+ Tractatus Coislinianus (Kürzel TC) Originaltitel titelloser Traktat Sprache Mittelgriechisch Verfasser anonym Entstehungszeit 10. Jahrhundert Herkunft Byzantinisches Reich Umfang 3 Folia (248v–249v) Aufbewahrung Bibliothèque nationale de France, Coislin 120 Erstausgabe John Anthony Cramer: Anecdota Graeca (Oxford 1839) Thema Poetik, Katharsis, Poetik Genre Traktat 120px|mini|links|Henri-Charles du Cambout de Coislin 17. Jhd. Namensgeber der Handschrift.

Bei dem sogenannten Tractatus Coislinianus handelt es sich um ein byzantinisch-griechisches Textfragment aus dem 10. Jahrhundert, um einen komödientheoretischen Traktat, der in der Terminologie der aristotelischen Poetik abgefasst ist. Systematische Unterteilungen werden im TC durch Diagramme dargestellt.Martin Hose (Hrsg.): Aristoteles, ›Poetik‹: Einleitung, Text, Übersetzung und Kommentar. Mit einem Anhang: Texte zur aristotelischen Literaturtheorie (Sammlung wissenschaftlicher Commentare (SWC)). De Gruyter 2022, ISBN 978-3-11-070319-1, Band 2, S. Anhang, S. 505; Inhaltsverzeichnis – auf Verlagsseite

Seit seiner schematischen Veröffentlichung im 19. Jahrhundert durch John Anthony CramerJohn Anthony Cramer: Anecdota Graeca. Band 1, Oxford 1839, S. 403–406 (babel.hathitrust.org) wird er als möglicher Kommentar oder aber als Zusammenfassung (Epitome)Richard Janko: Aristotle on Comedy: Towards a Reconstruction of Poetics II. Duckworth, London 1984, ISBN 0-7156-3169-1, S. 42 im Buch, Seite 54 auf Scribd (Volltext-PDF) des verlorenen „Zweiten Buches“ von Aristoteles’ Poetik kontrovers diskutiert.Martin Hose (Hrsg.): Aristoteles, ›Poetik‹: Einleitung, Text, Übersetzung und Kommentar. Mit einem Anhang: Texte zur aristotelischen Literaturtheorie (Sammlung wissenschaftlicher Commentare (SWC)). De Gruyter 2022, ISBN 978-3-11-070319-1, Band 2, S. Anhang, S. 416; Inhaltsverzeichnis – auf Verlagsseite

Sammelhandschrift und Überlieferung

Die Sammelhandschrift „Coislin 120“ entstand im 10. Jahrhundert und gehörte ab dem 13. Jahrhundert zum Bestande des Klosters Megisti Lavra auf dem Berg Athos.

Der kurze, anonyme und titellose Tractatus Coislinianus (TC) umfasst drei Folia, fol. 248v, 249r und 249v, in dieser Sammelhandschrift.COISLIN 120, fol. 248v–249r – unklare Zuordnung der Seiten. Gallica ordnet Scans digital zu. „NP“ (non paginé) statt fol. nr. Eine Seitenbezeichnung sieht man oben rechts „249“. Wegen zahlreicher Ligaturen, Kürzeln, byzantinischer Minuskeln und des Fehlens einer durchgehenden Foliierung erfordert das byzantinische Manuskript spezielle paläographische und mediävistische Fachkenntnisse zur vollständigen Entzifferung.Beschreibung der Sammelhandschrift Coislin 120 – (auf Französisch) Der Gräzist Richard Janko bemerkt zudem:

1643 sandte der zypriotischer Priester Athanasios Rhetor von Athos das Manuskript an den französischen Kanzler Pierre Séguier. Dieser übergab es seinem Neffen Henri-Charles du Cambout de Coislin, der die Handschrift der Benediktinerabtei Saint-Germain-des Prés in Paris vermachte.

Während der französischen Revolution wurde die Handschrift 1795 als Teil der säkularisierten Klosterbestände in den Fonds Coislin der Bibliothèque nationale de France integriert.Martin Hose (Hrsg.): Aristoteles, ›Poetik‹: Einleitung, Text, Übersetzung und Kommentar. Mit einem Anhang: Texte zur aristotelischen Literaturtheorie (Sammlung wissenschaftlicher Commentare (SWC)). De Gruyter 2022, ISBN 978-3-11-070319-1, S. 505.

Die wichtigsten Stationen der Überlieferung lassen sich in folgender Zeitleiste zusammenfassen:

+ Überlieferung der Handschrift Coislin 120 Zeitraum Ereignis Ort/Person 10. Jh. Entstehung Byzanz 13. Jh. Lagerung Kloster Megisti Lavra (Athos) 1643 Versand an Frankreich An Pierre Séguier (durch Athanasios Rhetor) 1663–1732 Besitz und Vermächtnis Henri-Charles du Cambout de Coislin → Benediktinerabtei Saint-Germain-des-Prés (Paris) 1795 Säkularisation der Klosterbestände Integration in Nationalbibliothek → Fonds Coislin BnF (Paris)

Inhalt mini|150px|Aristoteles Poetik Über die DichtkunstBibliographische Angabe: Aristotelis Opera, edidit Immanuel Bekker, Tomus II. Berolini (Berlin): apud G. Reimer, 1837. Darin: Περὶ ποιητικῆς (De Poetica), S. 1447a–1462b (nach Bekker-Zählung). Der Tractatus entwickelt eine Theorie der Komödie in aristotelischer Tradition. Er beschreibt, wie die Komödie – ähnlich der Tragödie in Aristoteles’ Poetik – durch Lachen und Vergnügen eine kathartische Wirkung entfaltet.

Aufgrund dieser inhaltlichen Nähe zur aristotelischen Terminologie, der Katharsis-Theorie, und wegen der schematischen Unterteilungen wird der Tractatus als möglicher Zeuge eines verlorenen zweiten Buchs der Poetik (Poetik II) diskutiert. In Aristoteles’ Poetik (I) sind die Teile der Tragödie vier: „Prolog, Episode, Exodos und Chorpartie.“Aristoteles Poetik, übersetzt und herausgegeben von Manfred Fuhrmann, S. 37, Reclam 1982, ISBN 978-3-15-007828-0. Im Tractatus wird diese vierteilige Gliederung auf die Komödie übertragen:TC, fol. 249v Folium links, erstes Diagramm. Man liest: πρόλογος, χορικόν, ἐπεισόδιον, ἔξοδος.

Auch die Definition der Komödie im Tractatus sei in Parallelität zur Tragödiendefinition entstanden, wie sie Aristoteles am Anfang des 6. Kapitels seiner Poetik gegeben hat. Diese These untermauert der klassische Philologe Reinhold F. Glei anhand einer synoptischen Gegenüberstellung:Reinhold F. Glei: Aristoteles im Mönchskloster. Bemerkungen zum zweiten Buch der Poetik. In: (Poetica 22, 1990, S. 289/290), doi.

Tragödiendefinition des Aristoteles (Poetik 6, 1449b 24-28): Komödiendefinition im Tractatusἔστιν οὖν τραγῳδίαμίμησις πράξεως σπουδαίας καὶ τελείας μέγεθος ἐχούσης,ἡδυσμένῳ λόγῳχωρὶς ἑκάστῳ τῶν εἰδῶν ἐν τοῖς μορίοις,δρώντων καὶ οὐ δι᾽ ἀπαγγελίαςδι᾽ ἐλέου καὶ φόβουπεραίνουσα τὴν τῶν τοιούτων παθημάτων κάθαρσιν. Die Tragödie ist alsoeine Nachahmung einer guten und in sich geschlossenen Handlungvon bestimmter Größe in anziehend geformter Sprache,wobei diese formenden Mittel in den einzelnen Abschnittenje verschieden angewandt werden –Nachahmung von Handelnden und nicht durch Bericht,die Jammer und Schaudern hervorruftund hierdurch eine Reinigung von derartigen Erregungszuständen bewirkt.κομφδία έστιμίμησις πράξεως γελοίαςκαι άμοίρου μεγέθους τελείου (...)χωρίς έκάστῳ των μορίων ἐν τοῖς εἶδεσι δρῶντος και δι’ ἀπαγγελίαςδι’ ἡδονῆς καὶ γέλωτοςπεραίνουσα τὴν τῶν τοιούτων παθημάτων κάθαρσιν. Die Komödie istNachahmung einer lächerlichen Handlungohne entsprechende Größe (...),wobei die einzelnen Abschnitte in den formenden Mittelnje verschieden angewandt werden –Nachahmung eines Handelnden und durch Bericht,die Vergnügen und Gelächter hervorruftund hierdurch eine Reinigung von derartigen Erregungszuständen bewirkt.

Rezeption in der Wissenschaft Die wissenschaftliche Rezeption des Tractatus Coislinianus reicht bis ins 19. Jahrhundert zurück. Seit der Erstedition von Cramer 1839 wurde der Traktat wiederholt als mögliche Epitome von Poetik II, dem Zweiten Buch von Aristoteles’ Poetik interpretiert.

+ Timeline: Rezeption des Tractatus Coislinianus in der Wissenschaft Jahr Forscher Beitrag 1839 J. A. Cramer Erstveröffentlichung der griechischen Schemata des TC, in: Anecdota Graeca, Epitome der Poetik II1853 Jakob Bernays Produkt eines ungeschickten Kompilators, in: Ergänzung zu Aristoteles' Poetik 1922 Lane Cooper Übersetzung ins Englische, erste Rekonstruktion der Poetik II, in: The Aristotelian Theory of Comedy1980 Umberto Eco literarische Rekonstruktion der ersten Seite von Poetik II in: Der Name der Rose 1984/87 Richard Janko philologische Rekonstruktion der Poetik II, in: Aristotle on Comedy (1984); Aristotle Poetics (1987)1990 H.-G. Nesselrath TC enthält nach-aristotelisches Material, in: Die attische Mittlere Komödie 2015 Walter Watson erneute Rekonstruktion in The Lost Second Book of Aristotle’s “Poetics” John Anthony Cramer, Altertumswissenschaftler, veröffentlichte im Jahr 1839 zum ersten Male den griechischen Tractatus in seinen Anecdota Graeca e codicibus manuscriptis bibliothecarum Oxoniensium descripta. Dabei handelt es sich jedoch nicht um eine vollständige diplomatische Edition, sondern um eine komprimierte, interpretierende Darstellung der drei Folia des TC.

Cramer hält den TC für einen Kommentar zu Aristoteles' Abhandlung über die Kunst der Poesie. Im lateinischen Vorwort zum TC schreibt er in den Anecdota Graeca:

Der klassische Philologe Jakob Bernays entwertete 1853 den Tractatus in seinem Aufsatz Ergänzung zu Aristoteles' Poetik,Jakob Bernays: Ergänzung Zu Aristoteles’ Poetik. In: Rheinisches Museum Für Philologie, vol. 8, 1853, S. 561–96. JSTOR – Accessed 20 Aug. 2025. „in dem er den Nachweis zu führen versuchte, dass der erste Teil des Tractatus, insbesondere die Komödiendefinition, das Produkt eines ungeschickten Kompilators sei und nicht auf authentisch Aristotelisches Material zurückgehe.“

Lane Cooper, Anglist und Literaturwissenschaftler an der Cornell University, veröffentlichte 1922 eine englische Übersetzung von Cramers Tractatus Coislinianus in seinem Buch An Aristotelian Theory of Comedy with an Adaptation of the Poetics and a Translation of the Tractatus Coislinianus.Lane Cooper: An Aristotelian Theory of comedy with an adaptation of the poetics and a translation of the „Tractatus coislinianus“. Kraus Reprint, New York 1969, S. 224–226 (Nachdr. d. Ausg. New York 1922; Übersetzung des Tractatus ins Englische: ). Coopers Übersetzung sollte eine Schrift für Leser ohne Griechischkenntnisse sein.Richard Janko: Poetics: with the Tractatus Coislinianus, reconstruction of Poetics II, and the fragments of the On Poets: A Hypothetical Reconstruction of Poetics II. Hackett Publishing, 1989, ISBN 0-87220-034-5, S. 3 (): für „the Greekless reader“. Er lässt offen, ob es sich beim TC wirklich um einen aristotelischen Text handelt. Er betont die Kernaussage des Tractatus, nach der auch die Komödie eine Form der Katharsis bewirke:

Der Gräzist Richard Janko versuchte ab 1984 auf Grundlage des Tractatus das hypothetische zweite Buch der Poetik zu rekonstruieren.Richard Janko: Aristotle on Comedy. Towards a Reconstruction of Poetics II. Duckworth London 1984/2002, ISBN 0-7156-3169-1.Richard Janko: Poetics: with the Tractatus Coislinianus, reconstruction of Poetics II, and the fragments of the On Poets: A Hypothetical Reconstruction of Poetics II. Hackett Publishing, 1989, ISBN 0-87220-034-5, S. 47 (). Zu Lane Coopers Schrift bezog er sehr kritisch Stellung. Vor allem warf er ihm vor, ein rein englischsprachiges Buch geschrieben und auf jedwedes griechische Wort verzichtet zu haben:

Der Altphilologe Heinz-Günther Nesselrath setzte sich in seiner Habilitatiionsschrift Die attische Mittlere Komödie auf den Seiten 102 – 149 kritisch mit dem TC auseinander, insbesondere mit der von Richard Janko vertretenen These, der TC sei eine Epitome der Poetik II des Aristoteles:

Laut Nesselraths Studien ist es höchst unwahrscheinlich, dass der TC in seiner Gänze auf Aristotles zurückgehe. Stattdessen argumentiert Nesselrath, dass der Traktat Material enthalte, welches auf seinen Schüler Theophrastus zurückgehe.

Walter Watson, US-amerikanische Philosoph, stützt 2012 mit philosophischen, nicht-philologischen Argumenten in The Lost Second Book of Aristotle’s Poetics die Annahme Jankos, der Tractatus sei eine Zusammenfassung des vermuteten zweiten Buches der Poetik.Vergleiche bereits Walter Watson: The Lost Second Book of Aristotle’s “Poetics”. University of Chicago Press, 2015, ISBN 978-0-226-27411-9, S. 9 f. (). Ausschlaggebend sei, dass die Komödientheorie im TC makellos mit Aristoteles Tragödien- und Dichtungstheorie harmoniere:

In einer positiven Rezension zu Watsons Buch schreibt Richard F. Hardin:

Daniel Larose schreibt dagegen eine sehr negative Rezension zu Watsons Buch:

Der Name der Rose und der Tractatus Coislinianus