mini|Der Goldschmied Hasan trickst seine geschwätzige Frau aus

Die Chamsa aus dem Walters Art Museum in Baltimore mit der Inventarnummer W. 624 ist eine illustrierte persische Handschrift, die fünf poetische Werke (Chamsa) des indischen Dichters Amīr Chusrau Dihlavī (1253–1325) enthält. Sie wurde zwischen März 1597 und März 1598 am Mogulhof in Lahore vollendet. Das Manuskript ist die letzte der sogenannten „Luxushandschriften“, die während der 1590er Jahre in prachtvoller Ausstattung von den höfischen Ateliers in Lahore angefertigt wurden. Der am höchsten geschätzte Kalligraph seiner Zeit, Muhammad Husayn Kaschmīrī, war für die Niederschrift verantwortlich. Dreizehn Maler, zu denen Basāvan und Mansūr gehörten, waren für die Anfertigung der Illustrationen zuständig. Von den ursprünglich 31 Bildern sind nur noch 29 erhalten. Acht davon wurden aus dem Manuskript herausgelöst und befinden sich heute im Metropolitan Museum of Art. Neben den Illustrationen besitzt die Handschrift aufwendige Illuminationen in Form von Randmalereien, dekorativen Kopfstücken und seitenfüllenden Rosetten, die von weiteren sieben Künstlern ausgeführt wurden. Beide Künstlerteams, Illustratoren und Illuminatoren, waren zuvor schon bei der Chamsa von Nizāmī (British Library Or. 12208) und dem Bahāristān von Dschāmi (Bodleian Library, Elliot 254) aus dem Jahre 1595 zum Einsatz gekommen.

Äußeres Erscheinungsbild Die Handschrift ist, wie nahezu alle Mogulhandschriften, auf Papier geschrieben. Die Foliogröße beträgt 28,5 × 19 cm, allerdings wurden die Folios zu unbekannter Zeit neu gerahmt. Dadurch sind oben und unten mindestens 1,5 cm, am äußeren Rand 0,5 cm entfernt worden. Infolgedessen wurden nicht nur einige der Randmalereien beschnitten, sondern auch mehrere Künstlernamen, die ehemals unter den Bildern vermerkt waren, entfernt. Immerhin sind zwei dieser abgetrennten Ateliervermerke ausgeschnitten und unter das zugehörige Bild geklebt worden.Seyller: Pearls of the Parrot, S. 41.

Das Manuskript besaß ursprünglich 233 Folios mit insgesamt 31 Illustrationen. Die Folios werden von drei Nummernfolgen auf den Verso-Seiten begleitet. Eine in Gold befindet sich unten links auf der Seite, eine weitere in Schwarz unten rechts. Diese zweite Zählung wurde angebracht, als bereits ein Folio entnommen war. Die dritte Zählung ist, in unregelmäßiger Folge, nur in Schīrīn und Chusrau unten links notiert. Durch diese Nummernfolgen wird erkennbar, dass es Lücken in der Handschrift gibt: Insgesamt 22 Folios wurden entfernt, zehn davon waren illustriert. Acht Bildseiten befinden sich heute im Metropolitan Museum of Art und tragen die Inventarnummern 13.228.26–33. In drei Fällen hat man versucht, die Kustode zu manipulieren, damit die Entfernung des Folios unerkannt bleibt.Seyller: Pearls of the Parrot, S. 40. Das goldgesprenkelte Textfeld misst 17,2 × 10 cmLosty: The Art of the Book, S. 92 und Seyller: Pearls of the Parrot, S. 39. und ist in vier Spalten zu je 21 Zeilen aufgeteilt. Goldene, grüne, rote und blaue Linien umrahmen den für den Text vorgesehenen Bereich. Muhammad Husayn hat den Text in elegantem Nastaʿlīq in schwarzer Tinte niedergeschrieben. Für die Überschriften hat er rote und blaue Tinte verwendet.Seyller: Pearls of the Parrot, S. 39. Alle Seiten sind mit Randmalereien versehen, außerdem gibt es vier sternförmige Rosetten (pers. šamsa) und vier verzierte Kopfstücke (pers. ʿunvān).Losty: The Art of the Book in India, S. 92.

Der Einband Die Handschrift hat einen Lackeinband. Dabei besteht der Buchrücken aus Leder, während die Buchdeckel aus Karton mit Lackmalereien bedeckt sind.Seyller: Pearls of the Parrot, S. 136. Der Vorderdeckel zeigt einen Prinzen, der nach einer Jagd auf dem Weg zu einem frommen Einsiedler ist: Im unteren Teil des Bildes sind einige seiner Begleiter damit beschäftigt, einen erlegten Tiger auf einem Elefanten festzubinden. Andere tragen die kleinere Jagdbeute davon. Im Mittelgrund befindet sich der Prinz zu Pferd. Ihm weisen drei Diener den Weg zu einem Eremiten, der weiter oben links in seiner Höhle zu sehen ist. Goldene Umrisslinien von Felsen und Bäumen mit üppigem Blätterwerk und Blüten füllen den Raum. Rechts im Hintergrund sind einige Häuser und ein überkuppelter Pavillon erkennbar. Der Prinz, der einen Einsiedler besucht, ist ein sehr beliebtes Sujet, das auch im siebenten Diskurs des Matlaʿ al-anvār vorkommt, dem ersten Buch von Amīr Chusraus Chamsa, dort allerdings nicht illustriert wird.Seyller: Pearls of the Parrot, S. 137.

Auf dem Hinterdeckel sieht man eine Gruppe von geflügelten und mit Federn bedeckte Feen (pers. parī), die vier in ihre Gefilde eingedrungene Dämonen verprügeln. Während sich in einem großen Wasserbecken im Vordergrund einige Feen vergnügen, schlägt links neben dem Becken eine Pari auf einen Dämon ein, der ihr Bein festhält. Der größere Kampf findet indessen weiter oben statt. Dort auf der rechten Seite wird einer der Eindringlinge von zwei Feen verfolgt. In ihrer kreisförmigen Anordnung erinnern sie mit ihren Flügeln an ein Windrad und bringen auf diese Weise Dynamik in das Geschehen. Von oben links ziehen sich die Kämpfe zwischen Feen und Dämonen bis hinab zur Bildmitte. Dort sitzt ein Mensch vornübergebeugt auf einem Buckelochsen und pustet aus einem Rohr Wasser zum Feenbecken hinab. Neben dem Ochsen führt eine Treppe von einem Felsen – oder vielleicht aus einer Höhle – hinab und mündet in einen Weg, der zwei Feen unter einem Sonnen- oder Windschutz umrundet. Der Schauplatz der Szene ist von Bäumen und kleineren Felsen übersät.

Der einzige Mogulmaler, der solche mit Federn bedeckte Feen gemalt hat, war Manohar.Brend: Akbar’s Khamsah of Amīr Khusrau, S. 314. Auf ihn deuten auch die räumliche Konstruktion des Wasserbeckens, die Gesichtszüge und weitere Einzelheiten hin.Seyller: Pearls of the Parrot, S. 138.

Bei genauer Betrachtung des Einbandes ist zu erkennen, dass die Bildtafeln in eine zentrale Vertiefung eines später entstandenen Deckels eingesetzt wurden. Der Übergang lässt sich nicht nur an der veränderten Farbe und schmalen Rissen erkennen, sondern auch am Dekor des Rahmens, der nicht dem eines mogulzeitlichen Musters im 16. Jahrhundert entspricht. Die Dublüren sind mit einem stilisierten Blumenmuster, am Rand mit Weinlaub und Trauben verziert. Auch für dieses Motiv gibt es, zumindest in der Entstehungszeit der Handschrift, kein Beispiel am Mogulhof. Vermutet wird daher eine Restaurierung des Einbands in Europa, wahrscheinlich gegen Ende des 19. Jahrhunderts. Die Bildtafeln auf Vorder- und Hinterdeckel stammen dagegen aus der Zeit der Handschrift.

Kalligraph Muhammad Husayn Kaschmīrī war der am höchsten geschätzte Kalligraph unter Akbar und genoss auch unter dessen Nachfolger hohes Ansehen. Er kopierte die Chamsa in zierlichem Nastaʿlīq, wobei für den vierspaltigen Text weniger als zehn Zentimeter Breite vorgesehen waren. Der elegante Schreibstil verlangte dem Kalligraphen höchste Präzision ab, so dass bei der Niederschrift von jeder Hast abzusehen war. Muhammad Husayn dürfte in einem ähnlichen Tempo geschrieben haben wie sein Kollege ʿAbd ar-Rahīm ʿAmbarin Qalam. Dieser hatte die Chamsa von Nizāmī (Or. 12208) in einem gleichmäßigen Tempo von sechzehneinhalb Zeilen pro Tag niedergeschrieben und dafür drei Jahre benötigt. Wenn man davon ausgeht, dass die um ein Drittel kürzere Chamsa von Amīr Chusrau in derselben Geschwindigkeit geschrieben wurde, hat Muhammad Husayn etwa zwei Jahre für die Niederschrift benötigt. Er hat wahrscheinlich Anfang 1596 mit der Arbeit daran begonnen.

Das Kolophon mini|Kolophonseite der Chamsa W.624

Die Handschrift erwähnt an keiner Stelle den Auftraggeber. Angesichts der beteiligten Künstler, die alle am Mogulhof tätig waren, besteht allerdings kein Zweifel, dass sie für Akbar erstellt worden ist. Im Kolophon auf Folio 211recto nennt der Kalligraph seinen Namen und das Datum der Abfassung:

al-ʿabd al-mudnib al-faqīr al-ḥaqīr Muḥammad Ḥusayn Zarrīn Qalam fī tarīḫ sanat IHier steht ein Alif zur Kennzeichnung der von Akbar eingeführten Zeitrechnung Tarīḫ-i Ilāhī, Information des Walters Art Museum zum Kolophon der Handschrift W.624 Brend: Perspectives, S. 226. 42 ba-itmām rasīd

„Von dem armen, geringfügigen, sündigen Knecht Muhammad Husayn Zarrīn Qalam; vollendet im Jahr I (= Ilāhī) 42.“

Das 42. Ilāhī-Jahr reichte von März 1597 bis März 1598.Im Akbar-nāma sind die einzelnen Ilāhī-Jahre durch Überschriften kenntlich gemacht. Im nachfolgenden Text wird der Beginn des Jahres auch in Hidschrī-Jahreszählung angegeben. Henry Beveridge gibt in seiner Übersetzung auch die christliche Zeitrechnung an, z. B. Ilāhī 42. Zu dieser Zeit befand sich die Hauptstadt des Mogulreiches in Lahore. Dort dürfte die Handschrift angefertigt worden sein.

Es befinden sich fünf Siegel von insgesamt drei verschiedenen Besitzern auf der Kolophonseite. Sie geben jedoch nur wenig Auskunft über die Geschichte der Handschrift.

Geschichte der Handschrift Anders als die meisten Manuskripte dieser Zeit enthält diese Chamsa keine zusätzlichen Blätter mit Inschriften oder Siegeln, die über ihre Besitzer Auskunft geben könnten. Offenbar gab es ein tropfenförmiges Siegel im Mittelpunkt der Schamsa auf Folio 1r, das aber entfernt worden ist. Ein Siegel dieser Art und an dieser Stelle weist recht eindeutig auf Schāh Dschahān hin. Auf Folio 174r befanden sich ein Siegel und eine Inschrift, die ebenfalls entfernt wurden. Nur die Worte īn kitābḫāna (pers. „diese Bibliothek“) sind noch lesbar. Eine lange Inspektionsnotiz auf Folio 90r hat man sorgfältig entfernt.Seyller: Pears of the Parrot, S. 42 und Fußnote 18 auf S. 44.

Auf Folio 1r und auf der Kolophonseite (Fol. 211r) befinden sich die Siegel von drei Vorbesitzern. Jedes Siegel ist mehrfach vorhanden:

Ein kleiner ovaler Siegelabdruck mit der Inschrift: Muḥammad Zakī, 1241 (1825–26 u. Z.) (fol. 1r zweifach; 211r links) Rechteckiger Siegelabdruck: ʿAbd ar-Radschī Muḥammad Schafīʿ, 1247 AH / 1831–32 n. Chr. (fol. 1r dreifach; 211r zweifach rechts) Großer ovaler Siegelabdruck: Muḥammad ʿAlī, ohne Datierung (fol. 211a, zweifach in der Mitte)

Über die drei auf den Siegeln genannten Personen ist ebenso wenig bekannt wie über die Frage, wann, von wem und auf welche Weise sie die Handschrift erworben haben. Daher bleibt das Schicksal des Manuskriptes nach Schāh Dschahān und bis zum Besitz durch Henry Walters weitgehend im Dunkeln. Ebenfalls unbekannt ist, auf welchem Weg das Buch zu Walters gelangt ist. Sicher ist allein, dass die Chamsa nach Waltersʾ Tod 1931 erst an die Stadt Boston, dann an die Walters Art Gallery übergegangen ist, wo sie sich noch heute befindet.Hinweis auf der Webseite des Walters Art Museum zur Chamsa W.624.

Die Illuminationen Neben ihren prachtvollen Illustrationen besitzen die Mogulhandschriften der 1590er Jahre auch ein sehr aufwendiges Dekorationsprogramm, das gleich auf der ersten Seite beginnt. Entsprechend der Leserichtung von rechts nach links öffnet man ein persisches Buch von der rechten Seite her. Wenn der Buchdeckel aufgeschlagen wird, ist die erste sichtbare Seite die Recto-Seite des ersten Blattes. Traditionell bleibt diese Seite häufig leer oder ist mit einem Titel oder einer Zierseite versehen. Ein beliebter Dekor an dieser Stelle ist die Schamsa (pers. šamsa), ein Begriff, der mit der arabischen Bezeichnung für „Sonne“ (arab. šams) verwandt ist. Es handelt sich dabei um ein meistens strahlenförmiges, symmetrisch aufgebautes Ornament in der Mitte eines Folios. Der eigentliche Text beginnt dann gewöhnlich auf der folgenden Verso-Seite und wird durch einen sogenannten ʿunvān, ein verziertes Kopfstück, hervorgehoben.

Schamsa und ʿunvān in der Walters-Chamsa