mini|Grabstein der Familie Hinckeldeyn auf dem Burgtorfriedhof Johannes Carl Heinrich Friedrich Hinckeldeyn (* 17. Januar 1846 in Lübeck; † 21. September 1886 in Lübeck) war ein Arzt und Mitglied der lübeckischen Bürgerschaft.
Leben Herkunft Hinckeldeyn gehörte einer angesehenen alten lübeckischen Familie an. Sein Vater, Carl Adolph, war Kunst- und Handelsgärtner und wurde Mitinhaber der Firma Christ. v. Brocken nachdem er am 22. November 1827 dessen am 10. Juni 1836 verstorbene Tochter Johanna Magdalena Henriette heiratete.
Am 24. November 1842 heiratete Hinckeldeyn Augusta Sophie Juliana Elisabeth Burmester. Seine Geschwister Carl August Johannes„Exzellenz Wirklicher Geheimrat Karl Adolf Hinckeldeyn“, In: Vaterstädtische Blätter, 1907, Architekt und preußischer Baubeamter, seine Schwester Ida Auguste Sophia, Begründerin der heutigen lübeckischen Thomas-Mann-Schule, und Paul Nicolaus, lübeckischer Kaufmann und auch Mitglied der Bürgerschaft, waren ihre Kinder. Paul war das jüngste von Hinckeldeyns zehn Kindern.
Laufbahn Nach dem Studium der Medizin mit bestandenem Examen trat Hinckeldeyn (#47) 1869 in den Ärztlichen Verein, wo er bald durch seine Stellung, Kenntnisse und Redegabe eine beherrschende Rolle spielen sollte, ein. Er war von 1873 bis 1879 dessen Schriftführer und bekleidete 1882 das Amt des Vorsitzenden. Am 24. März 1870 wurde er zum Assistenzarzt unter Thomas Heinrich Theodor Buck Der am 16. Oktober 1805 geborene Buck ließ sich 1829 in Lübeck nieder. Als Arzt in St.-Annen-Kloster, das sowohl als Arbeits- und Zuchthaus wie auch als Kranken- und Siechenhaus diente, bildete er sich, vor allem in der Chirurgie, weiter. Da dies sein Spezialfach wurde, übertrug der Senat ihm 1850 das Amt des dirigierenden Arztes am neuen Krankenhaus. Er verwaltete es bis 1872 und eine ganze Generation Lübecker Ärzte gehörte zu seinen Assistenten. Unter ihnen waren Heinr. Arnold Horning, Lübstorff, Cordes, Mollwo, Maret und Hinckeldeyn. Zwischen dem Chef und seinen jungen Kollegen bestand ein Verhältnis wechselseitiger Belehrung. Dies war neu. Selbst als leitender Krankenhausarzt ließ er sich von seinen Assistenten in die Errungenschaften der neuen Zeit einweihen und holte als erfahrener Praktiker das nach, was er in seiner Jugend nicht lernen konnte. Joh. Heinr. Frieddr. Lübstorff, geboren am 31. Dezember 1824 in Lübeck, besaß eine umfassende ärztliche Vorbildung und eine schwächliche, ihn schon mit 38 sterben lassende, Gesundheit. Als erster Hygieniker Lübecks machte er sich um das Wohl seiner Vaterstadt hochverdient. Er hatte sich vor allem dem Studium und der Pflege des öffentlichen Gesundheitswesens gewidmet. Sein 1861 erschienenes Werk „Beiträge zur Kenntnis des Gesundheitszustandes der Stadt Lübeck“ vollendete er auf seinem dreijährigen Krankenlager. Sie zeigte, dass Lübeck noch um die Mitte des 19. Jahrhunderts auf dem hygienischen Gebiet in fast mittelalterlichen Zuständen lebte. Der Senat ging nach der Cholera von 1832 davon aus, den Forderungen der Hygiene durch die Verlegung der Begräbnsiplätze vor die Tore Genüge getan zu haben. Der Ärztliche Verein hatte die Schließung der Kirchhöfe in der Innenstadt gegen den Widerstand des Senates durchgesetzt. Lübstorffs Veröffentlichung wies erstmals mit unwiderlegbaren Zahlen nach, wie trostlos das öffentliche Gesundheitswesen der Stadt war und stellte zwei Grundforderungen:Kanalisation und bessere Wasserversorgung. Carl Andreas Hermann Mollwo (1836–1909) war der zweite Sohn des Niedergerichtsprokurators Ludwig Mollwo. Er entstammte einer lübeckischen Kaufmannsfamilie, die Ende des 17. Jahrhunderts aus Frankreich eingewandert war. Er besuchte das Katharineum, aus dem er 1855 als Primus Omnium. Seit 1855 bereitete er sich an der Göttinger Hochschule unter Jakob Henle, Siebert und Wilhelm Baum auf den ärztlichen Beruf vor. Am 4. Mai 1858 promovierte er. In Würzburg und Berlin lernte er bei Johannes Müller, Rudolf Virchow, Johann Lukas Schönlein und Moritz Heinrich Romberg. Als er 1860 sein Staatsexamen in Berlin bestanden hatte, ließ er sich am 31. März in seiner Vaterstadt nieder und wurde zunächst Assistenzarzt am Allgemeinen (Dom-) Krankenhaus. Die fünf Buckschen Jahre hatten ihn geprägt. Er verschaffte Lübstorff die Grundlagen, die dieser zur Abfassung seiner Schrift brauchte. Zudem unterstützte er ihn jahrelang bei der Durchforschung der Gänge und Höfe. Noch als Assistenzarzt trat er eine auf zwei Monate bemessene Studienreise über Berlin, Prag und Wien an. Nachdem er bereits Anton Friedrich von Tröltsch in Würzburg hörte, vervollkommnete er sich bei Adam Politzer in Wien und verschaffte sich bei Ferdinand von Arlt Übung im Gebrauch des den Lübecker Ärzten noch unbekannten Augenspiegels. 1865 trat er in die allgemeine Praxis ein. Er gehörte jahrelang dem Medizinkollegium, der Vorsteherschaft des Krankenhauses und später der Ärztekammer an. Beim Ärztlichen Verein verwaltete er zehn Jahre dessen Bibliothek, war sechs Jahre lang ihr Schriftführer und bekleidete viermal das Amt des Präses. Die ihm nach dem Abgang Bucks übertragene Oberleitung des Krankenhauses legte er bereits nach zwei Jahren wieder nieder. Er konnte die Stellung so, wie sie es erforderte, nicht ausfüllen und sah sich außerstande, deren hygienische Übelstände zu beseitigen. Zudem war er seit 1865 Hausarzt am Waisenhaus und seit 1872 Revisionsarzt der Deutschen Lebensversicherungsgesellschaft. Nachdem er 1896 seine nebenamtlichen Tätigkeiten beendete, er Ende 1906 seine Praxis. Th. E.: Dr. med. Carl Mollwo †. In: Lübeckische Blätter, 51. Jg., Nummer 40, Ausgabe vom 30 Oktober 1909, S. 581–583. Johann Jakob Carl Maret wurde am 18. Juli 1837 in Hanau geboren, studierte von 1858 bis 1862 in Marburg und Würzburg Medizin, dissertierte über akute eitrige Gelenkentzündung und erwarb im Winter 1863/64 in Kassel sein Staatsexamen. Von 1863 war er freiwilliger Assistenzarzt im Landeskrankenhause Hanau und einige Monate in Berlin, bevor er 1865 bis 1870 die Stelle des hiesigen Assistenzarztes bekleidete. Gleichzeitig eröffnete er im Mai 1867 seine eigene Praxis. Im Oktober trat er den Ärztlichen Verein bei, war von 1870 bis 1872 dessen Schriftführer und führte von 1886 bis 1889 dessen Vorsitz. Nach der Einrichtung der Ärztekammer ist er ebenfalls in deren Vorstand gewählt worden und übernahm auch hier, wie schon vorher in der Witwenkasse des Ärztlichen Vereins, die Kassenführung. Während des Deutsch-Französischen Krieges erwarbe er sich in Lübeck besondere Verdienste als Barackenarzt, war in den 70ern kurzfristig Polizeiarzt und ab 1878 Bahnarzt bei der LBEG. Rn.: Dr. med. Carl Maret †. In: Lübeckische Blätter, 46. Jg., Nummer 44, Ausgabe vom 30. Oktober 1904, S. 622–623. Dr. Friedrich von Rohden: Der ärztliche Verein zu Lübeck – 1809–1959, Die Ärzteschaft, Verlag Max Schmidt-Römhild, Lübeck 1959, S. 26. am seinerzeit Dom-Krankenhaus erwähltLocal- und vermischte Notizen. In: Lübeckische Blätter, 23. Jahrgang, Nummer 99, Ausgabe vom 11. Dezember 1881, S. 140. und bekleidete das Amt fast drei Jahre. Als der Arzt Mollwo auf sein Ansuchen als dirigierender ArztDer Begriff "dirigierender Arzt" ist nicht eindeutig definiert und kann je nach Kontext unterschiedliche Bedeutungen haben. In der Regel bezieht er sich auf einen Arzt, der eine leitende Position innehat und die Verantwortung für die medizinische Leitung einer Abteilung oder Einrichtung trägt. In Lübeck gibt es verschiedene Ärzte, die als "dirigierender Arzt" bezeichnet werden könnten, je nachdem, in welchem Kontext die Frage gestellt wird. des Krankenhauses entlassen wurde, erwählte der Senat am 11. August 1875 Hinckeldeyn. Dieser trat sie zu Michaelis an.Local- und vermischte Notizen. In: Lübeckische Blätter, 17. Jahrgang, Nummer 65, Ausgabe vom 15. August 1875, S. 364.
mini|Dom-Krankenhaus Das Krankenhaus hatte schon bei seiner Eröffnung 1850 selbst den bescheidensten Ansprüchen nicht genügen können. Den Ärzten war die Teilnahme an den Vorarbeiten zu den Bauplänen versagt worden und der Senat baute nur das ursprünglich für ein Siechenhaus vorgesehen alte Kloster an der Südseite des Domes notdürftig zu einer Art Krankenhaus aus. Hinckeldeyn initiierte den Neubau des damals Allgemeinen Krankenhauses. Heinrich Theodor Behn (Senator), setzte sich für den Standort im Süden der Stadt ein, da das Gebiet in St. Jürgen damals als die bestgelegenste und gesündeste lübeckische Vorstadt galt. Es wurde zur besseren medizinischen Versorgung der schnell wachsenden Bevölkerung auf dem Gelände des früheren Kahlhorst-Hofes errichtet und nahm am 18. Oktober 1887 den Betrieb auf. Sana Kliniken Lübeck feiern: 130-jähriges Bestehen des Krankenhauses Süd Dr. Friedrich von Rohden: Der ärztliche Verein zu Lübeck – 1809–1959, Krankenhäuser, Verlag Max Schmidt-Römhild, Lübeck 1959, S. 194–195. Seit 2004 ist das einstige Allgemeine Krankenhaus ein Teil der Sana Kliniken.
Hinckeldeyn war als leitender Oberarzt der lübeckischen Strafanstalt tätig und in seiner ausgedehnten Privatpraxis. Er war ein leidenschaftlicher Verfechter für den Bau des neuen Krankenhauses und strebte eine möglichst vollkommene Einrichtung desselben an. An die Stelle des abtretenden Hinckeldeyn als Armenarzt im dritten Krankenbezirk trat 1877 Carl Leop. Hanssen.Local- und vermischte Notizen. In: Lübeckische Blätter, 19. Jahrgang, Nummer 52, Ausgabe vom 1. Juli 1877, S. 296. Nachdem Hinckeldeyn 1873 seine Stellung als Assistenzarzt am Krankenhaus aufgegeben hatte und durch seine Privatpraxis in nähere Berührung mit seinen Mitbürgern getreten war, trat er lübeckischen Privatgesellschaften wie der Geographischen Gesellschaft bei.
Im April 1885 ernannte ihn der lübeckische Kampfgenossenverein in Anerkennung der sich als Vereinsarzt erworbenen Verdienste zu seinem Ehrenmitglied.Local- und vermischte Notizen. In: Lübeckische Blätter, 27. Jahrgang, Nummer 34, Ausgabe vom 29. April 1885, S. 200.
Hinckeldeyn zog sich bei einer Leichensektion eine Blutvergiftung zu und verstarb wenige Wochen später.
Politik Am 30. September 1874 wählte der Lübecker Senat Hinckeldeyn zum Mitglied des Medizinal-Kollegiums.Local- und vermischte Notizen. In: Lübeckische Blätter, 16. Jahrgang, Nummer 80, Ausgabe vom 7. Oktober 1874, S. 452. An Stelle des abtretenden Hinckeldeyn wählte der Senat am 2. Oktober 1880 Hanssen zum Mitglied des Kollegiums.Local- und vermischte Notizen. In: Lübeckische Blätter, 22. Jahrgang, Nummer 80, Ausgabe vom 6. Oktober 1880, S. 460. Am 26. September 1885 wählte der Senat an Stelle des abtretenden Ad. Joh. Ludolph Hammerich wieder ihn zum Mitglied des Kollegiums.Local- und vermischte Notizen. In: Lübeckische Blätter, 27. Jahrgang, Nummer 78, Ausgabe vom 30. September 1885, S. 448. Am 2. Oktober 1886 wurde an Stelle des verstorbenen Hinckeldeyns Hammerich wiedergewählt.Local- und vermischte Notizen. In: Lübeckische Blätter, 28. Jahrgang, Nummer 80, Ausgabe vom 6. Oktober 1886, S. 448.
Das Medizinal-Kollegium bildeten neben dem Physikus auch drei Mitglieder des Ärztlichen Vereines. Die Besonderheit im Lübeckischen Systems des Medizinal-Kollegiums bildete im Gegensatz zu den Deputationen wie der Baudeputation, in die die Bürgerschaft regulär Bürgerliche Deputierte mit vollem Stimmrecht entsandte, blieb das Medizinal-Kollegium aufgrund seines hochgradig fachspezifischen Charakters eine reine Expertenbehörde. Die Bürgerschaft übte ihren Einfluss stattdessen durch übergeordnete Finanz- und Haushaltskommissionen aus, wenn es um den Bau neuer Krankenhäuser oder die Bewilligung von Sanitätsbudgets ging. Reine Macht- und Kernbereiche der Exekutive (wie das Polizeiamt, das Medizinalamt sowie das Stadt- und Landamt) waren von der bürgerlichen Mitwirkung ausgeschlossen und blieben rein in der Hand des Senates.