mini|Einschlag von United-Airlines-Flug 175 in den Südturm des World Trade Center am 11. September 2001 Die Rolle von Saudi-Arabien bei den Terroranschlägen vom 11. September 2001 wird seit dem Ereignis kontrovers diskutiert. Hinweise und veröffentlichte Dokumente deuten auf vielfältige Kontakte zwischen den Attentätern und Personen mit Verbindungen zu saudischen Regierungsstellen hin. Saudi-Arabien hat jegliche Beteiligung an den Anschlägen bestritten und dem offiziellen Bericht der 9/11-Kommission zufolge gibt es keine Belege für eine direkte Unterstützung oder Finanzierung der Attentäter durch die saudische Regierung. Dennoch gelten saudi-arabische Staatsbürger als Hauptfinanziers des Terrornetzwerks al-Qaida und 15 der 19 Flugzeugentführer stammten aus Saudi-Arabien. In den zwei Jahrzehnten nach den Anschlägen tauchten zahlreiche Hinweise und Indizien auf – von persönlichen Verbindungen der Attentäter zu saudischen Staatsbürgern über dubiose Geldflüsse bis hin zu auffälligen Börsengeschäften vor dem 11. September; dies führte zu umfassenden offiziellen Untersuchungen und Klagen von Hinterbliebenen gegen Saudi-Arabien. Die Verabschiedung des Justice Against Sponsors of Terrorism Act des Kongresses der Vereinigten Staaten machte 2016 den Weg für eine Zivilklage gegen Saudi-Arabien frei. Das Gerichtsverfahren der Opferfamilien gegen Saudi-Arabien ist unterdessen weiterhin anhängig (Stand 2025) und eine endgültige juristische Klärung der Frage, ob und inwieweit saudische Stellen haftbar sind, steht noch aus. Kritiker und Vertreter der Opferfamilien bemängeln wiederholt, dass die saudischen Verstrickungen aus politischen Gründen unzureichend aufgearbeitet wurden und wichtigen Hinweisen nicht ausreichend nachgegangen wurde.

Hinweise

Herkunft der Täter Bei den Anschlägen vom 11. September 2001 wurden vier entführte Verkehrsflugzeuge eingesetzt, um Ziele in New York und Washington, D.C. zu attackieren. Die 19 islamistischen Selbstmordattentäter gehörten dem Terrornetzwerk al-Qaida an und stammten aus vier Ländern: 15 von ihnen waren saudische Staatsbürger. Hinzu kamen zwei aus den Vereinigten Arabischen Emiraten sowie je einer aus Ägypten und dem Libanon. Diese auffällige Konzentration saudischer Herkunft – ebenso wie die saudische Staatsangehörigkeit von al-Qaida-Anführer Osama bin Laden – lenkte frühzeitig den Verdacht auf mögliche Verbindungen nach Saudi-Arabien. Die saudischen Attentäter entstammten zumeist konservativ-islamisch geprägten Regionen Saudi-Arabiens und waren z. T. in radikalen religiösen Kreisen sozialisiert worden. Saudi-Arabien, ein enger Verbündeter der USA, geriet dadurch politisch unter Druck, sich von den Tätern und al-Qaida zu distanzieren. Offizielle Vertreter Saudi-Arabiens betonten wiederholt, man habe weder von den Anschlagsplänen gewusst noch diese unterstützt, und wiesen eine Mitverantwortung entschieden zurück.

Verbindungen des saudischen Königshauses und des saudischen Geheimdienstes zu den Attentätern mini|Prinz Bandar bin Sultan Nach den Anschlägen kamen Verdachtsmomente über Kontakte zwischen den 9/11-Tätern und saudischen Regierungsangehörigen ans Licht. Eine Vielzahl dieser Hinweise konzentriert sich auf zwei saudische Staatsbürger in den USA: Omar al-Bayoumi und Fahad al-Thumairy. Al-Thumairy war diplomatischer Mitarbeiter im saudi-arabischen Generalkonsulat in Los Angeles (zugleich Imam der King-Fahd-Moschee von Los Angeles), und al-Bayoumi galt als gut vernetztes saudisches Gemeindemitglied in Kalifornien. Beide trafen Anfang 2000 in Kalifornien auf die ersten zwei eintreffenden Flugzeugentführer, Nawaf al-Hazmi und Chalid al-Mihdhar, halfen ihnen bei der Wohnungssuche in San Diego und unterstützten sie logistisch. Al-Bayoumi bezahlte etwa die ersten zwei Monatsmieten für die beiden und half bei Bankkonten – wurde jedoch am selben Tag in bar zurückgezahlt. Spätere FBI-Ermittlungen ergaben, dass al-Bayoumi in regem Kontakt mit saudischen Regierungsstellen stand: In seiner Wohnung wurden die Telefonnummern von Angestellten der saudischen Botschaft gefunden, die im Büro für islamische Angelegenheiten tätig waren. Telefonaufzeichnungen zeigen zudem Dutzende Anrufe al-Bayoumis mit dem saudischen Konsulat in Los Angeles, der Botschaft in Washington, D.C. und der saudischen Kulturmission während der Zeit, als er die Attentäter betreute. Al-Thumairy wiederum wurde verdächtigt, Hazmi und Mihdhar im Hintergrund zu betreuen; laut FBI-Unterlagen soll ein ranghoher saudischer Botschaftsmitarbeiter in Washington (Deckname „MAJ“) die beiden mit dem Auftrag ausgestattet haben, die 9/11-Täter zu unterstützen.

Vieles deutet darauf hin, dass al-Bayoumi als saudischer Agent operierte. Erst 20 Jahre nach den Anschlägen – durch Freigabe zuvor geheimer FBI-Dokumente – bestätigte die US-Bundespolizei intern, dass al-Bayoumi für den saudischen Geheimdienst (General Intelligence Presidency, GIP) tätig war. Von 1998 bis 2001 erhielt er als „Kontaktperson“ der saudischen Nachrichtendienste ein monatliches Gehalt, das über eine saudische Regierungsstelle bzw. eine Tarnfirma und die Botschaft in Washington (unter Botschafter Prinz Bandar bin Sultan Al Saud) ausbezahlt wurde. Al-Bayoumi lieferte dem saudischen Botschafter Berichte über saudische „Personen von Interesse“ in Los Angeles und San Diego, die dann an den Geheimdienst in Riad weitergeleitet wurden. FBI-Erkenntnisse deuten ferner darauf hin, dass al-Bayoumi sich kurz vor dem ersten Treffen mit Hazmi und Mihdhar mit einem saudischen Konsulatsmitarbeiter traf und unmittelbar nach dem Treffen zusammen mit Thumairy in der Moschee gesehen wurde. In den Monaten danach telefonierte al-Bayoumi regelmäßig mit Thumairy – u. a. genau in jener Zeit, als er den beiden zukünftigen Attentätern in San Diego beim Einzug half – und stand auch mit Anwar al-Awlaki in Kontakt, einem jemenitisch-amerikanischen Imam in San Diego, der später selbst als al-Qaida-Terrorist bekannt wurde.

Verbindungen in die saudische Führungsebene ergaben sich vor allem durch den langjährigen saudischen Botschafter in den USA, Prinz Bandar bin Sultan, und dessen Ehefrau Prinzessin Haifa. Das US-Kongressdokument „File 17“ (veröffentlicht 2016) listet über drei Dutzend Namen auf – darunter Bandar, Haifa, Thumairy, Bayoumi und Osama Bassnan – und stellt vielfältige personelle Verknüpfungen zwischen Saudi-Arabien und den 9/11-Attentätern fest. Bandar selbst geriet in den Fokus, als bekannt wurde, dass mindestens 15.000 US-Dollar direkt von seinem persönlichen Bankkonto in Washington an die Familie eines Saudis in Kalifornien flossen. Bei diesem Saudi handelte es sich um Omar al-Bayoumi – der vom FBI verdächtigte „Kontaktmann“ der Entführer – oder um sein Umfeld. Die Botschaftergattin Haifa stand unterdessen im Verdacht, indirekt die Unterkunft der Attentäter finanziert zu haben. Zwischen 1999 und 2002 überwies Prinzessin Haifa rund 74.000 US-Dollar in Form von monatlichen Schecks an die in Kalifornien lebende Gattin von Osama Bassnan, einem Bekannten al-Bayoumis. Bassnan und al-Bayoumi wohnten in San Diego in derselben Straße und waren befreundet; Bassnan hatte 1998 einen Hilfsantrag an das Botschafterpaar gestellt, da seine Frau (Majeda Dweikat) angeblich eine teure Schilddrüsen-Operation benötigte. Haifa bewilligte daraufhin zunächst eine Einmalzahlung von 15.000 US-Dollar und wenig später eine dauerhafte Monatshilfe von 2.000 US-Dollar an Bassnans Familie. Ein erheblicher Teil dieser Schecks wurde von Bassnan an Dritte weitergereicht – unter anderem an Manal Bajadr, die Ehefrau von Omar al-Bayoumi. Darüber hinaus zahlte al-Bayoumi selbst Hazmi und Mihdhar zeitweise den Lebensunterhalt, was durch Bargeld-Zahlungen „ausgeglichen“ worden sein soll.

Sowohl Prinzessin Haifa als auch Prinz Bandar bestritten, jemals bewusst Geld an Terroristen geleitet zu haben. Ein Sprecher der Botschaft betonte, Haifas Zahlungen seien rein humanitär motiviert gewesen und „die Behauptung, die Prinzessin habe den Terrorismus unterstützt, ist schlichtweg falsch und unverantwortlich.“ Auch eine spätere Überprüfung durch das 9/11-Kommission fand „keine Belege“, dass Haifas Gelder direkt oder indirekt in die Anschlagspläne flossen. Ungeachtet dessen sehen Beobachter in den Transaktionen des Botschafterpaares und der Nähe Bandars zu al-Bayoumi (der als Informant an Bandar berichtete) ein Indiz dafür, dass zumindest Teile der saudischen Elite Verbindungen zu den Attentätern hatten. So fand sich im Telefonverzeichnis des im März 2002 verhafteten al-Qaida-Mitglieds Abu Zubaydah die geheime Telefonnummer einer Firma in Colorado, die den Landsitz von Prinz Bandar verwaltete, sowie die Nummer eines von Bandars Mitarbeitern (eines Bodyguards in der Botschaft). Diese Funde wurden als möglicher indirekter „Draht“ zwischen al-Qaida und dem saudischen Königshaus gewertet, was von diesem jedoch abgestritten wurde.

Zehn Tage vor den Anschlägen trat Turki ibn Faisal überraschend als Chef des saudischen Geheimdienstes GIP zurück, ein Amt, das er seit 1979 ausgeübt hatte. Der Rücktritt von Prinz Turki kam unerwartet, da seine Amtszeit erst im Mai 2001 um weitere vier Jahre verlängert worden war. Die New York Times berichtet später: „Der Zeitpunkt von Turkis Entlassung – der 31. August – und seine Verbindungen zu den Taliban werfen die Frage auf: Wusste das saudische Regime, dass Bin Laden einen Anschlag auf die USA plante?“ 2005 wurde Prinz Turki der Nachfolger von Bandar bin Sultan als saudischer Botschafter in Washington.

Finanzielle Verbindungen und Insidertrading Finanzströme spielten bei der Analyse möglicher saudischer Verwicklungen eine zentrale Rolle. Al-Qaida finanzierte sich vor 2001 zu einem großen Teil aus Spenden privater Geldgeber im Nahen Osten, insbesondere aus Saudi-Arabien. Die 9/11-Kommission stellte fest, dass wohlhabende saudische Einzelpersonen sowie islamische Wohltätigkeitsorganisationen über Jahre ein „äußerst fruchtbarer Boden für die Geldbeschaffung“ von al-Qaida waren.Saudi Arabia Faces the Missing 28 Pages Wilson Center Häufig erfolgte die Finanzierung indirekt: Spenden an formell wohltätige Stiftungen mit Saudi-staatlicher Beteiligung wurden teils in Kanäle umgeleitet, die schließlich al-Qaida zugutekamen. Gleichzeitig kursierten Namen mutmaßlicher saudischer Finanzpaten von al-Qaida: in der sogenannten Golden Chain finden sich etwa die Namen von vermögenden Personen – zumeist aus Saudi-Arabien oder anderen Golfstaaten – die Bin Laden finanziell unterstützt haben sollen.9/11 Commission Report Bericht der National Commission on Terrorist Attacks Upon the United States, Seite 55. Unter ihnen werden Mitglieder der weitverzweigten Bin-Laden-Familie und saudi-arabische Geschäftsleute vermutet. Der als Terrorist verurteilte Zacarias Moussaoui sagte unter Eid aus, dass Mitglieder der königlichen Familie, darunter Bandar bin Sultan, an al-Qaida gespendet und zur Finanzierung der Anschläge vom 11. September beigetragen hätten. Offizielle Stellen Saudi-Arabiens beteuerten hingegen, sie hätten nach 1993 alle bekannten Spendenflüsse an al-Qaida unterbunden und insbesondere nach 9/11 zahlreiche Hilfsorganisationen reformiert oder geschlossen, um Terrorfinanzierung zu unterbinden.