Der Fluss ist der Mittelteil einer Romantrilogie von Ketil Bjørnstad, erschienen 2007 bei Aschehoug unter dem norwegische Originaltitel Elven (deutschsprachige Erstausgabe 2009 im Insel Verlag). (Band 1 hat als Titel Vindings Spiel, Band 3 als Titel Die Frau im Tal).

Die Handlung von Elven spielt zu großen Teilen auf beiden Ufern des titelgebenden Flusses, des Lysakerelven in Oslo, in dem die Mutter der Romanhauptfigur – das ist der Nachwuchspianist Aksel Vinding – beim Baden fortgerissen wurde und ertrunken ist. Nahe dem Ostufer des Flusses befinden sich Aksels Wohnstätten; am Westufer liegt das Haus seiner ihn intensiv fordernden Klavierlehrerin. Nachdem die von Aksel geliebte Anja Skoog und ihr alles für sie regelnder Vater in Band 1 aus dem Leben geschieden sind, rückt in Elven die sich entwickelnde Beziehung zwischen Aksel und Anjas Mutter Marianne Skoog in den Mittelpunkt der Handlung. Der Fluss ist aber auch das Anregungsmilieu für Aksels erste eigenständige Klavierkomposition Elven.

Gliederung und Gestaltung

Wie die beiden anderen Bände der Trilogie ist auch dieser in drei Teile gegliedert, die jeweils mit Überschriften versehene kleinere Abschnitte umschließen. Erzähler aus der Ich-Perspektive ist wiederum die Hauptfigur Axel Vinding. Zahlreiche Dialoge und einige Traumsequenzen erweitern den Spannungsbogen der Handlung.

In den Kapiteln des ersten Teils von Elven wird der in seiner Trauer um Anja von Rebecca Frost in einer Sommeridylle getröstete Aksel durch einen tödlich endenden Segelunfall seinerseits zum Nothelfer für Anjas Mutter Marianne Skoog, zu der er eine Liebesbeziehung aufbaut. Im zweiten Teil bringt Marianne ihm Joni Mitchell und das Woodstock-Festival in starkem Kontrast zu seiner klassischen Musikorientierung nahe und bekennt schließlich große Schuld am Suizid ihres Mannes Bror Skoog; ihren Selbstmordversuch verhindert Aksel im letzten Moment. Der dritte Teil beginnt mit Mariannes Depressionsbehandlung in einer Klinik und Aksels Besuchen dort, handelt von Rebeccas Hochzeit mit einem cholerischen Nachwuchsjuristen, von Aksels Vorbereitungen auf sein Konzertdebüt, von seiner Hochzeit mit Marianne in Wien und seinem großen Debüt-Erfolg als Pianist; die von ihm schwangere Marianne aber findet er unmittelbar danach im Keller erhängt.

Romaninhalt und -personal

In Trauer schicksalhaft verbunden

Rebecca Frost und Aksel verbringen im Ferienhaus der Reederfamilie bei Tvedestrand schöne Sommertage mit Musikgenuss und Meerblick, durch den sie alleinige Zeugen allzu waghalsiger Manöver eines schließlich kenternden Segelboots werden. Rebecca steuert das am Steg liegende hauseigene Motorboot zur Unglücksstelle, wo Aksel die Schiffbrüchigen bis auf einen unauffindlichen aus dem Wasser zieht, darunter auch Marianne Skoog, mit der Aksel die Trauer um Anja verbindet. „Die Trauer ist nicht ohne Sinnlichkeit“, hört er alsbald von Rebecca. „Wir werden empfänglich, sehnen uns nach Trost. Wir suchen, ohne daß uns das bewußt ist.“

Bei dem von der Rettungswacht per Hubschrauber schließlich gefundenen und geborgenen Ertrunkenen handelt es sich, wie später deutlich wird, um Mariannes für sie als Stabilitätsanker wichtigen Psychiater. Nachdem die Schiffbrüchigen das Sommerhaus verlassen haben, mag die von den Vorgängen erschütterte Rebecca die Nacht nicht allein verbringen und bittet Aksel in ihr Schlafzimmer. Beide schlafen zum ersten und verabredungsgemäß einzigen Mal miteinander, denn Rebecca ist mit dem angehenden Juristen Christian Langballe verlobt und will mit Aksel eigentlich weiterhin nur sehr gut befreundet sein.

Per Annonce zurück im Skoog-Haus

Wieder daheim in Oslo entdeckt Aksel an einem Lichtmast vor seinem Elternhaus eine Annonce, mit der Marianne Skoog einem musikbegeisterten Studenten gegen geringe Miete und kleinere Gartenarbeiten ein Zimmer sowie Zugang zum vorhandenen Konzertflügel bietet. Als er sich darob bei ihr einfindet, zeigt sie sich erstaunt, denn an ihn habe sie dabei überhaupt nicht gedacht. Sie habe sich nur gewünscht, dass Anjas Zimmer wieder bewohnt sein möge, und er habe doch die von seinem vormaligen Klavierlehrer Synnestved geerbte Wohnung. Aksel erklärt ihr, dass sein Geld nicht ausreiche, um diese Wohnung zu halten, die er deshalb zu vermieten vorhabe. An einem Tag der Woche arbeite er in einer Musikhandlung, an den anderen müsse er sich übend auf sein bald vorgesehenes Klavierdebüt vorbereiten. Marianne akzeptiert ihn als Mieter. Er könne das Zimmer, an dem Anja Bilder von Bach und Beethoven an der Wand angebracht hatte – in Aksels Sicht „eine sehr maskuline Gesellschaft für ein junges Mädchen“ –, nach seinen Vorstellungen gestalten. Es handle sich für sie nicht um ein Mausoleum.

Wieder einmal an seinem Rückzugsort im Erlengebüsch am Fluss geht Aksel seinen Gedanken nach: „Ich bin zum Spielball zwischen zwei Selbstmorden geworden. Synnestved nahm sich das Leben in der Sorgenfrigata. Bror Skoog nahm sich das Leben im Elvefaret. Ein Ort schlimmer als der andere. Aber ich fürchte mich nicht. Die Vorstellung, in Anjas Bett zu schlafen, ist gut. Mit Bach und Beethoven an der Wand.“ Als Marianne in der Nähe nach ihm sucht und ruft, meldet er sich aus seinem Versteck nicht.

Begegnungen mit Schubert im Traum

In der Sorgenfrigata nachts träumt Aksel, dass er Schubert-Sonaten spiele, während dieser neben ihm sitze. „Die Nebenmotive gestalten den eigentlichen Inhalt. Dort sind die Gefühle, ist die Wahrheit. Schubert spielen heißt wissen, was man lieben soll.“ Dann verschwimmen ihm die Noten, verliert er die Tonart. Doch darf er den neben ihm Sitzenden nicht enttäuschen und spielt weiter. „Ich schwitze, kann nur raten, was musikalisch abläuft, während die Finger über die Tasten laufen. Ich spüre, daß das, was ich wiedergebe, genial ist, daß ein Meister seine Verzweiflung spielend zum Ausdruck bringt.“ Dann gerät Aksel ohne Notenzugang in die falsche Tonart, schämt sich und heult. Da klopft ihm Schubert tröstend auf die Schulter. „Na, na. Was du gerade spielen willst, habe ich noch gar nicht geschrieben.“

In der Klavierstunde bei Selma Lynge zeigt sich, dass Aksel das von ihr vor der Sommerpause verordnete Chopin-Programm nicht abgearbeitet, sondern sich in seiner Trauer um Anja mit Rebecca einen schönen Tag gemacht hat. Darüber verliert die berühmte deutsche Konzertpianistin komplett die Fassung und traktiert ihren Schüler bei seinen Verspielern anhaltend mit einem bereitliegenden Lineal, bis er nach einem dieser Schläge sogar an der Nase blutet und das Bewusstsein verliert. Im Nachgespräch – während Aksel noch Trennung und ein freies Leben in Betracht zieht – versichert Selma ihn ihres Glaubens an sein überragendes Talent, das er allerdings nur mit entsprechender Disziplin werde entfalten können. Sein Debütprogramm in neun Monaten, am 9. Juni 1971, hat sie mit W. Gude bereits in allen Teilen festgelegt; er werde der letzte ihrer Schüler sein. Aksel akzeptiert mit inneren Zweifeln. „Ich bin zu nichts anderem imstande, als ihr ewig gehorsamer, schwanzwedelnder Hund zu sein. Entzückt darüber, auserwählt zu sein, trotz meines großen Verrats.“

Aksels Wohnungsannonce in Aftenposten bringt auch Rebecca als Interessentin in die Sorgenfrigata. Aksel überlässt ihr und ihrem Verlobten die Wohnung, und sie unterstützt ihn beim Umzug ins Skoog-Haus mit Papas Firmenwagen, einem amerikanischen Jeep. Tagsüber, während Marianne als für das Abtreibungsrecht eintretende Gynäkologin beruflich eingespannt ist, hat Aksel das Haus für sich und seine Klavierübungen. Abends kommen beide einander beim Musikhören und Weintrinken immer näher. Eines nachts besucht Schubert ihn erneut im Traum, gezeichnet von Ausschlägen und Wunden der Syphilis, stinkend und mit Speichelfluss aus den Mundwinkeln. Aksel befragt ihn zu seinem der Musik geopferten trostlosen Leben in Armut, was Schubert als Deutung entschieden zurückweist. „Was wäre, wenn du in die Natur gingst ohne mich, ohne Beethoven, ohne deinen geliebten Brahms? Du würdest ohne einen einzigen Ton im Kopf durch die Natur gehen.“ Es fehlte dann wohl insgesamt der Bezug zur Kunst und zum Menschlichen. Nicht jeder könne ein Komponist sein, aber auch nicht jeder ein Bauer. „Sich wohl fühlen, es nett haben um jeden Preis? Sehnen wir uns nicht eher nach einem Sinn?“ Aksel möge spielen, was er, Schubert, noch nicht geschrieben habe. „Nimm dir Zeit und lies die Noten sorgfältig. Dann sollte das übrige einfach sein.“

Wandern und mehr mit Marianne

Die 35-jährige sozialistische Ärztin und ihr 18-jähriger Mieter haben eine Wanderung auf den Brunkollen verabredet – wie seinerzeit Aksel und Anja –, um miteinander über schwierige Fragen zu sprechen, denen Marianne sich Aksel gegenüber bislang nicht zu stellen vermocht hat. Am Bergaussichtspunkt erzählt die 1935 Geborene von ihrer durch einen Nachbarsjungen verursachten frühen Schwangerschaft mit 16, die sie in Panik versetzte und die sie zu einem Abort durch den mehrfachen Einsatz von Stricknadeln brachte. Diese Notlage habe sie für ihr weiteres berufliches Leben geprägt. Bald darauf lernte sie Bror Skoog kennen und wurde von ihm schwanger, was sie nun als Glück empfand, da er umgehend bereit war, sie zu heiraten. Seinem nunmehr mit schonenderen Mitteln durchzuführenden Abtreibungswunsch widersetzte sie sich; und als Anja nach der Hochzeit zur Welt kam, gehörte auf einmal seine Liebe und ständige Zuwendung der Tochter, die er praktisch für sich in Besitz nahm.

Wegen der bevorstehenden Dunkelheit drängt Aksel dazu, den Rückweg anzutreten, obwohl Marianne noch mehr zu sagen hat und dies nun im Bergabgehen ausspricht. Brors Suizid führt sie auf Krankheit zurück, auf seine Zerrissenheit in der abgöttischen Liebe zu Anja wie aber auch zu ihr selbst, die er grenzenlos eifersüchtig bewacht habe. Ob sie denn Anjas Ausgemergeltheit nicht bemerkt habe, will Aksel wissen. Nein, meint sie, sie sei beruflich so engagiert und eingespannt gewesen, dass sie sich ihre abendliche Entspannungswelt mit Anjas Klavierspiel offenbar geschönt und deren wirklichen Zustand nicht an sich herangelassen habe. Als Aksel insistiert, wie man Anjas dramatische Gewichtsverluste nicht habe bemerken können, wird Marianne wiederholt ohnmächtig, sodass Aksel sie zuletzt praktisch durchweg bis nach Hause tragen muss. Am Morgen danach, einem arbeitsfreien Sonntag, begegnen beide einander auf dem Flur zum Bad, fallen sich in die Arme und vollziehen ihre ersten Liebesakte anschließend in Anjas Bett.

Woodstock nachhallend

Mit der privat unterdessen intensiv gelebten Beziehung zwischen der angesehenen Ärztin und ihrem jungen Mieter geht Marianne in der Öffentlichkeit teils widersprüchlich um, mal offen Händchen haltend, mal bewusst Abstand herstellend. Für den letzteren Fall gibt sie Aksel zu verstehen, dass sie unter ihren Bekannten nicht die Die Reifeprüfung mit ihm neu auflegen wolle. „Die alte Hexe und der unsichere Schuljunge? Ich will nicht Bancroft sein, und du kannst ohnehin nicht Hoffman sein.“ (S. 64) Bei einer Zufallsbegegnung zu viert platzt Rebeccas Aksel auf Anhieb unsympathischer Verlobter damit heraus, dass Aksel für die am Jahresende geplante Hochzeit als Trauzeuge fungieren soll – eine Anfrage, die eigentlich Rebecca ihm in geeigneter Form als besonderen Freundschaftsbeweis hatte unterbreiten wollen. Im Gespräch unter vier Augen sagt Rebecca ihm klipp und klar, dass sie seine Beziehung zu Marianne als nicht gut für ihn missbilligt.