Josef Ludwig Räuscher (* 10. August 1889 in Hainfeld bei St. Pölten (Niederösterreich); † 23. Januar 1937 in St. Pölten), meist nur Josef Räuscher, war ein deutsch-österreichischer Journalist und Radiopionier. Er war der erste Chefredakteur der Nachrichtenzentrale des deutschen Rundfunks (1926–32).

Er veröffentlichte außer mit Klarnamen unter den Pseudonymen Georg Antenna, Radiator, Viator, Dr. H. Sehann, Rudolf Jantzen und Rosinenmann.

Leben Sein Vater Josef Räuscher (1863–1930) war Pädagoge. Nach ihm ist in St. Pölten die Räuschergasse benannt, weil er als Inspektor, Direktor und Schulrat das gewerbliche Berufsschulwesen ausbaute.Manfred Wieninger: St. Pöltner Straßennamen erzählen. Innsbruck, Studienverlag 2017. Katholisch erzogen, studierte der Sohn an der Universität Wien Germanistik und Philologie. 1912 schloss er das Studium mit dem Doktorgrad ab. Seine Dissertation Die Namengebung in Ifflands Dramen beschäftigte sich mit den Theaterstücken des deutschen Dramatikers August Wilhelm Iffland.Die Namengebung in Ifflands Dramen, Dissertation, Hochschulschrift, Universität Wien 1912 [139 Bl.] (Katalogeintrag). Ab 1909 publizierte er Lyrik und Feuilletonbeiträge in Kulturzeitschriften, darunter Der Brenner und Der Merker. Seine geistigen Interessen entwickelte er u. a. im engeren Freundeskreis des Philosophen Ferdinand Ebner, über den er später selbst schrieb.Josef Räuscher, „Von Mauthner zu Ebner : Sprachkritik und Sprachwirklichkeit'“, in: Hochland 22. Jg., 7. Heft, April 1925, S. 86–94.Josef Räuscher, „Ferdinand Ebner“ [Nachruf], in: Hochland, 30. Jg., 7. Heft, April 1933, S. 86–89. Räuscher beschäftigte sich zudem intensiv mit Richard Wagner und Karl Kraus.Gerald Stieg: Der Brenner und die Fackel : ein Beitrag zur Wirkungsgeschichte von Kar Kraus. Otto Müller, Salzburg 1976, S. 208 (Archive.org).

Nach dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs 1914 wurde Räuscher Soldat, er meldete sich freiwillig und diente in einem deutschen Truppenteil der österreichischen Armee. Er kehrte als Offizier aus dem Krieg zurück. 1920 wurde er in Berlin ansässig. Am 10. Dezember 1921 heiratete er in Wien Risa Morberger (* 5. Oktober 1886 in Wien; † 1942 vermutlich bei Belzec). Er war katholisch, sie jüdisch.Sterbe-Buch 124/937, Eintrag Nr. 8, Dom St. Pölten, Diözesanarchiv St. Pölten, Katholische Kirchenbücher; Ref. 03–14, abgerufen am 11. August 2025 von Ancestry.com.

Zeitungs- und Agenturjournalist in Berlin Räuscher, der wohl kein Volontariat absolviert hatte, fand als Seiteneinsteiger zunächst Beschäftigung bei der liberalen Tageszeitung Berliner Börsen-Courier, bei der Börsen-Zeitung und der Tageszeitung der Zentrumspartei Germania. Er veröffentlichte auch Beiträge in der Weltbühne. Räuscher wurde schließlich 1921 Redakteur beim Dammert-Verlag, einer Gruppe von Pressediensten (Korrespondenzen), die die zum Hugenberg-Konzern gehörige Telegraphen-Union (TU) im März 1921 von Unternehmensgründer Rudolf Dammert gekauft hatte. Die Dammert-Dienste fächerten sich politisch nach unterschiedlichen Richtungen auf, es gab parteiferne, liberale als auch konservativ gefärbte Dienste. Zunächst wurden republikanisch–liberal gesinnte Redakteure weiterbeschäftigt. Als die TU auf Hugenbergs Betreiben einen scharfen Rechtskurs zugunsten der DNVP fuhr, verließ im Winter 1924/25 eine Reihe bekannter Journalisten die Redaktionen. Dazu gehörte auch Räuscher, der unter dem Dammert-Dach Chefredakteur der nominell parteipolitisch neutralen, für die Presse des Typs Generalanzeiger gestalteten Ausgabe „B“ des Berliner Dienstes gewesen war. Die politisch begründeten Kündigungen wurden in der Fach- und Meinungspresse kontrovers diskutiert. Sie ließen die Kritik an der Expansion des Hugenberg-Konzerns und das Fehlen einer politisch unabhängigen Nachrichtenagentur neben der TU und dem „offiziösen“ Wolffs Telegraphischem Bureau (WTB) prominent hervortreten.Martin Neitemeier, „Die Telegraphen-Union“, in: Jürgen Wilke (Hrsg.): Telegraphenbüros und Nachrichtenagenturen in Deutschland. München: K. G. Saur, 87134, hier: S. 110ff.Aub, Walter. „Der Fall Hugenberg“, in: Die Weltbühne S. 286–293, hier: S. [Volltext HathiTrust]„Reaktion und Nachrichtenwesen: weitere Rechtsschwenkung in der Telegraphenunion“, in: Vorwärts, 41. Jg. Nr. 516, 1. November 1924, Morgenausgabe, S. 1 ().„Ein wertloses Dementi: die Rechtsschwenkung der Telegraphenunion“, in: Berliner Tageblatt, 30. November 1924, S. 3 (ZEFYS Stabi Berlin). Räuscher selbst beteiligte sich an den Debatten, und er vertrat fortan dezidiert die Forderung nach politischer Unabhängigkeit im Nachrichtengeschäft.

Nachdem der frühere Regierungssprecher Carl Spiecker (Zentrumspartei) im Mai 1925 die dezidiert parteipolitisch neutrale Presseagentur Reichsdienst der deutschen Presse (Deutsche Nachrichten- und Korrespondenz-Gesellschaft mbH) in Berlin gegründet hatte, holte er Räuscher in die neue Redaktion. Von Juli bis November 1925 zeichnete Räuscher als für Politik und Feuilleton verantwortlicher Chefredakteur. Es kam zu Konflikten, man trennte sich. Räuscher ging zu seinem früheren Arbeitgeber Berliner Börsen-Courier zurück. Er blieb dort von Januar bis November 1926.Literaturarchiv der Österreichischen Nationalbibliothek (April 2009), Personenlexikon Nachlässe in Österreich https://data.onb.ac.at/nlv_lex/perslex/R/Raeuscher_Josef.htm, abgerufen am 11. August 2025.

Rundfunk Im Frühjahr 1926 begann der Aufsichtsrat der Drahtloser Dienst AG (Dradag), der Nachrichtenzentrale des 1923 gegründeten und 1926 reorganisierten staatlichen Rundfunks, die politisch brisante Suche nach einem Chefredakteur. Räuscher bewarb sich als einer von neun Kandidaten. Er galt als Mann des linken Zentrumsflügels und persönlicher Freund des früheren Reichskanzler Joseph Wirth (Zentrum), wurde aber vom preußischen Ministerpräsident Otto Braun (SPD) vorgeschlagen. Ein mehrmonatiger, intrigenreicher Machtkampf begann. Es gab Widerstand gegen Räuschers Qualifikation und österreichische Staatsbürgerschaft (er ließ sich im August 1926 einbürgern). Am 14. Oktober 1926 wurde er an die Spitze der Dradag berufen. Er trat den Dienst am 1. Dezember 1926 an.Dietz Schwiesau: „,Ein Rundfunkredakteur mit Lust, Liebe und Begeisterung‘ : Erinnerungen an den ersten Nachrichtenchef des deutschen Rundfunks, Josef Räuscher“, in: Ines Bose, Dietz Schwiesau (Hrsg.): Nachrichten schreiben, sprechen, hören. Forschungen zur Hörverständlichkeit von Radionachrichten. Berlin 2011, S. 245–282 (Manuskript im Webarchiv auf Nachrichtenzukunft.de, S. 3 Homepage Dietz Schwiesau). Er blieb dort Chefredakteur, bis er am 30. September 1932 entlassen wurde.

Das Verhältnis von Rundfunk und Presse Räuscher war nicht nur Redaktionsmanager und Journalist, er profilierte sich auch als Mitwirkender in Medienpolitik und Berufspolitik. Er veröffentlichte eine größere Anzahl von Fachbeiträgen in einschlägigen Zeitschriften wie Deutsche Presse, Die Sendung, Funk, Rufer und Hörer, Funk-Stunde, Funk-Express, Der Deutsche Rundfunk sowie dem Rundfunkjahrbuch. Er ergänzte die veröffentlichten Dradag-Jahresberichte durch längere persönliche Ergänzungen. Außerdem trat er als Vortragender vielfach auf Verbandsveranstaltungen und Fachmessen auf, um sich dem Dialog mit Berufskollegen zu stellen und eigene Positionen zu vertreten.

Ein Kernkonflikt bei Einführung des Rundfunks war die neuartige Konkurrenz zwischen Zeitungen, Zeitschriften und dem neuen Medium. Räuscher beteiligte sich intensiv an der Debatte und versuchte das neuartige Bild des Rundfunkjournalismus zu formen. Er vertrat engagiert die Position, dass sich gedruckter und gesendeter Journalismus gut ergänzten. Den Zeitungen drohe vom Rundfunk keine Gefahr. Die Zeitung äußere und bilde Meinungen, der Rundfunk als solcher dürfe Meinungen nicht äußern. Die kurzen Radionachrichten reizten geradezu zur vertieften Zeitungslektüre. Der Rundfunk sei zugleich in der Lage, auch „staatsbürgerliche Interessen in bisher völlig indifferenten Köpfen“ zu wecken. Räuscher kämpfte dafür, Rundfunkjournalisten als gleichberechtigt und gleichwertig anzuerkennen. Sie seien keine „Nicht-Journalisten oder Journalisten 2. Klasse“. Der Radiokollege „stehe ganz auf gleicher Linie mit dem Nachrichtenredakteur; daß der eine für das Mikrophon, der andere für die Linotype arbeite, mache keinen Unterschied.“Anon. „Rundfunk und Presse : Vortragsabend des Bezirksverbandes Berlin [des Reichsverbands der deutschen Presse]“, in: Deutsche Presse 19. Jg., Nr. 50, 14. Dezember 1929, S. 769 (Volltext HathiTrust).

Sprache und Stil von Hörfunknachrichten Praktisch und intellektuell suchte Räuscher nach den Eigenarten der Tätigkeit für das neue Medium. Er arbeitete Maximen heraus, reflektierte die tägliche Erfahrung und versuchte die besten Praktiken in seiner Redaktion verbindlich umzusetzen. So gab er seinen Redaktionsmitgliedern klare Richtlinien für die sprachliche Gestaltung vor; seine „Stilregeln“ werden oft noch heute zitiert.„Stilregeln“ für die Rundfunknachrichten-Redaktion, ursprünglich aus Drahtloser Dienst AG, Jahresbericht 1928/29 bei nachrichtenzukunft.de, abgerufen am 11. August 2025. Die meisten Mitarbeiter hatten wie er selbst kaum oder keine Funkerfahrung, sondern kamen von der Presse. Räuscher war überzeugt, dass die Radionachricht anders formuliert, redigiert und präsentiert werden müsse als die Agentur- oder Zeitungsmeldung. Er beschrieb in Fach- und Publikumszeitschriften sowie Vorträgen, darunter auch im Radio selbst, einen „Hör-Stil“ oder „akustischen Nachrichtenstil“, der fürs Ohr und nicht fürs Auge geschrieben werden sollte.Josef Räuscher (1930), „Akustischer Nachrichtenstil“ [Vortrag für die Funk-Stunde Berlin am 24. Juni 1930], zit. als Quelle Nr. 12 nach Konrad Dussel, Edgar Lersch (Hrsg.): Quellen zur Programmgeschichte des deutschen Hörfunks und Fernsehens (Quellensammlung zur Kulturgeschichte). Muster-Schmidt, Göttingen 1999, S. 70–74. Er sah, so fasst die Medienwissenschaftlerin Julia Eckel zusammen, „eine ganz eigene Text- bzw. Sprachgattung heraufdämmern“.Julia Eckel: Das Audioviduum : eine Theoriegeschichte des Menschenmotivs in audiovisuellen Medien. Edition Medienwissenschaft, Band 79. Transcript, Bielefeld 2021, S. 243, https://doi.org/10.14361/9783839453209 (Volltext Transcript).

Internationale Tätigkeit Räuscher berichtete mehrfach selbst von internationalen Konferenzen und vom Völkerbund in Genf. Als das Völkerbund-Sekretariat erwog, einen eigenen Nachrichtendienst und Radiosender zu errichten, wurde Räuscher als sachverständiger Berater nach Genf eingeladen.H. G. G. „Der Völkerbund und seine Sender : Telegraphie und Rundfunk“, in: Funk Nr. 37, 1929, S. 171 (Volltext HathiTrust).