die ersten Kinder und Jugendlichen in den Werkstätten aufgenommen und sie begannen ihre künstlerische Arbeit. Die Jüngsten von ihnen waren damals 10 Jahre alt. Parallel dazu besuchten sie weiterhin die örtliche Grundschule, die ihnen die Möglichkeit bot, sich nach der Schule auch im Art Center zu beschäftigen. Damals war es noch üblich, dass viele Kinder ihren Eltern bei der Arbeit auf den Feldern halfen und so ganz natürlich mit der Natur, den Arbeitsabläufen und den dörflichen Gegebenheiten in Kontakt waren.
Ihre Beobachtungen und Erfahrungen flossen so in ihre künstlerischen Arbeiten mit ein und beflügelten dabei ihre Phantasie. Sie konnten sich ohne Zeitdruck dem Handwerk des Webens widmen und der Entstehung ganz individueller Werke. Durch das Miteinander im Art Center, wo auch die Mahlzeiten zusammen eingenommen und alle anfallenden Tätigkeiten zusammen erledigt werden, wuchs in ihnen auch das Gefühl für die Gemeinschaft und eines verantwortungsvollen Miteinanders. Viele von ihnen blieben dadurch auch als Erwachsene dem Art Center tief verbunden und führen zum Teil bis heute die Handwerke der Kunst vor Ort fort.
Heute konzentriert man sich im Center auf den Erhalt der bestehenden Gebäude, die einen wesentlichen Teil der Identität des Art Centers ausmachen. Durch die geplante Erweiterung der Einrichtungen soll für die Künstlerinnen und Künstler mehr Platz zur Verfügung stehen und gleichzeitig die Möglichkeit geschaffen werden, noch mehr Besucher empfangen zu können.
Kunst: Batik-Stoffe, Teppiche und Keramik Weben gehört in Ägypten mit zu den ältesten Handwerken; die ersten Spuren lassen sich bis ins 5. Jahrtausend v. Chr. zurück verfolgen. In Harrania werden die Teppiche noch heute nach den uralten Grundregeln und nach denselben Verfahren wie vor mehr als 6000 Jahren hergestellt. Die Technik an den Webstühlen im Art Center in Harrania gehören zur Gobelin-Technik oder Bildwirkerei. Allerdings entstehen hier die Gobelins nicht nach Vorlagen, sondern völlig frei während des Produktionsprozesses. Ein weiteres wichtiges Element dabei ist die Färbung der jeweiligen Grundmaterialien wie Wolle oder Baumwolle, die die Jugendlichen unter Anleitung selbst vornehmen. Dabei werden, ganz der Tradition gemäß, nur natürliche Grundstoffe verwendet wie Pflanzen oder Mineralien. So gehört zur Entstehung eines Teppichs immer auch diese Vorarbeit, was dazu führt, dass die Herstellung eines Objektes sehr viel Zeit in Anspruch nehmen kann.
1965 wurde das Batiken als eine weitere Technik eingeführt. In Ägypten weitestgehend unbekannt, stellt es in Asien ein sehr altes traditionelles Verfahren zum Textilfärben dar. Dabei wird Wachs zum Abdecken bestimmter Muster benutzt, bevor der Stoff dann in Farbe getaucht wird. Dies kann ein längerer Prozess mit verschiedenen Farbbädern sein, beispielsweise von Hell nach Dunkel und mit mehreren Stufen des Wachsauftragens zur Entstehung verschiedener Muster. Durch das rasche Festwerden des Wachses und das Eintauchen in verschiedene Farbbäder hintereinander erfordert diese Technik ein schnelleres Arbeiten als das Weben und eine klare Vorstellung von dem gewünschten Ergebnis. Doch wird auch hier ohne Vorlagen gearbeitet. Die Batik-Gruppe wird seit 1974 von Johanna Wissa Wassef betreut, einer der Töchter von Ramses und Sophia. Eine weitere praktizierte Kunstrichtung im Art Center in Harrania ist das Töpfern, bei dem ebenfalls mit traditionellen Techniken gearbeitet wird. Seit dem Tod von Ramses Wissa Wassef, 1974, wird das Center von den beiden Töchtern Johanna und Suzanne sowie deren Ehemann Ikram geleitet.
Inzwischen werden im Center neue Bildungsprogramme und Workshops für einheimische wie auch internationale Schülerinnen und Schüler entwickelt. Indem neuen Generationen Platz und Gelegenheit geboten wird, ihr künstlerisches Potenzial zu entwickeln, wird das Vermächtnis von Ramses Wissa Wassef weitergeführt.
Ausstellungen Die Schönheit der entstandenen Arbeiten, egal, ob Teppiche oder Batik-Stoffe bezaubert den Betrachter, die Betrachterin durch ihre enorme Farbigkeit, die Vielzahl von Motiven und dargestellten Situationen, die Detailgenauigkeit kleinster Begebenheiten sowie die gesamte Fülle und Lebendigkeit der Darstellungen. Jede der Textilarbeiten ist einzigartig und individuell. Die beschriebenen Qualitäten der Objekte machten das Art Center bald über seine unmittelbare Umgebung hinaus bekannt und boten dem Center und seinen darin Schaffenden eine verlässliche Einnahmequelle. Dies bedeutete nicht nur Sicherheit für das Fortbestehen der Werkstätten, sondern ermöglichte den Künstlerinnen und Künstlern auch eine finanzielle Unabhängigkeit. Es sprach sich immer mehr herum und bald kamen Interessierte aus dem ganzen Land in das Art Center, um die dort entstehenden Arbeiten zu bewundern. 1989 wurde deshalb dem Zentrum ein Museumsanbau hinzugefügt, wo aktuelle Werke zu betrachten sind. Bald folgten Einladungen an andere Orte, im In- wie im Ausland, um die Kunstwerke einem noch breiteren Publikum zugänglich zu machen. Heute ist das Art Center in Harrania in der ganzen Welt bekannt und viele der hier geschaffenen Kunstwerke gehören zu den Sammlungen von international renommierten Museen, wie dem Metropolitan Museum of Modern Art, dem British Museum und dem Victoria and Albert Museum in London. Auch zukünftig bleiben Ausstellungen und Kooperationen mit internationalen Museen und Kulturinstitutionen für das Art Center wichtig, um seine Arbeit einem globalen Publikum bekannt zu machen.
Literatur Friederike Seyfried, Ilona Regulski (Beiträge, Redaktion): Fäden des Lebens am Nil. (Hrsg.) Ägyptisches Museum und Papyrussammlung der Staatlichen Museen zu Berlin, 2025, ISBN 978-3-88609-901-6
Weblinks
Website des Ramses Wissa Wassef Art Center Broschüre in deutsch über das Art Center Fäden des Lebens am Nil, James-Simon-Galerie, Berlin, 2025 Claudia Eichert-Schäfer: Webarbeiten im Ramses Wissa Wassef Art Center, Textile Art Berlin, 19. Januar 2025 Aimee Farrell: Architecture. Much Ado Amid Adobe. The World of Interiors, 13. Mai 2025
Einzelnachweise
Kategorie:Kunstmuseum Kategorie:Bauwerk in Ägypten Kategorie:Gouvernement al-Dschiza Kategorie:Erbaut 1951 Kategorie:Museumsgründung 1951