mini|Kazuo Ishiguro (2005) Die Ungetrösteten (OT.: The Unconsoled) ist der Titel eines 1995 publizierten surrealistischen Romans von Kazuo Ishiguro. Erzählt wird vom dreitägigen Besuch des berühmten Pianisten Ryder in einer europäischen Stadt. Er hat den Auftrag, durch einen Vortrag dem Kulturleben aus der Krise zu helfen. Dies gelingt ihm nicht, stattdessen lernt er auf labyrinthischen Wegen die Repräsentanten der musikalischen Szene und ihre Probleme kennen und begegnet seiner eigenen verdrängten Vergangenheit und Familienbeziehung. 1996 erschien die deutsche Übersetzung von Isabell Lorenz. Inhalt Überblick Der Pianist Ryder kommt auf Einladung des Kulturrats zu einem dreitägigen Besuch in eine namentlich nicht genannte Stadt mit einer alten musikalischen Tradition, die in eine kulturelle Krise geraten ist (Kap. 8): Nach dem Niedergang der 17-jährigen Ära des Cellisten und Dirigenten Christoff vor drei Jahren ist ein Vakuum entstanden und eine einflussreiche Gräfin will den zum Alkoholiker abgesackten alten Pianisten Brodsky wieder zur Leitfigur aufbauen. Am Donnerstag erhofft man sich von Brodskys Auftritt als Dirigent eines Orchesters einen Neuanfang und Ryder soll dazu eine optimistische Aufbruch-Rede halten und ein Klavierstück vortragen. Ryder erzählt in der Ich-Form von seinen abenteuerlichen Erlebnissen während seines Aufenthaltes.
Bereits am ersten Tag begegnet er Bürgern und Personen seiner Vergangenheit, die ihn mit ihren Wünschen immer wieder von seinen geplanten Wegen abbringen, und wird mit seinen persönlichen Problemen und denen seiner Familie konfrontiert. Er ahnt, dass die Auftraggeber hohe Erwartungen an ihn haben, die er nicht erfüllen kann, verdrängt aber diese Befürchtung. Bereits in der ersten Nacht hat er in der Altstadt eine Kette seltsamer, traumhafter Erlebnisse. Er trifft u. a. seine Frau Sophie, die Tochter des Hoteldieners Gustav, und ihren Sohn Boris.
Ähnlich labyrinthisch und chaotisch verlaufen die teils grotesken Begegnungen an den nächsten Tagen. Dabei werden einige personale Beziehungen herauspräpariert. Das Zusammentreffen mit Personen seiner Vergangenheit (Sophie, Boris, Schul- und Studienfreunde) enthüllt Ryders Persönlichkeitsstruktur und seine Probleme, die sich in anderen Figuren spiegeln (Z. B. Sozialisation und Elternerwartung: Hoffman, seine Frau Christine und ihr Sohn Stephan. Künstler-Selbstbezogenheit und -Depression: Brodsky). Eine gesellschaftlich Gegenfigur, Stütze seiner Familie und ein Relikt aus der Vergangenheit ist der auf seine Berufstradition stolze alte Hoteldiener Gustav.
Irrwege Erster Tag Der erste Romanteil spielt am Nachmittag, Abend und in der Nacht des ersten Tages. Nach einer langen Flugreise kommt des englischen Pianisten Ryder nachmittags in eine nicht näher bezeichnete europäische Stadt. Bereits seine Ankunft im Hotel wirft für ihn Fragen auf. Er kann sich nicht mehr an seinen Terminplan erinnern, der ihm von Hilde Stratmann vom städtischen Kulturrat zugeschickt worden ist (Kap. 1). Er wird vom Hoteldirektor Hoffman als weltberühmter Künstler äußerst höflich begrüßt und zugleich um private Zuwendungen gebeten, obwohl kein freier Raum in seinem Tagesablauf ist (Kap. 2). Ryder setzt die Dienstfertigkeit ihm gegenüber in Verlegenheit und er getraut sich nicht, die kleinen Wünsche abzulehnen und nach den von ihm angeblich gemachten Zusagen zu fragen und um eine Kopie des Plans zu bitten.
Nach diesem Muster wird er auch von anderen Stadtbewohnern behandelt. Dazu kommt, dass ihm sein Hotelzimmer und, später im Tagesverlauf, andere Lokalitäten der Stadt und einzelne Personen irgendwie bekannt vorkommen, wie Relikte aus seiner Vergangenheit. Weiterhin verunsichern ihn Hinweise auf seine Rolle am Konzertabend, an dem neben ihm auch der Pianist Brodsky mit einem Orchester und Stephan Hoffman, der Sohn des Direktors, als Amateurpianist auftreten sollen.
Im Laufe der nächsten Tage erfährt er die Hintergründe: Die Gräfin, Besitzerin einer großen Grammophonplattensammlung, hat, nachdem der langjährige Orchesterleiter Christoff als überschätzt erkannt wurde und in Misskredit geraten ist, befreundeten Musikliebhabern in Vergessenheit geratene Werke des alten Pianisten Leo Brodsky vorgespielt: Es sei „endlich wieder richtige Musik“ eines Dirigenten, der „dieselben Werte schätzte wie wir“.Kazuo Ishiguro: Die Ungetrösteten. Wilhelm Heyne Verlag München, 2016, S. 157. Nach ihrem Vorschlag soll der zum Alkoholiker abgesackte und von seiner Frau getrennt lebende Künstler wieder aufgebaut werden, um der Stadt aus der kulturellen Krise herauszuhelfen, und der Hoteldirektor Hoffman will dieses riskante Experiment zu einem Erfolg und zum Neuanfang des Kulturlebens führen.
Der immer hilfsbereite Hoteldiener Gustav erweist sich gleich nach Ryders Ankunft als stolzer Vorsteher der Dienstleute, wünscht sich von Ryder eine lobende Erwähnung seiner Zunft in seiner Rede und erzählt ihm von den Kommunikationsproblemen mit seiner Tochter Sophie (Kap. 1, 7). Er schlägt Ryder eine Besichtigung der sehenswerten Altstadt vor und verbindet dies mit der Bitte, sich im „Ungarischen Café“ die Probleme Sophies und seines Enkels Boris anzuhören. Sie erreichen abends die Altstadt über eine Brücke und kommen in eine traumartige Welt. Im Café spricht ihn Sophie sofort vertraut als ihren Lebenspartner an, berichtet ihm von ihrer bisher vergeblichen Suche nach einer größeren Wohnung und klagt über ihre Vernachlässigung durch seine anstrengende Arbeit als Kümmerer um die Probleme anderer. Sie lädt ihn in ihre kleine Wohnung ein und auf dem Weg dorthin erscheinen ihm in der beginnenden Dunkelheit die Raum- und Zeitverhältnisse verzerrt. Während ihm Boris von seinen Spielsachen erzählt und er die schnell vorauseilende Sophie aus dem Blick verliert, begegnet er einem Schulfreund aus England, Geoffrey Saunders, der bereits seinen Besuch erwartet und dafür mehrmals Kuchen eingekauft hat. Ryder schließt sich ihm an und merkt, als sie in eine ländliche Gegend kommen, dass er sich verirrt hat (Kap. 4). Geoffrey bringt ihn und Boris an eine nicht gekennzeichnete Bushaltestelle, um zurück zur Innenstadt zu gelangen. Aber anstelle eines Busses erscheint Stephan Hoffman mit seinem Auto und nimmt ihn und Boris mit zu Miss Collins, Brodskys getrennt von ihm lebender Ehefrau, um sie um psychische Unterstützung für den Auftritt des in eine depressive Phase geratenen Pianisten zu bitten (Kap. 5).
Nicht nur die nächtliche Stadtwanderung und seine permanente Müdigkeit während seiner Gespräche, sondern auch weitere Grenzüberschreitungen sind traumartig: Obwohl der Erzähler im Auto vor dem Haus wartet, kann er das Gespräch Stephans mit Miss Collins in ihrer Wohnung verfolgen. Auf dem Weg zum Hotel versteht er die Gedanken Stephans, der sich an eine Geburtstagsfeier seiner Mutter in seiner Jugendzeit und den Erwartungsdruck seiner Eltern erinnert.
Zurückgekehrt ins Hotel, erzählt ihm Gustav wieder von seinem Kommunikationsproblemen mit Sophie. Diese wartet vor dem Hotel auf ihn und begleitet ihn ins Kino (8. Kap.). Während sie sich den Science-Fiction-Klassiker „Odyssee im Weltraum“im Roman mit veränderter Besetzung: Yul Brynner, Clint Eastwood anschauen, wird Ryder von Stadtrat Karl Pedersen zu einem Gesprächskreis in den hinteren Reihen des Kinos über die kulturelle Krise der Stadt und Brodskys Auftritt gebeten (9. Kap.). Danach bringt ihn Pedersen ins Hotel zurück und kurz darauf besucht ihn der Hoteldirektor in seinem Zimmer, lässt ihm keine Zeit, seinen Bademantel gegen einen Anzug zu wechseln, und fährt mit ihm zu einer Party im stattlichen Haus der Gräfin (10. Kap.). Im Saal sind die Honoratioren der Stadt versammelt, um Brodsky über den Tod seines Hundes zu trösten und ihn für das Konzert psychisch wieder aufzubauen. Nach den Trauerreden kommt es zum Streit über die Ehrungen des Hundes und Ryder kann bei seinem Versuch, die Situation zu beruhigen, nur einen unverständlichen Satz sprechen. Am Schluss der Veranstaltung bemerkt Ryder, dass der Saal ein Teil des riesigen Hotel-Atriums ist.
Zweiter Tag Der zweite Tag (Zweiter Teil) verläuft ähnlich labyrinthisch wie der erste, hat seinen Schwerpunkt jedoch in Ryders Vergangenheit und in seinen familiären Beziehungen. Da er Boris am Tag zuvor versprochen hat, die Kiste mit seinem Fußballspieler Nr. 9 in der alten, jetzt leerstehenden Wohnung seiner Eltern zu suchen (11. Kap.), wollen sie sich sogleich auf den Weg zum künstlichen See machen, werden aber unterbrochen durch ein Gespräch mit Stephan, der Ryder für seine angeblich erfolgreiche Rede am Brodsky-Abend dankt. Anschließend bitten ihn zwei Journalisten um ein Interview und einen Fototermin. Obwohl Boris auf ihn wartet und er die beleidigenden Reden der Sensationspresseleute und deren Absicht, ihn für ein skandalträchtiges Bild zu instrumentalisieren, hört, kann er sich dem nicht entziehen. Während der Fahrt mit einer Straßenbahn (12. Kap.) begegnet er bei der Fahrkartenkontrolle Fiona Roberts, einer ehemaligen Schulkameradin aus England. Wie Geoffrey Saunders am Vortag, hat sie auf seinen Besuch gewartet und zu der Party Inge und Trude, zwei Frauen einer Stiftung, eingeladen, die sich um Ryders senilen Eltern bei ihrem bevorstehenden Besuch in der Stadt kümmern wollen. Sie ist über sein Ausbleiben enttäuscht und er verspricht ihr, das Treffen nachzuholen.
Nach den Fotoaufnahmen vor dem ominösen Sattler-Haus taucht plötzlich der in Ungnade gefallene Musiker Henri Christoff auf und nimmt Ryder mit zu einem Treffen seiner wenigen letzten Anhänger in einem kleinen Café (13. Kap.). Auf dem Weg dorthin erzählt er Ryder die Geschichte seines künstlerischen Aufstiegs und Falls in der Stadt, deren Musikliebhaber sich zuerst für seine Musik interessierten, obwohl sie sie nie richtig verstanden, und mit ihm immer unzufriedener wurden. Im Café kommt es zum Streit der Musikliebhaber über die richtige Interpretation der Kompositionen Karzans. Ryder ergreift gegen Christoff Partei und dieser wirft ihm vor, sich vor dem berüchtigten Sattler-Monument den Fotografen präsentiert zu haben (14. Kap.). Am Ende der Versammlung bemerkt Ryder, dass das Café mit dem Lokal verbunden ist, in dem Boris auf ihn wartet.
Ryder und Boris fahren zum künstlichen See und suchen ihre ehemalige Wohnung. Ein Nachbar informiert sie über die Streitigkeiten in Sophies Familie und er fühlt wieder seine verschüttete Vergangenheit auftauchen (15. Kap.). Da Boris die Erzählungen des Nachbarn nicht hören soll, läuft Ryder davon und trifft auf Sophie und Tante Kim. In Kims Wohnung planen sie als Neuanfang ihrer Beziehung einen gemeinsamen Familienabend und beziehen seinen Pflichttermin in der „Galerie Karminsy“ mit ein (Kap. 15). Beim Aufbruch begegnet Ryder im Treppenhaus Fiona und sie holt ihn in ihre Wohnung, um ihn zwei Frauen der Stiftung vorzustellen (Kap. 16). Die beiden sind über Fiona verärgert und streiten mit ihr über den zur Versöhnung Brodskys mit seiner Frau arrangierten Zoobesuch am Vormittag, bei dem der angekündigte berühmte Pianist Ryder nicht anwesend war. Ryder versucht zur Beruhigung der Frauen sich als der von ihnen erwartete Musiker vorzustellen, bringt jedoch in seiner Aufregung über die Peinlichkeit der Situation für ihn und Fiona kein Wort heraus und flieht aus der Wohnung.