Völkermordvorwürfe gegen Israel im Gaza-Krieg seit 2023 wurden schon kurz nach den ersten israelischen Vergeltungsschlägen im Anschluss an den Terrorangriff der Hamas und anderer bewaffneter Gruppen am 7. Oktober 2023 laut.

Der gegen Israel gerichtete Genozidvorwurf ist umstritten. Erhoben wird er von der International Association of Genocide Scholars und von internationalen Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty International, Ärzte ohne Grenzen und dem European Center for Constitutional and Human Rights; Human Rights Watch spricht von „genozidalen Handlungen“. In Israel selbst haben B'Tselem und Physicians for Human Rights – Israel das Vorgehen Israels in Gaza als Genozid beschrieben. Der Völkermordvorwurf wurde außerdem von israelischen Holocaust-Historikern wie Omer Bartov und Raz Segal, Genozidforschern wie Shmuel Lederman und Melanie O’Brien, Sozialwissenschaftlern wie Martin Shaw, dem australischen Historiker A. Dirk Moses, den israelischen Historikern Amos Goldberg und Daniel Blatman von der Hebräischen Universität Jerusalem sowie Völkerrechtsexperten wie Kai Ambos erhoben. Bestritten wird der Vorwurf von Holocaust-Historikern wie Niall Ferguson, Jeffrey Herf und Norman J. W. Goda sowie von Völkerrechtsexperten wie Stefan Talmon und Matthias Herdegen. Differenzen treten insbesondere in Bezug darauf auf, ob die enge juristische Definition eines Völkermords, die eine nachweisbare Vernichtungsabsicht erfordert, erfüllt ist. Eva Illouz wies darauf hin, dass in der Debatte, ob Israel einen Völkermord begehe, die Rolle der Hamas nicht berücksichtigt werde.

Völkermordvorwürfe nahmen im Laufe des Krieges und im Zuge der Verschlimmerung der humanitären Situation im Gazastreifen zu. Einige Wissenschaftler, die den Völkermordvorwurf zurückweisen, legen Israel indes Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit zur Last und warnen, dass die Völkermorddebatte davon nicht ablenken sollte. Der Internationale Gerichtshof prüft den Vorwurf des Völkermords gegenüber den Palästinensern aktuell in einem im Dezember 2023 von Südafrika angestrengten Verfahren; das Urteil wird erst in einigen Jahren erwartet. Eine unabhängige Untersuchungskommission des UN-Menschenrechtsrats kam in einer im September 2025 veröffentlichten juristischen Analyse zu dem Schluss, Israel begehe im Gazastreifen einen Genozid; vier der fünf möglichen in der UN-Konvention über die Verhütung und Bestrafung des Völkermordes von 1948 erwähnten Tatbestände seien erfüllt, und es gebe direkte und indirekte Beweise für eine Vernichtungsabsicht.

Verlauf der Debatte 2023 Am 8. Oktober 2023 wurde in Israel der Kriegszustand ausgerufen, und am folgenden Tag befahl Verteidigungsminister Yoav Gallant eine vollständige Blockade des Gazastreifens: „Kein Strom, kein Essen, kein Sprit, alles ist abgeriegelt.“ Und er fügte hinzu: „Wir kämpfen gegen menschliche Tiere und wir handeln entsprechend.“ Der Haaretz-Kolumnist Gideon Levy kommentierte dies mit den Worten: „Wenn ganz Gaza Hamas ist, wenn alle Terroristen sind und keiner von ihnen als Mensch betrachtet wird, ist das immer der erste Schritt, um das Gewissen auszuschalten.“ Wenige Tage später, am 13. Oktober 2023, schrieb der in den USA lehrende israelische Holocaust-Historiker Raz Segal in der Zeitschrift Jewish Currents von einem „Lehrbuch-Beispiel für einen Völkermord“.Raz Segal: A Textbook Case of Genocide (jewishcurrents.org), 13. Oktober 2023, abgerufen am 14. Oktober 2023. Segal wurde für seine Artikel teilweise scharf kritisiert.Raz Segal: Opinion: Here’s what the mass violence in Gaza looks like to a scholar of genocide, Los Angeles Times, 19. November 2023 (englisch).Letters to the Editor: Is Israel committing genocide? Most of these readers emphatically say no, Los Angeles Times, 25. November 2023. Ähnlich wie Segal äußerte sich jedoch am selben Tag der Völkermordexperte Martin Shaw in einem Artikel, in dem er die Hamas für ihre völkermörderischen Massaker verurteilte, aber auch eindeutig völkermörderische Elemente in Israels Reaktion auf die Gewalttaten konstatierte.

Der Völkermordexperte William Schabas sprach gegen Ende Oktober 2023 von einem „ernsthaften Risiko eines Völkermords“ im Gazastreifen. Über 800 Wissenschaftler unterzeichneten bis Mitte November 2023 einen Brief, der vor der Möglichkeit eines Völkermords in Gaza warnte.Nicole Narea, Sigal Samuel: How to think through allegations of genocide in Gaza, Vox, 13. November 2023. Der israelisch-amerikanische Historiker Omer Bartov schrieb am 10. November 2023 in der New York Times, Israel stünde hart am Rande des Genozids. Demgegenüber sah Matthias Herdegen, Direktor des Instituts für Völkerrecht an der Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn, im November 2023 die Rechtsverstöße „allesamt“ auf der Seite der Hamas.

Ein Artikel in Zeit Online wies im November 2023 darauf hin, dass Vertretern von Israels Militär oder Regierung eine Vernichtungsabsicht gegenüber den Palästinensern als ethnischer Gruppe nachgewiesen werden müsse, um Genozid strafrechtlich zu ahnden. „Diese Intention sehen die meisten Experten nicht.“ Jürgen Habermas, Nicole Deitelhoff, Rainer Forst und Klaus Günther betonten am 13. November 2023,Nicole Deitelhoff, Rainer Forst, Klaus Günther und Jürgen Habermas: Grundsätze der Solidarität. Eine Stellungnahme, Website des Forschungszentrums der Goethe-Universität Normative Orders, 13. November 2023. dass der Gegenschlag Israels infolge des Massakers der Hamas vom 7. Oktober in der erklärten Absicht, jüdisches Leben generell zu vernichten, „prinzipiell gerechtfertigt“ sei. Die Maßstäbe der Beurteilung würden „vollends verrutschen“, wenn dem israelischen Vorgehen genozidale Absichten zugeschrieben werden. Die Erklärung der Intellektuellen um Habermas wurde von einer Gruppe von über 100 Intellektuellen, u. a. Adam Tooze, Diedrich Diederichsen und Beate Roessler, eine Woche später schwer kritisiert: Die Unterzeichner zeigten sich „tief beunruhigt“ („deeply troubled“) über die Grenzen der Solidarität, die in dem Statement zum Ausdruck komme: Die Sorge um die Menschenwürde werde nicht in gleichem Maße auf die Palästinenser ausgedehnt, die Tod und Zerstörung ins Auge sehen müssten. Im Dezember 2023 sprach Barry Trachtenberg, Professor für jüdische Geschichte an der Wake Forest University, in einem Webinar von dem seines Erachtens „laufenden Völkermord an den Palästinensern in Gaza“. Er warnte vor der „Logik des ewigen Antisemitismus“, die dazu benutzt werde, Kritiker des Zionismus als „Feinde des jüdischen Volkes“ hinzustellen.Fighting Antisemitism Through the Lens of Collective Liberation auf YouTube, zitiert nach Shira Klein: The Growing Rift between Holocaust Scholars over Israel/Palestine. In: Journal of Genocide Research vom 8. Januar 2025, S. 1–21, hier S. 14.

2024 Anlässlich des Antrags der Anklagebehörde des Internationalen Strafgerichtshofs auf Haftbefehl gegen den israelischen Premier- und den Verteidigungsminister sowie gleichzeitig gegen Führer der Hamas im Mai 2024 schrieb Herdegen: „Kein Zweifel: Aushungern und Angriffe direkt gegen die Zivilbevölkerung sind Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit.“ […] „Dass die israelische Regierung die Zivilbevölkerung gezielt bekämpft, ist trotz allem unsäglichen Leiden der Menschen in Gaza, einzelner schwerer Übergriffe und maßlosen Ausfällen mancher israelischer Politiker nicht erkennbar.“Matthias Herdegen: Vom Hüter des Völkerrechts zum politischen Instrument, Welt am Sonntag, 26. Mai 2024. Demgegenüber sagte William Schabas im Januar 2024 anlässlich einer Völkermordklage Südafrikas gegen Israel vor dem Internationalen Gerichtshof, es lägen inzwischen noch überzeugendere Indizien vor, dass Israel nicht das Ziel habe, die Hamas zu besiegen, sondern vielmehr, die Bevölkerung des Gazastreifens zu entwurzeln oder auszulöschen. Unter Verweis auf dehumanisierende Äußerungen israelischer Politiker und die Zerstörung von Infrastruktur in Gaza äußerte er, die Klage gegen Israel sei von allen derzeit am Internationalen Gerichtshof anhängigen Verfahren die am besten begründete.

In einer Befragung von größtenteils US-amerikanischen Nahost-Forschern zwischen Mai und Juni 2024 gaben 34 % an, dass sie der Einschätzung folgen, Israel begehe in Gaza einen Genozid. Weitere 41 % sahen „schwere, Genozid-ähnliche Kriegsverbrechen“. 16 % sahen Kriegsverbrechen ohne Nähe zu einem Genozid und nur 4 % beschrieben die Militäraktion als „gerechtfertigt im Rahmen des Rechts auf Selbstverteidigung“.

Omer Bartov äußerte im August 2024 die Ansicht, es könne seit spätestens Mai 2024 nicht mehr geleugnet werden, dass Israel im Gazastreifen „systematische Kriegsverbrechen, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und völkermörderische Handlungen“ begangen habe, und führte im Oktober 2024 aus, dass es inzwischen „viele Beweise“ dafür gebe, „dass Israel systematisch vorgeht“ und darauf abziele, das „kulturelle Fortbestehen der Palästinenser im Gazastreifen“ zu verunmöglichen. Der israelische Historiker Amos Goldberg sah im Juli 2024 ebenfalls eindeutige Beweise für einen Genozid.

Matthias Herdegen äußerte sich im November 2024 ebenfalls besorgt über die „massiven Beschränkungen der Versorgung des Gazastreifens mit Lebensmitteln, Medikamenten und Energie für die Krankenversorgung“, betonte aber, dass der „gezielte Missbrauch der Zivilbevölkerung durch die Hamas als Schutzschild für Kämpfer und militärische Infrastruktur“ eine klare Analyse der Verhältnismäßigkeit auf beispiellose Weise erschwere. In einem UN-Report kritisierte die Rechtswissenschaftlerin Francesca Albanese allerdings, dass Israel die Behauptung, Hamas würde Zivilisten als menschliche Schutzschilde einsetzen, viel zu weitläufig gebrauche und dies grundsätzlich für alle Zivilisten im Gazastreifen annehme. Ein solches Vorgehen sei nicht durch internationales Recht gedeckt, es müsse jeweils im Einzelfall nachgewiesen werden. Israel verschleiere dadurch die Kriegsverbrechen, die es begangen habe.

William Schabas erklärte im November 2024, man könne „überzeugend argumentieren, dass Israels Reaktion den Straftatbestand des Genozids erfüllt“; als treuer Freund Israels habe Deutschland die Pflicht einzugreifen. Auch Papst Franziskus sah Anzeichen für einen potenziellen Völkermord durch Israel. Im November 2024 erklärte er in seinem neuen Buch: „Manchen Experten zufolge hat das, was in Gaza geschieht, die Merkmale eines Völkermords. Es sollte sorgfältig untersucht werden, um festzustellen, ob es der von Juristen und internationalen Gremien formulierten technischen Definition entspricht“.

Ebenfalls im November 2024 veröffentlichte die UN-Sonderkommission für die Untersuchung der israelischen Praktiken in den besetzten Gebieten einen Bericht über die Kriegsführung Israels vom Oktober 2023 bis Juli 2024. Die Kommission kam zu dem Schluss, dass die Politik und die Praktiken Israels während des Berichtszeitraums mit den Merkmalen eines Völkermords übereinstimmten. Die gezielte Verfolgung der palästinensischen Bevölkerung als Gruppe, die lebensbedrohlichen Bedingungen, denen die Palästinenser in Gaza durch Kriegshandlungen, den Einsatz von Aushungerung als Kriegswaffe und Einschränkungen der humanitären Hilfe ausgesetzt gewesen seien – was zu physischer Zerstörung und einer Zunahme von Fehl- und Totgeburten geführt habe –, sowie die Tötung und schwere körperliche oder seelische Schädigung von Palästinensern in Gaza und im besetzten Westjordanland, einschließlich Ostjerusalem, stellten Verstöße gegen das Völkerrecht dar.