Der Begriff der Alterität (engl.: ‚alterity‘; franz.: ‚altérité‘; von lat. „alter“: der Andere von zweien; siehe Alter Ego) bezeichnet in der Philosophie und in den Geistes- und Kulturwissenschaften das Gegenüber, das nicht Teil der eigenen Identität ist, aber dennoch die eigene Identität mit bestimmt.

Begriff Alterität bezieht sich auf das Wechselverhältnis verschiedener Identitäten, auf den Einfluss der sozialen Umwelt auf ein Individuum. Der Begriff beschreibt das Bewusstsein, dass es eine Vielzahl von Menschen und Kulturen gibt, die sich durch verschiedene Lebenswelten und Weltanschauungen unterscheiden. Alterität wird häufig als Synonym zu Begriffen wie Fremdheit oder Andersartigkeit verwendet.Peter Strohschneider: „Alterität“, in: Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft. Bd.l., Klaus Weimar (Hrsg.): Berlin/New York 1997, S. 58 Der Begriff bezeichnet häufig das Opake, Unzugängliche, das nicht Einholbare und Unverfügbare. Alterität ist kein Phänomen, das man selbst erzeugt, sondern was einem begegnet. Das Auftreten des Anderen widerfährt dem Menschen. Man kann nicht abweisen, dass es einen berührt. Sie wird infolge individueller Erfahrungen und Selbstverortungen eines Menschen konstruiert. Durch die unmittelbare Beziehung ist die oder der Andere Bedingung der Identität einer Person und indirekt zugleich Teil derselben. Alterität dient der Selbstbestätigung und der Selbstvergewisserung der eigenen Identität in einem wechselseitigen Austauschverhältnis, im Vergleich, in Reflexionsprozessen und durch Abgrenzung zu einem Anderen. Alterität als Verknüpfung von Differenz und Identität hat stets eine Subjekt- bzw. Bewusstseinstheorie zur Grundlage.Karen Gloy: Alterität. Das Verhältnis von Ich und dem Anderen, Fink, München 2019, S. 16 Abgrenzung und Ausgrenzung sind konstitutiv für Identitäten kollektiver Gruppen. Das Bewusstsein seiner selbst setzt das Bewusstsein von einem Anderen voraus. Alterität kann zum einen auf die Vielfalt und den Reichtum anderer Kulturen hinweisen, zum anderen aber auch auf Distanzen, die zu Vorurteilen, Diskriminierung und Abwertung führen.

Anwendungsbereiche des Begriffs Das Andere oder Fremde ist immanenter Gegenstand der Kulturanthropologie. Der Begriff der Alterität wird häufig eingesetzt bei der Analyse von bestehenden Hegemonien und hierarchischen Machtverhältnissen etwa in Bezug auf Teilhabe und Distanz in multi-ethnischen Gesellschaften oder für kulturelle und sprachliche Fremdbilder. Dabei geht es um soziale Wahrnehmung und die Konstruktion von Differenzen. Die in dem Begriff der Alterität enthaltene Differenz von Ich und Du, von Wir und Ihnen, des Eigenen und des Fremden, des Selbst und des Anderen, der Selbst- und Fremdwahrnehmung, der Nähe und Entferntheit findet im Feminismus (seit Simone de Beauvoirs „Das andere Geschlecht“), im Poststrukturalismus, im Postkolonialismus (Edward Said), in der interkulturellen Philosophie oder den Subaltern Studies (Gayatri Spivak) und anderen modernen Gesellschaftstheorien ihre Anwendung, um Differenzen sichtbar zu machen und in Frage zu stellen (Dekonstruktion von Identitäten). Inhaltlich geht es in der Sozialphilosophie und der Sozialpsychologie um Vorstellungswelten und Mentalitäten, um Bilder und Symbolwelten in ihrem jeweiligen sozialen und politischen Zusammenhang.

Arbeitsfelder sind Sprache, Literatur und Kunst, religiöse Vorstellungen und Praktiken und Geschichtsbilder, aber auch Sitten und Bräuche, Konventionen und normierte Verhaltensweisen. In der Geschichtswissenschaft dient der Begriff der Alterität zur Charakterisierung der Fremdartigkeit des Historischen. Auch in der Germanistischen Mediävistik wird der Begriff der Alterität als Kategorie verwendet, um die Distanz im Denken heutiger Interpreten zu den Autoren der mittelalterlichen Welt zu kennzeichnen.Christian Kiening: Alterität und Methode: Begründungsmöglichkeiten fachlicher Identität, in: Mitteilungen des Deutschen Germanistenverbandes, 52(1/2005) Aisthesis Verlag, Bielefeld 2005, S. 150–166 Alterität zur Kennzeichnung von kulturellen Unterschieden spielt auch bei Übersetzungen eine wichtige Rolle. Dabei kann eine intensive Beschäftigung mit der Materie zu einem Übergang von der Fremdheit in eine größere Vertrautheit bewirken, die sogar eine bessere Charakterisierung der Unterschiede zur Folge haben kann. Alterität beschreibt hier im Vergleich zur Fremdheit eher objektive DifferenzenMaria Ivani’ca: Alterität und Übersetzung im ukrainisch deutschen Kontext, in: Schamma Schahadat, Štepán Zbytovský (Hrsg.): Übersetzungslandschaften. Themen und Akteure der Literaturübersetzung in Ost- und Mitteleuropa, transcript Verlag, Bielefeld 2016, S. 55–78, hier S. 56

Entstehung des Begriffs der Alterität Ausgangspunkt der Betrachtungen über die Bedeutung des Anderen für die eigene Selbstbestimmung ist die Kritik an der mit René Descartes einsetzenden solipsistischen Philosophie des Subjektes, die die Welt allein aus der eigenen Vernunft heraus betrachtet. Es kommt zur schrittweisen Auflösung des theozentrischen Weltbildes. Gott wird in der Perspektive der Aufklärung ersetzt durch das sich selbst bestimmende Subjekt. Der Andere wird lediglich zum Erkenntnisobjekt. Das Subjekt ist Ursprung der eigenen Vernunft, des naturwissenschaftlichen Wissens und des rationalen Handelns.

Davon abweichende Dichotomien finden sich bereits im 19. Jahrhundert etwa bei Hegel (Herrschaft und Knechtschaft sowie die wechselseitige Beziehung von Selbstbewusstsein und Anerkennung), bei Karl Marx (Bourgeoisie und Proletariat) oder bei Nietzsche (Herren- und Sklavenmoral). Bereits Johann Gottlieb Fichte hatte für das praktische Selbst festgestellt: „Kein freies Wesen kommt zum Bewußtseyn seiner selbst, ohne zugleich zum Bewußtseyn andrer Wesen seines gleichen zu kommen.“Johann Gottlieb Fichte: Darstellung der Wissenschaftslehre. Aus den Jahren 1801/02. Hrsg. sowie mit Einleitung und Anmerkungen von Reinhard Lauth. Meiner, Hamburg 1977, S. 20 „Das Verhältnis freier Wesen ist daher das Verhältnis einer Wechselwirkung durch Intelligenz und Freiheit. Keines kann das andere anerkennen, wenn nicht beide gegenseitig sich anerkennen: und keines kann das andere behandeln als ein freies Wesen, wenn nicht beide sich gegenseitig so behandeln.“Johann Gottlieb Fichte: Grundlage des Naturrechts nach Principien der Wissenschaftslehre, in: ders.: Gesamtausgabe der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, hrsg. v. Reinhard Lauth u. Hans Jacob. Stuttgart-Bad Cannstatt 1962 ff, Abt. I, Bd. 3, S. 351 (Original: Gabler, Jena und Leipzig 1796, S. 38)

Jüdische Denker Ein neuer Blick auf das Andere, die Andersheit oder Fremdheit als wesentlicher Bestandteil der eigenen Subjektivität erfolgte ursprünglich vor allem bei jüdisch geprägten Denkern seit der Wende zum 20. Jahrhundert. Alterität bezeichnet hier ein Subjekt-Subjekt-Verhältnis, eine Instanz, der wir uns nicht entziehen können, die uns anspricht und anschaut und auf die wir antworten.

Ein früher Gedanke zur Abhängigkeit des eigenen Selbst vom Anderen findet sich in Hermann Cohens religionsphilosophischen Betrachtungen. Dabei nähert er sich dem Thema zunächst fragend: „[…] so bedarf es doch noch einer anderen Vermittlung als nur derjenigen, welche zwischen dem Ich und der Menschheit gefordert wird. Neben dem Ich erhebt sich, und zwar im Unterschied zum Es, der Er: ist er nur das andere Beispiel vom Ich, dessen Gedanke daher durch das Ich schon mitgesetzt wäre? Die Sprache schon schützt vor diesem Irrtum: sie setzt vor das Er das Du. Ist auch das Du nur ein anderes Beispiel für das Ich und bedürfte es nicht einer eigenen Entdeckung des Du, auch wenn ich bereits meines Ich gewahr geworden bin? Vielleicht verhält es sich umgekehrt, dass erst das Du, die Entdeckung des Du mich selbst auch zum Bewußtsein meines Ich, zur sittlichen Erkenntnis meines Ich zu bringen vermöchte“ (RV 17)Hermann Cohen: Die Religion der Vernunft aus den Quellen des Judentums., Gustav Fock, Leipzig 1919, S. 17 „Sollte nun aber die Frage entstehen, welcher besondere Wert dieser Anrede, dieser Auszeichnung des Du zukommt, durch welche die Identität der Menschheit bedroht scheinen könnte, so gilt es nunmehr, diesen eigenen Beitrag für en Begriff des menschlichen Individuums zu erforschen, den die Entdeckung des Du zur Enthüllung bringt.“ (RV 18) „Das Du gehört jedoch der unendlichen Gliedreihe der Menschheit an: die Methode, welche daher gefordert wird, ist eine neue, aber keine fremde. Sie ergänzt die einheitliche Methode der Ethik, aber es muß ihr Eigenart zugesprochen werden.“ (RV 18) „[…] offenbar ist es die Persönlichkeit, welche mehr als vom Er durch das Du an den Tag gehoben wird. […] Bleibt der Organismus mit seinem Stoffwechsel schlechthin indifferent für das Ich?“ (RV 19) Bereits die Stoa hatte das Leiden aus dem Bereich des Sittlichen ausgeschlossen. Das ist für Cohen grundsätzlich falsch. Leiden ist für die Moral nicht indifferent. „Und es entsteht die Frage, ob nicht gerade durch die Beachtung des Leidens bei dem Anderen dieser Andere aus dem Er in das Du sich verwandelt.“ (RV19). „Die Leiblichkeit gehört nun einmal zur Seele des Individuums, und die Seele wird vernachlässigt, wenn die Mühsal des Leibes vernachlässigt wird, Die Humanität erfordert auch die Beachtung des eigenen Leides.“ (RV 22) Die eigene Identität entsteht erst in der Begegnung mit dem Anderen. In einem Vortrag aus dem Jahr 1917 unter dem Titel „Was einigt die Konfessionen?“ resümiert Cohen: „Was ist der Inbegriff aller Religionen und die letzte Probe aller Religionen selbst? Liebe Deinen Anderen, und du bezeugst, daß du deinen Gott liebst. So hat Hillel die Quintessenz der Religion einem Heiden gegenüber bezeichnet, und so auch Jesus auf die Frage der Schriftgelehrten. Die Menschenliebe, die Sympathie mit allem, was Menschenantlitz trägt, die Erkenntnis des Ich in dem Anderen, die Losreißung des Ich von der Selbstsucht, die Humanität ist das höchste Ideal, wie aller Kultur, so auch des Unterrichts. Aufklärung ist Klärung des Begriffs der Humanität.“Hermann Cohen: Was einigt die Konfessionen?, Vortrag gehalten in der freien wissenschaftlichen Vereinigung zu Berlin am 9. Juni 1917, S. 15–36, hier: S. 35

Georg Simmels Werk „Soziologie“ von 1908 enthält im 9. Kapitel einen Exkurs über den Fremden, in dem dieser sich aus soziologischer Sicht mit dem Phänomen der Andersheit innerhalb einer Gruppe auseinandersetzte.Georg Simmel: Exkurs über den Fremden, in: Ders.: Soziologie. Untersuchungen über die Formen der Vergesellschaftung. Hrsg. von Otthein Rammstedt, Suhrkamp, Frankfurt a. M. 1992 (Georg Simmel Gesamtausgabe Bd. 11), S. 764–771 Menschen werden in der Gruppe nach einem Inneren oder einem Äußeren im Verhältnis zur Gruppe klassifiziert. Ihnen wird ein bestimmter Typus zugewiesen wie etwa Stadt-, Land- und Rassefremde, der das Merkmal „fremde Herkunft“ enthält und sie werden hierauf unabhängig von ihren individuellen Eigenschaften reduziert. Simmels Beispiel ist die mittelalterliche Judensteuer, die unabhängig von Einkommen und Vermögen erhoben wurde. Durch die Zugehörigkeit bzw. Nichtzugehörigkeit zu einer Gruppe entstehen so Verhältnisse der Nähe oder Ferne. Sonja Engel: Der Typus des Fremden im Zentrum der Vergesellschaftung bei Georg Simmel, in: Arbeitskreis Kultur- und Sozialphilosophie (Hrsg.): Der Begriff der Kultur. Kulturphilosophie als Aufgabe, transcript, Bielefeld 2013, S. 127–148, hier: S. 137f Es entsteht „ein Element von Kühle, ein Gefühl von Zufälligkeit gerade dieser Beziehung“.Georg Simmel: Exkurs über den Fremden, S. 768 Die Beziehung des Fremden zu Gruppe kann unterschiedlich ausfallen. Simmel nennt als Beispiele den unbefangenen neutralen Richter oder den machtlosen Rebellen.