mini|279x279px|Evangelische Stadtpfarrkirche Unserer Lieben FrauDie evangelische Stadtkirche Unserer Lieben Frau in Friedberg (Hessen) ist eine gotische Hallenkirche, die zwischen 1260 und 1410 erbaut wurde. Geschichte mini|Grundriss der Stadtkirche, darin farbig eingetragen archäologisch ermittelte Fundamentstrukturen der romanischen Vorgängerkirche Bereits im späten 12. Jahrhundert entstand an der Stelle der heutigen gotischen Hallenkirche eine dreischiffige romanische Basilika mit drei Apsiden als Ostabschluss. Von diesem Vorgängerbau sind heute allerdings nur noch Teile des Lettners erhalten.
In der Mitte des 13. Jahrhunderts bot die enorme wirtschaftliche Blüte der Stadt Friedberg einen Anlass, den bestehenden romanischen Kirchenbau durch einen größeren zu ersetzen. Der Baubeginn des gotischen Neubaus ist wohl spätestens 1257 anzusetzen, nach einem lokalen militärischen Sieg der Stadt über die nahe Burg Friedberg. In dieser Zeit wurden fast hastig die Fundamente zum Querhaus und den beiden östlichen Treppentürmen gelegt, ohne zunächst den bestehenden Kirchenbau anzutasten. Spätestens 1260 begann das Errichten der Querhausmauern bis zur Höhe der Fenstersohlbänke. Nach einer Baupause mit unklarer Ursache wurden um 1285 unter einem hochbegabten, vom Straßburger Münster geprägten Werkmeister der Chor, die östliche Querhauswand und das südseitig ins Vorhandene eingefügte Brautportal in voller Höhe aufgeführt, immer noch unter Schonung des Altbaus. Ein anderer Meister erbaute anschließend die Querschiffs-Stirnwände, die Treppentürme und, nun unter formal bereits veraltetem Marburger Einfluss, die beiden westlichen Freipfeiler der Vierung.mini|links|232x232px|Brautportal Damit war nun der Querschnitt des Hallenlanghauses endgültig festgelegt. Der spätromanische Lettner blieb dabei noch unverändert erhalten. Nach Einwölbung und Ausmalung waren 1306 Chor und Querschiff vollendet. Am 29. Mai des Jahres, am Sonntag nach Pfingsten, wurde der Hochaltar geweiht. Albrecht I., seit 1298 römisch-deutscher König, befand sich mit weiteren fürstlichen Personen unter den Ehrengästen.
Der Fortbau der östliche Langhausjoche dürfte ohne Pause erfolgt sein. Steine der nun gänzlich dem Abbruch verfallenden alten Kirche mauerte man in den Neubau mit ein. Gegen 1330 war das gotische Langhaus bis zu den beiden Seitenportalen fertiggestellt. Kurz nach 1340 werden bereits zehn Altäre erwähnt. Bis in die Mitte des 14. Jahrhunderts war die Halle so weit hochgeführt und unter Dach gebracht, dass nach dem 4. Langhausjoch eine massive provisorische Abschlusswand die inzwischen weiter ergänzten Raumbereiche begrenzen konnte und einen Zustand schuf, wie man ihn ähnlich in Wetzlar bis heute kennt. Anders als dort setzte man in Friedberg den Weiterbau zunächst mit der Errichtung der Freipfeiler nach Westen hin fort, wobei ihr westlichstes besonders starke Paar bereits zum Tragen von Turmbauten vorgesehen war. mini|221x221px|Turmfassade der Kirche Noch bevor die Anlage der Außenmauern der beiden letzten Joche begann, muss bereits die Entscheidung getroffen worden sein, nun ein sehr massives Turmpaar westlich vor den eigentlichen Kirchenkörper zu setzen. Um dies der städtischen Bürgerschaft zu zeigen, legte man alle nötigen Fundamente an und setzte darauf mehr oder weniger hohe aufgehende Mauerteile aus roten Sandsteinquadern im Sinne der aktuellen Planung. Am wichtigsten war trotzdem das Vollenden der den Kirchenraum umschließenden Bauteile bis zur Wölbung und dem gegenüber dem vorigen konstruktiv bei gleichem Aussehen etwas abgewandelten Dachwerk. So war das Innere der Kirche um 1370/75 vollendet und bis auf zwei westliche Emporengewölbe voll nutzbar.
Das Weiterbauen der Türme geschah in der Folge immer langsamer, meistens auch in einem anderen, helleren Steinmaterial. Wirtschaftlicher Niedergang der Reichsstadt, negative Einflüsse seitens der Reichsburg Friedberg und schließlich 1383 ein Stadtbrand ließen den Turmbau immer mühsamer gedeihen. Am 22. Januar 1410 bewirkte ein Schiedsspruch des gemeinsamen Stadtherrn, König Ruprecht von der Pfalz, den kompletten Baustopp der trotz offener Erdgeschossdurchgänge sehr massiven Kirchtürme. Das Burgregiment hatte deren auffallend starkes Mauerwerk zum Anlass genommen, die Gefahr einer eventuell drohenden Beschießung auf ihr Areal vorzugeben, trotz der eigentlichen Unmöglichkeit eines solchen Angriffs. Lediglich die Ausführung eines Glockengeschosses, auf dem gerade in Dachfirsthöhe angelangten Nordturmstumpf war gestattet worden. Dass dieser Aufsatz in verschieferter Fachwerkkonstruktion mit hohem, über vier Giebeln aufragendem achtseitigen Helm mit bekrönender steinerner Kreuzblume durchaus nicht bescheiden geriet und die Höhe von 62 Meter erreichte, beweist den verbliebenen Ehrgeiz des reichsstädtischen Rats an seinem Pfarrkirchenbau.
Die für das Jahr 1420 belegten Glockengüsse lassen auf das Ende am Kirchenbau schließen, da der niedrige zweite Turmstumpf nur mit einem provisorisch wirkenden Schleppdach abgedeckt wurde und keinerlei Gestaltung mehr erhielt. mini|310x310px|Innenansicht Orgel In der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts kommt es mit der Anschaffung von Buntglasfenstern für den Chor und des Sakramentshauses von Hans von Düren zu einer Nachblüte der Bauprojekts bei der Kirchenausstattung.
In den nachfolgenden Jahrhunderten folgen kaum mehr bauliche Veränderungen. Die früh einsetzende und sich bis 1541 hinziehende und nach erzwungenem Interim endgültig 1552 durchsetzende Einführung der Reformation verlief in Friedberg friedlich und ohne Bildersturm, die Gemeinde bekannte sich zum Luthertum. Um das Langhaus für Predigthörer einzurichten, beließ man nicht nur den als Sängertribune nutzbaren Lettner, man zog zusätzlich zeitweise auch einige Emporen ein. Schäden im Dreißigjährigen Krieg hielten sich in Grenzen, die Barockzeit brachte sogar eine große Orgel. Der Zustand der Bausubstanz, namentlich von Chor und Querschiff, nahm allerdings immer bedrohlichere Züge an und verlangte im Jahr 1822 nach unelegant ausgeführten statischen Maßnahmen. Zur Mittelbeschaffung sah man sich zum Verkauf großer Teile des ohnehin nicht mehr genutzten Kirchenschatzes genötigt. Trotzdem unternahm man bereits bald danach, zwischen 1842 und 1845, nicht nur ein stilreinigendes Ausräumen der seitherigen Kirchenausstattung, sondern entschloss sich auch unter Oberleitung des großherzoglich-hessischen Hochbauamts zum Einfügen einer neugotischen Neuausstattung mit Bänken, Kanzel und Orgelgehäuse. mini|links|346x346px|Innenansicht Altar und Lettner Um der zunehmenden akuten Einsturzgefahr der östlichen Bauteile der Kirche endgültig zu begegnen, kam es nach umfangreichen Voruntersuchungen um 1900 zu aus heutiger Sicht denkmalpflegerisch vorbildlichen Dokumentationen und Planungen. Die Architekten Rudolf Opfermann und Hubert Kratz führten die Sanierungskampagne zwischen 1896 und 1901 durch.Bildindex der Kunst und Architektur: Nordturm Der äußerst sorgfältige Abbau von Chor, Querschiff und nördlicher Sakristei und ihr Wiedererrichten auf neuen, festeren Fundamenten mit originalem Steinmaterial und einigen weiteren Maßnahmen wie der Bekrönung des Südturm-Stumpfes sicherte den Hallenkirchenbau dauerhaft. 1908 folgte diesen Maßnahmen ein Orgel-Neubau ins bestehende Gehäuse hinein, nachdem zwischenzeitlich auch große Teile der farbigen Neuverglasung entstanden waren.
Die heutige farbige Raumfassung, überwiegend auf Befunduntersuchungen beruhend, geht auf die Jahre zwischen 1958 und 1963 zurück und folgte den Angaben des Landeskonservators Otto Müller durch den Kirchenmaler Anton Burkard. In den Rahmen dieser Bauperiode fällt auch die Beseitigung der neugotischen Ausstattung und der Erwerb der jetzigen Einzelbestuhlung. Die aus Stahlbeton gefertigte West-Empore mit dem Orgelprospekt sowie den aktuellen Sakristei-Anbau entwarf der Frankfurter Architekt Theo Kellner bis 1964.
Von 1996 bis 2001 kam es zu einer nötig gewordenen weiteren Restaurierungskampagne. 2006 feierte die Kirchengemeinde den 700. Jahrestag der Hochaltarweihe.
Architektur Bei der Friedberger Stadtkirche handelt es sich um eine Hallenkirche mit vorgelagerter Doppelturmfassade und polygonalem Chorschluss. Die zwei massiven quadratischen Westtürme bilden zwei von Norden nach Süden durchschreitbare Turmvorhallen, die das mittig zwischen ihnen liegende Hauptportal einrahmen. Durch dieses Hauptportal wird die dreischiffige Halle betreten, die sich über sechs Joche erstreckt. Daran anschließend folgt das Querhaus. Die jeweils nur aus einem Joch bestehenden Querhausarme ragen nur wenig über die Langhausflucht hinaus, werden aber jeweils durch einen fast freistehenden Treppenturm hervorgehoben. An die Vierung schließt ohne ein sonst häufig übliches Vorjoch eine Apsis mit 5/8-Schluss an.
Außenbau mini|305x305px|links|Friedberger Stadtkirche Der Haupteindruck der Stadtkirche wird durch die unfertige Doppelturmfassade im Westen und die gleichmäßig jochweise quer zu dem langen Mittelschiffsdach angeordneten steilen, gleich hohen Walmen geprägt. Durch massive Strebepfeiler werden der aufragende Nordturm und der südliche Turmstumpf schlicht vertikal gegliedert und von wenigen Fenstern durchbrochen. Während der Nordturm die Höhe des Dachfirstes der Halle erreicht und darüber mit einem verschieferten Glockengeschoss die beachtliche Höhe von 62 Metern erreicht, verbleibt der Südturm in niedriger Höhe. Sein Pyramidendach erreicht gerade die Firsthöhe der anschließenden Halle. Diese erstreckt sich hinter der Doppelturmfassade in einem gleichmäßigen Rhythmus. Die die Außenseiten des Langhauses stützenden und zugleich strukturierenden Strebepfeiler sind mit einigen Wasserschlägen gegliedert und werden bekrönt von Fialen. Aus ihnen ragen figürliche Wasserspeier. Die verputzten Außenwände besitzen über den Scheiteln der Seitenportale ein durchgehendes horizontales Kaffgesims. Es bildet zugleich die Sohlbank der dreibahnigen, seitlich mit profilierten Laibungen versehenen Maßwerkfenstern, die jeweils in geometrisch konstruiertem Couronement gipfeln. Wie alle gliedernden architektonischen Elemente der Kirche sind sie aus fast immer rotem Sandstein gearbeitet, die die ansonsten verputzten Mauerflächen unterteilen. Oberhalb des Traufgesimses umrundet eine sandsteinerne Maßwerkgalerie aus einer Folge von Vierpässen den gesamten Kirchenbau und selbst den Hauptturm. mini|274x274px|Blick durch die Mittelschiffsarkaden Das Dach der Vierung wird durch einen, wie alle Dachflächen, verschiefert gedeckten Dachreiter hervorgehoben. Die beiden ganz aus Werkstein errichteten und mit Kantensäulchen, Blendbögen und Giebeln strukturierten Treppentürme am Übergang vom Quer- zum Langhaus überspielen diesen eher als sie ihn trennen. An Chor und Querhaus ähneln die Gliederungen jenen des jüngeren Langhauses weitgehend. Zu erwähnen bleibt dort aber das reiche, fünfbahnige Ostfenster in dessen Südarm. Die Querhausfassaden werden unterhalb der großen vierbahnigen Maßwerkfenstern von Portalen durchbrochen. Insbesondere das Brautportal auf der Südseite ist kunstvoll ausgestaltet.
Innenraum mini|199x199px|links|Innenraum der Stadtkirche, Blick Richtung Süd-Osten