mini|Verlagseinband der Erstausgabe 1930 Der Mann ohne Eigenschaften ist das Hauptwerk Robert Musils und wird zu den bedeutendsten Romanen des 20. Jahrhunderts gezählt. Es erschien ab 1930 in drei Bänden.Der erste Band mit den beiden Teilen „Eine Art Einleitung“ und „Seinesgleichen geschieht“ erschien 1930, der zweite Band mit dem ersten Teil „Ins Tausendjährige Reich (Die Verbrecher)“ 1932. Aus dem Nachlass wurde auf Betreiben von Musils Witwe Martha 1943 ein dritter Band veröffentlicht, der auch die von Musil mehrfach überarbeiteten Druckfahnenkapitel zu dem bei Lebzeiten nicht erschienenen zweiten Teil des zweiten Bands enthielt. Im Mittelpunkt der hauptsächlich in Wien kurz vor dem Ersten Weltkrieg angesetzten Handlung steht Ulrich, ein junger Intellektueller auf der Suche nach sinnvoller und ihn ausfüllender beruflicher und privater Existenz, der in vieler Hinsicht Züge von Musil selbst trägt. Von Umständen getrieben und mit ihnen experimentierend, wird Ulrich zum Mitakteur in einer Parallelaktion, in der einflussreiche Kreise der Donaumonarchie das 70. Thronjubiläum von Kaiser Franz Joseph im Jahr 1918 vorbereiten. Dieses soll gegenüber dem für dasselbe Jahr zu erwartenden 30. Thronjubiläum des Deutschen Kaisers Wilhelm II. keinesfalls an Glanz und Ausstrahlung zurückstehen.
Ulrichs ohnehin distanziertes Interesse an diesem von Musil ironisch ausgemalten und mit einer Vielzahl gesellschaftsanalytischer Essays angereicherten Vorhaben erlischt nahezu, als er anlässlich der Beerdigung des Vaters seiner verheirateten Schwester Agathe wiederbegegnet. Zwischen den Geschwistern entwickelt sich ein inzestuös getöntes Verhältnis, das auf die Suche nach einem anderen Zustand von „tagheller Mystik“ gerichtet ist. In immer neuen Bemühungen, diesen anderen Zustand auszuloten und in ein Ganzes einzubinden, gelangt der Verfasser zu keinem Romanende.
Entstehungsrahmen Anklänge und Bezüge zum eigenen Leben, zeitgenössische Medienmeldungen und -berichte sowie Beobachtungen in Gesellschaft, Politik und Kultur waren die wesentlichen Rohstoffe, aus denen Musil sein Hauptwerk formte. Personen seines sozialen Umfelds wurden von ihm oft deutlich erkennbar gespiegelt. Teile des Romanstoffs greifen Zeitungsberichte auf; in weiteren Passagen widmet der Verfasser sich in einer Vielzahl essayartiger Reflexionen der geistigen Situation der Zeit und gesellschaftlichen Entwicklungstendenzen.
„Kakanien“ nennt Musil im Roman die in überkommenen Strukturen erstarrte, spannungsgeladene und dem Untergang geschäftig entgegentaumelnde k. u. k. Monarchie.Eingeführt wird diese ironisierende Bezeichnung im 8. Kapitel des ersten Werkteils. Das darin anklingende griechische Wort κακός (kakós), dt. = schlecht, kann als negative Wertung Musils verstanden werden. Im unmittelbaren Vorfeld des von vielseitiger anfänglicher Begeisterung getragenen Ersten Weltkriegs, auf den der Autor bei der Niederschrift des Romans bereits zurückblickt, entfaltet Musil seinen weitgespannten, zwischen gegebener Wirklichkeit und vorstellbaren Möglichkeiten pendelnden Reflexionshorizont. Die Titelfigur wird zum „Mann ohne Eigenschaften“, indem sie sich zu nichts ernsthaft bekennen mag und sich jeder Festlegung im eigenen Leben entzieht, um sich für neue Optionen und Konstellationen offenzuhalten.
Autobiographische Motive mini|Gedenktafel am Haus Kurfürstendamm 217 in Berlin-Charlottenburg „Als wäre alles schon in der Kindheit beschlossen“, überschreibt Karl Corino das Anfangskapitel seiner Biographie zu Robert Musil, diesen zitierend.„Steigend kommt man immer wieder an den gleichen Punkten vorbei, dreht sich über dem vorgezeichneten Grundriß im Leeren. Wie eine Wendeltreppe.“ (Robert Musil: Gesammelte Werke. Herausgegeben von Adolf Frisé. Prosa und Stücke, Kleine Prosa, Aphorismen, Autobiographisches, Essays und Reden. Kritik. Reinbek 1978, S. 402. Zitiert nach Corino 2003, S. 51.) Zu der bereits vier Jahre vor seiner Geburt und vor ihrem ersten Geburtstag verstorbenen, also ungekannten Schwester Elsa, deren Erinnerung die Eltern wachhielten, entwickelte Robert im Kindesalter eine eigentümliche Beziehung, die sich gelegentlich auch in heimlichen Wünschen, ein Mädchen zu sein, äußerte.Corino 2003, S. 23 und 31 f. Das Verhältnis von Ulrich und Agathe im „Mann ohne Eigenschaften“ knüpft daran an. Wie Musil selbst lässt auch sein Roman-Pendant Ulrich im Übrigen wenig menschliche Nähe zu. Musil hat schon in jungen Jahren schwer Freundschaft geschlossen und war von der Anrede „lieber Freund“ abgestoßen. Auch bei den ganz wenigen Freunden befielen ihn laut Corino widerstreitende Gefühle.Corino 2003, S. 53.
Entsprechende Parallelen sind auch in der Vaterbeziehung Musils und Ulrichs erkennbar. Das in den Roman eingeflochtene mahnende Schreiben des Vaters an den Sohn in Bezug auf dessen mangelnde Verankerung im Berufsleben gilt Corino in Kenntnis des Briefstils von Alfred Musil und in Anbetracht von Robert Musils Lebenslage für authentisch. Der Vater anerkennt darin zunächst löbliche Ansätze und Leistungen des Sohnes, die ihm von anderen zugetragen würden, beklagt in der Folge aber dessen Ziellosigkeit:
Über Musils Ausbildung für den Bibliotheksdienst und seine Anstellung als Bibliothekar an der Technischen Hochschule in Wien vom April 1911 bis zum Februar 1914 freuten sich die Eltern; für Robert handelte es sich aber um keine auf Dauer erfüllende Beschäftigung. Er übte sie auch nur bis April 1913 aktiv aus und ließ sich dann infolge eines ärztlich attestierten nervösen Erschöpfungszustands krankheitshalber beurlauben. Im Februar 1914 kündigte Musil seine Stellung, um sich fortan als freier Schriftsteller zu betätigen und sein Auskommen zu suchen. Im Roman entwirft er bezüglich der Bibliothekarsqualifikation ein ironisches Bild, wonach die Kenntnis der in der eigenen Regie befindlichen Bücher gerade darauf beruhe, keines gründlich zu lesen. In Kapitel 100 „General Stumm dringt in die Staatsbibliothek ein und sammelt Erfahrungen über Bibliothekare, Bibliotheksdiener und geistige Ordnung“ schreibt Musil: „Es ist das Geheimnis aller guten Bibliothekare, daß sie von der ihnen anvertrauten Literatur niemals mehr als die Büchertitel und das Inhaltsverzeichnis lesen.“ Wer sich auf den Inhalt einlasse, sei als Bibliothekar verloren, erfährt der General von dem Doktor und Privatdozenten für Bibliothekswesen, der ihn führt.Der Mann ohne Eigenschaften. Band 1. Hrsg. von Adolf Frisé. Reinbek bei Hamburg 1978, S. 462. Corino 2003, S. 417.
Zeitfaktoren Musils Hauptwerk hat sich als Reaktion des Schriftstellers auf die durch den Ersten Weltkrieg bewirkten Umwälzungen aus diversen Anläufen und Vorstufen entwickelt. Musil selbst sah im Rückblick „eine Folge von Stufen, die von verschiedenen Treppen herrührten und zu einer neuen Gestalt verarbeitet werden mußten.“Robert Musil: Briefe 1901–1942. Hrsg. von Adolf Frisé. Reinbek bei Hamburg 1981, S. 510. Zitiert nach Pfohlmann 2012, S. 103. Dabei wechselten sowohl die Werktitel von „Der Spion“ (1919/20) über „Der Erlöser“ (1921–23) und „Die Zwillingsschwester“ (1923–26)Oliver Pfohlmann: Robert Musil. Reinbek bei Hamburg 2012, S. 103. als auch die Namen des Romanhelden, der ursprünglich Achilles und dann Anders geheißen hatte, bevor er zu Ulrich wurde. Nimmt man die autobiographischen Motive hinzu, liegen die Entstehungsgründe für das Werk noch weit vor den 1920er Jahren.
Mit der Fertigstellung tat sich Musil in seinen kaum enden wollenden konzeptionellen und abschnittbezogenen Überarbeitungen durchgängig schwer. Zwischenzeitlich befielen ihn längere Schreibblockaden, aus denen er sich nur mit psychotherapeutischer Hilfe lösen konnte. „Das Nicht-stehen-lassen-Können, das bis zu zwanzigfache Umschreiben einzelner Kapitel, ohne Rücksicht auf seine immer prekärer werdende finanzielle Situation, führte dabei letztlich erst zu der sprachlichen und gedanklichen Komplexität des Romans.“Oliver Pfohlmann: Robert Musil. Reinbek bei Hamburg 2012, S. 107. „Auch im Winter 1927/28 soll Musil tagelang rauchend um seinen Schreibtisch geschlichen sein. Ohne therapeutische Hilfe hätte er den ersten Band seines Romans nicht abschließen können, gestand der Dichter später selbst. […] Sein Problem war, sich unter den vielen möglichen sprachlichen Ausgestaltungen seiner Gedanken für eine definitive zu entscheiden.“ (ebenda)
Der zeitgeschichtliche Brennpunkt von Musils Romanprojekt war die Katastrophe des Ersten Weltkriegs, den er zu Anfang ebenso euphorisch begrüßte wie andere Intellektuelle und Teilhaber der künstlerischen Avantgarde auch. Seinen Beitrag „Europäertum, Krieg und Deutschtum“ in der Literaturzeitschrift Die Neue Rundschau, deren Redaktion er nach der Kündigung der Bibliothekarsstelle beigetreten war, nennt Oliver Pfohlmann eine ästhetische Bankrotterklärung. „Denn das im August 1914 auch in Musil tobende Gefühlsgemisch aus Nationalismus, Opferbereitschaft und Bellizismus stand im klaren Widerspruch zu seinen bisherigen ästhetischen Werten und Zielen.“ Diese seien wie bei vielen Vertretern der literarischen Moderne bis dahin eher europäisch-modern gewesen und damit im Gegensatz stehend zu jenen von seiner Generation als überholt abgelehnten Werten wie Treue, Nationalismus oder Pflichterfüllung, die nun vom Krieg schlagartig wiederbelebt wurden.Oliver Pfohlmann: Robert Musil. Reinbek bei Hamburg 2012, S. 68. Der Verarbeitung dieser Selbst- und Kriegserfahrung war Musils schriftstellerisches Werk in der Folge wesentlich gewidmet.„Bei allem Unbestimmten und nicht Festlegbaren, Gedankenexperimenten, Zwei- und Mehrdeutigkeiten, die Musil beschäftigten, gibt es aber, so scheint mir, eine Konstante in seiner Auseinandersetzung mit der Politik, die auch eine Richtschnur seines Schreibens wurde“, schreibt Klaus Amann: „Musil bestimmte seinen politischen und seinen literarischen Standort implizit und explizit dadurch, dass er nicht noch einmal in die Falle des Affekts tappen, nicht noch einmal jener ‹Krankheit› von 1914 verfallen wollte.“ (Amann 2007, S. 42.)
Im Mann ohne Eigenschaften sollte die Vorkriegsepoche am Beispiel des altösterreichischen „Kakanien“ in der Untergangsperspektive gezeigt werden. Während des bis zu Musils Tod sich hinziehenden Fortschreibungsprozesses an dem Roman ergaben sich vielfältige neue Entwicklungen und Umbrüche, darunter Weltwirtschaftskrise und Faschismus, die – bezogen auf 1913, das Jahr der Romanhandlung – teils anachronistisch in Musils Reflexions- und Darstellungsrahmen einflossen. „Die Arbeit an dem Roman wurde dadurch nicht erleichtert. Möglicherweise ist die schicksalhafte Verschränkung der Zeitebenen im Alltag und im Kopf des Autors nach und nach auch einer der Hauptgründe für die Unabschließbarkeit des Romanprojekts geworden.“Amann 2007, S. 8. Musil hinterließ ein Konvolut von 12.000 Blättern mit 100.000 Anmerkungen und Querverweisen, aus denen spätere Herausgeber nach eigenem Gutdünken den Roman fortsetzten. Seit 2009 liegt eine digitale Version des Gesamtwerks (Klagenfurter Ausgabe) vor.
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