Hans Christoph von Hase (* 4. Mai 1907 in Großwandriß, Kreis Liegnitz; † 4. Januar 2005 in Kassel) war ein deutscher evangelischer Theologe und Diakonie-Funktionär.
Leben Hans Christoph von Hase entstammte der ursprünglich thüringischen Familie von Hase, die im 19. und 20. Jahrhundert zahlreiche Theologen, Gelehrte, Beamte, hohe Offiziere und Politiker hervorbrachte. Er war ein Sohn des Pfarrers und späteren Superintendenten von Frankfurt/Oder Hans von Hase (1873–1958) und seiner Ehefrau Ada, geb. Schwarz (1881–1956). Karl Alfred von Hase war sein Großvater; als Kinder seiner Tante Paula von Hase, verheiratete Bonhoeffer, waren Klaus Bonhoeffer und Dietrich Bonhoeffer seine Cousins und Susanne Dreß und Sabine Leibholz seine Cousinen.
Von 1925 bis 1929 studierte Hans Christoph von Hase zunächst Physik an der Universität Göttingen, dann, beeinflusst von Karl Barth, Evangelische Theologie an den Universitäten Berlin, Marburg und Münster.Biographische Stationen im Wesentlichen nach der Kurzbiographie, abgerufen am 11. April 2026 Nach seinem Ersten Theologischen Examen wurde er 1929 Hilfsprediger in Frankfurt/Oder. Von 1930 bis 1933 war er als Nachfolger seines Cousins Dietrich Bonhoeffer wissenschaftlicher Mitarbeiter (Hilfsassistent) bei Wilhelm Lütgert in Berlin, wo er 1933 mit einer Dissertation zur Ekklesiologie (Die Gegenwart Christi in der Kirche) zum Lizentiaten der Theologie promoviert wurde.
Ein Stipendium ermöglichte ihm, wie schon zuvor Bonhoeffer, von September 1933 bis Juni 1934 ein Studienjahr am Union Seminary in New York City.Vgl. Bonhoeffers Empfehlung für ihn an Reinhold Niebuhr vom 6. Februar 1933, Dietrich Bonhoeffer Werke (DBW) 12, S. 50f Nach seiner Rückkehr war er von Juli bis September 1934 Gemeindepfarrer in Berlin-Wilmersdorf.
Im Dezember 1934 wechselte von Hase als hauptamtlicher Heerespfarrer in die Militärseelsorge, zunächst in Jüterbog, dann in Rostock. 1940 veröffentlichte er eine Untersuchung zum casus confessionis im Kampf des Matthias Flacius gegen das Interim von 1548. Veronika Albrecht-Birkner nennt die Publikation als Beispiel einer „im Gewand rein historischer Arbeit zum Ausdruck kommenden Widerständigkeit gegen das NS-Regime“.Veronika Albrecht-Birkner: Kirchenstreit - Benkenntniskampf - Kirchenkampf - Konfessionsstreit. in: Christian Neddens, Christoph Barnbrock (Hrsg.): Fides, Confessio & Pietas: Studien zur Wirkungsgeschichte der Reformation. Festgabe für Ernst Koch zum 90. Geburtstag. Leipzig: Evamgelische Verlagsanstalt 2021, ISBN 978-3-374-06793-0, S. 131–172, hier S. 150 Anm. 105 Im Zweiten Weltkrieg war von Hase in Italien und an der Ostfront eingesetzt, ab 1942 als Wehrmachtsoberpfarrer. Die Wohnung der Familie in der Schliemannstraße 25 in Rostock wurde bei einem Luftangriff völlig zerstört, wobei auch alle Unterlagen aus der Zeit bis dahin vernichtet wurden.Liste der Verzeichnungseinheiten des Bestandes HCH - Hans Christoph von Hase, abgerufen am 11. April 2026 1944 geriet er in Rumänien in Kriegsgefangenschaft und war im Lager Gehncea interniert.
Nach seiner Entlassung aus der Kriegsgefangenschaft und Rückkehr nach Deutschland war von Hase von Januar 1946 bis März 1947 Referent in der Zentralstelle des neu gegründeten Evangelischen Hilfswerks in Stuttgart. 1946 trat er der Michaelsbruderschaft bei. Von April 1947 bis September 1952 wirkte er als Gemeindepfarrer an der Universitätskirche Marburg, zeitweilig auch als Studentenseelsorger.Interessante Theologen in der Universitätskirche, abgerufen am 11. April 2026 1948 nahm er als Delegierter an der konstituierenden Versammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen in Amsterdam teil. Von 1952 bis 1954 war von Hase Studienleiter an der Evangelischen Akademie in Mülheim an der Ruhr, danach bis September 1957 Pfarrer an der Münsterkirche in Herford.
Im Oktober 1957 erfolgte seine Berufung zum Direktor der Theologischen Abteilung der Hauptgeschäftsstelle des Diakonischen Werkes der EKD in Stuttgart. Hier blieb er bis zum Eintritt in den Ruhestand im Frühjahr 1973. In diesem Amt prägte er die theologischen Positionen der bundesdeutschen Diakonie.Michael Häusler: Hase, Hans-Christoph von, in: Norbert Friedrich u. a. (Hrsg.): Diakonie-Lexikon (Neukirchener Theologie), Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2016, ISBN 978-3-7887-3090-1, S. 212f Er gehörte zu den Befürwortern einer gemeindlichen Verankerung der Diakonie und wollte, gerade auch auf dem Hintergrund der zunehmenden Professionalisierung im Pflegebereich im Sozialstaat, die diakonische Verantwortung von Ortsgemeinden stärken.Gerhard K. Schäfer: Entwicklungen der Gemeindediakonie seit dem 19. Jahrhundert: Arbeitsfelder - Themen - Konzeptionen, in: Desmond Bell, Wolfgang Maaser, Gerhard K. Schäfer (Hrsg.): Diakonie im Übergang. (= Denken und Handeln, NF 1) Bochum: Evangelische Fachhochschule Rheinland-Westfalen-Lippe 2007, ISBN 978-3-926013-66-8, S. 16–57, hier S. 39
Nach der Pensionierung war er noch bis 1980 Seelsorger des Wohnstiftes Augustinum in Stuttgart. Seit 1976 Mitglied im Internationalen Bonhoeffer-Komitee (IBK), war er zusammen mit Reinhart Staats Herausgeber von Band 10 Barcelona, Berlin, Amerika: 1928–1931 der kritischen Gesamtausgabe der Werke Dietrich Bonhoeffers. Zuletzt lebte er in Kassel.
In erster Ehe war Hans Christoph von Hase seit September 1934 verheiratet mit Clara, geb. Schwalfenberg (1909–1982). Das Paar hatte sechs Kinder. In zweiter Ehe heiratete er im Dezember 1983 Agnes, geb. Carrière (1925–2017)Traueranzeige, abgerufen am 9. August 2025, eine Tochter von Paul Carrière.
Nachlass Der umfangreiche Nachlass von Hans Christoph von Hase befindet sich im Archiv für Diakonie und Entwicklung in Berlin.Liste der Verzeichnungseinheiten des Bestandes HCH - Hans Christoph von Hase, abgerufen am 11. April 2026
Werke Die Gegenwart Christi in der Kirche (= Beiträge zur Förderung christlicher Theologie 38/1) Gütersloh: Bertelsmann 1934, zugl. Berlin, Theol. Diss., 1933 Die Gestalt der Kirche Luthers: der casus confessionis im Kampf des Matthias Flacius gegen das Interim von 1548. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 1940 Vom Amt des Dienstes in der Kirche Christi. Stuttgart: Evang. Verlagswerk 1948 (= Evangelischer Schriftendienst 2) (Hrsg.) Die Einzigartigkeit des Menschen in biologischer und theologischer Sicht. Mülheim/Ruhr: Evangelische Akademie 1953 Diakonie der Gemeinde. (= Schriften für Diakonie und Gemeindebildung 6) Halbbd. 1, Berlin; Stuttgart: Lettner-Verl. 1961 Halbbd. 2, Berlin; Stuttgart: Lettner-Verl. 1964 Evangelische Dokumente zur Ermordung der "unheilbar Kranken" unter der nationalsozialistischen Herrschaft in den Jahren 1939–1945. Stuttgart: Evangelisches Verlagswerk 1964 mit Peter Meinhold (Hrsg.): Reform von Kirche und Gesellschaft: 1848–1973. Johann Hinrich Wicherns Forderungen im Revolutionsjahr 1848 als Fragen an die Gegenwart. Studien zum 125. Gründungstag des Centralausschusses für die Innere Mission der Deutschen Evangelischen Kirche Stuttgart: Evangelisches Verlagswerk 1973 Diakonie IV . Arbeitsfelder heutiger Diakonie, in: Theologische Realenzyklopädie, Band VIII, Berlin/New York 1981, S. 660–679 Hrsg., mit Reinhart Staats, Holger Roggelin, Matthias Wünsche: Barcelona, Berlin, Amerika, 1928–1931. (= Dietrich Bonhoefffer Werke 10), München: Chr. Kaiser 1991, ISBN 3-459-01899-2 Clifford J. Green (Hrsg.): Barcelona, Berlin, Amerika. 1928–1931. Translated by Douglas W. Stott. (Dietrich Bonhoeffer works; Band 10). Fortress Press, Minneapolis 2008, ISBN 978-0-8006-8330-6.
Literatur Theodor Schober, Horst Seibert (Hrsg.): Theologie - Prägung und Deutung der kirchlichen Diakonie : lehren, erfahren, handeln; Hans Christoph von Hase zum 75. Geburtstag gewidmet. Stuttgart : Verlagswerk der Diakonie 1982, ISBN 978-3-923110-02-5 (= Handbücher für Zeugnis und Dienst der Kirche 6) Annegret Reitz-Dinse: Theologie in der Diakonie: Exemplarische Kontroversen zum Selbstverständnis der Diakonie in den Jahren 1957–1975. Neukirchen-Vluyn: Neukirchener Verlag 1998, ISBN 978-3-7887-1693-6 Michael Häusler: Hase, Hans-Christoph von, in: Norbert Friedrich u. a. (Hrsg.): Diakonie-Lexikon (Neukirchener Theologie), Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2016, ISBN 978-3-7887-3090-1, S. 212f
Weblinks
Oral History Interview von 1986 (englisch)
Einzelnachweise
Kategorie:Lutherischer Theologe (20. Jahrhundert) Kategorie:Familienmitglied (Dietrich Bonhoeffer) Kategorie:Person (Diakonie) Kategorie:Deutscher Kategorie:Geboren 1907 Kategorie:Gestorben 2005 Kategorie:Mann Kategorie:Person der Bekennenden Kirche Hans Christoph Kategorie:Lutherischer Geistlicher (20. Jahrhundert) Kategorie:Evangelischer Studentenpfarrer Kategorie:Evangelischer Militärseelsorger Kategorie:Adliger