Die Bosnisch-herzegowinisch-türkischen Beziehungen sind das zwischenstaatliche Verhältnis zwischen Bosnien und Herzegowina und der Türkei. Bosnien fiel im 15. Jahrhundert unter die Herrschaft des Osmanischen Reiches und verblieb dort über die nächsten vier Jahrhunderte, was das Land kulturell und architektonisch prägte. Nach dem Verlust Bosniens an Österreich-Ungarn (1878) und dem späteren Beitritt Bosniens zum Königreich Jugoslawien (1918) bestanden keine direkten Beziehungen mehr zwischen der Türkei und einem unabhängigen bosnischen Staatswesen. Erst mit dem Zerfall Jugoslawiens in den 1990er Jahren konnten wieder diplomatische Beziehungen aufgenommen werden. 1992 erkannte die Türkei die Unabhängigkeit Bosniens und Herzegowinas an und unterstütze den Befreiungskampf der Bosniaken. Dies bildete die Grundlage für die freundschaftlichen Beziehungen nach dem Abschluss des Dayton-Abkommens. So schlossen beide Länder zahlreiche bilaterale Verträge, darunter ein Freihandelsabkommen (2001) und ein Abkommen über gegenseitigen visafreien Reiseverkehr (2022). Außerdem ist die Wiederbelebung des osmanischen Erbes in Bosnien ist ein Herzensanliegen Ankaras. Seit Kriegsende 1995 hat die Türkei Dutzende zerstörte Baudenkmäler (wie z. B. osmanische Moscheen) restauriert oder wiederaufgebaut.
Geschichte
Frühe Kontakte und Osmanisches Bosnien mini|Lage des osmanischen Eyâlet Bosnien 1683 Erste Berührungspunkte zwischen Bosnien und dem Osmanischen Reich ergaben sich bereits im späten 14. Jahrhundert: 1388 drangen osmanische Truppen erstmals in das damalige bosnische Gebiet (Hum, die heutige Herzegowina) ein, wurden dort jedoch in der Schlacht bei Bileća von bosnischen Kräften zurückgeschlagen. Ein bosnisches Kontingent unter König Tvrtko I. schloss sich im Folgejahr 1389 dem serbischen Heer in der Schlacht auf dem Amselfeld an, um gegen die Osmanen zu kämpfen. In den folgenden Jahrzehnten setzten die Osmanen ihren Vormarsch fort. 1448 eroberten sie zentralbosnisches Gebiet (Vrhbosna, später Sarajevo) und schließlich 1463 den größten Teil des Königreichs Bosnien; bis 1482 fiel auch die Herzegowina vollständig unter osmanische Kontrolle. Bosnien wurde zur westlichsten Provinz des Osmanischen Reiches und erhielt 1580 den Status eines eigenständigen Eyâlets (Provinz) innerhalb des Reiches. Während der rund vierhundertjährigen osmanischen Herrschaft erfuhr Bosnien tiefgreifende Veränderungen in Verwaltung, Gesellschaft und Religion. Das Land wurde in Sandschaks (Verwaltungsbezirke) gegliedert und durch osmanische Statthalter regiert. Ein besonderes Merkmal Bosniens im Vergleich zu anderen Balkanregionen war die breite Akzeptanz des Islams: Ein erheblicher Teil der einheimischen Bevölkerung konvertierte im Laufe des 15. und 16. Jahrhunderts zum Islam, sodass Bosnien (neben Albanien) zu den wenigen Gebieten Europas mit einer mehrheitlich muslimischen Bevölkerung wurde. Diese Bosniaken (bosnischen Muslime) blieben dennoch ethnisch und sprachlich Südslawen, was dem Land eine bis heute einzigartige kulturelle Prägung verlieh. Die osmanische Epoche hinterließ dauerhafte kulturelle Spuren, etwa in Architektur (Moscheen, Brücken, Basare), Sprache (zahlreiche türkische Lehnwörter im Bosnischen) und Küche. Bosnien-Herzegowina war zugleich integraler Teil des Osmanischen Reiches und stellte zahlreiche hohe Beamte und Militärs; berühmte Beispiele sind der aus Bosnien stammende Großwesir Sokollu Mehmed Pascha im 16. Jahrhundert oder der in Sarajevo geborene osmanische General Omar Pascha im 19. Jahrhundert.
Habsburgisches Bosnien und die Osmanen Im 19. Jahrhundert geriet das osmanische Bosnien zunehmend in den Fokus der Großmächte. Infolge der russisch-osmanischen Konflikte und des Berliner Kongresses 1878 verlor das Osmanische Reich die effektive Kontrolle über Bosnien-Herzegowina: Österreich-Ungarn erhielt das Mandat, Bosnien zu besetzen und zu verwalten, während es nominell weiterhin zum Osmanischen Reich gehörte.Turkey in Bosnia and Herzegovina: by fits and starts. Der Widerstand der einheimischen Bevölkerung gegen die Besatzung war heftig und musste von der Habsburgermonarchie mit großem Truppeneinsatz niedergeschlagen werden. Die osmanische Zentralregierung akzeptierte die Okkupation zögerlich und versuchte, ihren Einfluss auf die bosnischen Muslime zunächst durch Zugeständnisse zu wahren – etwa die Anerkennung des Sultans als religiöses Oberhaupt der Muslime Bosniens und die Fortgeltung der Scharia-Gerichtsbarkeit unter österreichischer Verwaltung.Die Historische Entwicklung Bosnien-Herzegowinas und des Libanons Dennoch ging die Verbindung zu Istanbul in den folgenden Jahrzehnten rapide zurück.
Im Oktober 1908 schließlich annektierte Österreich-Ungarn Bosnien-Herzegowina einseitig und erklärte das bisher formal osmanische Gebiet offiziell zum Teil der Doppelmonarchie. Diese Annexion löste eine schwere internationale Krise aus („Bosnische Annexionskrise“): Das Osmanische Reich protestierte zunächst heftig, sah sich aber nach Verhandlungen gezwungen, 1909 die Abtretung Bosniens gegen finanzielle Entschädigungen anzuerkennen. Für die osmanische Führung – inzwischen unter Kontrolle der Jungtürken – bedeutete dies den endgültigen Verlust eines seiner letzten europäischen Besitzungen. Gleichzeitig führte die Okkupationspolitik der Habsburger zu einer Auswanderungswelle bosnischer Muslime: Zwischen 1878 und 1918 emigrierten Schätzungen zufolge insgesamt rund 100.000 Bosniaken aus Bosnien-Herzegowina ins Osmanische Reich nach Anatolien, teils aus Furcht vor der neuen christlichen Herrschaft, teils aus wirtschaftlichen Gründen. Diese bosnisch-muslimische Diaspora in der Türkei bildet bis heute ein wichtiges Bindeglied zwischen beiden Ländern.
Trotz der politischen Entfremdung bestanden bis zum Ende des Osmanischen Reiches 1922 einige symbolische Verbindungen fort. So diente etwa die osmanische Armee im Ersten Weltkrieg auf Seiten der Mittelmächte als Verbündete Österreich-Ungarns, zu dem Bosnien inzwischen gehörte. Nach dem Zerfall des Osmanischen Reiches und der Gründung der modernen Republik Türkei 1923 wurde Bosnien-Herzegowina Teil des neu entstandenen Königreichs der Serben, Kroaten und Slowenen (später Jugoslawien). Damit endete die mehrere Jahrhunderte währende direkte staatliche Verbindung zwischen Bosnien und der Türkei.
Beziehungen nach 1923
Jugoslawien In der frühen republikanischen Ära unter Mustafa Kemal Atatürk suchte die Türkei außenpolitisch die Nähe zu ihren Balkan-Nachbarn, darunter dem Königreich Jugoslawien, zu dem Bosnien-Herzegowina gehörte. Bereits 1925 schlossen Ankara und Belgrad einen Freundschaftsvertrag, und 1934 traten beide Länder dem Balkanpakt (Balkanentente) bei – einem regionalen Beistandsbündnis mit Griechenland und Rumänien, das die politische Unabhängigkeit und territoriale Integrität der Teilnehmer gegenseitig garantieren sollte. Dieses Bündnis dokumentierte die grundsätzlich guten Beziehungen zwischen der Türkei und Jugoslawien in der Zwischenkriegszeit. Während des Zweiten Weltkriegs blieben direkte Kontakte gering, da Jugoslawien 1941 von der Achse besetzt wurde und die Türkei neutral blieb.
Nach 1945 entwickelte sich Jugoslawien unter Josip Broz Tito als blockfreier sozialistischer Staat, während die Türkei Gründungsmitglied der NATO wurde. Dennoch gab es Phasen enger Kooperation: 1953/54 bildeten Jugoslawien, die Türkei und Griechenland ein neues regionales Bündnis, den Balkanpakt von Ankara, um gemeinsam der stalinistischen Expansionsgefahr entgegenzutreten. Dieses Abkommen umfasste zunächst Freundschaft und Zusammenarbeit (1953) und wurde 1954 um eine Militärallianz ergänzt. Nach der vorübergehenden Aussöhnung Jugoslawiens mit der Sowjetunion in den 1960er-Jahren lockerte sich die trilaterale Kooperation jedoch wieder. Bis in die 1980er-Jahre blieben die türkisch-jugoslawischen Beziehungen pragmatisch und insgesamt freundschaftlich, ohne jedoch Bosnien-Herzegowina als Teilrepublik speziell hervorzuheben.
Bosnienkrieg Mit dem Zerfall Jugoslawiens und der Unabhängigkeitserklärung Bosnien-Herzegowinas 1992 intensivierten sich die direkten Beziehungen zu Ankara schlagartig. Die Republik Türkei gehörte zu den ersten Staaten, die Bosnien und Herzegowina formell als souveränen Staat anerkannten – noch vor Ausbruch des Bosnienkriegs, am 6. März 1992.Die Außenpolitik der Türkei Die Türkei vor den Toren Europas In der Folgezeit engagierte sich die Türkei während des Bosnienkrieges (1992–1995) politisch, humanitär und diplomatisch zugunsten Bosniens. So nutzte Ankara seinen Einfluss in der Organisation der Islamischen Konferenz (OIC), um im Juni 1992 eine dringliche Außenministerkonferenz in Istanbul einzuberufen, die die Vereinten Nationen zu Eingreifen gegen die Aggression in Bosnien aufforderte. Im August 1992 legte die türkische Regierung dem UN-Sicherheitsrat einen Aktionsplan zur Beendigung der Gewalt vor. Zudem organisierte sie im November 1992 eine Balkankonferenz in Istanbul, um diplomatische Lösungen zu diskutieren. Die Türkei plädierte international vehement für eine Aufhebung des UN-Waffenembargos gegen das von Serben bedrängte Bosnien. Ankara soll Berichten zufolge – trotz eines offiziellen Embargos – insgeheim Waffenlieferungen an die bosnisch-muslimische Armee ermöglicht haben.Die Rolle der Türkei am Westbalkan S. 30–35
Auf militärischer Ebene beteiligte sich die Türkei im Rahmen der NATO an den Maßnahmen zur Beendigung des Krieges: Türkische Kampfflugzeuge und Einheiten unterstützten ab 1994/95 die von der NATO geführten Luftangriffe („Operation Deliberate Force“) gegen Stellungen der bosnisch-serbischen Truppen. Zuvor hatte die Türkei bereits eine Vermittlerrolle bei innerbosnischen Konflikten übernommen: Im Februar 1994 wirkte der türkische Außenminister maßgeblich an der Aushandlung eines Waffenstillstands zwischen Bosniaken und Kroaten mit, der den blutigen bosniakisch-kroatischen Nebenkrieg beendete und zur Bildung der Föderation Bosnien-Herzegowina führte. Dies legte den Grundstein für die spätere Friedensordnung von Dayton. Am Zustandekommen des Dayton-Abkommens selbst (November 1995) war die Türkei zwar nicht direkt beteiligt (dieses wurde vor allem durch US-Vermittlung erreicht) doch unterstützte sie dessen Umsetzung umso engagierter.
Nach 1995 Nach Kriegsende 1995 blieb die Türkei ein aktiver Partner Bosnien-Herzegowinas. Sie beteiligte sich an den internationalen Friedensmissionen: türkische Truppen stellten Kontingente sowohl für die NATO-geführte IFOR/SFOR-Mission (1995–2004) als auch anschließend für die EU-Mission EUFOR Althea. Zeitweise war die Türkei der zweitgrößte Truppensteller der EUFOR in Bosnien. Als Mitglied des Lenkungsausschusses des Friedensumsetzungsrates (Peace Implementation Council, PIC) setzte sich die türkische Diplomatie dafür ein, den multiethnischen und multikulturellen Charakter Bosniens zu erhalten. Die Türkei betont seither auf internationaler Bühne stets die Wahrung der Souveränität und territorialen Integrität Bosnien-Herzegowinas. 1997 eröffneten beide Länder wechselseitig Botschaften – Bosnien-Herzegowina in Ankara und die Türkei in Sarajevo – und nahmen volle diplomatische Beziehungen auf. Seither haben zahlreiche bilaterale Abkommen Kooperationen auf den Gebieten Wirtschaft, Verteidigung, Kultur und Bildung begründet. In den 2000er-Jahren intensivierte sich der hochrangige Austausch weiter: Die Türkei erkannte in Bosnien einen Schwerpunkt ihrer Balkanpolitik und pflegte enge Kontakte insbesondere zur bosniakisch-muslimischen Führung. Beispielsweise zählte der erste bosnische Präsident Alija Izetbegović den türkischen Staatschef Turgut Özal zu seinen Unterstützern, und dessen Sohn, Bakir Izetbegović, pflegte später ein freundschaftliches Verhältnis zu Recep Tayyip Erdoğan. Erdoğan reiste in seinen Amtszeiten nahezu jährlich nach Bosnien-Herzegowina und empfing regelmäßig bosnische Spitzenpolitiker in Ankara.