Fritz Kitzing (* 28. Dezember 1905 in Neuruppin; † 1987) war ein deutscher Antiquitäten- und Buchhändler, der während des Nationalsozialismus nach § 175 Strafgesetzbuch angeklagt und als junger Mann inhaftiert worden war. In den 1930er Jahren überlebte er nicht nur die Gefangenschaft in den Konzentrationslagern Lichtenburg und Sachsenhausen, sondern auch seinen erzwungenen Kriegseinsatz als Soldat der deutschen Wehrmacht.
Leben Ab Mitte der 1920er-Jahre wohnte Kitzing in Berlin und war dort als Buchhändler tätig. In der Öffentlichkeit trat er in dieser Zeit mitunter als Cross-Dresser auf. Als er 1933 erstmals verhaftet wurde, beschuldigte man ihn, er fordere „in auffälliger Weise zur Unzucht auf“, da er bei seiner Verhaftung Frauenkleidung trug. Nach einem vierwöchigen Gefängnisaufenthalt wurde er für sechs Monate in ein Arbeitshaus eingewiesen. Im März 1934 gelang ihm die Flucht nach London. Dort wurde er jedoch erneut in Frauenkleidung aufgegriffen, was zu einer Verurteilung wegen sogenannter Sittlichkeitsvergehen führte. Kitzing wurde daraufhin zurück in den NS-Staat abgeschoben.Sexuality, Gender and NAzi Persecution. Police Report on Fritz Kitzing. United States Holocaust Memorial Museum, abgerufen am 27. August 2025
Am 9. Juni 1935 wurde Kitzing mit dem Vorwurf aufgegriffen, er habe sexuellen Kontakt zu einem in zivil gekleideten SA-Mann gesucht. Diesmal kam es zwar nicht zur Verhaftung, aber Kitzing wurde gewarnt, dass ihn ein weiterer Kontakt mit der Polizei ins Konzentrationslager bringen könne.
Im Februar 1936 wurde der Gestapo „vertraulich mitgeteilt, dass im Berliner Westen ein Transvestit sein Unwesen treibe“. Am 4. März 1936 verhaftete die Gestapo Kitzing und nahm ihn tags darauf aufgrund von „Gemeingefährlichkeit“ in Schutzhaft, begründet mit „schamlose[m] Treiben der Transvestiten“, obwohl ihm kein juristisches Vergehen nachgewiesen werden konnte. Im Polizeireport der Berliner Kriminalpolizei wurde am 5. März die Unterbringung in einem Konzentrationslager gefordert. Begründet wurde dies mit der Feststellung er gehe seit Jahren keiner geregelten Arbeit nach, verdiene sein Geld mit Prostitution und stelle eine Gefahr für die Öffentlichkeit dar.
Er wurde am 18. März 1936 in das KZ Lichtenburg deportiert. Nach mehreren Verlängerungen der Schutzhaft wurde Kitzing am 19. Oktober 1936 in das KZ Sachsenhausen verlegt. Bis zu seiner Entlassung, am 8. April 1937, war seine Haftzeit mehrfach verlängert worden.The Pink Triangle Legacies Project. Fritz Kitzing (December 28, 1905 - 1987). pinktrianglelegacies.org, abgerufen am 27. August 2025
In den Gestapo-Akten taucht Kitzings Name erst wieder im Frühjahr 1938 auf, nachdem er in der Öffentlichkeit in Frauenkleidung erkannt und denunziert worden war. Am 29. März wurde er ein drittes Mal festgenommen. Ein Verrat führte zu einer Wohnungsdurchsuchung, bei der die Beamten Briefe über seine Erfahrungen im Konzentrationslager fanden, denen „Greuelpropaganda im Auslande“ unterstellt wurde.
Im Zweiten Weltkrieg wurde Kitzing dazu gezwungen, in die Armee einzutreten und war Teil der in Belgien stationierten Besatzungsmacht.
Lange Zeit war über das weitere Verbleiben Kitzings nichts bekannt. Er war nach dem Kriegsende nach Berlin zurückgekehrt, wo er als Antiquitäten-Händler tätig war. Er starb 1987 im Alter von 82 Jahren in Berlin, wie ausgewanderte Familienmitglieder später berichteten.
Ein Teil seiner Familie Kitzing hatte sich in Costa Rica angesiedelt, kam jedoch nach Angaben seiner Großnichte, Ana Pacheco-Kitzing, regelmäßig zu Besuchen in Berlin. Kitzings Verwandtschaft wusste von seiner Homosexualität, es war jedoch nicht bekannt, ob er möglicherweise auch transsexuell war. Seine Großnichte sagte, das sei aus ihrer Sicht auch weniger wichtig, als die Tatsache, dass er geliebt und akzeptiert gewesen sei.
Literatur Jennier Evans, Elissa Mailänder: Cross-dressing. Male Intimacy and the Violence of Transgression in Third Reich Photography. In: German History. Vol. 39, Nr. 1, 2021. doi:10.1093/gerhis/ghaa031.
Joachim Müller, Andreas Sternweiler: Homosexuelle Männer im KZ Sachsenhausen. Verlag Rosa Winkel, Berlin 2000, ISBN 3-86149-097-8.
Weblinks Kitzing auf THE PINK TRIANGLE LEGACIES PROJECT
Einzelnachweise
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