Als Hunslet Austerity 0-6-0 ST wird eine Klasse britischer Tenderlokomotiven der Achsfolge C (0-6-0 nach der Whyte-Notation) mit Satteltank bezeichnet, die als Kriegslokomotiven vom War Department (Kriegsministerium) des Vereinigten Königreichs ab 1943 bei diversen Herstellern nach einem Entwurf der Firma Hunslet beschafft wurden. Sie waren sowohl für den Einsatz in Großbritannien im Zuge der Vorbereitung der alliierten Invasion in der Normandie als auch nach der Invasion auf dem europäischen Kontinent zur Sicherstellung des Nachschubs vorgesehen. Nach dem Krieg wurde ein Teil der Lokomotiven als Klasse J94 in den Bestand der London and North Eastern Railway (LNER) übernommen, die 1948 infolge des Transport Act 1947 an British Railways als neugegründete Staatsbahn überging. Weitere Maschinen gingen an Werksbahnen und Bergwerke. Von den auf dem europäischen Festland eingesetzten Lokomotiven blieb ein Teil in den Niederlanden. 27 Maschinen kamen als Baureihe 8800 zur Staatsbahn Nederlandse Spoorwegen (NS), weitere Exemplare an die Nederlandse Staatsmijnen. Weitere Maschinen verblieben in Frankreich und Tunesien. In Großbritannien wurden zwischen 1946 und 1964 zusätzlich zu den 377 vom War Department beschafften Exemplaren weitere 108 Stück für Industrie- und Werksbahnen gebaut, darunter alleine 77 Maschinen für das National Coal Board, in dem alle verstaatlichten Kohlenbergwerke in Großbritannien zusammengefasst worden waren. Die letzten Maschinen von British Railways wurden 1967 abgestellt, auf Industrie- und Werksbahnen blieben die letzten Exemplare bis Mitte der 1980er Jahre im Einsatz. Rund 75 Maschinen sind bei Museumsbahnen und Museen in Großbritannien, den Niederlanden, Belgien und Tunesien erhalten geblieben, die größte Anzahl erhaltener Dampflokomotiven eines britischen Typs.

Geschichte Konstruktion und Beschaffung Im Zuge der Vorbereitungen zur Invasion erwarteten die Planer im Ministry of Supply (MOS) und dem War Department (WD) beim Erfolg der Landungen nicht nur absehbaren Bedarf an einer großen Stückzahl von Lokomotiven für die Beförderung von Nachschubzügen auf dem europäischen Festland, sondern auch für eine leistungsfähige Rangierlokomotive. Das War Department hatte 1939 für seine Zwecke ursprünglich eine Nachbeschaffung der Fowler Class 3F der London, Midland and Scottish Railway (LMS) ins Auge gefasst. Der Hersteller Hunslet überzeugte das War Department jedoch davon, dass eine vereinfachte Version einer von ihm Ende der 1930er Jahre entwickelten, moderneren Satteltanklokomotive für Industrie- und Werksbahnen, für die vorgesehenen Zwecke besser geeignet wäre, als der veraltete, aus dem Jahr 1924 stammende Entwurf der LMS.Preserved British Steam Locomotives: J94 68006 – 68080 0-6-0ST MOS (War Department), abgerufen am 13. August 2025 Die von Hunslet als 50550 Class bezeichnete Konstruktion war wiederum die Weiterentwicklung älterer Entwürfe, basierend auf einem erstmals 1923 entstandenen Entwurf einer Satteltanklokomotive mit Innenzylindern für Werks- und Industriebahnen.H. A. Gamble: The 18in Hunslets, THE INDUSTRIAL RAILWAY RECORD, No. 23 - p2-16, February 1969

Robin Riddles, der Leiter des Directorate of Transport Equipment im MOS, erhielt daher 1942 den Auftrag, aus dem Hunslet-Entwurf eine vereinfachte Version für die Beschaffung einer großen Serie abzuleiten. Die Konstruktion sollte möglichst einfach zu bauen und zu warten sein, auch für geringe Achslasten und schlecht verlegte Gleise geeignet sein sowie mit unterschiedlichen Brennstoffqualitäten zurechtkommen. Sie sollten Züge mit über 1100 Tonnen in der Ebene in Gang setzen können, auf Steigungen von 20 ‰ noch 300 Tonnen. Bereits am 1. Januar 1943 verließ die erste Maschine mit der Fabriknummer 2849 das Werk von Hunslet in Leeds.Steve Turner: World War 2 and a really useful class of steam engine, Office of Rail and Road, 8. Mai 2020, abgerufen am 13. August 2025 Bis 1946 entstanden insgesamt 377 Lokomotiven im Auftrag des War Department. Hunslet vergab den Bau eines Teils der Maschinen an Unterauftragnehmer, so dass neben den 120 bei Hunslet gebauten Exemplaren 15 bei Barclay, 52 bei Bagnall, 50 bei Hudswell Clarke, 90 bei Robert Stephenson & Hawthorns (RSH) und 50 bei Vulcan Foundry entstanden. Zwei weitere Maschinen entstanden für Steinkohlenbergwerke.

Nach dem Krieg wurden weitere Maschinen gebaut, nachdem sie sich während des Krieges sehr bewährt hatten. Bis 1964 entstanden weitere Exemplare, insgesamt wurden zwischen 1943 und 1964 von den Austerities 485 Stück gebaut. Den Großteil der Nachbauten ab 1946 baute Hunslet, zwei Stück lieferten Robert Stephenson & Hawthorns und als bislang nicht beteiligter Hersteller erbaute die Yorkshire Engine Company 1954 acht Exemplare. Der Großteil der nachbeschafften Maschinen, insgesamt 77 Stück, wurde vom National Coal Board für den Einsatz in Steinkohlebergwerken beschafft, zusätzlich zu bereits zuvor gebraucht vom WD erworbenen Maschinen. Auch das War Department bestellte 1952 nochmals 14 Maschinen für militärische Zwecke nach, die 1953 geliefert wurden. Weitere Maschinen gingen an Stahlwerke, wie etwa den Stahlhersteller Guest, Keen and Nettlefolds, und andere Industriebetriebe. Die von Hunslet im März 1964 an das NCB ausgelieferte Lokomotive mit der Fabriknummer 3890 war die letzte in Großbritannien für den heimischen Markt in Normalspur gebaute Dampflokomotive vor dem Bau der 60163 Tornado im Jahr 2008.Preserved British Steam Locomotives: Hunslet Works No 3890 NCB 66 0-6-0ST, abgerufen am 20. August 2025

Einsatz während des Krieges Die Maschinen fanden sehr unterschiedliche Einsatzzwecke. Ein Teil blieb in Großbritannien und wurde in Depots der British Army eingesetzt, die teils recht umfangreiche Gleisnetze besaßen. Weitere Maschinen wurden in Häfen eingesetzt, in denen ab Juni 1944 Nachschub für die auf dem europäischen Festland kämpfenden alliierten Truppen verladen wurde. Viele wurden im Nachgang der Invasion auf das Festland gebracht und kamen dort für ähnliche Zwecke zum Einsatz, sie ersetzten zudem beschädigte oder von der Wehrmacht vor den Alliierten in Sicherheit gebrachte einheimische Lokomotiven in Belgien, Frankreich und den Niederlanden während des Betriebs der Strecken durch britische Eisenbahntruppen. Einige Lokomotiven kamen auch in Nordafrika zum Einsatz. Ein Teil der Maschinen war während des Krieges bereits auf Vorrat gebaut worden und kam nicht mehr zum Einsatz; diese Maschinen wurden in Militärdepots hinterstellt.

Verbleib und Einsatz nach dem Krieg Nach dem Ende des Krieges reduzierte sich der militärische Bedarf spürbar. Das WD verkaufte daher einen Großteil der Maschinen. Immerhin 90 Stück blieben zunächst im Einsatz in Militärdepots und anderen Armeeeinrichtungen wie etwa der für Übungszwecke unterhaltenen Militäreisenbahn Longmoor. 75 Exemplare erwarb die London and North Eastern Railway (LNER), 27 wurden zunächst an die Nederlandse Spoorwegen (NS) vermietet und von diesen 1947 erworben, 11 wurden an die Nederlandse Staatsmijnen vermietet, die schließlich neun davon in ihren Bestand übernahm, und sechs gingen nach Tunesien an die Chemins de fer Tunisiens (CFT). Viele der nach Großbritannien zurückgebrachten Exemplare gingen an Bergwerke, Stahlwerke und andere Industriebetriebe, auch Hafenbahnen übernahmen die dank ihres kurzen Radstands für deren oftmals enge Radien gut geeigneten Maschinen, so etwa die Port of London Authority. Einige Maschinen blieben in Frankreich und kamen zu dortigen Privat- und Werksbahnen, bei manchen Maschinen ist jedoch ihr Schicksal nach dem Krieg nicht mehr nachvollziehbar.

LNER mini|Lokomotive 68060 im Jahr 1961 im Einsatz in Darlington Die LNER hatte bereits im Januar 1945 die Unterhaltung von 25 Lokomotiven des WD übernommen und eine leihweise in ihren Bestand übernommen. Nach dem Krieg hatte die LNER Bedarf an leistungsfähigen Rangierlokomotiven. Statt einer Neuentwicklung oder einer Nachbeschaffung der bisherigen Standard-Rangierlokomotive der Klasse J50, einer bereits aus dem Jahr 1913 stammenden Konstruktion, erwarb die LNER nach eingehenden Vergleichsfahrten insgesamt 75 Exemplare der Hunslet Austerity und reihte sie als Klasse J94 in ihren Bestand ein. 29 der Maschinen wurden direkt vom Einsatz beim Militär übernommen, 40 waren neu bzw. während des Krieges auf Vorrat gebaut und nicht zum Einsatz gekommen und sechs Stück kamen aus der noch laufenden Fertigung im Auftrag des WD. Sowohl die aus dem Militärdienst übernommenen wie auch die in Depots hinterstellten Maschinen erforderten teils erhebliche Reparaturen und längere Werkstattaufenthalte, bevor sie von der LNER eingesetzt werden konnten. Insbesondere Schäden in den Radsatzlagern waren verbreitet. Außerdem nahm die LNER kleinere Anpassungsarbeiten vor, wie etwa die Installation neuer Sitze und von Seitentüren. 1947 erhielt ein Teil der Maschinen vergrößerte Kohlenbunker.LNER Encyclopedia: The Riddles J94 (WD Austerity) 0-6-0ST Locomotives, abgerufen am 13. August 2025

Eingesetzt wurden die Maschinen durch die LNER vor allem in Häfen und Rangierbahnhöfen im Norden Englands. Alleine 25 Maschinen kamen in das Depot von Immingham für den Dienst in den dortigen Hafenanlagen und Rangierbahnhöfen. Weitere Maschinen kamen bspw. nach Darlington, Selby, West Hartlepool und York.

British Railways Im Zuge des Transport Act 1947 ging die LNER zum 1. Januar 1948 in der neuen Staatsbahn British Railways (BR) auf. BR übernahm alle 75 Exemplare der Klasse J94 und stufte sie in die Leistungsklasse 4F ein. Die LNER-Nummern 8006–8080 wurden wie bei allen LNER-Lokomotiven durch eine vorangestellte 6 ergänzt. Im Vergleich zu LNER-Zeiten fanden die Maschinen eine weitere Verbreitung und wurden auf mehr Depots verteilt. Dazu gehörten auch Depots in der London Midland Region wie etwa in Birkenhead oder Wrexham. Sie übernahmen neben Rangierdiensten auch Übergabezüge auf kurzen Stichstrecken und zu Industrieanschlüssen. Besonders geeignet erwiesen sie sich für Strecken mit schwierigen Betriebsverhältnissen aufgrund von Steigungen oder engen Radien, so etwa der von Wrexham ausgehenden Brymbo Branch und der Cromford and High Peak Railway. 1960 begann BR mit der Ausmusterung erster Maschinen. Sechs Exemplare gingen zwischen 1963 und 1966 an Kohlenbergwerke, die übrigen wurden schrittweise abgestellt. Am 1. Januar 1965 waren noch 13 Stück im Bestand. Die letzte Einsatzstrecke war die Reststrecke der Cromford and High Peak Railway, die am 21. April 1967 stillgelegt wurde. Seit 1956 waren zeitweise bis zu fünf, zuletzt noch zwei Maschinen dort eingesetzt worden. Mit der Einstellung der Strecke wurden auch die letzten beiden Hunslet Austerities aus dem Bestand von British Rail genommen.

Nederlandse Spoorwegen mini|Ausgemusterte Lokomotive 8806 der Nederlandse Spoorwegen (NS) im Jahr 1957 zusammen mit den Lokomotiven NS 3707 und NS 4398 Insgesamt 31 Maschinen kamen Mitte 1945 nach ihrem Dienst für die alliierten Truppen in die Niederlande und wurden von den Nederlandse Spoorwegen (NS) zunächst angemietet, vier davon aber bald an die Nederlandse Staatsmijnen, ein staatliches niederländisches Bergwerksunternehmen, abgegeben. 1947 erwarben die NS die 27 Maschinen und setzten sie weiter vorwiegend im Rangierdienst ein. Ob ihrer Leistungsfähigkeit waren sie bei den NS-Personalen recht beliebt. Sechs Maschinen wurden zwischen 1953 und 1956 verkauft, fünf davon an die Bergwerksgesellschaft Laura en Vereeniging, die im Limburger Revier in Eygelshoven die beiden Steinkohlenbergwerke Laura und Julia betrieb. Die sechste Maschine ging an eine Zuckerfabrik in Roosendaal. Zwischen 1955 und 1957 musterten die NS die übrigen Lokomotiven schrittweise aus, nachdem ausreichend Diesellokomotiven als Ersatz beschafft worden waren.

War Department mini|Lokomotive WD 71487 im Jahr 1951 gastweise im British-Railways-Depot Cambridge