Zur Entstehung einer ökologischen Klasse. Ein Memorandum von Bruno Latour und Nikolaj SchultzBruno Latour, Nikolaj Schultz: Zur Entstehung einer ökologischen Klasse. Ein Memorandum. Aus dem Französischen von Bernd Schwibs, 4. Aufl., Berlin: Suhrkamp 2024 (Erstauflage 2022), 91 Seiten von 2024 ist eine politische Analyse, die die ökologischen Bewegungen und die Politik „grüner“ Parteien von einem linken und solidarischen Standpunkt kritisiert.In einer Vornote vor dem Inhaltsverzeichnis wird ein Memorandum erklärt als die Aufzeichnung der Überlegungen eines Diplomaten, mit denen er die Politik seiner Regierung beeinflussen will. Die Autoren messen die Wahrscheinlichkeit einer ökologischen Wende an den historischen Erfahrungen der französischen Revolution von 1789, die für sie das Paradigma einer umfassenden gesellschaftlichen Umwälzung darstellt: Ohne eine zumindest ähnliche ideologische, konzeptionelle, philosophische und ästhetische Vorbereitung, ohne einen – in den Begriffen Antonio Gramscis – langfristig zu führenden „Stellungskrieg“ zur Eroberung der Macht gebe es keine realistische Chance einer grundlegenden Transformation. Die ökologischen Bewegungen dürften nach Einschätzung der Autoren daher nicht die geringste Chance zu einer Transformation der Gesellschaft haben.
Statt die spontanen Aktionen und kurzfristigen Perspektiven zu überwinden, statt sich um eine Einigung untereinander, um die Überwindung des traditionellen Marxismus, um eine Neudefinition der handlungsleitenden Werte, um Konzepte einer anderen Nutzung der Natur und um die Sorgen vor allem der unteren Klassen (classes populaires) zu kümmern, gebe sich die ökologische Bewegung mit „hehren Gefühlen“ und „Diskussionen über Fleischkonsum“ zufrieden.Latour, Schultz: Zur Entstehung einer ökologischen Klasse, S. 65 ff., 86. Leider hätten die ökologischen Bewegungen und die grünen Parteien, zusammengefasst als die „ökologische Klasse“, daher so wichtige strategische Lücken, dass die Autoren entmutigt die Wahrscheinlichkeit des Scheiterns konstatieren.
Der Text ist in zehn kurze nummerierte Kapitel mit jeweils eigenen inhaltsorientierten Überschriften gegliedert:
Inhalt
I. Klassenkämpfe und Klassifikationskämpfe In den sich häufenden Katastrophen, im Zusammenbruch der internationalen Ordnung, in der Unfähigkeit der traditionellen Parteien und der wachsenden ökologischen Krise hätten alle bisherigen politischen Strömungen bis auf illiberale und faschistische Bewegungen an Attraktivität verloren. Nur die Ökologie könne eine Alternative entwickeln – aber auch sie hätte infolge strategischer Defizite bisher nicht überzeugt: eine umfassende Gleichgültigkeit sei durch einen besserwisserischen pädagogischen Ansatz (dem Wissen um die nahende Katastrophe werde das Handeln schon bald folgen) und wegen der Gewöhnung der Öffentlichkeit an die Prognosen der Klimakatastrophe entstanden. Außerdem ließen sich die ökologische Bewegungen durch andere definieren, seien noch immer in ihren Gräben gefangen, sehr zersplittert, erkennten ihre wahren Verbündeten und Gegner nicht und die Vielfalt der aktuellen Konflikte verhindere eine stimmige Definition dieser Entwicklungen.Latour, Schultz: Zur Entstehung einer ökologischen Klasse, S. 10, 12.mini|Kultureller Generalangriff auf den Absolutismus durch Neuordnung allen Wissens in der französischen Encyclopédie (1780) – hier zu versagen ist der Hauptvorwurf der Autoren gegenüber der ÖkologieDie Autoren fragen daher: Wie kann die ökologische Bewegung aus der Sozialgeschichte und dem Kampf um Ideen lernen? Wie kann die von der Erderwärmung betroffene Mehrheit der Bevölkerung, die „ökologische Klasse“, den politischen Horizont als führende Klasse so erobern, so, wie einst der Liberalismus, die Sozialismen und der Neoliberalismus?Latour, Schultz: Zur Entstehung einer ökologischen Klasse, S. 9 ff. Die Autoren räumen ein, es sei „stets ein wenig beängstigend, den Begriff der ‚Klasse‘ wieder zu verwenden.“Latour, Schultz: Zur Entstehung einer ökologischen Klasse, S. 13. Denn diejenigen, die nach „objektiven“, sozialen oder kulturellen Merkmalen derselben Klasse angehörten, positionierten sich bei ökologischen Themen völlig anders und machten es schwer, einen klaren Frontverlauf zwischen Verbündeten und Gegnern zu ziehen: Es gelte als unklar, was eine „Klasse“ konstituiert. Aber eine Definition sei erforderlich, da eine Klassifikation nicht nur deskriptiv sondern auch performativ, handlungsauffordernd bzw. ein Kompass politischer Aktionen sei.Latour, Schultz: Zur Entstehung einer ökologischen Klasse, S. 13, 17 f., 85. Daher müsse der Begriff der Klasse neu definiert werden.
II. Eine wunderbare Erweiterung des Materialismus Marx´ Klassentheorie konzentriere sich auf die materielle Produktion und die dort bestehenden und reproduzierten Produktionsverhältnisse. Marx´ Fokus auf der Produktion habe daher wichtige außerökonomische Merkmale vernachlässigt: das Ende der Sklaverei, die Entstehung der Sozialversicherungen und des allgemeinen Wahlrechts sowie die kostenlose staatliche Schulbildung – all das markiere die Grenzen der marxistischen Theorie. Zusätzlich werde im Liberalismus und bei Marx das Thema der Bewohnbarkeit der Erde „willentlich und systematisch“ geleugnet oder minimiert.Latour, Schultz: Zur Entstehung einer ökologischen Klasse, S. 22 f., 28 f. Die Autoren konstruieren eine „Grenze des Marxismus“ durch Vernachlässigung der Fakten: Die gesetzliche Krankenversicherung wurde in Deutschland Ende 1883 als erste Leistung aus dem Bereich der Sozialversicherungen von Otto von Bismarck eingeführt, um die Arbeiterschaft für den Staat zu gewinnen – mit minimalen Leistungen im Krankheitsfall. Marx starb im März 1883, das Gesetz trat am 1. Dezember 1883 in Kraft.
Die ökologische Bewegung sei „ganz ohne Zweifel links, und zwar eindeutig“, aber sie überwinde bisher nicht die alten sozialistischen Ideale. Sie kehre nur der Konzentration auf die Produktion den Rücken, stelle „den Produktionsbegriff in Frage“ und habe damit eine „erhebliche Diskrepanz zum traditionellen ´Klassenkampf´, aber verstärke den Widerstand der ganzen Gesellschaft gegen die umfassende Ökonomisierung“, die „Verselbständigung der Wirtschaft auf Kosten der Gesellschaft“. Dadurch erneuere die Ökologie auch „die vielfältigen Traditionen des Kampfes gegen die Ökonomisierung.“Latour, Schultz: Zur Entstehung einer ökologischen Klasse, S. 16 f., 22 f. Marx´ Analyse der kapitalistischen Produktion in Das Kapital erklärt mit dem Widerspruch von Produktivkräften und Produktionsverhältnissen genauer als eine historisch nicht spezifizierte „Ökonomisierung“, warum die Reproduktion der Verhältnisse heute die Lebensgrundlagen aller Gesellschaften rücksichtslos untergräbt. Latour ignoriert, dass Das Kapital mit dem Doppelcharakter der Arbeit beginnt – nicht der Marxismus hat Anteil an der Unterordnung der Gesellschaft unter die Ökonomie, sondern der Kapitalismus. Vgl. Karl Marx: Das Kapital. Zur Kritik der politischen Ökonomie, Berlin: Dietz-Verlag 43. Auflage 2024, MEW 23, S. 789 ff.: Die geschichtliche Tendenz der kapitalistischen Akkumulation
III. Die große Wende Ursache der Lähmung sei, dass seit zwei Jahrhunderten Liberalismus und Sozialismen die Steigerung der Produktion befürworteten, beide sich auf die Produktion konzentrierten und dadurch beide blind für die Bedingungen des Überlebens wurden; zwischen ihnen habe „Uneinigkeit [nur] über die gerechte Verteilung der Erträge“ bestanden.Latour, Schultz: Zur Entstehung einer ökologischen Klasse, S. 25.
Marx forderte die Steigerung der Produktivität (=Reduktion des Aufwands pro Produkt), nicht die Steigerung des Outputs. Vgl. Karl Marx: Das Kapital. Zur Kritik der politischen Ökonomie, Berlin: Dietz-Verlag 43. Auflage 2024, MEW 23, S. 789 ff.: Die geschichtliche Tendenz der kapitalistischen Akkumulation Beide hätten damit „ihr eigenes Projekt der Entwicklung und des Fortschritts verraten.“Latour, Schultz: Zur Entstehung einer ökologischen Klasse, S. 33. Kursiv im Original. Das Verständnis der globalen Katastrophe sei zwar verbreitet, aber die Motivation zum Handeln werde gelähmt und alle Instinkte seien auf die Fortsetzung der überkommenen Auffassung von Produktion gerichtet.Latour, Schultz: Zur Entstehung einer ökologischen Klasse, S. 24. Die Einbeziehung der Sozialismus in den Kausalzusammenhang der ökologischen Krise stimmt nur für die nicht-marxistischen Sozialdemokratischen Parteien mit ihrer ohne Klassenkampf an die Industrialisierung geknüpften Wohlstandshoffnungen. Vgl. etwa den 4. Abschnitte des Godesberger Programms der SPD von 1959. Dass die Bewohnbarkeit des Planeten Priorität erhalte, sei die notwendige Wende, und daher müssten die Begriffe der ´Entwicklung´ und ´Fortschritt´ neu definiert werden.Latour, Schultz: Zur Entstehung einer ökologischen Klasse, S. 25 ff.
IV. Erneut eine legitime Klasse Die Autoren fassen die vielfältigen und zersplitterten ökologischen Bewegungen und die grünen Parteien im Hinblick auf ihre gesellschaftlichen Anliegen im Begriff der „ökologischen Klasse“ zusammen. Die ökologische Klasse sei „dadurch bestimmt, dass sie die Welt, in der man lebt, und die Welt, von der man lebt, in ein und demselben Raum miteinander verbindet.“ Damit ist für die Autoren zunächst ein bestimmtes Problembewusstsein subjektiv konstitutiv: „Die ökologische Klasse ist also diejenige, die sich der Frage der Bewohnbarkeit [der Erde] annimmt.“Latour, Schultz: Zur Entstehung einer ökologischen Klasse, S. 29, 31 f., 46, 85. Im Unterschied zum Marxismus definieren die Autoren die ökologische Klasse subjektiv über das Bewusstsein der ökonomischen Krise sowie durch die Zusammenarbeit der zersplitterten Teile und nicht objektiv über die Abhängigkeit von ihren Auswirkungen. Das hat einen Effekt auf die Möglichkeiten der Mobilisierung der schon Mobilisierten. Abweichend hiervon wird die „ökologische Klasse“ im 7. Abschnitt durch die Betroffenheit definiert.
Wenn Marx seine Klassifikation der sozialen Klasse noch mit Bezug auf die materielle Produktion der Menschen entwickelte, müsse der neue materialistische Klassenbegriff unter dem überwältigenden „neuen Klimaregime“Latour, Schultz: Zur Entstehung einer ökologischen Klasse, S. 20, 48. die Bedingungen der Produktion und Reproduktion nicht nur der Menschen einbeziehen, sondern sich auf die Bewohnbarkeit der Erde, auf das Überleben aller Lebewesen fokussieren.Latour, Schultz: Zur Entstehung einer ökologischen Klasse, S. 20 f. Zu Marx bestehe daher im neuen Materialismus dieses Ansatzes Kontinuität, aber auch eine „relative Diskontinuität“ in der Berücksichtigung nicht nur menschlicher Lebewesen in der veränderten globalen Situation.Latour, Schultz: Zur Entstehung einer ökologischen Klasse, S. 18 f. Wie für Marx die Abhängigkeit von gleichartigen Lebensbedingungen die Arbeiterklasse, so konstituiert für die Autoren die gleiche Abhängigkeit vom Biotop Erde für die ökologische Klasse auch objektiv. Diese gleiche Betroffenheit ist Basis der Bündnismöglichkeiten der ökologischen Klasse.
Diese Klasse sei gegenwärtig eher ein Desiderat, eine politische Hoffnung, als schon eine handlungsfähige politische Realität: „Das Auftauchen dieser ökologischen Klasse können wir in einem dichten Nebel nur erahnen.“ Aber sie greife den Prozess der Zivilisation mit erweiterter Sensibilität wieder auf, „den die anderen Klassen aufgegeben oder verraten haben“, und spreche den gegenwärtig führenden Klassen ihre Legitimität und die Rolle der Schlüsselklassen ab.
V. Die mangelhafte Ausrichtung der Affekte Die Autoren erinnern wiederholt daran, dass Liberale und Sozialisten über mehrere Jahrhunderte zugunsten einer gesellschaftlichen Transformation die positiven „bedingten Reflexe“ hätten entwickeln müssen, die heute von der ökologischen Klasse vernachlässigt würden, sodass ihr Programm einerseits Panik, andererseits aber nur Gähnen und Handlungslähmung hervorrufe.Latour, Schultz: Zur Entstehung einer ökologischen Klasse, S. 40 ff.