mini|450px|Lækningakver-Manuskript (Signatur AM 434 a 12mo) von etwa 1500 – älteste erhaltene Handschrift mit Galdrastafir. – Abbildungen: Þjófastafur (links) sowie zwei Varianten des Ægishjálmur Galdrastafir (isländisch Plural von galdrastafur: „Zauberstäbe“, „Zauberzeichen“) sind alte isländische magische Zeichen. Sie sind durch etwa 20 isländische handschriftliche GrimoiresAuflistung der erhaltenen Manuskripte (darunter auch einige nur mit Zaubersprüchen) seit etwa dem Jahr 1500 belegt und zum Beispiel durch das Huld-Manuskript von 1860 und den Galdrastafir-Manuskripten von Jónas Jónasson aus dem frühen 20. Jahrhundert überliefert. Die meisten Zeichen stammen ursprünglich aus dem 17. JahrhundertFoster, Galdrastafir und wurden von späteren Manuskript-Verfassern nachgezeichnet, teilweise mit mehr oder weniger Abänderungen der Bezeichnungen, Abbildungen und Beschreibungen.
Die Galdrastafir wurden in der isländischen Magie in erster Linie zum Selbstschutz, teilweise jedoch auch, um andere Menschen zu schädigen, verwendet.Bauer/Pesch, S. 37, 41 u. 44; Den Zeichnungen sind meistens genaue Anweisungen über die Anwendung der einzelnen Zeichen beigefügt, um die angebliche Wirkungsweise zu gewährleisten.
Herkunft mini|400px|Talbyrdingur im Huld-Manuskript: auffallende Ähnlichkeit zu Darstellungen im Kabbala-Grimoire Sepher Raziel HaMalach aus dem 13. Jahrhundert mini|200px|links|Auffällige Ähnlichkeiten zu manchen Galdrastafir: magische Symbole aus der Hygromanteia-Handschrift von etwa 1450 Die Magie in Island wurde von einer Menge verschiedener Einflüsse geprägt.Nilsen, S. 4 Trotz häufiger Verwendung von Runen bei der Beschreibung der Galdrastafir sowie deren isländischer Namen ist ihre Herkunft und Tradition mit Sicherheit nicht in Island oder Skandinavien zu sehen.Bauer/Pesch, S. 44 Die Einflüsse kommen vielmehr aus dem christlichen und jüdischen Mystizismus Europas.Nilsen, S. 5
Die Form der magischen Zeichen „scheint auf eine Kontinuität in der Rezeption und Weitergabe kabbalistischer Inhalte hinzuweisen.“Bauer/Pesch, S. 44 Das System, das hauptsächlich aus quadratischen Figuren, die gerade Linien verbinden, besteht, ist „keineswegs die Erfindung eines Isländers. Es weist vielmehr eine auffallende Ähnlichkeit mit dem System eines mittelalterlichen kabbalistischen Grimoires namens Sefer Raziel HaMalakh auf... Dank einer lateinischen Übersetzung aus dem 13. Jahrhundert (Liber Razielis Archangeli) erfreute sich das Werk in ganz Europa großer Beliebtheit und fand schließlich seinen Weg nach Island.“Bauer/Pesch, S. 44
Eine „verblüffende Ähnlichkeit“Bauer/Pesch, S. 45 mancher isländischer Galdrastafir bestehen außerdem zu den Sigillen in dem in Altgriechisch verfassten Grimoire und Pseudepigraph HygromanteiaHarley-Manuskript MS 5596, fol. 31r (auch „Magische Abhandlung Salomos“), das bereits etwa 1450 verfasst wurde.Ausführliche Erläuterungen zur Herkunft und Ähnlichkeit der isländischen Grimoires und Galdrastrafir im Vergleich mit früheren anderen Werken bei Bauer/Pesch, S. 44–46.
Die Sigillen der isländischen Galdrastafir sind ein nordischer Ableger der esoterischen Tradition aus dem Mittelmeerraum und haben ihre Grundlage in mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Grimoires aus der dortigen Gegend. Die späteren isländischen Galdrastafir sind dann durch einen synkretistischen Prozess und der Verschmelzung verschiedener Ideen entwickelt worden.Pagani, Gripla XXXVI (2025), S. 268; ausführliche Darlegungen S. 241–269
Anwendung mini|350px|Galdrastafir und Anweisungen zur Anwendung im Galdrabók (Signatur ATA Ämb 2 F16:26) von etwa 1600; zweitältestes erhaltenes Grimoire Die isländischen magischen Zeichen wurden auf den Körper gemalt, als Gravur auf Amuletten verwendet und in verschiedene Dinge wie Käse (zum Beispiel der Fengur) eingeritzt.Nilsen, S. 4 Das jeweilige Zeichen sollte zum Beispiel Schutz und Bewahrung geben, Diebe aufspüren und zur Rechenschaft ziehen (zum Beispiel Þórshamar), Feinde verwirren und sie zu ängstigen, Unsichtbarkeit hervorrufen, gegen Angst vor Dunkelheit helfen, die Liebe einer Frau gewinnen oder Glück bringen.Nilsen, S. 4; Bauer/Pesch, S. 44; Foster, Galdrastafir
Der weitaus überwiegende Teil der Abbildungen enthält präzise Anweisungen zur Verwendung der Zeichen. Die Galdastrafir waren nicht nur allein für die Abzeichnung auf Pergament oder Papier vorgesehen, sondern auch für eine dreidimensionale Verwendung. Es werden auch die zu benützenden Materialien (bei Amuletten Holz oder Blei) und Werkzeuge sowie die exakten Positionen erwähnt, wo und wie sie in einem Raum aufgestellt werden sollten. Auch auf die richtige Art der Beschriftung und des Tragens am Körper wird eingegangen.Bauer/Pesch, S. 46
Einteilung der Galdrastafir nach der Form Die Galdrastafir kann man gemäß dem australischen und auf die Galdrastafir spezialisierten Wissenschaftler Justin Foster in fünf Gruppen einteilen.Foster, Galdrastafir
Asymmetrische Formen Bei den asymmetrischen Formen handelt es sich um die älteren isländischen magischen Zeichen, die kaum christlich beeinflusst sind. Sie weisen normalerweise gerade Linien auf, die sich mit anderen Linien oder auch kleinen Formen schneiden. mini|300px|rechts|Beispiel für „Superzeichen“: Rúðukross – Rún-Manuskript 1928 Symmetrische Formen Diese Galdrastafir sind später entstanden und von der Form her schöner und ansprechender. Ihre Formen reichen von sehr einfachen bis zu sehr aufwändigen und umfassenden Formen. Christliche und heidnische Elemente sind bei symmetrischen Galdrastafir vermischt, andere haben einen ausschließlich christlichen Bezug.
Runen und runenähnliche Zeichen Manche Galdrastafir verwenden tatsächliche Runenzeichen in Verbindung mit runenähnlichen Zeichen, deren Bedeutung unbekannt und unklar ist. Manche Runenzeichen sind als Geheimrunen nach einem bestimmten System verschlüsselt.
Insignien Die meisten Insignien sind unter christlichem Einfluss entstanden und sind mit Namen aus dem Alten Testament und dem Neuen Testament bezeichnet. So gibt es unter vielen anderen zum Beispiel Salómons Insigli und Daviðs Insigli (Huld-Manuskript) oder auch Jóhannesar innsigli und Jésu Krists innsigli (Galdrastafir-Manuskript I von Jónas Jónasson). Viele dieser Art Galdrastafir haben auch die Bezeichnung Róðukross („Kreuz“ im christlichen Bereich).
„Superzeichen“ Diese „Superzeichen“deutsche Wiedergabe des von Justin Foster geprägten Begriffs “super stave” „sind die komplexesten und oft auch die schönsten Symbole.“Foster, Galdrastafir Sie haben vorwiegend Schutzfunktion vor dem Bösen. Oft sind diese kunstvollen Gebilde christlichen Heiligen gewidmet.
Beispiele für die unterschiedlichen Formen
Falsche zeitliche Einordnung und heutige Verwendung mini|Ástarstafur („Liebesstab“) auf T-Shirt Fälschlicherweise werden die Galdrastafir in der Werbung oft als „Wikingersymbole“ bezeichnet und als Symbole der Wikingerzeit dargestellt. Das ist – wie oben gezeigt wurde – völlig falsch. „Viele Menschen, die sich für nordische Mythologie und die Wikingerkultur interessieren, betrachten diese Symbole fälschlicherweise als Relikte der heidnischen Zeit oder der Wikingerära.“ Sie „haben ihre Wurzeln in einer Zeit, in der das Christentum in Island bereits fest etabliert war.“Nilsen, S. 7
Auch in der heutigen Zeit werden eine Reihe der Galdrastafir verwendet, wobei am bekanntesten und verbreitetsten Vegvísir, Ægishjálmur und Ástarstafur sind. Diese alten isländischen magischen Zeichen kommen unter anderem auf Schmuck, Amuletten und Bekleidung so wie als Tattoo zur Anwendung; jedoch ist die heutige Interpretation etlicher alter isländischer magischer Zeichen hinsichtlich Wirkungsweise und Herkunft eine andere als die ursprüngliche Bedeutung.Bauer/Pesch, S. 51
Siehe auch Liste isländischer magischer Handschriften mit Galdrastafir
Literatur
Ólafur Davíðsson: Isländische Zauberzeichen und Zauberbücher, in: Zeitschrift des Vereins für Volkskunde 13, Berlin 1903, S. 150–167 und S. 267–279. Mila Fois: Galdrastafir. I Magici Sigilli d’Islanda, 2018, ISBN 978-1-983-18150-4. Tim Nilsen: Symbole der Wikinger – Mythos und Wahrheit. Eine Enthüllung der isländischen Magie, ihren Wurzeln und der Irrglaube in der heutigen Zeit, Thalheim bei Wels 2024, ISBN 978-3-384-34424-3. Roberto Luigi Pagani: The Mediterranean Origin of the Galdrastafir. Tracing the Transmission of the Learned European Magical Tradition into Icelandic Popular Lore, in: Gripla XXXVI (2025), S. 241–269.
Weblinks
Wikinger-Symbole, die keine sind – YouTube-Video vom 17. April 2021 (20" 33') Justin Foster: The Huld Manuscript - ÍB 383 4to. A modern transcription, decryption and translation, Juni 2015 Justin Foster: Galdrastafir. Icelandic Magical Staves Justin Foster: Icelandic Magic Symbols (galdrastafir) and Spell Books (galdrabækur). An Annotated English Translation, 2015 – englische Übersetzung von Ólafur Davíðssons Aufsatz von 1903 Übersicht der isländischen Handschriften mit Galdrastafir-Abbildungen (darunter auch einige Manuskripte nur mit Zaubersprüchen) Ausführungen zur Herkunft der Galdrastafir; Kennzeichnungen der sehr ähnlichen Sigillen aus der Hygromanteia Abbildungen und Beschreibungen von über 20 Galdrastafir Abbildungen und Erklärungen zu 25 Galdrastafir Abbildungen und Beschreibungen zu etwa 70 Galdrastafir
Anmerkungen und Einzelnachweise
! Kategorie:Literatur (Isländisch) Kategorie:Magisches Objekt Kategorie:Magische Schrift Kategorie:Symbol