Konflikt-Kultur ist ein Präventions- und Fortbildungsprogramm für Schulen und Einrichtungen der Jugendhilfe. Schwerpunkte des Programmes liegen in den Bereichen des Classroom-Managements, der Demokratiepädagogik, des gewaltfreien Umgangs der Schüler untereinander, der Mobbingprävention- und Intervention, der verstehenden Zuwendung in Einzelgesprächen sowie der Mediation und der Tat-Folgen-Konfrontation.
Ein besonderer Schwerpunkt des Programmes liegt dabei auf der Stärkung und des Trainings der sogenannten exekutiven Funktionen, vor allem der Selbstregulationskompetenz.
Wissenschaftliche Grundlagen Als Mehr-Ebenen-Programm möchte Konflikt-Kultur verschiedene Bereiche der Kinder- und Jugendarbeit ansprechen. Es geht sowohl um "Leadership", also z. B. um Klassenführung und Selbstkontrolltraining, aber auch um Bedürfnisorientierung und dem Vermitteln von Perspektivenübernahme oder Selbstreflexion. Es basiert zudem auf Forschungserkenntnissen zur Resilienz. Es mehren sich die Erkenntnisse, dass die Fähigkeit zu Selbstregulation, welche eine Schlüsselkompetenz der Resilienz ist, bei Kindern und Jugendlichen zunehmend weniger vorhanden ist. Dies führt nicht nur zu einem Anstieg negativen Verhaltens, sondern erschwert auch einen positiven Umgang mit Stress und hat negative Folgen auf die psychische Gesundheit. Das Programm setzt sich zum Ziel, die Selbstregulationskompetenz systematisch und schrittweise zu stärken. Die Wichtigkeit bestätigt auch die Nationale Akademie der Wissenschaft Leopoldina. Die Bedeutung der Selbstregulation, worunter zum Beispiel auch die sogenannte delay of gratification fällt, wurde erstmals ausführlich vom US-amerikanischen Psychologen Walter Mischel untersucht und in weiteren Untersuchengen bestätigt.
Grundlage dabei ist der autoritative Erziehungsstil. Dieser soll für ein höheres Selbstwertgefühl, eine verbesserte schulische Leistung sowie eine Reduzierung von Suchtanfälligkeit, Verhaltensproblemen und psychischen Störungen verantwortlich sein.
Das Training der Selbstregulation wird dabei als Teil des Classroom-Managements (Klassenführung) verstanden, wobei der autoritative Erziehungsstil fest im Alltag verankert wird: "Alle [...] Ziele, Prinzipien und Methoden fließen auch in unseren Ansatz zur Klassenführung ein und werden dort mit speziellen Inhalten ergänzt."
Neben dem Fokus auf Klassenführung und des damit verbundenen Selbstkontrolltrainings, arbeitet Konfliktkultur auch in der Gewaltprävention. Die Grundlage dieses Programmes geht auf die Prinzipien Dan Olweus zurück, welcher die Gewaltprävention auf mehreren Ebenen betrachtet. Auch das Land Baden-Württemberg ist von diesem Ansatz überzeugt. Dabei stützt sich Konflikt-Kultur auch auf weiterführende wissenschaftliche Erkenntnisse, um durch festgelegte Regeln, einen wertschätzenden Umgang und durch gewaltfreie Lösung von Konflikten ein positives soziales Klima an Schulen und anderen Bildungseinrichtungen zu etablieren. Auch Joachim Bauer zeigt auf: "Aggressivität im Klassenzimmer – vor allem Beleidigungen und Bedrohungen – der am stärksten auf die Lehrergesundheit durchschlagende Einzelfaktor ist."
Konflikt-Kultur integriert die Elemente der Konsistenztheorie von Klaus Grawe und orientiert sich dabei an den 5 Grundbedürfnissen und bietet daher auch einen bedürfnisorientierten Ansatz, da davon ausgegangen wird, dass problematisches Verhalten oft aus der Verletzung psychischer Grundbedürfnisse resultieren.
Anwendung Das Programm hat zum Ziel, die sozialen Kompetenzen von Kindern und Jugendlichen zu stärken und einen konstruktiven Umgang mit Konflikten im schulischen und pädagogischen Alltag zu vermitteln. Damit einhergehend soll die Verbesserung des Lernklimas erreicht werden.
Methodisch setzt das Konzept auf die kontinuierliche Fortbildung und Praxisbegleitung von Lehrkräften, Sozialarbeitern und Psychologen. Ziel dieser Begleitung ist es, die Programminhalte dauerhaft in der Organisationsstruktur und dem pädagogischen Profil der jeweiligen Einrichtung zu verankern. Ein weiterer Bestandteil ist die Einbeziehung der Eltern durch spezifische Fortbildungsangebote. Neben dem Einsatz an Schulen wird das Konzept auch in Einrichtungen der Jugendhilfe angewendet. Die Anwendung von Konflikt-Kultur folgt einem systemischen Ansatz der Schulentwicklung. Das Programm ist so konzipiert, dass es nicht als punktuelles Projekt, sondern als langfristige Veränderung der Organisationskultur implementiert wird.Thomas Grüner, Franz Hilt: Konflikt-Kultur. Ein evaluiertes Präventionsprogramm. In: Thema Jugend, Nr. 1, 2005.
Das Programm richtet sich an Schulen aller Schulformen sowie an Einrichtungen der Jugendhilfe. Die Umsetzung erfolgt üblicherweise durch mehrjährige Fortbildungsreihen für das Kollegium sowie die Schulsozialarbeit. Ein zentrales Element ist die Etablierung einer gemeinsamen pädagogischen Haltung, die durch spezifische Methoden im Classroom-Management und in der Mobbingprävention sowie Intervention ergänzt wird. Dabei werden Schulleitung, Lehrkräfte, Schüler und Eltern einbezogen.
Seit der Gründung 1997 wurde das Programm im deutschsprachigen Raum an mehreren hundert Schulen umgesetzt. Ein Schwerpunkt der Anwendung liegt in Baden-Württemberg. Infolge der Aufarbeitung des Amoklaufs von Winnenden wurde dort ein landesweites Netzwerk initiiert, um die Prinzipien des Programms in der Fläche zu verankern.Ministerium für Kultus, Jugend und Sport Baden-Württemberg: Roter Faden Prävention, S. 32 ff. In einer Expertenanhörung des Landtags von Baden-Württemberg wurde der Ansatz von der Rechtswissenschaftlerin Britta Bannenberg explizit zur Gewaltprävention empfohlen,Britta Bannenberg: Stellungnahme zur Expertenanhörung Amoklauf, Landtag Baden-Württemberg, 2009. da es in gelungener Weise den Prinzipien der Prävention von Dan Olweus folge.
Zudem wird das Programm in der „Grünen Liste Prävention“ des Landespräventionsrates Niedersachsen geführt, welche Präventionsansätze nach ihrer theoretischen Fundierung und dem Grad ihrer Evaluation bewertet. In mehreren Landkreisen und Städten, darunter Pforzheim und Singen, wird das Konzept im Rahmen kommunaler Präventionsoffensiven koordiniert eingesetzt.Stadt Pforzheim: Gewaltpräventionsoffensive an Pforzheimer Schulen, online abgerufen 2025.
Umsetzung an Schulen und anderen Einrichtungen An mehreren Schulen wird Konflikt-Kultur als Element der Klassenführung und/oder der Gewaltprävention eingesetzt. Zum einen an einzelnen Schulen zum anderen als Präventionsprogramm für ganze Landkreise:
Die Stadt Singen finanziert Fortbildungen von Konflikt-Kultur an ihren Schulen, um Beispiel die Ekkehard-Realschulehttps://ekkehard-rs.de/schulkonzept/konflikt-kultur oder die Johann-Peter-Hebel-Schulehttps://www.hebelschule-singen.org/profil-gs/konfliktkultur/. Seit 2008 bildet Pforzheim Lehrer und andere pädagogische Fachkräfte in Schulen im Programm von Konflikt-Kultur aus, um im Rahmen der Gewaltpräventionsoffensive an Pforzheimer Schulen möglicher Gewalt mit einer gemeinsamen Haltung zu begegnen und Gewalt an Schulen zu verringern.https://www.pforzheim.de/buerger/bildung/schulen/schulsozialarbeit/gewaltpraeventionsoffensive-an-pforzheimer-schulen.html In Heidelberg gibt es inzwischen zwei "Konflikt-Kultur"-Schulen. Diese wurden durch den Verein: "Sicheres Heidelberg e.V." unterstützthttps://www.sicherheid.de/projekte/kinder-jugendliche/konflikt-kultur Die Grundschule Öflingen arbeitet seit vielen Jahren mit dem Konzepthttps://www.grundschule-oeflingen.de/konflikt-kultur Nach positiven Rückmeldungen von einzelnen Schulen im Landkreis Calw wurde 2022 das Präventionsprojekt von Konflikt-Kultur auf den ganzen Landkreis ausgeweitet.https://www.schwarzwaelder-bote.de/inhalt.problem-mobbing-praeventionsprojekt-wird-auf-kreis-calw-ausgedehnt.126f5ae0-9bae-4d07-bf6f-93af0370a181.html An einzelnen Schulen fanden Projekte statt, darunter das Amos-Comenius-Gymnasium Bonnhttps://acg-bonn.ekir.de/paedagogischer-tag-januar-2025/, die Sommerrainschule Schornbachhttps://www.sommerrainschule.de/schule/konflikt-kultur, die Schule Vogelsang in Ascheberghttps://www.schule-vogelsang.de/schulleben/unser-miteinder---konflikt-kultur/ und viele weitere Schulen. 2008 waren es insgesamt in Deutschland und der Schweiz etwa 225 Schulen.https://im.baden-wuerttemberg.de/fileadmin/redaktion/m-im/intern/dateien/publikationen/Aktiv-gegen-Gewalt_Broschuere.pdf S. 104
Evaluation und Kritik Das Programm wurde seit seiner Entstehung mehrfach wissenschaftlich evaluiert. Eine erste Studie aus dem Jahr 2002 untersuchte die Wirksamkeit an Realschulen und Gymnasien. Die Ergebnisse zeigten signifikante Verbesserungen im Klassenklima sowie eine Reduktion von physischer und verbaler Aggression in den Interventionsklassen im Vergleich zur Kontrollgruppe. Eine weitere Evaluation im Rahmen des Modellprojekts „Soziale Ganztagsschule“ durch das Zentrum für Kinder- und Jugendforschung (ZfKJ) Freiburg bestätigte positive Effekte auf die soziale Kompetenz der Schüler und die Handlungssicherheit der Lehrkräfte. Zudem wurde das Modul zur systemischen Mobbingintervention in einer Dissertation von der Universität Münster evaluiert, die dem Ansatz eine hohe Wirksamkeit bei der Beendigung von Mobbingprozessen attestierte. Zusätzlich führt der Landespräventionsrat Niedersachsen das Programm in der „Grünen Liste Prävention“ auf der Stufe 1.
Der im Programm angewandte „autoritative Erziehungsstil“ sowie spezifische Module sind Gegenstand einer fachwissenschaftlichen Debatte. Die Pädagogen Birgit Herz und Sven Heuer kritisierten 2014, dass bestimmte Techniken der Grenzsetzung und Konfrontation als „Pädagogik der Beschämung“ wirken könnten. Sie sehen in der Nutzung der Gruppendynamik zur Disziplinierung das Risiko einer sozialen Ausgrenzung schwieriger Schüler.
Vertreter des Programms und befürwortende Wissenschaftler, wie Joachim Bauer, halten dem entgegen, dass die „Positive Autorität“ gerade durch die Kombination von klarer Struktur und hoher emotionaler Zuwendung Gewalt vorbeuge und Opfern Schutz biete, was durch die vorliegenden Evaluationsergebnisse gestützt werde. Auch der Evaluationsbericht des Landkreises Calw zeigt, dass sowohl Lehrkräfte als auch Schüler von dem Programm profitieren können.
Literatur Grüner, T. & Hilt, F.: Classroom Management und Gewaltprävention. Beltz. Grüner, T. & Hilt, F.: Positive Autorität in der Schule. Beltz. Grüner, T. & Hilt, F.: Systemische Mobbingintervention. Beltz. Grüner, T., Hilt, F. & Tilp, C.: Bei STOPP ist Schluss!. AOL. Grüner, T., Hilt, F.: Konflikt-Kultur. In: Grüne Liste Prävention. Hilfreiche und wirksame Präventionsansätze gegen Gewalt und Vernachlässigung an Grundschulen. Band 1, Hrsg. Landespräventionsrat Niedersachsen, S. 317–332. (2009) Käppler, C.: Schule und Konflikt-Kultur. In: Schule und psychische Störungen. Steinhausen, H.-C. (Hrsg.), 2006 Bierbaum, A,: Konflikt-Kultur - Ein Präventionsansatz im Spannungsfeld von Jugendgewalt und Schule. Fachhochschule Potsdam.(2012)
Weblinks AGJ-Fachstelle Konflikt-Kultur Freiburg Institut für Konflikt-Kultur Freiburg Communities That Care (CTC) – Programmprofil Beispiel einer Schule Bericht der BAG Kinder- und Jugendschutz, Berlin Medienanstalt Berlin-Brandenburg
Einzelnachweise
Kategorie:Pädagogische Methode/Lehre Kategorie:Gewaltprävention/Soziales Lernen