mini|Schlüssellochgrab, eine Landmarke in der algerischen Sahara Vorislamische Grabmonumente in der Sahara sind steinerne Zeitzeugen vergangener Kulturen. Sie wurden mit losen Steinen, Steinplatten und Trockenmauern errichtet. Den Kern bildet oft ein Tumulus, ein steinerner Hügel mit rundlicher Form. Es handelt sich vorwiegend um Körperbestattungen in Einzelgräbern. Neben den einfachen Formen von Grabmonumenten gibt es eine Reihe von verschiedenen Ausformungen und Anbauten, wie die Schlüssellochgräber oder Satellitengräber. Ihr Alter beträgt etwa 1000 bis 7500 Jahre, und sie kommen besonders häufig in der zentralen und westlichen Sahara vor.

Verbreitung mini|Vorislamische Grabmonumente in der Zentralsahara In der Sahara gibt es Hunderttausende von Hügelgräbern und flacheren Grabmonumenten, die sich in einer Vielfalt von Formen auszeichnen. Es wird geschätzt, dass 95 % von ihnen zwischen dem 16. östlichen Längengrad (östlich der Ténéré-Wüste) und dem Atlantik liegen. Es gibt sie auch selten in Dünengebieten, obwohl es dort zwischen den Dünen auch Zonen mit Gesteinsmaterial gibt. Meist befinden sich diese Monumente in einer vegetationsarmen Umgebung. So sind sie gut sichtbar, auch auf hochauflösenden Satellitenbildern, so dass heute mindestens die größeren Grabmonumente der Sahara von der Wissenschaft kartiert sind.

Zeitlicher Horizont Die ältesten Steinmonumente in der Sahara befinden sich in Nubien, östlich und westlich des Nils und reichen bis um 7000 v. Chr. zurück. Sie sind noch nicht mit Bestattungen, sondern mit rituellen Praktiken verbunden. Ab 5500 v. Chr., parallel zur Entwicklung der Tierzucht, wurden mit Steinstrukturen unterschiedlicher Form und Größe Tiergräber bedeckt. Hügelgräber und andere Grabmonumente zur Kennzeichnung von menschlichen Bestattungen gibt es etwa ab 5000 v. Chr. Man vermutet, dass diese Tradition in Nubien entstanden ist. Sie verbreitete sich rasch vom Ostrand der Sahara nach Westen. Um etwa 2800 v. Chr. verschwanden die Monumente für Tiergräber. Islamische Bestattungsbräuche zeigten sich vereinzelt ab dem 8. Jahrhundert n. Chr. Aber verbreitet waren diese erst ab dem 12. Jahrhundert.

Kulturelle und zeitliche Zuordnung wichtiger Grabmonumente in der Sahara Kulturelle Epoche Frühe Hirtenkultur Späte Hirtenkultur Frühes Caballin Spätes Caballin Camelin Grabform 5500 – 4000 v. Chr. 4000 – 2200 v. Chr. 2200 – 1000 v. Chr. 1000 v. Chr. – 0 0 – 1000 n. Chr. Tumulus x (Tiergräber) x x x x x x x x Korbgrab x x (Tiergräber) x (Tiergräber) Schlüssellochgrab x x x Sichelgrab x x x x Plattformgrab x x x x x Goulet x x x x Bazina x x x x x Ring-Tumulus x x x Krater-Tumulus x x x x x Trommelgrab x x x x x Antennengrab x x Satellitengrab x x x x Kompassgrab x x Brunnenrandgrab x

Kultureller Hintergrund Viele der Monumente, vor allem jene mit größeren Formen, sind gut sichtbar platziert worden, an Rändern von Hochebenen, an Hängen von Hügeln oder in tiefer gelegenen Gebieten, wo sie von nahen Erhebungen aus gesehen werden konnten. Monumente, die eine Ausrichtung haben, sind meistens nach Osten, in Richtung Sonnen- oder Mondaufgang angelegt.Der Mondaufgang bestreicht im Jahreslauf einen breiteren Winkel als der Sonnenaufgang. Es gibt auch Monumente, die in Richtung markanter Landschaftsformen am Horizont oder auf andere Monumente weisen. Der Standort und die Platzierung scheinen also nicht zufällig gewählt worden zu sein. Der Leichnam liegt allermeist auf seiner rechten oder linken Seite, seine Knie sind angewinkelt und die Hände unter dem Gesicht. Seine Ausrichtung ist auch oft nach Osten. Grabbeigaben sind selten anzutreffen, außer im Fessan im Südwesten von Libyen.

Um mehr über den kulturellen Hintergrund und die Lebensumstände der Erbauer der Grabmonumente zu erfahren, bietet sich eine Verknüpfung der einzelnen Grabformen mit prähistorischen Felsbildern an, die in der gleichen Zeitepoche in der gleichen Region entstanden sind. Da genügend Daten dazu oft fehlen, sind die erwähnten Verbindungen gemäß Fachliteratur plausibel, aber nicht gesichert.

Sozio-ökonomische Aspekte Die Größe eines Grabmonuments kann von vielen Faktoren abhängen. Was jedoch immer eine Rolle spielt, ist der Aufwand an Zeit für Rituale und Arbeitskraft, der dafür nötig ist und dann für die alltäglichen Arbeiten fehlt. Im äußersten Südosten der Freien Zone der Westsahara gibt es im Erg Azefal drei Grabfelder mit Grabhügeln von bis zu 5 m Höhe und 20 m Durchmesser. Dazu gehören Dutzende großer und vielleicht Hunderte kleiner Grabhügel. Diese Grabkomplexe bedingten sorgfältige Planung und Organisation von Arbeitskräften und Material. Dafür war ein gewisses Ausmaß an sozialer Komplexität erforderlich. Es deutet auch darauf hin, dass einigen Individuen vielleicht ein höherer sozialer Status zugeschrieben wurde, was sich in der Größe und Komplexität der Monumente zeigen könnte. In diese Richtung weist auch eine Untersuchung in Libyen. Im Fessan wurde eine große Zahl von Gebeinen unter Grabmonumenten untersucht. Dabei wurde festgestellt, dass jene unter großen Grabformen keine Biomarker für Stress aufwiesen. Dies könnte ebenfalls darauf hindeuten, dass diese Männer wichtige soziale Stellungen innegehalten hatten.

Formen von Grabmonumenten

Tumulus mini|Sphärischer Tumulus und Kegel-Tumulus Der Tumulus ist das einfachste und am weitesten verbreitete Grabmonument in der Sahara. Die meisten Tumuli sind im Grundriss rund oder leicht oval. Ihr Aufbau ist ähnlich einem Kegel. Andere sind eher sphärisch (kugelförmig) aufgebaut, wie ein aufgespannter Regenschirm (stone cairns). Ihr Durchmesser schwankt zwischen 2 m und 15 m, ihre Höhe zwischen 1 m und 5 m. Manche besitzen eine Grube, worin die Leiche platziert wurde, andere Leichen wurden auf den Erdboden gelegt. Eine Art von Steinkasten schützt sie. Besonders häufig sind die Tumuli im Fessan, im Tassili n'Ajjer, im Immidir und im nordöstlichen Ahaggar, aber auch in der Freien Zone der Westsahara und in Südost-Mauretanien (in der Sahelzone). Was die östliche Sahara betrifft, so sind sie im Tibestigebirge und im Ennedi im Tschad nachgewiesen. Alle anderen Grabformen außer den flachen Grabmonumenten enthalten ebenfalls einen Tumulus, unter dem die Gebeine liegen. Allerdings gibt es auch solche Monumente, die kein Grab enthalten.

Im Wadi Tanezzuft in Südwestlibyen enthalten kleine Tumuli die Gräber von Kindern. Im Hochland von Südost-Mauretanien, in der Region Tichitt, wurden etwa 9000 einfache Tumuli anhand von Satellitenaufnahmen identifiziert und nach ihrer Größe klassifiziert. Daraus wählte man 5 Grabfelder mit etwa 2800 Tumuli aus, die je aus verschiedenen Epochen der Tichitt-Tradition stammen. Sie sind dicht besetzt mit Tumuli von unterschiedlicher Größe. Mit der Annahme, dass die Größe des Hügelgrabs mit der sozialen und ökonomischen Position des Verstorbenen korreliert, wurde mit Hilfe des Gini-Koeffizienten das Ausmaß der sozialen Ungleichverteilung ermittelt. Auch wenn für gesicherte Erkenntnisse noch andere Untersuchungen als nötig befunden wurden, sind erste Einsichten erzielt worden.

Ring-Tumulus mini|Ring-Tumulus (auch Sombrero-Monument) In einem gewissen Abstand vom Tumulus ist ein konzentrischer Steinkreis als Einfriedung angelegt. Dieser kann auch aus stehenden Platten bestehen. Manchmal können es auch mehrere Kreise sein. Diese Grabform ist weit verbreitet in den Gebieten mit Hügelgräbern. Ihr Durchmesser variiert von 2,5 m bis vielleicht 50 m. Im Gebiet des Dhar Tagant, im Südosten von Mauretanien, wurden 183 Ring-Tumuli identifiziert und der späten und Endphase der Tichitt-Tradition der dortigen prähistorischen Felsbilder zugeordnet.

Krater-Tumulus mini|Krater-Tumulus Der Tumulus dieser Grabform besitzt in der Mitte eine Vertiefung, die einem Krater gleicht. Die Vertiefung ist oft teilweise mit Sand gefüllt. Seine Größe entspricht jener der Tumuli, es gibt aber auch sehr große Beispiele. Man findet zahlreiche von ihnen in allen Regionen der Zentralsahara.

Durch Grabungskampagnen sind jene Gräber in Iwelen im nördlichen Niger (am Übergang zur Sahelzone) gut erforscht. Im Unterschied zu den älteren Plattformgräbern in jener Gegend nimmt die Zahl der Frauen- und Kindergräber zu. Es wurden auch mehr Grabbeilagen und Schmuck gefunden. Die Beilagen bestehen vor allem aus ganzen und zerbrochenen Töpferwaren, die in der Nähe der Gebeine, im Überbau oder am Rande des Grabs gefunden wurden. Man vermutet, dass diese Gebrauchsgegenstände eher am Ende der Bestattungsriten zurückgelassen wurden und keine Opfergaben sind.Auch auf heutigen muslimischen Friedhöfen in der Sahara kann man auf Gräbern Scherben zerbrochener Gefäße vorfinden. Durch Untersuchungen von Knochenfunden, Gravuren auf Stelen und von Keramik im Zusammenhang mit diesen Gräbern wurden diese dem Beginn der Caballin-Periode der Felsbildkunst zugeordnet.

Bazina mini|Bazina, links unten Doppelgrab Die Bazina ähnelt stark dem Tumulus. Ihr Unterscheidungsmerkmal ist eine äußere Verkleidung in Form einer sorgfältig errichteten Trockenmauer. Diese kann auch stufenförmig aufgebaut sein oder eine Öffnung besitzen. Ein runder Grundriss herrscht vor, manche haben aber eine quadratische Form. Ihr Durchmesser schwankt zwischen 2,5 m und 15 m, die Höhe beträgt bis 5 m. Typisch sind Anbauten und Vorbauten, wie steinerne Opfertische oder Schreine. Man findet auch stehende Steine, die in östlicher Richtung weisen. Manche Bazinas sind von einem oder mehreren konzentrischen Kreisen aus Steinen umgeben. Andere haben ein gewölbtes Dach oder eine trichterförmige Einsenkung im Dachbereich. In der westlichen und zentralen Sahara gibt es eine Verbindung der Bazinas mit der Alt-Tifinagh-Schrift, z. B. auf Stelen, die auf Gräbern aufgestellt wurden. Dies trifft auch auf Tumuli und Antennengräber in jenen Gegenden zu. Datierte Zeugnisse dieser Schrift aus der Sahara gibt es vom 1. bis 4. Jahrhundert n. Chr. Bazinas sind im Ahaggar und Tassili n'Ajjer recht häufig vorhanden, ebenso im nördlichen Niger. Es gibt sie nicht nur in der Sahara, sondern auch im nördlichen Sahel und im Maghreb.

Plattformgrab mini|Plattformgrab Von den Bazinas unterscheiden sie sich, dass sie nur etwa halb so hoch sind wie eine durchschnittliche Bazina. Sie liegen auf einer ebenen Grundfläche, die mit Steinplatten belegt sein kann. Auch die Oberseite ist oft eben, der Grundriss rund oder oval. Diese Grabform gibt es im Air-Gebirge im Niger, wo man sie untersucht hat. In allen fand man nur Gebeine von Männern. Wahrscheinlich wurden Frauen und Kinder in Gräbern ohne Aufbau bestattet. Man fand dort zwei Arten dieser Grabform: solche mit einfachen Steinmauern und solche, die sorgfältig mit Quarzkieseln bedeckt sind. Diese werden bedeutenderen Persönlichkeiten zugeschrieben. Plattformgräber gibt es auch im Fessan in Libyen, im Tassili n'Ajjer und im Ahaggar. Dort fand man große Gräber mit bis zu 24 m Durchmesser, während er an anderen Orten 3 m bis 9 m beträgt. Es gibt Hinweise, dass kreisförmige Plattformen im Ahaggar in Verbindung stehen könnten mit Felsgravuren des Caballin-Stils mit fliegenden, galoppierenden Pferden.

Korbgrab mini|Korbgrab